Elizabeth Finch: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Elizabeth Finch: Roman' von Julian Barnes
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4 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Elizabeth Finch: Roman"

Neil, gescheiterter Schauspieler, Vater und Ehemann, besucht an der Abenduni eine Vorlesung zur Kultur und Zivilisation und ist fasziniert von der stoischen und anspruchsvollen Professorin Elizabeth Finch. Er hat zwar Affären und Liebeleien, doch prägt das Ringen um ihre Anerkennung sein Leben. Auch nach Beendigung des Studiums bleiben die beiden in Kontakt. Als sie stirbt, erbt Neil ihre Bibliothek und Aufzeichnungen - und stürzt sich in ein Studium Julian Apostatas, der für Elizabeth Finch ein Schlüssel zur Bedeutung von Geschichte an sich war: Der römische Kaiser wollte im 4. Jahrhundert das Christentum rückgängig machen. Wer war Julian Apostata? Und was wäre passiert, wenn er nicht so jung gestorben wäre? Der Schlüssel zur Gegenwart liegt nicht selten in der Verhangenheit, das zeigt dieser kenntnisreiche Roman auf unnachahmliche Weise. Das Buch ist eine intelligente Hommage an die Philosophie, ein Ausflug in die Geschichte, eine Einladung, selbst zu denken.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783462003277

Rezensionen zu "Elizabeth Finch: Roman"

  1. Verehrte Elizabeth Finch...

    Für den Erzähler in Julian Barnes neuem Roman ist die Dozentin Elizabeth Finch, deren Name liebvoll-ehrfürchtig zu EF abgekürzt wird, etwas ganz Besonderes. Im Rahmen eines Seminars für Erwachsenenbildung verfällt er – ohne sich das so recht einzugestehen – der Klugheit, Intelligenz und dem Esprit dieser außergewöhnlichen Lehrkraft, die viele überkommene Normen und Werte infrage zu stellen vermag und ihre Studenten aus ihrer Komfortzone führt. Besonders der römische Kaiser Julian Apostata hat es ihr angetan, seine Ablehnung des Christentums inspiriert sie zu Gedankenspielen, wie unsere Welt heute aussehen könnte, wenn sich das Christentum nicht durchgesetzt hätte. Der Erzähler und EF bleiben zeit ihres Lebens miteinander verbunden, auch nach ihrem Tod kann er sich von seiner Faszination für sie nicht lösen und versucht sowohl mehr Erkenntnisse über sie als auch über den von ihr verehrten Kaiser zu gewinnen.

    Julian Barnes ist wieder ein sprachlich äußerst eleganter und schöner Roman gelungen, der besonders durch die eingängigen und spannenden Ideen, die Elizabeth Finch in den Mund gelegt werden, gewinnt. Ihr Blick auf die Welt ist eigen und speziell, ihr Wirken für den Erzähler und einige seiner Kommilitonen bereichernd und unvergesslich und auch der Leser kann sich der Zugkraft ihrer Denkanstöße kaum entziehen. Der Reiz, den Elizabeth auf den Erzähler ausübt ist, also durchaus nachvollziehbar. Unter der Eleganz der Sprache, der Feinheit des Stils und dem Bann der Weisheit der Gedanken lauert aber ein für einen Roman fast unüberwindbares Problem: das der Handlungsarmut. Denn bei aller Fulminanz und Intelligenz auf der Diskurs-Ebene muss man doch feststellen, dass es um die Story-Ebene eher dünn bestellt ist. Die unzähligen Ausführungen der Elizabeth Finch, ihre Notizen über Julian Apostata und die sich anbietenden Parallelen zwischen ihnen, tragen den Roman nur bedingt. Zu stark liegt der Fokus auf philosophischen Betrachtungen, es passiert einfach viel zu wenig. Die stets platonische Begeisterung des Erzählers für EF ist so raumgreifend, dass es fast den Anschein hat, dass in seinem Leben für nichts anderes mehr Platz ist. Hinzu kommt am Ende des Romans noch ein Erzähltempo-Problem, der Handlungsverlauf wirkt auf den letzten Seiten überhastet und disharmonisch.

    „Elizabeth Finch“ hat mich zu Beginn umgehauen und begeistert, doch die sehr anspruchsvollen intellektuellen Höhenflüge, so tiefgründig und exquisit sie auch sein mögen, reichen mir als Handlungskonstrukt nicht für einen Roman, der Essay wäre hier wohl eher die Form der Wahl gewesen. Ich kann mich dennoch für den Text erwärmen, einfach weil er mich klüger gemacht hat und über Aspekte nachdenken ließ, mit denen ich mich so noch nicht auseinandergesetzt habe. Empfehlen würde ich diesen Roman von Julian Barnes dennoch nicht – er hat einfach viel bessere geschrieben.

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  1. Erinnerungen an eine tolle Frau

    Elizabeth Finch - soviel vorneweg - ist eine absolut beeindruckende Frau. Sie ist gebildet, wortgewandt, witzig, diszipliniert und scheint auf jede Frage, die einem so durch den Kopf schwirren mag, eine gut durchdachte Antwort parat zu haben, gegen die schwer zu argumentieren ist. Als Professorin hält sie Vorlesungen an einer Abenduni zu den Themen Kultur und Zivilisation.

    In einer dieser Vorlesungen sitzt nun eines Tages Neil. Der Typus "Neil" taucht öfter in Julian Barnes Werken auf. Ein gebildeter Mann in seinen mittleren Jahren, irgendwie sympathisch, ein Gentleman mit den besten Voraussetzungen, der aber dann doch irgendwie scheitert. Sein Leben ist keine Tragödie. Aber so richtig toll ist es auch nicht. Neil ist fasziniert von Elizabeth Finch. Ist sie doch in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von ihm: zielstrebig und scheinbar ohne größere Zweifel. Alle größeren Fragestellungen, die das Leben mit sich bringen könnte, hat sie stoisch mit ihrem Intellekt abgeräumt.

    Die beiden freunden sich an beziehungsweise akzeptiert Finch die platonischen Annäherungsversuche von Neil. Nach ihrem Tod erbt ihr Verehrer eine kleine Bibliothek und ihre Notizen über einen gewissen Julian Apostat. Julian who? Julian Apostat war römischer Kaiser, aber einer der unbedeutenden, die im Lauf der Geschichte in Vergessenheit geraten sind. Fairerweise muss man sagen, dass Julian Apostat nur drei Jahre regierte, also gar keine Zeit hatte irgendein Kollosseum zu bauen, Asien zu erobern oder sonstwie in Erinnerung zu bleiben.

    Den Eingeweihten, und damit sind wir wieder bei Finch, war Julian Apostat aber bekannt als derjenige römische Kaiser, der die Christianisierung zurückdrehen wollte. Sein Traum war sozusagen die gute alte heidnischen Reichskirche mit römischen und griechischen Göttern. Daraus wurde nichts, wie wir heute wissen. Ob er einfach zu spät dran, das Christentum zu hartnäckig war oder er einfach zu früh gestorben ist, das wird sich nicht mehr klären lassen.

    Aber in seinem Scheitern gesellt sich Julian Apostat zu anderen Personen der Geschichte, bei denen sich immer vortrefflich darüber philosophieren lässt, was passiert wäre, wenn sie 100 geworden und mit ihrem Streben nun doch erfolgreich gewesen wären. Ginge es uns heute besser oder schlechter ohne das Christentum? Wären wir aufgeklärter? Das kann niemand letztlich beantworten, weil die Welt kein A-B-Test ist, wo beide Varianten gleichzeitig nebeneinander existieren und sich so überzeugend ein Gewinner ermitteln liesse. Aber das Gedankenspiel hat was.

    Unter dem Strich ist "Elizabeth Finch" eine Liebeserklärung an die Philosophie und die Freude am eigenständigen Denken. Als Roman kommt es aber an Barnes andere Werke nicht heran.

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  1. Die Wahrheit ist das, was du draus machst

    Gern gesehene Gäste auf meiner Lektüreliste sind immer wieder die (neuesten) Bücher von Julian Barnes. So gehörte „Elizabeth Finch“ (2022, Kiepenheuer & Witsch, aus dem Englischen von Gertraude Krueger) auch zu dieser Liste. Hatten wir es zuvor bei „Der Mann im roten Rock“ im weitesten Sinne mit der „Biografie“ einer ganzen Epoche zu tun, ist hier wieder eine Mischung aus Fiktion und Fakten vorhanden.

    Der fiktive Teil handelt von der titelgebenden Dozentin Elizabeth Finch, die der Ich-Erzähler Neil in einem Seminar zum Thema „Kultur und Zivilisation“ kennen und schätzen lernt und der nach ihrem Tod ihre Bibliothek und einige Unterlagen erbt.

    Darin finden sich u. a. Notizen zu Julian Apostata (331 – 363) und Neil beginnt einen Essay über eben diesen Kaiser Julian zu schreiben. Der Essay ist das Herzstück des dreigeteilten Romans. Mir war dieser Julian bis dato völlig unbekannt, weshalb eine durchaus größere Wissenslücke nun relativ gefüllt ist; ein Umstand, der mir bisher in jedem Buch von Julian Barnes begegnet ist und mich allein deshalb immer wieder zu dessen Büchern greifen lässt.

    Anyway: die (streitbare) These von EF (wie sie im Lauf der Lektüre öfter genannt wird), ob es Europa ohne Kirche sprich dem Christentum heute bessergehen würde, wird in meinen Augen gut durchleuchtet. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht auf diese Frage. Ich glaube auch nicht, dass es Herrn Barnes´ Intention war, diese Frage für die Leserinnen und Leser zu beantworten. Vielmehr regt er sie zum eigen- und selbständigen Denken, für den Blick „hinter die niedergeschriebene Wahrheit“ an, um am Ende zu erkennen, dass es die „eine“ Wahrheit, die eine Seite der Medaille nicht gibt, sondern alles von zwei Seiten interpretierbar ist.

    „Elizabeth Finch“ ist also voller kluger, philosophischer Sätze und historischer Fakten und manchem Mythos, bei dem wohl der Wunsch, dass es so war, Vater des Gedankens ist *g*.

    Sicher gibt es bessere Romane von Julian Barnes, aber für sehr gute 4* reicht es trotzdem. Ergo gibt es eine Leseempfehlung für alle, die Interesse an Philosophie, Geschichte und Religion mitbringen.

    ©kingofmusic

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  1. 3
    20. Dez 2022 

    Not his best

    Julian Barnes ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der englischen Gegenwartsliteratur und er kann auf ein umfangreiches, mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnetes Werk zurückblicken. In jedes neue Buch von ihm werden große Erwartungen gesetzt.
    Neil, der Ich- Erzähler, ein in vielerlei Hinsicht gescheiterter Mann, besucht an einer Londoner Abenduniversität einen Kurs über „ Kultur und Zivilisation“. Dozentin ist die titelgebende Elizabeth Finch, eine Geisteswissenschaftlerin , deren Faszination Neil von Anfang an erlegen ist. Sie legt Wert auf „ kollaboratives Lernen“, will kein Faktenwissen vermitteln, sondern mit ihren Fragen zum Selber- Denken anregen.
    Auch nach Kursende bricht der Kontakt zwischen Neil und Elizabeth Finch nicht ab. Zwanzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod, treffen sie sich mehrmals im Jahr zum gemeinsamen Essen in einem Restaurant und zum Gedankenaustausch.
    Und nach ihrem Tod erbt Neil ihre Bibliothek und ihre Aufzeichnungen. Dabei stößt er auf Notizen über Julian Apostatas. Dieser letzte heidnische Kaiser des Römischen Reiches hat 363 n.Chr. erfolglos versucht, das Christentum zurückzudrängen zugunsten der hellenistischen Vielgötterwelt. In ihrem Kurs stellte die Dozentin damals die hypothetische Frage, ob Europa heute nicht freier und aufgeklärter wäre, hätte sich das Christentum nicht durchgesetzt .
    Neil fühlt sich durch Elizabeths Aufzeichnungen angeregt und beinahe verpflichtet, eine Abhandlung über Julian Apostatas zu schreiben. Dieser Essay bildet den zweiten Teil dieses Buches.
    Im dritten Teil versucht Neil der privaten Figur Elizabeth Finch nahezukommen. Dazu trifft er deren Bruder, aber auch eine ehemalige Kommilitonin und recherchiert. Doch vieles bleibt ungeklärt.
    „ Elizabeth Finch“ ist ein Buch, das mich etwas ratlos zurücklässt.
    Was haben wir auf der eher mageren Handlungsebene? Einen Ich- Erzähler, „ ein Mensch der unvollendeten Projekte“, der sich in einer „ romantisch- stoischen“ Liebe zu seiner Dozentin hingezogen fühlt, eine ungewöhnliche Professorin, über die wir leider nicht sehr viel erfahren und einen römischen Kaiser, der „ zu einer historischen Gestalt geschrumpft ist“, die heute zu Recht in Vergessenheit geraten ist.
    Handlungsarmut macht noch keinen schlechten Roman, aber auch die Figuren bleiben letztlich blass. Barnes schafft es nicht, „ aus all den unbedeutenden, widersprüchlichen und fehlenden Indizien ein Leben, ein lebendiges Leben, ein leuchtendes Leben, ein kohärentes Leben zu schaffen.“
    Und Barnes historische Gedankenspielerei ist eine Spielerei, die müßig ist und für mich auch nicht haltbar. Das Leben im antiken Griechenland und im Römischen Reich war nur für wenige Privilegierte ein Ort der Freiheit und der Toleranz. Auch haben Ideologien im 20. Jahrhundert, die überhaupt nicht auf christlichen Werten sondern auf dem Atheismus aufgebaut waren, für mehr Gräuel gesorgt als sämtliche Religionen jemals.
    Heute leben wir in einer Welt, in der anstelle des Einen Gottes viele „Götter“ angebetet werden , nämlich den Konsum, die Gier, das Ego, den Sport und manches mehr. Doch von paradiesischen Zuständen sind wir meilenweit entfernt.
    Julian Barnes bezeichnet sich selbst als „ glücklichen Atheisten“. Doch sein Statement zu Gott und Religion in seinem großartigen Essay „ Nichts was man fürchten müsste“ über das Sterben und den Tod gefällt mir wesentlich besser als sein Versuch hier, das Christentum für alles Böse in der Geschichte verantwortlich zu machen. Dort schrieb er „ Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“
    Vielleicht muss man die Geschichte und die These des Romans nicht so wichtig nehmen und sich stattdessen auf die klugen Sätze und Gedanken Julian Barnes konzentrieren. Davon gibt es reichlich.
    Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dem Buch mitnehme, ist die Aussage des Stoikers Epiktet: „ Über das eine gebieten wir, über das andere nicht.“ Konzentrieren wir uns auf das, was wir beeinflussen können.
    Julian Barnes konnte mich mit seinen neuesten Werk leider nicht überzeugen. In diesem „ Roman“ stecken ein Essay und eine fiktive Geschichte, beide wirken fragmentarisch und ergeben kein organisches Ganzes.
    Wer den englischen Autor at his best kennenlernen möchte, dem empfehle ich „ Vom Ende einer Geschichte“, ein Roman, der mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde und „ Der Lärm der Zeit“. An der Figur des Komponisten Schostakowitsch zeigt Julian Barnes die Arbeitsbedingungen eines Künstlers in einer Diktatur. An diese beiden Meisterwerke kommt „ Elizabeth Finch“ bei weitem nicht heran.

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  1. Gedankenspiele und Heldenmythen

    Wer Julian Barnes kennt und schätzt, weiß, dass er es seinen Lesern nicht leicht macht, dass es immer noch eine weitere Ebene hinter dem Offensichtlichen zu entdecken gibt und dass auch eine zweite Lektüre sehr lohnend sein kann. Mit „Elizabeth Finch“ beweist der Altmeister das einmal mehr.

    Man hat es hier nämlich nicht mit einem linear verlaufenden Romangeschehen zu tun. Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, deren mittlerer fast völlig aus der Reihe tanzt. Zum Inhalt: Erzähler Neil bezeichnet sich selbst als ‚König der unerledigten Projekte‘, war mehrmals verheiratet, hat drei Kinder aus drei Beziehungen und ist auch beruflich nicht fest etabliert. Als Mittdreißiger besucht er ein Seminar zum Thema ‚Kultur und Zivilisation‘ gehalten von Elizabeth Finch. Von Beginn an verfällt er der Professorin nicht nur im intellektuellen Sinn. „Ich kann mich nicht erinnern, was sie uns in dieser ersten Sitzung beibrachte. Aber aus unerklärlichen Gründen wusste ich, dass ich zum ersten Mal im Leben am richtigen Ort angekommen war.“ (S. 10)

    Elizabeth Finch (EF) versucht, ihre Studenten zum eigenständigen Denken, zum Hinterfragen alter Muster, anzuregen. Sie provoziert, stellt streitbare Thesen auf und alles in große Zusammenhänge, die Neil faszinieren. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, aus denen sie bedeutende Fragen der Menschheit ableitet, steht der römische Kaiser Julian Apostatata (der „Abtrünnige“), der während seiner spärlichen drei Jahre Regentschaft (von 360 bis 363 n.Chr.) versuchte, das Christentum zurückzudrängen, um den heidnischen Polytheismus wieder einzuführen. „Was wäre gewesen wenn…? Was können wir daraus lernen oder ableiten? Welche Bedeutung hat die Vergangenheit für die Gegenwart“, sind Fragen der Professorin, mit denen sie herausfordert und ihre Zuhörerschaft spaltet. Neil verehrt Elizabeth, saugt jedes ihrer Worte auf, während er für andere Vorgänge um sich herum kaum ein Auge hat.
    Auch nach Beendigung des Seminars bleibt er mit EF in Kontakt, geht regelmäßig mit ihr Essen. Um Privates geht es dabei nie, sondern nur um intellektuellen Austausch. Der Mensch EF bleibt dadurch für Neil ein Kuriosum. Selbst über ihre schwere Krankheit erfährt er nichts und ist völlig überrascht, als er nach EFs Tod ihre Bibliothek sowie ihre kompletten Aufzeichnungen erbt.

    Mit diesem Erbe wird sich Neil über Jahre auseinandersetzen. Er wird einen Essay über Julian Apostatas verfassen, weil er meint, dies der Verstorbenen schuldig zu sein. Er wird versuchen, sich der Person EF posthum zu nähern, um sie besser kennenzulernen. Dazu dienen ihm zusätzlich Gespräche mit ihrem Bruder Christopher sowie seinen ehemaligen Kommilitonen. Ich würde die ungleiche Freundschaft zwischen EF und Neil nie als Liebe im herkömmlichen Sinn bezeichnen, auch wenn sie Charakteristika derselben aufweist.

    Wer nun meint, dass dieser Roman unendlich trocken oder intellektuell abgehoben daher kommt, ist auf dem Holzweg. Barnes versteht es, auch in philosophischen oder historischen Überlegungen ungeübte Leser mit auf seine Reise zu nehmen. Er schreibt so pointiert, elegant und flüssig, dass man ihm gerne auch durch unwägbares Gelände folgt. Sein Text lässt ständig Türen offen, nichts wird fixiert, der Leser wird direkt angesprochen und zum Mitdenken angeregt. Unterschwelliger (englischer?) Humor blitzt latent durch die Zeilen. Daneben gibt es eine Menge an literarischen Bezügen großer Meister, an Weisheiten und Bonmots, an denen EF ihre Gedankenspiele aufhängt. Man sollte nicht alles zu ernst nehmen. Wer sich schon zu Beginn der Lektüre in seinem Christenglauben verletzt sieht, wird mit dem Buch vermutlich nicht ganz glücklich werden.
    Der Roman hat eine ungewöhnliche Struktur, er ist eher eine Spurensuche und hat keinen stringenten Handlungsbogen. Er setzt sich mit Julian Apostata auseinander, über den im Laufe der Jahrhunderte bedeutende Dichter und Denker eine Menge geschrieben haben. Er verherrlicht dessen Mythos aber in keiner Weise, er diskutiert das Für und Wider von religiösem oder politischem Fanatismus. Man muss kein konkretes Interesse für diesen alten Kaiser mitbringen, allein die differenzierten Überlegungen um ihn herum sind ungemein fesselnd. Barnes kann so etwas: Er glänzt mit seiner schlüssigen Herleitung, mit seiner Intellektualität, seiner Schreibkunst.

    Nach Beendigung des Buches wird man um ein paar Erkenntnisse reicher sein. Man wird eine gehörige Portion Ironie des unzuverlässigen Ich-Erzählers wahrnehmen, der sein gesamtes Werk retrospektiv aufgebaut hat und uns, den Lesern, im Rückblick seine Geschichte um Julian und Elizabeth erzählt. Mit dem letzten Teil des Romans werden Parallelen zwischen den drei Protagonisten offenkundig, die zuvor vielleicht nicht ganz einleuchten. Man erkennt den Zusammenhang der drei Romanteile. Heldenverehrung wird ad absurdum geführt.

    Mit Sicherheit sehe ich „Elizabeth Finch“ nicht als Barnes´ besten Roman an. Ein bisschen holpert es schon im Gebälk, wenn man sich mit den Hinterlassenschaften und Notizen EFs auseinandersetzen muss. Trotzdem fühlte ich mich gut unterhalten. Die Eloquenz eines Julian Barnes reißt so manches heraus, was ich bei einem anderen Schriftsteller vielleicht kritischer betrachten würde.

    Ich betrachte den Roman als einen Appell zu Toleranz, zum genauen Hinsehen. Religionen haben wie viele andere Dinge auch weit mehr Seiten, als man auf den ersten Blick sieht. Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Man braucht die intensive Auseinandersetzung. Auch in Politik und Gesellschaft tauchen immer mehr Leute auf, die einfache Antworten auf komplexe Fragen geben und dadurch das Volk aufzuwiegeln versuchen. Barnes will hier gewiss nicht ein neues Weltbild entwickeln. Er regt nur an, holt aus der Komfortzone raus: Ohne eigenständiges Denken geht es nicht. Es lebe der weltanschauliche und kulturelle Pluralismus!

    Ein Buch, über das man trefflich streiten kann. Dazu muss man es aber erst einmal lesen. Dafür steht hier meine ausdrückliche Lese-Empfehlung.

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  1. Intellektuelle Posse

    Kurzmeinung: Eine doppelte Biografie - eine fiktive und eine historische.

    Manche Menschen bleiben in ihrem Herzen ein Leben lang hingebungsvolle Schüler. So auch Neil, der Protagonist aus Julian Barnes neuestem Roman (2022) „Elizabeth Finch“. Diese Art von Eleventum ist nichts anderes als das, was wir in der heutigen Zeit Groupismus nennen dürfen, Heldenverehrung. Freilich befällt das Groupiesyndrom meistens Teenager, während Neil in seinen 30igern ist und einen späten Kursus an der Uni belegt. Warum befällt ihn die Heldenverehrung? Braucht er nach zwei gescheiterten Ehen eine weibliche Gallionsfigur?

    „Kultur und Zivilisation“ wird gelehrt von der Privatdozentin Elizabeth Finch. Elizabeth Finch bedarf trotz gegenteiliger Versicherung der Anbetung einiger handverlesener Studenten ebenso sehr wie diese es brauchen, von ihr aus der Masse herausgehoben und „gesehen“ zu werden. Der Protagonist trifft sich, solange seine ehemalige Dozentin lebt, in regelmässigen Abständen mit ihr, zu einem (pseudo)intellektuellen Gespräch beim Mittagessen. Nach ihrem Ableben versucht er, sie näher kennenzulernen und beschäftigt sich noch einmal intensiv mit den von ihr aufgestellten Thesen. An dieser Beschäftigung lässt der Autor seine Leserschaft leider hinreichend und ausführlich teilhaben.

    Der Kommentar: 
    Denn Neil schreibt nun einen Essay über Julian Apostatas, einen römischen Kaiser, (331 -363 n. Chr), der früh den Tod in einer Schlacht fand. An ihm scheiden sich die Geister der historischen Interpreten. Heute ist er jedoch in Vergessenheit geraten.

    Die umstrittene These: hätte der Kaiser das Heidentum gegen das aufkommende Christentum verteidigen können, wenn er nicht so früh gefallen wäre? Und wäre das schlechter/besser gewesen?

    Heute – die geneigte Rezensentin spricht – ist der moderne Mensch längst wieder dem Paganismus verfallen. Jeder bastelt sich seinen Gott oder seine Götter, wie er ihn oder sie will oder braucht oder beides. Davon wird er, der zusammengeflickte Gott natürlich nicht lebendig/er. Oder die Götter. Julian Apostatas weiteres Wirken hätte es also nicht gebraucht, um diesen Zustand der Vielgötterei wiederzubeleben. Auch der Groupismus oder die Heldenverehrung ist letztlich ein Gottesersatz, in seiner Essenz zutiefst heidnisch!

    Warum belebt Julian Barnes diese historische römische Figur, eine, die – obwohl das Gegenteil behauptet wird – nicht weniger grausam gewesen ist als alle anderen römischen Kaiser oder aller anderen Despoten quer durch alle Zeiten. Ok, wir lernen: Julian Apostatas war eine historische Figur, genannt „der letzte heidnische römische Kaiser“. Das ist der Mehrwert. Obwohl wir immer gerne dazu lernen, das ist ziemlich wenig. Zumal ausreichend Schrifttum besteht. Das aus naheliegenden Gründen keiner liest.

    Was dem Roman zugute kommt, ist seine Aufforderung zum (scheinbar) selbständigen Denken. Scheinbar selbständig, weil im Folgenden der geneigten Leserschaft wahrlich hahnebüchene Thesen unterschoben werden. Die Aufforderung zum selbständigen Denken ausgerechnet durch eine Person zu verkörpern (Elizabeth Finch), die sich selber einige ausgewählte „Anbeter“ hielt, ist paradox. Überhaupt konnte mich, also die geneigte Rezensentin, die in Heldenepos verpackte unterschwellig sublimiert-sexualisierte Figur der Elizabeth Finch in keinem Moment überzeugen. 

    Was dem Roman auch zugute kommt, ist s/eine rattenfängerische Sprache. Barnes klappert mit den Buchstaben, und die Eleven fallen ihm zu Füßen. Verführung pur. 

    Was am Aberglauben gut gewesen sein soll (eine These des Romans), ist nicht bewiesen. Wer Hunderte von weißen Ochsen bestialisch hinrichten lässt, mit den Händen in deren Eingeweiden wühlt, und trotz hundertfachem Orakelspruch „zieh nicht in die Schlacht“ dennoch, also entgegen den Warnungen der Orakel, eigensinnig in die Schlacht zieht und in ihr fällt, ist unergründlich. Oder einfach Unsinn. Sehr zu vergleichen mit dem Orakel von sechs Ministerien, die sagen „tue es nicht, Olaf“ und Olaf tut es doch. Steht noch aus: das Fallen in der Schlacht. 

    Ist Julian Barnes hier gefallen in der Schlacht des Schreibens? So sieht es aus. Entweder Historiker oder Literat. Beides zusammen geht hin und wieder, aber nicht auf weniger als auf 250 Seiten wie hier. Trotz geschliffener Sprache knüpft dieses pseudointellektuelle Büchlein nicht an die früheren großartigen Romane von Julian Barnes an.

    Der Mann im roten Rock? Unglaublich gut.
    Elizabeth Finch? Eine Spielerei. Ein Kokettieren mit der Philosophie und der Geschichte. Aber die Thematik ist undurchdrungen. Eine Rattenfängerei. Nur eine Fingerübung für zwischendurch. Immerhin, Barnes kann mitnehmen. Selbst mit Elizabeth Finch. Für eine Weile. Bevor meine Augen glasig werden und mein Kopf auf die Tischplatte knallt. 

    Fazit: Langweilig. Ich konnte mich weder für Elizabeth Finch noch für Julian Apostatas erwärmen. Noch für Julian Barnes. In diesem Fall. 

    Kategorie: Fiktive Biografie
    Verlag: Kiwi, 2022

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  1. "Über das eine gebietet man, über das andere nicht."

    Der Erzähler Neil besucht ein kurlturhistorisches Seminar für Erwachsene. Die Dozentin Elizabeth Finch hat es ihm sofort angetan. Schwer begeistert von ihrem selbstsicheren, stoischen Auftreten, ihrer gleichzeitigen Zurückgezogenheit und ihren teils gewagten Thesen und Aufforderungen zum Selbstdenken, bewundert nicht nur Neil diese Frau. Schnell werden Eigenschaften auf EF projiziert, einiges wird in ihr karges Verhalten hineininterpretiert...

    Neil selbst ist erfolglos im Job und im Eheleben sowie der Meister der unvollendeten Projekte, und so verwundert es nicht, dass er einen Seminar - Aufsatz, der von Elizabeth Finch eingefordert wird, nicht schreibt. Dennoch entwickelt sich zwischen Neil und EF eine lose platonische Freundschaft. Regelmäßig treffen sie sich in den Folgejahren und diskutieren über hochgeistige Themen. Niemals jedoch tauschen sie Privates aus.

    Dann stirbt Elizabeth Finch und hinterlässt Neil überraschend ihre Bibliothek und Aufzeichnungen. Ein neueres Projekt startet: Neil schreibt den versäumten Seminaraufsatz und will posthum EF imponieren. In diesem Aufsatz greift er das ehemalige Seminarthema auf über den römischen Kaiser Julian Apostata, der 363 n.Chr. versucht hat, auf seine eigene Art das Christentum zurückzudrängen. Er ist ein Kaiser gewesen, der für Polytheismus steht und diesen verteidigt hat. In diesem Zusammenhang werden Gedankenspiele und Theorien wach, die durchaus provozieren können. Der Aufsatz bildet den Mittelteil von Barnes' Roman. Er wirkt ein bisschen aus dem Rahmen gefallen, fesselt aber in seiner geschichtlichen Fülle an Informationen und vielerlei Quellen aus den letzten Jahrhunderten, sowie aufgrund der mitreißenden und philosophisch spannenden Vortragsweise des Autors. Es wird eine Annäherung an den Kaiser versucht, jedoch mit der späteren Erkenntnis, dass vieles nur (teils aufgehübschte) Geschichten sind und diese viel zu wenig hergeben, um wirklich beurteilen zu können.

    Dies ist auch der Grund, warum Neils neueres Projekt- eine Biografie über Elizabeth Finch - am Ende doch nicht verwirklicht wird. Bei seinen intensiven Recherchen über mehrere Jahre ist EF's Bruder nur bedingt hilfreich. Eine ehemalige Seminarteilnehmerin und Affäre von Neil - Anna - kann da schon mehr erwirken, nämlich einige weitreichende Erkenntnisse, die Neil verdeutlichen, dass er im Grunde nichts über EF weiß:

    (Seite 229) "Vielleicht ist es so, dass ich Elizabeth Finch nicht besser - wenn auch auf andere Art-" kenne" und "verstehe", als ich den Kaiser Julian "kenne" und "verstehe". Und als ich das erkannt hatte, war es Zeit aufzuhören."

    Im dritten Teil des Buches also werden Zusammenhänge klarer, die Sicht auf die Dinge wirkt weniger verklärt. Einsichten und sinnvolle Schlussfolgerungen entwickeln sich. Der Roman endet mit einem Augenzwinkern.

    Fazit: Mein erster Barnes, und er hat mich fasziniert, gefordert, zum Nachdenken angeregt und aufgrund der Fülle von Historie und Philosophie beeindruckt. Die Fähigkeit des Autors, dies alles unheimlich fesselnd zu vermitteln, muss ich ebenfalls hervorheben. Und gleichzeitig ist in allem immer dieses zutiefst Menschliche, dieses Augenzwinkern, dieses: "Vielleicht ist es so, vielleicht auch völlig anders..." Ich will ab jetzt noch mehr von diesem Autor!

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  1. Ein wahrhaft barnistisches Versteckspiel

    Neils prägende Jahre finden in der Abenduni statt. Völlig fasziniert von seiner Dozentin Elizabeth Finch hängt er an ihren Lippen, analysiert detailverliebt Sprache, Kleidung und Auftreten.
    Das kulturphilosophische Seminarthema des Kaisers Julian aus dem 4. Jahrhundert ist Dreh- und Angelpunkt für die Frage der Entwicklung Europas. Kaiser Julian wollte das Christentum aufhalten und zur polytheistischen Götterwelt der Antike zurückkehren. Er ging als Julian Apostata, der Abtrünnige, in die Geschichtsbücher ein. Fortan wurden seine Streitreden durch die Jahrhunderte dem jeweiligen Ansinnen des Interpreten angepasst zitiert. Die Heilige Ursula und ihre 11 (bis 11000) Jungfrauen mussten noch für den menschen- und freiheitsfeindlichen Monotheismus Beispiel geben, doch Gegner und Befürworter von Julian Apostatas gescheitertem Lebensziel reihten sich fortan durch die Jahrhunderte, bishin zu Adolf Hitler, dem wohl niemand gern ein Vorbild gewesen sein wollte.
    Neil, erfolgloser Schauspieler, gescheiterter Ehemann und König der unvollendeten Projekte, hat zwar eine kurze Affaire mit der Seminarteilnehmerin Anna, bleibt aber dem Reiz seiner Dozentin auch über die Beendigung des Studiums hinaus, erlegen. Elizabeth und Neil verabreden sich noch Jahre später regelmäßig, doch ihre Zuneigung bleibt platonisch und auf feingeistige Gespräche beschränkt.

    Als Elizabeth verstirbt, vermacht sie Neil all ihre Bücher und Aufzeichnungen. Neil ringt um posthume Anerkennung der Frau, die ihn so nachhaltig geprägt hat und schreibt ein Essay über Julian Apostata. Anschließend versucht er der privaten Person Elizabeth Finch näher zu kommen, ihr Bruder ist ihm dabei keine befriedigende Hilfe. Er beschließt Anna wiederzutreffen. Anna, weitaus pragmatischer und mit ganz eigenem Wissen über Finch, rückt Neils Kopf zurecht...

    Elizabeth Finsch bleibt, bis auf ein einschneidendes Ereignis, kaum greifbar und doch hängt man, gleich Neil, an ihren Aussagen fest, wiegt sich in ihren Ansichten. Neil verbeißt sich in die Vita dieser Frau, verbringt quasi den Rest seines Lebens damit, sich ihre Memoiren zu erschaffen. Neil, der steuerlos auf den Wellen seines Lebens dahintrieb, bis er seine Obsession am ersten Tag von Elizabeths Seminar fand.

    Eigentlich müsste dieser Roman "Elizabeth Finch und Julian Apostata" heißen, beanspruchen beide doch einen gleichwertigen Anteil im Buch, doch dann hätten wir Julians Barnes Talent zur versteckten Wissensvermittlung maßlos unterschätzt. Die Latenz der Einsicht, sie entfaltet sich erst nach dem letzten Satz. "Und wenn Sie ein ironisches Lachen hören, dann ist es meins", deutet an, dass Barnes mit seinen Lesern spielt. Es ist ein unterhaltsames Spiel, lehrreich und anregend. Es reizt zum Widerspruch und wer fertige Gedanken erwartete, der ging nicht durch Elizabeth Finchs Gedankenschule. "Über das eine gebietet man, über das andere nicht." Was Barnes schrieb, lag nicht in unserer Macht, wie wir es deuten, sehr wohl.

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  1. Wer ist Elizabeth Finch?

    Klappentext:

    Der neue Roman Julian Barnes' über eine platonische Liebe und den Tod einer besonderen Frau, der zum Anlass für die tiefere Auseinandersetzung eines Mannes mit Liebe, Freundschaft und Biografie wird.

    Neil, gescheiterter Schauspieler, Vater und Ehemann, besucht an der Abenduni eine Vorlesung zur Kultur und Zivilisation und ist fasziniert von der stoischen und anspruchsvollen Professorin Elizabeth Finch. Er hat zwar Affären und Liebeleien, doch prägt das Ringen um ihre Anerkennung sein Leben. Auch nach Beendigung des Studiums bleiben die beiden in Kontakt. Als sie stirbt, erbt Neil ihre Bibliothek und Aufzeichnungen - und stürzt sich in ein Studium Julian Apostatas, der für Elizabeth Finch ein Schlüssel zur Bedeutung von Geschichte an sich war: Der römische Kaiser wollte im 4. Jahrhundert das Christentum rückgängig machen. Wer war Julian Apostata? Und was wäre passiert, wenn er nicht so jung gestorben wäre? Der Schlüssel zur Gegenwart liegt nicht selten in der Verhangenheit, das zeigt dieser kenntnisreiche Roman auf unnachahmliche Weise.
    Das Buch ist eine intelligente Hommage an die Philosophie, ein Ausflug in die Geschichte, eine Einladung, selbst zu denken.

    Mein Lese-Eindruck:

    Der Ich-Erzähler Neil besucht im Abendkurs ein historisches Seminar. Neil ist kein strahlender Held. Er ist als Schauspieler gescheitert, seine beiden Ehen gingen in die Brüche, und seine Kinder bezeichnen ihn mit gutem Grund als „König der unvollendeten Projekte“. Aber die Kursleiterin Elizabeth Finch ist für ihn die ideale Lehrerin. Ihre Methoden und vor allem ihr Wesen fangen Neil ein. EF, wie sie bald genannt wird, ist völlig uneitel, spricht immer frei mit ruhiger und klarer Stimme, hat ihren Vortrag ausgearbeitet im Kopf und strahlt eine Autorität aus, der sich die Studenten nicht entziehen können. Ihre Methode ist die Mäeutik, in bester sokratischer Tradition: sie konfrontiert ihre Studenten mit einem Zitat, z. B. des Stoikers Epiktet, und regt zum Selber-Denken an. „Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen zu helfen. ... Ich bin hier, um Ihnen zur Seite zu stehen, wenn Sie sich im Denken und Argumentieren üben und eine eigene Meinung entwickeln.“ (Pos. 185). Sapere aude! Neil ist fasziniert von dieser intelligenten und souveränen Frau und bleibt ihr ihr Leben lang und auch nach ihrem Tod verbunden. Die Frage treibt ihn um, wer Elizabeth Finch denn nun eigentlich gewesen sei.

    Nach ihrem Tod erbt er ihre Unterlagen und versucht hier, Persönliches zu finden – vergeblich. Stattdessen findet er jede Menge Sentenzen und Aphorismen, aber auch Notizen zu einer historischen Gestalt und zu einem Wendepunkt der Geschichte, zu dem EF offensichtlich eine Veröffentlichung plante. Neil beschließt, EFs Arbeit fortzusetzen und den Essay zu schreiben, den sie nicht mehr schreiben konnte. Es geht um den spätrömischen Kaiser Flavius Claudius Julianus des 4. Jahrhunderts n. Chr., den letzten der Claudischen Kaiser, dessen Onkel Konstantin der Große das Christentum neben den bisherigen paganen Religionen zugelassen hatte (Konstantinische Wende). Julian versuchte vergeblich, die Bedeutung des Christentums, das er als Religion des Leidens sah, zurückzudrängen und den fröhlicheren und weltzugewandteren paganen Religionen wieder Bedeutung zukommen zu lassen. Weshalb ihn dann die christlich orientierte Geschichtsschreibung des Mittelalters als „Apostata“, als Ketzer, verunglimpfte, und als Julian Apostata ging er auch in die Geschichte ein.

    Barnes lässt seinen Protagonisten der faszinierenden Lebensgeschichte dieses letzten heidnischen Kaisers nachspüren, und der Leser erfährt von Julians Liebe zur Philosophie, seiner religiösen Toleranz, seinen unmäßigen Opferschlachtungen und seiner Auffassung, dass Menschen mit Vernunft und nicht mit Gewalt zu überzeugen seien. Die Todessehnsucht der Christen lehnt er ab, das ist nicht seins, schnell das irdische Jammertal zu verlassen, um in die ewigen Freuden des Himmels zu gelangen! Daher schiebt er dem Märtyrer-Tod einen Riegel vor: niemand wird wegen seiner Religion hingerichtet, sondern er nötigt die Christen, den „langsamen, verschlungenen steinigen Pfad des irdischen Lebens zu gehen“ (Pos. 1258). Eine interessante Biografie!

    Neil nimmt auch die Wirkungsgeschichte des Julian Apostata in den Blick, ausgehend von dem Gedicht Swinburnes „Hymne an Proserpina“, in dem der tödlich verletzte Kaiser seine Niederlage gegenüber dem Christentum eingesteht: Du hast gesiegt, o bleicher Galiläer; die Welt ist grau geworden von deinem Atem. Montaigne, Voltaire, Milton, Ibsen, James Joyce, sogar Hitler, der zeitgenössische Autor Butor u. a. befassen sich mit diesem Kaiser und diesem historischen Wendepunkt.

    Der Leser wird nun, so wie EF es getan hätte, auch zum Nachdenken angeregt: Was wäre gewesen, wenn nicht der „bleiche Galiläer, sondern das „Heidentum“ gesiegt hätte? Führt ein Weg von diesem Wendepunkt „zu der Gefühlskälte und dem päpstlichen Autoritarismus des christlichen Europa – zum freudlosen schuldbeladenen Protestantismus wie zum korrupten schuldbeladenen Katholizismus“ (Pos. 2278)?

    Das Buch ist ein anregender Ausflug in die Philosophie, in die Geschichte und ihre möglichen Alternativen, auch in die Fragen des Umgangs mit unsicheren historischen Fakten. Das Lesen wird zum Vergnügen durch die Ironie und die Respektlosigkeit, mit der Barnes auch „heilige“ Stoffe wie den Märtyrertod betrachtet.

    Barnes hat, wie gewohnt, hervorragend recherchiert. Allerdings leiden darunter seine Personen, die man sich gerne lebendiger gewünscht hätte.

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