Eine überflüssige Frau

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine überflüssige Frau' von Rabih Alameddine
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Aaliya ist 72 Jahre alt und lebt allein in einer Wohnung in Beirut. Allein, seit sie mit Anfang zwanzig kinderlos von ihrem Mann geschieden wurde. Seitdem umgibt sie sich mit Büchern. Sie arbeitet als Buchhändlerin und übersetzt jedes Jahr eines ihrer Lieblingswerke ins Arabische. Wieder neigt sich das Jahr dem Ende zu und zum ersten Mal ist Aaliya unsicher, welches Buch sie als nächstes übersetzen soll. Sie beginnt ihr Alter zu spüren. Erinnerungen durchziehen ihre Gedanken. An ihre Familie. An das Leben in Beirut während des Bürgerkriegs. An Hannah, ihre einzige Freundin.

„Großartig." (Rachel Kushner)

Gewinner 2015 California Book Award.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:470
Verlag: Louisoder
EAN:9783944153308

Rezensionen zu "Eine überflüssige Frau"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Mai 2016 

    Bücher alleine machen nicht glücklich ...

    Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Ich habe wieder mal so viele Klebezettelchen zwischen den Seiten haften, die ich aber nicht alle bearbeiten kann, um nicht zu viel zu verraten. Aber symbolisch zeigt es, wie viel der Autor zu dem Thema zu sagen hat ...

    Es ist intellektuell sehr tiefgründig, wenn mir auch viele Gedanken der Protagonistin Aaliya ein wenig belastend erschienen sind, auch wenn sie berechtigte Gründe für diese Gedanken hat. Aber schon der Titel Eine überflüssige Frau hat für mich etwas Schweres.

    Ein Mensch, der aus einer dominant patriarchalischen Gesellschaft stammt, in der es viele von Männern geführte Bürgerkriege gibt und die Frau, die nicht den Normen ihrer Gesellschaftsordnung entspricht, da kann ich mir schon sehr gut vorstellen, wie eine Frau wie Aaliya sich fühlen muss: ungeliebt und überflüssig ...

    Eine Frau, die ganz in der Welt der Bücher lebt und dort abtaucht, dass man denkt, sie benötigt keine andere Welt. Sie findet dort ihre PartnerInnen und ihre FreundInnen. Eine Frau, die die Romanfiguren besser kennt, als die Figuren aus ihrem realen Leben … Aaliya bezeichnet sich auch nicht wirklich als ein Menschenfreund … Auf Menschen bezogen, identifiziert sie sich eher mit einem Blinddarm, da der Blinddarm ein überflüssiges Anhängsel sei. Dieser und andere sind schon recht trübe Vergleiche. Mich stimmte es ein wenig traurig, dass eine Gesellschaft einen Menschen so etwas fühlen lässt. Eine Frau, die lieber mit einem Gewehr das Bett teilt, als mit einem Mann, der sich nicht mit den Bedürfnissen einer Frau auseinandersetzen möchte. Und die Frau für die Impotenz ihres Mannes verantwortlich gemacht wird. Aaliya gebraucht hier das Bild eines Moskitos mit einem schlaffen Rüssel. :-)

    Recht betroffen haben mich auch die Szenen zwischen Aaliya und ihrer Mutter gemacht. Der vernichtende Umgang von Frauen mit Frauen innerhalb der Familie wird hier in den Vordergrund gerückt. Frauen, die davon überzeugt sind, dass es richtig ist, sich den Vorstellungen und Erwartungen der Männer unterzuordnen, weil sie selbst es nicht geschafft haben, sich dagegen zu stellen … Eine Mutter, die scheinbar nur ihre Söhne liebt, weil sie nicht anders zu lieben gelernt hat ... Eine Mutter, die den Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen hat, als die Ehe in die Brüche ging, und erst wieder auf sie zuging, als sie im hohem Alter ein Pflegefall wird, und die Söhne, die sie so sehr liebt, sie nicht mehr haben wollten …

    Auch von ihrem Umfeld her wird Aaliya gemieden. Gleichgesinnte findet die Protagonistin in den Figuren ihrer Bücher. Figuren und AutorInnen, die ebenso einsam sind wie sie selbst. AutorInnen, die das Leben nicht ausgehalten haben. Sie alle begannen einen Suizid. Sie nennt eine Reihe von bekannter AutorInnen aus der westlichen Welt.

    Aaliya befasst sich mit Gedanken, inwieweit die Kunst eine Welt verändern kann? Ist die Kunst in der Lage, die Gedanken eines Menschen so zu wandeln und das Leben danach zu richten, um die Welt damit besser zu machen?

    Zitat:

    Riesen aus Literatur, Philosophie und Kunst haben mein Leben beeinflusst, aber was habe ich aus diesem Leben gemacht? Ich bleibe ein kleiner Fleck in einem tosenden Universum, das sich kaum um mich schert. Ich bin nichts weiter als Staub, ein Staubpartikel - Staub zu Staub. Ich bin ein Grashalm, auf den der Stiefel des SA-Mannes tritt.

    In Beirut wurden die Ehen arrangiert, und noch immer Bürgerkriege geführt. Wie schwer ist das Leben einer belesenen libanesischen Frau in solch einer Gesellschaft? Welche Entwicklungschancen hat sie? Immerhin genießt sie eine eigene Wohnung mit einem Lesezimmer, davon hätte Virginia Woolf aus ihrer Zeit nur träumen können, wenn ich an ihr Essay Ein eigenes Zimmer denke, aber das reicht nicht aus. Tief in ihrem Inneren sehnt sich Aaliya nach Liebe und Zugehörigkeit, aber nicht nach den vorgegebenen Maßstäben ... So wichtig, wie die Bücher ihr sind, hat sie trotzdem Angst nach ihrem Ableben mit ihnen eingeäschert zu werden ...

    Viele Episoden stimmten mich dermaßen nachdenklich bis traurig, da nicht mal Aaliyas Großnichten und Großneffen jemals etwas über ihre Existenz erfahren haben … Wie kann man einen Menschen dermaßen ignorieren?

    Mehr möchte ich nicht verraten.

    Mein Fazit?

    Ich denke, dass selbst in unserer modernen Gesellschaft es Frauen gibt, die, nicht einer Institution wie die der Ehe angebunden sind, und sogar auch partnerlos leben, recht häufig Mitleid ernten. Es gibt Frauen, die sich bewusst für so ein Leben entschieden haben und oftmals werden sie mit Fragen konfrontiert, eher mit angedeuteten Fragen, weshalb sie alleine leben, und ob sie nicht Angst hätten, alleine zu bleiben und alleine alt zu werden … Männer hegen diesen Frauen gegenüber oftmals eine schmutzige Fantasie. Eine andere partnerlose Frau bekam z. B. von ihrem Nachbarn über den Gartenzaun eine riesengroße Karotte aus dem Garten geschenkt, mit der Bemerkung, das solle ein Phallus sein. Diesen Frauen wird von diesen Männern immer ein Mangel angedichtet …

    Dem Autor ist es als Mann sehr gut gelungen, sich in die Nöte einer Frau hineinzuversetzen und über sie zu schreiben. Der Roman ist in eine wunderbare, fantasievolle Sprache gepackt, ohne dass sie schnulzig wirkt, mit so vielen interessanten, kritischen und reflektierenden Ideen und Gedanken, die das Leben einer Frau wie Aaliya auf den Kopf stellt.

    Zu den Kriegsqualen habe ich wenig geschrieben und verweise auf das Buch ...

    Ich stellte mir oft die Frage, wie viel Gesellschaft braucht ein Mensch, um in sich ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln zu können? Wie viel davon benötigt eine Frau? Aaliyas Selbstbewusstsein hat aus meiner Sicht durch die Isolation und den Rückzug mit ihren Büchern aber auch einen Riss in ihrer Persönlichkeit, in ihrer Identität …

    Aber man nimmt nicht nur an dem Leben von Aaliya teil, nein, auch an dem Leben mit ihren Büchern, über die sie viele Gedanken austauscht, dazu noch viele Gedanken zu den Biografien ihrer bevorzugten AutorInnen. Jede Menge SchriftstellerInnen, die aus einer modernen Gesellschaft kommen, die dennoch in der Einsamkeit versackt sind und das Leben als unerträglich empfanden.

    Es ist also nicht nur ein libanesischer, Beiruter Gesellschaftsroman, sondern auch ein Buch über Bücher.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Apr 2016 

    Lebensbeichte und Hommage an die Literatur

    Mein besonderer Dank gilt dem Louisoder Verlag, der mir dieses Rezensionsexpemplar zur Verfügung gestellt hat.

    Inhalt
    Bin ich eine überflüssige Frau?
    Diese Frage stellt sich die 72-jährige Aaliya Saleh, die seit ihrer Scheidung mit Anfang 20 alleine in Beirut lebt. Um die Frage zu beantworten - reflektiert sie über ihr bisheriges Leben.

    "Man könnte sagen, dass ich mit den Gedanken woanders war, als ich meine Haare blau wusch, und zwei Gläser Rotwein haben zu meiner Konzentration auch nicht gerade beigetragen. Ich will es erklären. Zunächst sollten Sie Folgendes über mich wissen: Ich habe nur einen einzigen Spiegel zu Hause, und der ist schmutzig." (S.7)

    Aaliyas Vater, der sie sehr geliebt hat, starb, als sie noch keine zwei Jahre alt war. Ihre Mutter heiratete daraufhin seinen Bruder - was macht man sonst mit einer jungen Witwe im Libanon Ende der 30er Jahre? Aus der neuen Ehe gehen vier Brüder und eine Schwester hervor, mit der Aaliya Zeit ihres Lebens wenig verbindet.

    "Mit sechszehn wurde ich verheiratet, unreif aus der Schule gepflückt, dem einzigen Zuhause, das ich hatte, und dem ersten unpassenden Verehrer geschenkt, der vor unserer Tür erschien - ein Mann klein von Statur und Geist." (S.25)

    Das "impotenten Insekt" (S.25) lässt sich zu ihrem Glück von ihr scheiden. Er hätte sich auch eine Zweitfrau nehmen können. Sie bleibt gegen den Willen ihrer Familie unverheiratet und in der für eine Alleinstehende großen Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrem Mann bewohnt hatte. Ihre Halbbrüder bedrängen sie regelmäßig die Wohnung zu räumen und erst mit dem Krieg im Libanon 1982 nimmt zumindest dieser Terror ein Ende, während der Krieg ihr Leben täglich bedroht.

    Im Haus leben außer ihr auch noch "die drei Hexen", die "seit fast dreißig Jahren jeden Morgen zuckersüßen Kaffee miteinander" trinken. (S.90)
    "Mit zweiundsechzig ist Fadia die älteste der drei. Ich selbst bin natürlich schon einiges weiter. Sie altert nicht in Würde, sondern bekämpft jedes Zeichen des Verfalls energisch und bitter. (,,,) Trotzdem sieht sie jünger und frischer aus als die zehn Jahre jüngere Marie-Thérèsek, die ohne Bitterkeit und mit erkennbarer Resignation altert. (...) Marie-Theéreèse hat ein undurchschaubares Gesicht, einen Das-Leben-ist-nur-ein-Traum-Blick (...)." (S.91f.) Die letzte im Bunde ist Joumana, eine College-Professorin.

    Aaliya scheut den Kontakt zu den Dreien und zu Menschen generell, vor allem nachdem sie ihre beste Freundin Hanna 1972 verloren hat, mit der sie ein besondere Beziehung verbunden hat und deren Lebensgeschichte in all ihrer Tragik liebevoll von Aaliya erzählt wird. Sie war ihre einzige Vertraute und echte Freundin im Leben und seit ihrem Tod ist Aaliya allein - bis auf die Literatur.
    Denn bis zu ihrer Rente war sie Angestellte in einer Buchhandlung und ihre Leidenschaft gilt den Büchern und dem Übersetzen. Jedes Jahr übersetzt sie ein literarisches Werk ins Arabische, aber nicht aus dem Original, sondern als Vorlage dienen ihr die französische und englische Übersetzung. Sie veröffentlicht ihre Werke jedoch nicht, sondern sammelt die Papiere in ihrer Wohnung.

    "Wenn ich ehrlich sein soll - und das sollte ich, oder nicht?-, übersetze ich Bücher nach meinem selbsterdachten System, weil dadurch die Zeit angenehmer vergeht" und "weil es mich manchmal glücklich macht. Ich leide ja schließlich nicht an Anhedonie." (S.170)

    Eigentlich will Aaliya eine neues Projekt beginnen, pünktlich mit dem Beginn des neuen Jahres - doch in diesem Jahr kann sie sich nicht entscheiden, womit sie beginnen soll.
    In dieser Phase der Unsicherheit wirft sie der überraschende Besuch ihres Halbbruders, der ihre Mutter, mit der sie schon lange keinen Kontakt mehr hat, zu ihr abschieben möchte, aus der Bahn. Diese Begegnung ist für sie und auch für die Leser/innen verstörend, denn ihre Mutter beginnt zu schreien und Aaliya ist mit der Situation überfordert. Mithilfe der tatkräftigen Unterstützung ihrer Nachbarin weigert sie sich, ihre Mutter aufzunehmen. Diese Szene ist Anlass für einen langen Exkurs über die Beziehung zu ihrer Mutter, aber auch über die Psychologie in Romanen:

    "Wenn dies ein Roman wäre, könnten Sie sich zusammenreimen, warum meine Mutter geschrien hat. Alain Robbe-Grillet schrieb einst, dass das Schlimmste, was dem Roman passieren konnte, das Aufkommen der Psychologie war. Man kann davon ausgehen, er meinte, dass wir jetzt alle erwarten, die Motivation hinter den Taten der Figuren zu verstehen, als ob das möglich wäre, als ob das Leben so funktionierte. Ich habe so viele aktuelle Romane gelesen, vor allem aus der angelsächsichen Welt, die langweilig und banal sind, weil ich immer Zusammenhänge erkennen soll. Zum Beispiel: Eine Hauptfigur kann keine Liebe empfinden, und der Grund dafür ist, dass sie körperlich missbraucht wurde (...). Dabei wird natürlich vollkommen die Tatsache übersehen, dass viele andere dasselbse erlebt haben, aber sich eben nicht so verhalten. Doch das ist nebensächlich im Vergleich zu dem echten Verlust, den man erleidet, wenn dem Wunsch nach Erklärungen nachgekommen wird: der Verlust des Geheimnisses. Literatur, die alles erklärt, macht Leser dumm." (S.152)

    Trotzdem will sie dem Schreien ihrer Mutter auf den Grund gehen und verlässt ihre Wohnung, um diese am nächsten Tag zu besuchen. Ist die erste Szene der Herauswurfs aus der Wohnung verstörend, berührt die 2.Begegnung mit ihrer Mutter, die Aaliya im Haus ihres Halbbruders aufsucht und dabei ihre Großnichte kennenlernt. Aaliyas Mauern um ihr Herz, die sie sich all die Jahre aufgebaut hat, beginnen zu bröckeln.
    Nach dem Besuch bei ihrer Mutter erschüttert ein Wasserrohrbruch in ihrer Wohnung ein weiteres Mal ihr Leben, denn dieses Mal sind es die Hexen, die sich in ihrer Wohnung "drängen" und ihren Blickwinkel verändern.

    Bewertung
    Der Roman wird aus der Ich-Perspektive Aaliyas im Präsens erzählt und ist an die Leser/innen gerichtet. So hat man das Gefühl alles im Moment mitzuerleben. Dazu trägt bei, dass der Roman nur 2 Tage umfasst, die Erzählzeit also fast identisch mit der erzählten Zeit ist. Die vielen Reflexionen Aaliyas tragen dazu bei, dass man diese Frau zu mögen beginnt, da sie schonungslos ihr Leben vor uns ausbreitet.
    Schließlich bewegt sie die Frage, ob sie eine überflüssige Frau sei, da sie kaum mehr als Übersetzungen vorzuweisen habe und im Grunde einsam ist - auch wenn ihr die Literatur darüber hinweg hilft.
    Die unvorhergesehenen Ereignisse - wie der Besuch ihres Halbbruders und der Wasserrohrbruch - können daher ihre Lebenswelt aus den Fugen bringen.
    Die Handlung des Romans und der sensible Rückblick auf ihr Leben machen aber nur einen Tiel der Faszination dieses Romans aus.
    Es sind die intertextuellen Bezüge, die Erwähnung literarischer Meisterwerke und die zahlreichen Zitate, die Aaliya stets zur Hand hat, wenn sie aus ihrem Leben erzählt, die den Roman zu einem besonderen Lesegenuss machen.
    Sie lebt für diese Bücher, fast möchte man sagen, sie lebt und liebt nur durch diese Bücher, da sie ihrem Leben Sinn geben. Sowohl die Arbeit im Buchladen als auch ihre Übersetzungen. Die Figuren in den literarischen Werken sind ihr näher als die realen Personen, die sie umgeben und denen sie aus dem Weg geht.
    "Ich glaube, dass manchmal, aber nicht immer, beim Übersetzen mein Kopf wie Himmelslicht ist. Ohne eigenes Zutun besucht mich die Glückseligkeit." (S.171)

    Der Roman ist Hommage an die Literatur und eine Lebensbeichte, die mir deutlich gemacht hat, welches Glück uns literarische Werke bringen können - aber die zwischenmenschlichen Beziehungen vermögen sie nicht vollständig zu ersetzen, wie sich auch Aaliya eingestehen muss:

    "Manchmal denke ich, dass es genügt, dass ich dankbar bin.
    Meistens denke ich, ich mach mir etwas vor." (S.172)

    Ein wunderbarer Roman!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Apr 2016 

    Über eine Frau, die sich ihr Leben lang selbst genügt hat...

    "Beirut ist eine Stadt gewordene Elisabeth Taylor: verrückt, schön, kitschig, im Zerfall begriffen, alternd und ewig dem Drama ergeben." (S. 139)

    In diesem Beirut spielt der Roman "Eine überflüssige Frau" von Rabih Alameddine, erschienen im Louisoder Verlag. Und man ahnt es: dieser Roman zeichnet sich durch eine phantasievolle und poetische Sprache aus, die mich völlig begeistert hat.

    Worum geht es in diesem Roman?
    Wie der Titel schon sagt geht es um eine "überflüssige" Frau namens Aaliya, die seit ihrem 20. Lebensjahr allein mit ihren Büchern und Erinnerungen in ihrer Wohnung in Beirut lebt. Mit 16 Jahren wird sie mit einem älteren Mann verheiratet. Da die Ehe kinderlos bleibt, reicht er nach wenigen Jahren die Scheidung ein - das Beste, was Aaliya passieren konnte. Denn endlich ist sie frei und kann ihr Leben frei gestalten. Sie arbeitet lange Zeit als Buchhändlerin und kann sich dabei ihrer Leidenschaft für Literatur hingeben. Sie macht es sich zur Lebensaufgabe, ihre Lieblingsbücher ins Arabische zu übersetzen. Dabei wählt sie immer den 1. Januar als Beginn für die Übersetzung eines weiteren Buches. Über die Jahre sind etliche Übersetzungen zusammengekommen, die einen ganzen Raum ihrer Wohnung füllen. Doch jetzt, im Alter von 72 Jahren, ist sie das erste Mal unschlüssig, welches Buch sie diesmal übersetzen soll. So viele Bücher, die noch auf sie warten und so wenig Zeit, die ihr im Leben noch bleibt. Sie beginnt, über ihr Leben nachzudenken. Sie blickt auf ihre Kindheit zurück, auf ihr Leben in Beirut, auf die Kriegsjahre. Sie denkt über ihre Familie nach. Und an ihre Freundin Hannah, der einzige Mensch, der ihr nahe gestanden hat, den sie an sich herangelassen hat, und der sie verstanden hat.

    "Es hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt, dass ich nicht bin wie alle anderen. Jahrelang konnte ich mir einreden, ich sei etwas Besonderes und dass ich bewusst anders sein wollte. Tatsächlich wollte ich glauben, dass ich erhaben war, keine Künstlerin, kein Genie wie Matisse, aber anders als der Mob. Ich bin außergewöhnlich, ein Individuum, nicht nur eigenartig, sondern einzigartig. Ich empfand meine Individualität als Tugend, die mich vor den kollektiven Launen und Verrücktheiten schützte und mir half, über familiären und gesellschaftlichen Strömungen zu schweben. Das gab mir Trost und Sicherheit. Nur lässt mich diese Überzeugung jetzt im Stich." (S. 291)

    Aaliya ist ein ganz besonderer Mensch. In einer von Männern dominierten Welt, schafft sie es, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie war immer das schwarze Schaf der Familie, ein Anhängsel aus der ersten Ehe der Mutter. Aaliya bleibt in ihrer Ehe kinderlos. Wen interessiert's da, dass ihr Mann impotent ist? Schuld hat in solchen Fällen die Frau. Geschieden, allein lebend, berufstätig und dann noch ihr merkwürdiges Hobby, das Lesen! Ihre Familie empfindet für sie nur Verachtung. Doch Aaliya liegt nichts an der Zuneigung ihrer Familie. Sie wählt den für sie einzig richtigen Weg: Ein Leben in Einsamkeit, in dem sie tun und lassen kann, was sie will.

    "Mein Exmann erfüllte die wichtigsten Anforderungen an einen Mann aus Stendhals Zeit, wie sie Graf Mosca der delikaten Duchezza in Die Kartause von Parma darlegt: 'Heutzutage, das heißt etwa in den nächsten fünfzig Jahren, solange wir Angst haben und die Tradition noch nicht wiederhergestellt ist, kommt es für einen jungen Mann vor allem darauf an, unfähig zur Begeisterung und arm an Geist zu sein.'
    So war der Narr, den ich geheiratet habe, selig sei seine widerliche Seele." (S. 317)

    Aaliya lebt mit der Literatur und denkt in der Literatur. Bücher sind ihr Leben und ihre Freunde. Sie hat die Angewohnheit, für jede Situation ein angemessenes Zitat aus ihren Lieblingsbücher parat zu haben. Wenn sie allein in ihren Gedanken versinkt, zieht sie Parallelen zu den unzähligen Geschichten, die sie während ihres Lebens gelesen hat. Anhand ihrer literarischen Erinnerungen philosophiert sie über das Leben. Für den Leser bedeuten diese Momente ein Abtauchen in berühmte Werke der Literatur. Und es ist faszinierend festzustellen, wie intensiv sich Aaliya mit diesen Büchern beschäftigt hat, und welchen Einfluss Literatur auf einen Menschen haben kann.

    "In einem seiner Essays verfolgt Marías die These, dass seine Bücher sich genauso sehr um das drehen, was nicht passiert ist, wie um das tatsächliche Geschehen. Mit anderen Worten: Die meisten unter uns denken, dass wir durch Ereignisse, die uns geprägt haben, durch Entscheidungen der Menschen um uns herum zu dem Menschen geworden sind, der wir sind. Wir ziehen selten in Erwägung, dass wir auch durch die Entscheidungen geprägt wurden, die wir nicht trafen, durch die Ereignisse, die hätten geschehen können, es aber nicht taten, oder, so gesehen, auch durch den Mangel an Alternativen." (S. 39)

    Mit 72 Jahren ist Aaliya an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, der sie doch zweifeln lässt. Sie hat sich für die Einsamkeit entschieden und sich Zeit ihres Lebens immer selbst genügt. Ihre Mutter lebt noch, ist allerdings ein Schatten ihrer selbst. Ihre Gebrechlichkeit und Hilflosigkeit erwecken bei Aaliya Ängste darüber, was ihre eigene Zukunft noch für sie bereithält. Wird sie genauso enden wie ihre Mutter? Und wenn sie am Ende ihres Lebens angekommen ist, wird sie sich dann fragen, was sie in ihrem Leben erreicht hat? Was bleibt von ihrem Leben übrig? Sie hatte nie jemanden, für den sie gelebt hat. War ihr Leben daher überflüssig?

    "Joseph Roth beendet Flucht ohne Ende mit dem Satz: 'So überflüssig wie er war niemand in der Welt.' Das sehe ich anders. Niemand auf der ganzen Welt ist so überflüssig wie ich. Nicht Franz Tunda, Roths Hauptfigur, nein. Ich bin diejenige, die keine Arbeit, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz, noch nicht einmal Liebe für sich selbst hat." (S. 415 f.)

    Wie ich anfangs erwähnte zeichnet sich dieser Roman durch seine besondere Sprache aus. Rabih Alameddines Erzählstil ist phantasievoll und sehr bildhaft. Seine kunstvollen Metaphern haben mich zum Staunen gebracht. Es ist kaum zu glauben, dass derartige Sprach-Kunststücke möglich sind. "Eine überflüssige Frau" ist sein vierter Roman, jedoch der erste, der auf Deutsch erschienen ist. Ich kann nur hoffen, dass noch weitere Übersetzungen folgen werden. Denn mit der Geschichte von Aaliya und seinem außergewöhnlichen Sprachstil hat er sich in die Riege meiner Lieblingsautoren eingereiht.

    Und da wir gerade bei den Lieblingen sind: Dies ist das 2. Buch, das ich aus dem Louisoder Verlagsprogramm gelesen habe. Und Louisoder entwickelt sich damit zu einem meiner Lieblingsverlage. Beachtlich, was dieser Verlag aus München zustande bringt. Leser, die sich für anspruchsvolle und besondere Literatur interessieren, sollten unbedingt mal einen Blick riskieren: Louisoder-Verlagsprogramm

    Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere literarische Highlights aus dem Hause Louisoder.

    © Renie