Einfach unvergesslich: Roman

Rezensionen zu "Einfach unvergesslich: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Okt 2017 

    Junge Frau erkrankt an Alzheimer

    Das Cover hat mich zunächst abgeschreckt, den Roman zu lesen, auch die Marienkäfer auf den einzelnen Seiten hätten mich fast das Buch wieder zuklappen lassen ;)
    Doch eine gute Freundin, auf deren Meinung Verlass ist, hat mir den Roman empfohlen. Also habe ich meine Vorurteile überwunden und zu lesen begonnen.

    Worum geht es?
    Claire Armstrong ist Mitte 40 als sie die Diagnose Alzheimer erhält, an der schon ihr Vater verstorben ist.
    Sie hat eine 20jährige Tochter Caitlin, die ihren Vater nicht kennt - eine Jugendliebe Claires - und eine dreijährige Tochter Esther gemeinsam mit Greg, ihrem Ehemann.
    Kennen gelernt haben die beiden sich, während Greg ihren Dachboden ausgebaut hat, da Claire ein Schreibzimmer haben wollte.

    Claire, die ihr Studium wegen der Schwangerschaft geschmissen hat, ist Lehrerin für englische Literatur an einer Schule und muss diesen Job aufgrund ihrer Krankheit aufgeben. Ihre Therapeutin rät ihr, ein Erinnerungsbuch anzulegen, in der sie ihre wichtigsten Ereignisse festhält und in das auch ihre Familienmitglieder hineinschreiben sollen.
    Inzwischen ist Claires Mutter Ruth, die bereits ihren Mann an die Krankheit verloren hat, im Hause Armstrong eingezogen und passt auf Claire auf, die immer häufiger in der Vergangenheit lebt und nicht mehr weiß, wie man ein Telefon bedient, oder den Weg nach Hause nicht mehr findet.
    Viel trauriger ist es jedoch, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, Greg zu lieben - wie ein Fremder wirkt er in ihrer Nähe. Nur zu dem geheimnisvollen Ryan, den sie zufällig trifft, fühlt sie sich hingezogen.
    Wir erleben mit, wie Claire sich verliert, aber auch, wie sie sich bemüht, ihr Leben in Ordnung zu bringen und sich entschließt Caitlin, die selbst vor großen Problemen steht, die Wahrheit über ihren Vater zu sagen.
    Die parallelen Geschichten des Erinnerungsbuches gewähren Einblick in Claires Lebensgeschichte und zeichnen das Bild einer starken und selbstbestimmten Frau.

    Bewertung
    Der Originaltitel "The Memory Book" ist wesentlich passender als der deutsche Titel, denn in den Erinnerungen setzt sich Claires Leben wie ein Puzzle für die Leser*innen zusammen. Interessant sind die Geschichten, die die einzelnen Familienmitglieder in das Buch hineinschreiben und die ein sehr positives Bild der noch jungen Frau zeichnen, die Schritt für Schritt ihre Erinnerungen und damit auch sich selbst verliert.
    Sehr detailliert schildert Claire aus der Ich-Perspektive, was in ihrem Kopf vorgeht. Situationen, in denen sie Aussetzer hat, bleiben Leerstellen und so kann man sich intensiv in ihre Verzweiflung hineinversetzten. Auch die Fremdheit, die sie inzwischen für ihren Ehemann empfindet, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar und für ihn grausam.
    Trotz der ernsten Thematik ist der Roman nicht kitschig (das Cover bestätigt sich nicht) - vielleicht etwas sentimental und rührselig. Natürlich sind die Protagonisten gute, liebenswerte Menschen und sie handeln stets mit hehren Motiven.
    Schiebt man das beiseite, berührt das Schicksal der jungen Frau, die weiß, dass sich ihre kleine Tochter nie an sie, so wie sie war, erinnern kann. Alzheimer ist eine Krankheit, die man normalerweise nur mit älteren Menschen in Verbindung bringt. Der Roman führt vor Augen, dass es auch relativ junge Menschen treffen kann und dass ein geringer Anteil der Erkrankungen auf eine genetische Disposition zurückzuführen ist.

    "Weniger als 2% aller Fälle von Alzheimer-Krankheit werden dominant vererbt. Dies bedeutet, dass die Veränderung (Mutation) eines einzigen Gens für die Entstehung der Krankheit ausreicht und dass statistisch gesehen die Hälfte der Nachkommen eines Betroffenen ebenfalls erkranken." (Quelle: Deutsche Alzheimergesellschaft)

    Ein Roman, der trotz stilistischer Schwächen und einseitiger Figurenzeichnung aufzeigt, wie Vergessen erlebt werden kann und dadurch berührt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Okt 2014 

    Ein ernstes Thema wunderschön verpackt

    Claire ist noch keine 50 Jahre alt, als sie die schreckliche Diagnose erhält: Alzheimer-Demenz. Die Medikamente, die die Krankheit verlangsamen sollen, schlagen nicht an und Claire ist verzweifelt. Wann wird es so weit sein, dass sie ihren Mann nicht mehr erkennt oder ihre Töchter? Wann wird sie sich nicht mehr alleine anziehen können und wann wird sie einfach vergessen wie man atmet? Wird ihr Mann mit der kleinen Tochter klar kommen? Ihr Mann Greg schenkt ihr ein Erinnerungsbuch und in das schreibt sie alles an das sie sich erinnert. Auch die Familie schreibt besondere Dinge hinein, Bilder und Fotos werden eingeklebt und so ersetzt dieses Buch so langsam die Erinnerung von Claire. Claire hat Angst. Und wer hätte das nicht?

    Was für ein bewegendes, trauriges und wunderschönes Buch. Eigentlich lese ich keine traurigen Bücher, weil ich der Meinung bin, das Leben ist traurig genug. Aber hier konnte ich nicht widerstehen, denn diese schreckliche Krankheit kann jeden treffen. Meine Oma hatte sie auch und ich fand es so schlimm, als sie mich irgendwann nicht mehr erkannte, nicht wusste, dass Nadja meine Tochter ist und meine Mama ausschimpfte, warum sie in diesem Alter noch ein Kind bekommen musste. Sie wusste es nicht mehr besser, aber für mich war das sehr schmerzhaft.

    Wie muss es da erst Claire und ihrer Familie gehen? Claire ist gerade mal so alt wie ich und hat noch eine kleine Tochter die sie braucht. Wie soll die Familie mit dieser Erkrankung umgehen? Wie soll der Ehemann ertragen, dass seine Frau immer weniger weiß und ihn irgendwann nicht mehr erkennt? Schreckliche Gedanken sind das. Und wie soll Claire mit dem Gedanken klar kommen, dass sie ihre kleine Tochter nicht mehr aufwachsen sieht? Nicht mitbekommt in welche Schule sie gehen wird, wann sie den ersten Freund hat, ob sie einmal heiraten wird oder Kinder bekommt?

    Der Autor Rowan Coleman hat es geschafft, dieses ernste Thema in eine wunderschöne Geschichte zu packen. Mit einfachen und doch poetischen Worten beschreibt er den Zusammenhalt einer Familie. Die Charaktere sind wundervoll und man erfährt kleine Geschichten aus der Vergangenheit und dem Jetzt. Auch kommen die verschiedenen Personen zu Wort, so dass man die Geschichten aus verschiedenen Blickwinkeln sehen kann. Es ist aber nicht nur traurig, denn es gibt auch immer wieder lustige Momente.

    Ich vergebe für dieses ganz besondere Buch 5 von 5 Punkten und eine Leseempfehlung für alle, die sich nicht scheuen beim Lesen zu weinen. Aber deckt euch vorher mit Taschentüchern ein. Glaubt mir, ihr werdet jede Menge davon brauchen.

    © Beate Senft

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Sep 2014 

    Die Welt in Trümmern...

    Unfassbar, aber Claire ist erst 40 Jahre alt, als sie die niederschmetternde Diagnose erhält: Alzheimer. Da gibt es nichts, auf das sie sich allmählich einstellen kann, denn lange hat sie es durch ihre Intelligenz geschafft, die bereits vorhandenen Symptome der Erkrankung zu kompensieren. Nun schreitet die Krankheit rasch fort und droht ihr Leben zu zerstören.
    Sie muss ihren geliebten Beruf als Lehrerin aufgeben, verliert zunehmend ihre Selbständigkeit und den Bezug zur Realität.

    "Die Welt um mich herum liegt in Trümmern." (S. 27)

    Doch nicht nur Claire ist betroffen von der Alzheimer-Erkrankung, auch ihr Umfeld leidet zunehmend unter den Symptomen. Ihr Mann Greg, mit dem sie erst seit einigen Jahren verheiratet ist, wird ihr immer fremder, sie beginnt ihm zeitweise sogar zu misstrauen. Ihre älteste Tochter Caitlin, Anfang 20, die zwar erwachsen ist, aber zwischendurch immr noch Claires Unterstützung braucht, sieht sich plötzlich in der umgekehrten Situation, für ihre Mutter verantwortlich zu sein. Claires Mutter Ruth gibt ihr eigenes Leben auf, um für Claire zu sorgen. Und Claires und Gregs kleine Tochter Esther - wie lange wird Claire wirklich noch die Aufgaben einer Mutter für sie übernehmen können?

    "Wird die Nebelwand heranrollen? Wird sie das, was ich wissen muss, verschlucken? Nicht zu wissen, was ich nicht weiß, verdirbt mir die Lust, überhaupt irgendetwas zu tun. Alles, was ich anfasse, ist potenziell zum Scheitern verurteilt. Und doch bin ich in dieser Sekunde immer noch ich. Mein Geist ist intakt. Wann wird er das nicht mehr sein? Wann werde ich nicht mehr ich sein?" (S. 85)

    Rowan Coleman hat für diesen Roman einen schönen Aufbau gewählt. Sie erzählt kapitelweise aus wechselnden Perspektiven von den Ereignissen um Claire, wobei Claire und ihrer älteren Tochter Caitlin der Hauptanteil der Erzählung zukommt. Im Anschluss an fast jedes Kapitel findet sich zudem ein Auszug aus dem gemeinsamen 'Erinnerungsbuch', das ich für eine schöne Überlegung halte. Dort kommt fast jeder einmal zu Wort, und die Erinnerungen der einzelnen sind wirklich etwas ganz besonderes.
    So gelingt es Coleman, zum einen die große Verwirrung, die Ängste, die Niedergeschlagenheit, die Zweifel Claires authentisch und glaubwürdig zu schildern, und auch ihr Bemühen darum, noch als Mensch wahrgenommen und nicht auf ihre Erkrankung reduziert zu werden. Zum anderen wird aber genauso deutlich, dass die Betroffenheit nicht einseitig ist, dass sich alles für alle ändert, und dass auch das Umfeld sehr zu kämpfen hat mit der Alzheimer-Erkrankung und ihren Folgen. Ignorieren, Leugnen, Wut, Trauer, Resignation - alles findet hier angemessen seinen Ausdruck.

    "Es wäre wirklich eine Hilfe, wenn ich (...) mit fortschreitender Krankheit immer durchsichtiger würde, bis ich schließich nur noch so eine Art Gespenst wäre. Das wäre wirklich praktisch, das würde es mir und allen anderen erleichtern, wenn mein Körper einfach analog zu meinem Geist verginge." (S. 151)

    Die Schreibweise ist flüssig, und gut gefallen hat mir, dass das Buch nicht in Tristesse badet, dass neben der Dramatik, die die Alzheimer-Erkrankung einfach mit sich bringt, auch ausreichend Platz blieb für humorvolle Situationen.

    "Fröhlich winkt sie mit den Blumen. 'Duftdinger! Sind die nicht schön?' " (S. 61)

    Allerdings habe ich bemerkt, dass mich das Buch anfangs zwar wirklich berührte, dass dies aber zunehmend nachließ. Es war immer noch flüssig zu lesen, es interessierte mich auch, wie es weitergehen würde - und doch...
    Ich habe mal geschaut, was Rowan Coleman sonst noch so geschrieben hat - und das waren wohl bislang in erster Linie lustige Frauenromane. Und ein wenig hatte ich den Eindruck, dass sich dieses Muster trotz des ernsten Themas auch hier letztlich durchgesetzt hat, was ich persönlich schade finde. So gab es einen großen Nebenschauplatz, der mir persönlich zu viel Raum einnahm und die eigentliche Geschichte (um die es mir ging) zu sehr "verwässerte". Und teilweise - für manche vielleicht tröstlich und genau richtig - wurde es mir einfach zu "schnulzig".

    "Liebe ist die wahre Einnerung. Liebe ist das, was bleibt, wenn wir nicht mehr sind. " (S. 318)

    Zwar hat das Buch nicht ganz meine Erwartungen erfüllt, war insgesamt jedoch sehr angenehm zu lesen und hat mich über weite Phasen berührt. Rowan ist es gelungen, einen sehr authentischen Einblick in die Alzheimer-Erkrankung und ihre Bedeutung für die Betroffenen und ihre Umgebung zu vermitteln.
    Ich freue mich jedenfalls, dass ich es hir im Rahmen einer Leserunde lesen durfte! Vielen Dank dafür!

    © Parden