Elly: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Elly: Roman' von Maike Wetzel (Autorin)
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Elly ist weg. Eines Tages verschwindet die Elfjährige spurlos aus dem Leben ihrer Familie. Ihre Eltern und ihre ältere Schwester bleiben zurück und versuchen trotz des Verlustes weiterzumachen. Doch die drei können nicht loslassen, Elly bleibt allgegenwärtig, in Gedanken, Taten und Schuldgefühlen. Jeder spielt den Tag, nach dem nichts mehr war wie zuvor, unablässig im Kopf durch. Die Suche nach Elly hört nicht auf, alle Beteiligten schaffen sich ihren eigenen Ersatz für das Verlorene.

"Elly" erzählt eine eindringliche und berührende Geschichte über den Sog von Trauer und Hoffnung - darüber, wie eine Familie durch das Verschwinden der Tochter jegliche Gewissheiten verliert. Maike Wetzels Roman besticht durch seine fesselnde Atmosphäre und sprachliche Brillanz. So entsteht das facettenreiche Bild einer Familie, deren Sehnsucht nach dem Verlorenen die Wirklichkeit verdrängt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:152
Verlag: Schöffling
EAN:9783895612862

Rezensionen zu "Elly: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Aug 2019 

    Traumatisierender Verlust

    Ein absolut interessantes kleines dünnes Buch habe ich hier gelesen, welches mir sehr gefallen hat. Eine Geschichte über das Verschwinden eines Mädchens aus einer Familie und über das, was dieser Verlust mit den verbliebenen Familienmitgliedern macht. Dabei sind aber die Beschreibungen der Charaktere definitiv ein Highlight in diesem Buch, die Autorin Meike Wetzel hat sich definitiv mit dem Thema Verlust auseinandergesetzt und Charaktere erschaffen, die ans Herz gehen, aber nie schmalzig sind. Sondern eher Gedanken verkörpern, die den Leser fordern, den Leser zwingen sich mit einem düsteren Kapitel zu beschäftigen. Aber letztendlich kommen diese Charaktere recht real rüber und beschreiben ein Procedere, welches man niemandem wünscht, ein Procedere, welches mich in seiner Wortgewalt tief beindruckt hinterlässt und sicher noch einige Zeit nachhallen wird. Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben, man kann dieses Buch kaum wieder weglegen. Dunkel, düster, und intensiv sind passende Beschreibungen für die Geschichte und genauso kann man auch die Gefühle umschreiben, die eine beim Lesen durch den Kopf fegen. Und die Autorin schafft es trotz ihres etwas abgehackt wirkenden Sprachklangs tiefe und sehr berührende Gefühle in mir zu erwecken. Dies ist etwas was ich gerade bei deutschsprachigen Autoren oft etwas vermisse, hier aber bei diesem Buch/bei dieser Autorin sehr intensiv serviert bekomme und auch deshalb bin ich absolut begeistert. Dann empfinde ich auch die Zeichnung der Charaktere als recht glaubhaft und mich tief berührend und die Geschichte wegen ihrem etwas verstörenden Grundton durchaus auch etwas gewagt. Wegen diesen beiden Punkten kann man der Autorin nur gratulieren und ich kann sagen, dass ich diese Autorin im Auge behalten werde. Und zu diesem Buch kann ich nur sagen, bitte unbedingt lesen!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Jul 2019 

    Verlust

    Der Debütroman „Elly“ von Maike Wetzel zeigt auf ungewöhnlich eindrucksvolle Weise den Umgang einer Familie mit dem Verschwinden eines Mitgliedes.

    Die elfjährige Elly ist verschwunden, spurlos auf dem nachmittäglichen Weg zum Judotraining im Nachbarort. Die Familie mit Eltern und älterer Schwester bleibt zurück und bemüht sich um Weiterleben. Elly bleibt aber, in den Gedanken, die sich ziellos und endlos um den Tag des Verschwindens, um Schuldgefühle und um Erinnerungen drehen, ebenso durch die Suche nach dem Mädchen und in der Trauer um den Verlust, der keine Gewissheit und keinen Ort zum Trauern kennt. Der Alltag geht weiter, holprig und ganz nah am Abgrund für die Eltern, mit der Versuch um Ersatz für Elly für die größer Schwester. Der Zusammenhalt löst sich jedoch unaufhaltsam auf, die Fassade bröckelt und die Gewissheiten, Verlässlichkeiten und der background als Familie verschwindet zusehends im Sog von Trauer, Verlust und Sehnsucht.

    Düster ist die Grundstimmung, schrecklich im Verlust selbst und letztlich ohne oder nur mit falscher Hoffnung stehen alle Charaktere da. Dass ein Kind verschwindet ist ein fürchterliches Ereignis, noch entsetzlicher die Ungewissheit, was passierte. Und gruselig und abgründig ist der Umgang der Familienmitglieder mit dem Verlust. Ines, die ältere Schwester, versucht sich eine neue Elly zu schaffen, Judith, die Mutter, verliert sich in Süchtigkeit. Hamid, der Vater wühlt in Schuld und Sühne. Alle klinken sich letztlich aus der Wirklichkeit aus und driften in verschiedene Richtungen auseinander. Das Konstrukt Familie zerfällt, löst sich auf, und man schaut als Leser äußerst hilflos dabei zu, weil es keine Lösung für Zusammenhalt, Wärme und Hoffnung gibt.

    Vielstimmig und immer in der Ich-Form, den Leser dabei direkt wie von einer Theaterbühne herab ansprechend, erzählen die Zurückgebliebenen vom Alltag nach den Verschwinden, von ihren Gefühlen und Gedanken. Das ist ungewöhnlich und eindringlich, erzeugt Nähe und Distanz gleichzeitig durch die direkte Vortragsart, ohne die Möglichkeit, wirklich in die Köpfe einzudringen. Es bleibt einerseits kein Platz, man kann sich als Leser einer direkten Anrede nicht entziehen. Andererseits bestimmt die Figur selbst, wie viel sie von sich preisgibt.
    Unterstützt wird das sprachlich brillant, mit kurzen und spröden, fast hackenden Sätzen, mit denen die Autorin ihren Text gestaltet.

    Durch die Knappheit des Textes ist man als Leser gezwungen, die Zwischenräume selbst auszufüllen. Mutig verzichtet die Autorin auf Details und ablenkende Beschreibungen, geht keine Nebenwege, sondern hält sowohl ihre Figuren als auch ihr Publikum rigoros bei der Stange. Das fordert beim Lesen, schafft eine unheimliche erzählerische Wucht, und man kann sich nicht einfach davon mogeln und zurückziehen. Bravo dafür!
    Das schmale Büchlein ist für mich dadurch ein eindrucksvolles Beispiel großartiger Andersartigkeit beim sehr geradlinigen vielstimmigen Erzählen einer eindringlichen Geschichte.