Einer von uns schläft

Buchseite und Rezensionen zu 'Einer von uns schläft' von Josefine Klougart
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Nach einer schwierigen Trennung kehrt eine junge Frau in ihr Elternhaus zurück aufs Land. Dort ist alles, wie es immer war: die Familie, die Apfelbäume, ein stabiler Rahmen für ihre ins Schwanken geratene Existenz. Doch das Gefühl der Vertrautheit scheint ihr plötzlich aufgesetzt, und sie fühlt sich als Fremdkörper im altvertrauten Mikrokosmos. Liegt der Fehler in der Gegenwart oder ihrer Erinnerung? Klougart erzählt die Geschichte einer Frau, die sich selbst in ihrem sich verändernden Leben neu verorten muss - und mit der poetischen Betrachtung der Welt ein Werkzeug entdeckt, das Leben in seiner Komplexität einzufangen, bevor es wie ein Schneekristall vergeht.

"Klougart ist wahrscheinlich die beste junge Autorin Dänemarks. Einer von uns schläft ist einer der ganz großen Romane in diesem Jahr." - Berlingske

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783957576873

Rezensionen zu "Einer von uns schläft"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Mai 2019 

    Das Dunkel ist nur ein benachteiligtes Licht

    Merkwürdig. Magisch. Zwei Wörter mit M, die meines Erachtens beide ihre Berechtigung haben, wenn man über dieses Buch spricht.

    Liebe und Abhängigkeit und Verlust der Liebe, Heimat und Familie und der Drang, sich daraus zu befreien – die Autorin verwebt diese Themen zu einer Erzählung, die sich aus literarischen Konventionen befreit. Einen wirklichen Handlungsbogen gibt es nicht, die Erzählperspektiven wechseln und überlappen sich. Man folgt der Erzählerin von Gedanke zu Gedanke, Gefühl zu Gefühl und kommt ihr dabei so nahe, als würde man mit ihr atmen.

    Die Sprache war für mich eine Offenbarung – magisch, lyrisch, suggestiv, manchmal lief mir geradezu ein Schauer über den Rücken.

    “Diskret wandert der Abend ein und lässt sich wortlos im Nachmittag nieder, atmen kann man ihn hören. Das Dunkel ist nur ein benachteiligtes Licht.”
    (Zitat)

    Metaphern, an die man selber wohl nie gedacht hätte, die jedoch Bilder erzeugen, die man sieht und hört und fühlt und bei denen ich mir dachte: genau so und nicht anders.

    Ein fließender Bewusstseinsstrom, der sich oft liest wie ein Traum. Die Erzählerin widerspricht sich, ohne das zu hinterfragen, ihre Gefühle bluten nur so aufs Papier, der Leser wird manchmal direkt angesprochen – und am besten funktioniert das, wenn man sich einfach treiben lässt.

    Auch wenn die Themen an sich nicht neu sind, macht die Sprache daraus etwas fernab von Banalität.

    Man liest vielleicht nicht zum ersten Mal Worte, die eine unglückliche Liebe oder den drohenden Tod eines Elternteils beklagen, aber diese speziellen Worte haben den Klang von etwas Einzigartigem, das bei mir einen ungeheuren Sog erzeugte.

    “Deshalb ist vielleicht das Einzige, was ich sagen kann: Ich liebe dich. Deshalb ist das vielleicht das Einzige. Ich liebe dich nicht. Diese Sorte von Sätzen sind immer nur in einem Augenblick, an einem Ort wahr.”

    “Aber alles wirbelt um sie herum, ein Fall ist es, ein Sturz, der alles seitlich herunterzieht, ein Schnitt in die Kopfhaut, sie wird gleichsam geschält, der Himmel senkt sich auf sie nieder; die Haut, entblößt: ausgeliefert.“
    (Zitat)

    Die Charaktere, insbesondere die beiden Männer im Leben der Erzählerin, überlappen sich oft genauso wie die Erzählperspektiven – verschwommen und schemenhaft, man weiß nicht so recht, ob jetzt von dem einen oder dem anderen die Rede ist, und dennoch funktioniert das, denn auch die Gefühle der Erzählerin sind unstet.

    FAZIT

    Eine junge Frau kehrt in einer Zeit persönlicher Krise in ihr Elternhaus zurück, doch auch dort gerät alles aus den Fugen. Oder ist sie selbst es, die aus den Fugen gerät? Oder war es immer schon so? Liebe und Verlust. Heimat, deren Enge sie kaum mehr aushält. Alles verschwimmt ineinander, sie findet keinen Halt – jedoch großartige Worte.

    Dieses Buch lebt von seiner grandiosen, überraschenden, eigenwilligen Sprache. Ein Buch zum Langsamlesen, um den Worten Zeit und Raum zu geben – für mich ist das ganz große Literatur in mit 222 Seiten vergleichsweise kleiner Verpackung.