Eine Liebe (Quartbuch)

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine Liebe (Quartbuch)' von  Sara Mesa
3.15
3.2 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Eine Liebe (Quartbuch)"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
EAN:9783803133519

Rezensionen zu "Eine Liebe (Quartbuch)"

  1. Konnte mich leider nicht überzeugen

    Konnte mich leider nicht überzeugen

    Nat zieht ins kleine Dörfchen La Escapa. Sie hat nur wenig Geld, will dort in der Abgeschiedenheit als Übersetzerin arbeiten. Ihr Vermieter nimmt zwar ihr Miete, das mehr als baufällige Häuschen instand setzen will er aber nicht, und in Nat hat er jemanden gefunden, der sich das auch gefallen lässt.
    Nat wirkt wenig gesellig, doch zu Píter entwickelt sich nach einiger Zeit eine leichte Freundschaft, obwohl Nat sich oft von ihm bevormundet fühlt. Doch es ist von Vorteil in der Einöde Freunde zu haben, die einem hier und da helfen können.
    Nat hatte vom Vermieter einen Hund erbeten, doch der Hund scheint wenig von ihr Wissen zu wollen. Sie hat sich das Zusammenleben mit einem Tier ganz anders vorgestellt, bleibt aber am Ball, bemüht sich das Vertrauen des Tieres zu erlangen.
    Als ein länger andauernder Starkregen zeigt, dass das Dach undicht ist, gerät Nat unter Druck, da sie den Vermieter wegen seines Verhaltens ihr gegenüber nicht bitten möchte das Dach zu reparieren. Dennoch ist ihre Not groß, so kann es nicht weitergehen.
    Als der Deutsche, Andreas, ihr ein Angebot macht, muss Nat erst überlegen, doch am Ende lässt sie sich darauf ein.

    Der Roman konnte mich leider von Anfang an nicht begeistern. Nats Verhalten war für mich nicht nachvollziehbar. Auch alle anderen Charaktere konnten mich nicht wirklich überzeugen. Die Beweggründe von Nat, die wahrscheinlich aus alten Wunden und Erlebnissen resultieren, erschlossen sich für mich nicht. Auf mich wirkte Nat als eine Frau, die in allem immer nur etwas negativ sehen möchte. Vorprogrammiert waren so sicherlich auch die geschilderten Niederlagen. Mein größtes Problem an der ganzen Geschichte war die Tatsache, dass nichts davon zu meiner Zufriedenheit aufgeklärt wurde.
    Da ich das Buch in einer Leserunde gemeinsam mit anderen interessierten Lesern gelesen habe, möchte ich erwähnen, dass einige zu dem ganzen eine ganz andere Interpretation hatten.
    Der Roman scheint auf die Leser unterschiedlich zu wirken, daher enthalte ich mich hier ganz bewusst, man sollte sich stattdessen lieber ein eigenes Urteil machen.

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  1. 4
    18. Sep 2022 

    Ein Schrei nach Liebe

    Im Mittelpunkt dieses fordernden und gleichzeitig auch triggernden Buches steht ein ambivalenter und auch unsteter Charakter. Es geht hier in "Eine Liebe" um Nat, eine junge Frau, die alleinlebend in einem kleinen Dorf einen Neuanfang beginnt. Und dieser Charakter der Nat hat es in sich! Denn mit ihrem unsicheren und gehemmten Verhalten einerseits, dann wieder mit gewissen obsessiven Elementen und mit einem besserwisserischen Ton, der besonders den Stadtbewohnern in neuer dörflicher Umgebung eigen ist und auch mit einem trotzigen, fast kindlichen, um sich selbst kreisenden Denken macht es diese Nat der Leserschaft nicht einfach. Man gerät schnell in das Fahrwasser diesen Charakter zu verurteilen, abzulehnen, unglaubwürdig zu finden und fragt sich sehr, wohin die Reise in diesem Buch geht. Dennoch liest sich das Ganze spannend und auch soghaft weg. Ich habe mich bei der Lektüre gefragt, warum dieses Buch ausgezeichnet wurde, denn dieser ambivalente Charakter Nat macht etwas mit mir, er triggert mich, eine Abscheu und ein Widerwillen dieser Frau gegenüber entsteht in mir und dieses Empfinden lässt mich dieses Buch negativ bewerten. Und genau diese Intensität muss man als Autor ja auch erst einmal erreichen können, genau diese Empfindung in mir erreicht ja die Autorin in dem sie ihren Charakter nur berichten lässt. Dann fragt man sich als Leser wieder nach dem Warum. Warum ist Nat so ambivalent und auch so sprunghaft? Warum entsteht dieser Gedanke der Unglaubwürdigkeit? Dadurch, dass die Erzählstimme des Buches Nat ist, begrenzt der Charakter selbst auch die Sichtweise auf sich selbst, zu einer Reflektion des eigenen Verhaltens erscheint Nat unfähig. Nats unsichere und um sich selbst kreisende Denke strengt an, ihr ständig alles Tun der Anderen auf sich selbst beziehen nervt gewaltig. Dennoch zeigt diese Beschreibung auch recht gekonnt das Innenleben eines ungewöhnlichen Menschen. Die Erklärung des Warums kommt, aber nur als kleiner Einwurf, der etwas zu unausgeformt und unausgefüllt erscheint. Aber der Erzählstimme Nat ist etwas anderes nicht möglich. Ihre Vergangenheit sitzt ihr als schwerer Fels im Nacken und bestimmt ihr Leben, steuert sie und macht ihr Leben extrem schwer. Aber diese Erkenntnis kommt mir erst sehr spät bei der Lektüre, was einerseits ja nachvollziehbar ist, aber auch als Nachteil des Buches und der Handlung gedeutet werden kann. Daher blieb ich lange bei meiner anfänglichen Punktevergabe von drei Punkten, obwohl ich innerlich schon sehr geschwankt habe. Denn diese Intensität, dieses negative Schwingen, was dieser Charakter in mir erreicht, erzielt, ist außergewöhnlich und auch perfekt gelungen. Und genau wegen diesem perfekt gelungenen Psychogramm von Nat erhöhe ich schlussendlich meine Punkte auf vier Punkte, denn diese Intensität in mir gehört gewürdigt. Ich verlange ja immer, dass ein Buch etwas mit mir macht. Und voilà. Genau dies macht dieses Buch!
    Auch der Titel des Buches klingt markierend und auch etwas unpassend. Vielleicht wäre die Übersetzung Liebesabenteuer besser gewählt gewesen, denn nach einer Liebe sucht man in diesem Buch vergeblich. Aber im Klappentext steht ja auch "Dies ist keine Liebesgeschichte - oder etwa doch?". Aber was ist dies? Ein Schrei nach Liebe. Ein gequälter Geist. Ein unendliches Grauen!
    Und wenn man bedenkt, warum dies passiert, denn Nat ist hier nur ein Beispiel, wird man wütend!

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  1. Geschichte einer Obsession

    Die etwa 30-jährige Natalia (genannt Nat) kündigt ihre Arbeit, verlässt die Stadt und zieht aufs Land ins Dorf La Escapa. Warum es sie ausgerechnet dorthin verschlägt und weshalb sie trotz aller Schwierigkeiten ausharrt, bleibt unklar. Ihr Vermieter überlässt ihr nicht nur ein baufälliges Haus, sondern auch einen verwahrlosten Hund. Angesprochen auf notwendige Reparaturen, entzieht sich der Vermieter seiner Verantwortung. Das Dorfleben stellt sich beschwerlicher dar als erwartet, die Atmosphäre ist bedrückend. Fast durchgängig erscheinen die Dorfbewohner:innen als verschrobene, eigensinnige und zuweilen unheimliche Zeitgenossen. Nur wenige begegnen der unsicheren Frau mit Freundlichkeit. Nat sieht sich nicht in der Lage, ihr neues Haus nach ihren Vorstellungen zu gestalten und gibt Pläne schnell wieder auf. Als es wiederholt durchs Dach regnet, unterbreitet einer der Dorfbewohner Nat ein ungewöhnliches Tauschangebot. Sie lehnt zunächst ab, doch der Vorschlag beschäftigt sie und schließlich schlittert sie mitten hinein in eine emotionale Abhängigkeit und eine obsessive Beziehung.

    „Eine Liebe“ gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten folgen wir Natalia auf ihren unsicheren Schritten durchs Dorf, begegnen dem schmierigen Vermieter, der Nats persönliche Grenzen übertritt und mehr als einmal spontan in ihr Haus eindringt. Der zweite Abschnitt widmet sich ganz der obsessiven Liebesbeziehung zwischen Nat und dem „Deutschen“. Im letzten Teil kommt es zu einer Katastrophe, Nat verliert zunächst alles, hat am Ende jedoch eine für sie persönlich wichtige Erkenntnis.

    Positiv an diesem Roman ist, wie eindrücklich und intensiv es Mesa gelingt, Nats Unsicherheit, Verzweiflung und Besessenheit sprachlich zu vermitteln. Die Geschichte hinterlässt davon abgesehen bei mir vor allem Fragezeichen. Mesa geht äußerst sparsam mit Informationen um. Wie erhalten nur sehr spärlich Hinweise auf Nats Leben und auch über die anderen Dorfbewohner:innen wird fast nichts erzählt. Ich habe beim Lesen gerne Raum für eigene Gedanken, nicht alles muss für mich auserzählt sein. Hier fehlte mir aber ein Gerüst, ein paar Eckpunkte, an denen ich mich hätte orientieren können. Ein tieferes Verständnis für die Protagonist:innen konnte ich daher nicht entwickeln, die einzelnen Charaktere blieben mir bis zuletzt nicht nur fremd, sondern ein unlösbares Rätsel. Ich spürte beim Lesen eine unüberwindbare Distanz, ähnlich einer Scheibe aus Milchglas zwischen mir und dem Erzählten. Schemenhaft erkannte ich die Menschen, vermochte aber weder ihre Worte noch den Sinn ihrer Bewegungen zu deuten. Ich denke mich gerne in fremde Lebensumstände, Probleme und Gefühlswelten ein, liebe es, wenn Literatur ein Fenster in eine unbekannte Welt öffnet. Genau das gelingt in "Eine Liebe“ aber nicht. Nats Leben, wie auch das der anderen, bleibt eine einzige große Leerstelle für mich, nicht greifbar und das, obwohl gerade Nats ambivalente Gefühle sehr intensiv gezeigt werden. Mir ist nicht klar geworden, was die Autorin mit ihrer Geschichte zeigen will und so lässt mich diese zum Glück nur etwa 190 Seiten umfassende Erzählung nicht nur ratlos, sondern auch unzufrieden zurück.

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  1. Drama in drei Akten

    Autorin
    Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und zog als Kind mit ihren Eltern nach Sevilla. Sie studierte Journalistik und Spanische Philologie. Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstler*innen der jungen Generation. Ihre schriftstellerische Arbeiten umfassen eine umfangreiche Bibliografie. Die nachfolgen Werke geben eine kleine Auswahl wieder.
    Sie hat Erzählungen veröffentlicht: La sobriety del galápago (2008), No es fáil der Verde (2009) und Mama letra (2016). Erschienen sind zahlreiche Romane El trepanador de cerebros (2010), Un incendio invisible (2011), Cuatro por cuatro (2013), Cicatriz (2015), Cara de pan (2018) und Un amor (2020). Der letzte Roman, Un Amor übersetzt ins Deutsche Eine Liebe, ist zu einem am meisten von der Kritik gefeierten Roman des Jahres 2020 geworden.
    2021 erhielt sie die Auszeichnung Premios de los libreros in der Kategorie Fiktion für die Erzählung Un Amor.
    Inhalt
    Natalie, genannt Nat, ist eine junge, alleinstehende Frau. Sie arbeitet als Übersetzerin. Nachdem man ihr einen Diebstahl nachgewiesen hat, kündigt sie ihren Job, obwohl ein großzügiges Entgegenkommen ihr eine Weiterbeschäftigung ermöglicht. In La Escapa am Berg Glauco findet sie ein Haus zum Mieten. Der Vermieter ist ein unsympathischer, ungepflegter Mann, der ihr bei ihrer Ankunft einen vernachlässigten, scheuen und verwahrlosten Hund schenkt, aber wenig bereit ist, ihr bei anfallenden Reparaturproblemen des alten, heruntergekommenen Hauses zu helfen. Nat bemüht sich Zugang zu den Dorfbewohnern bekommen, doch diese verhalten sich ihr gegenüber zurückhaltend. Auch Nat findet sich nur schwer mit dem Landleben und deren Bewohner zurecht. Sie fühlt sich beobachtet und aus dem Dorfleben ausgeschlossen.

    Nat lernt Píter, einen Hippie kennen, der alles im Dorf genau beobachtet und genauestens informiert ist. Píter unterstützt sie, wenn sie Hilfe benötigt. Weitere Dorfbewohner sind die alte und verrückte Roberta, die Stadtfamilie, die ihre Wochenenden in La Escapa verbringen, das Mädchen aus dem Laden und Andreas „Der Deutsche“ genannt.
    Als die Zeit des Regens beginnt, stellt sich heraus, dass ihr Dach undicht ist. Doch der Vermieter ist nicht bereit, es zu reparieren. Da taucht Andreas „Der Deutsche“ auf. Er ist bereit, das Dach abzudichten. Als Gegenleistung macht er ihr ein unmoralisches Angebot.

    Für Nat ist es der Beginn einer Reise, von der sie nicht weiß, wohin sie führt.

    Sprache und Stil
    Sara Mesa`s Roman „Eine Liebe“ beginnt mit einem kurzen, prägnanten Satz, der bereits die Atmosphäre widerspiegelt und im weiteren Verlauf des ersten Absatzes Ort und Menschen bildlich entstehen lässt.

    „Als es dunkel wird, spürt sie, wie die Last auf sie stürzt, so schwer, dass sie sich setzen muss, um Luft zu holen.“ (S. 7)

    „Eine Liebe“ beginnt mit einem vertrauten Thema. Eine Frau beschließt, ihr Leben zu ändern; sie verlässt die Stadt und ihre vertraute Umgebung, um auf dem Land über ihren weiteren Lebensweg nachzudenken.

    Der Roman „Eine Liebe“ ist in drei Kapiteln aufgeteilt und gleicht einem Drama in drei Akten. Im ersten Kapitel wird der Schauplatz, die Zeit und die Situation beschrieben.

    La Escapa ist der Ort, in dem sich die Protagonistin Nat zurückzieht. Die lange Trockenheit hat die Landschaft in eine trostlose, trockene Umgebung mit „vereinzelten Olivenbäumen, Kork- und Steineichen“ verwandelt. In weiter Ferne wird, wie hinter einem Schleier, der niedrige Berg Glauco, der Graugrüne, sichtbar. In dieser Umgebung hat die Protagonistin Nat ein einfaches, marodes Haus gemietet, um dort Abstand von ihrem bisherigen Leben zu gewinnen. Sie ist zurückhaltend und findet nur langsam Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern.

    Die Dorfbewohner werden beschrieben mit all ihren Eigenheiten. Der Mangel an Kommunikation, unter dem diese abgelegene Stadt La Escapa leidet (das Wortspiel ruft ein Gefühl der „Flucht“ hervor) führt dazu, dass sich ihre Einwohner verschlossen und zurückhaltend zeigen.

    Sara Mesa beschreibt Charaktere in einer dörflichen Umgebung, deren soziale Beziehungen durch eine Vielzahl von Sitten, Brauchtum, Festen, eigenen Normen und Gesetzen geprägt sind. Die Vorgeschichte Nats, der Diebstahl, wird erwähnt, der Aufschluss über ihre Beweggründe nach la Escapa zu ziehen gibt. Fremden begegnet man misstrauisch. So ist der „Deutsche“ Andreas ein Fremder wie sie, aber bereit, ihr bei der Dachreparatur zu helfen. Als Gegenleistung verlangt er, dass sie ihn ein Weilchen in sie reinlässt.

    „»Ich kann dein Dach reparieren, und dafür lässt du mich ein Weilchen in dich rein.«“ (S. 66)

    „Der Deutsche“ Andreas leitet mit seinem unmoralischen Angebot in das zweite Kapitel ein. Das zukünftige Geschehen mit dem Begriff „Hereinlassen“ lässt sich erahnen.

    Im zweiten Kapitel entwickeln sich die Ereignisse zu dramatische Aktionen. Der Konflikt entfaltet sich. Das Dorf, das sich zunächst als eine geordnete, in sich geschlossen Gruppe präsentiert, bekommt nach und nach Risse. Ab nun werden die Charaktere, insbesondere Nat, weiter offengelegt. Nat verändert sich, aus einer zurückhaltenden Frau wird plötzlich eine abhängige Frau. Die Autorin dringt tiefer und tiefer in die Charaktere ein. Das Verhältnis zwischen Nat und Andreas entwickelt sich zu einem Verhältnis wie in einem Psychodrama. Die Verbindung der beiden gleitet in einer dysfunktionalen Struktur ab.

    Sara Mesa legt mit wenigen Worten gezielt die Tiefen der Charaktere ihrer beiden Hauptfiguren offen. Die scheinbare Überlegenheit von Nat gegenüber Andreas zerfällt.

    „Andreas gegenüber hat Nat sich zunächst mächtig gefühlt. Die Vorstellung, dass ihre Jugend auf ihn – den zwölf Jahre Älteren – verführerisch wirkte, gefiel ihr.“ (S. 129)

    Andreas, der in Nats Augen zunächst als schwach zu erkennen war, gewinnt an Konturen und seine bewegte Vergangenheit wird offengelegt.
    Nat hingegen verliert ihr Selbstvertrauen, erniedrigt sich, verliert an Würde und steigert sich in eine Obsession hinein, ihre Gedanken kreisen nur noch um Andreas. Doch Andreas zeigt schonungslos ihre Defizite auf.

    „Erbarmungslos zerlegt er ihre Vorurteile, gräbt er sich in ihre Unsicherheit hinein, trägt ihr Selbstvertrauen schaufelweise ab. Was sie immer kleiner und ihn immer stärker macht. Sie immer abhängiger und ihn immer freier.“ (S. 126 )

    Im dritten Kapitel findet die klassische Auflösung des Dramas statt. Die Katastrophe löst sich auf.
    Ziele sind nie direkt erreichbar, wie ein Pendelschlag müssen diese verfolgt werden. Eine Liebe, die um Suche geht, um Liebe zu finden, um sich selbst zu lieben, um Liebe zu geben.

    Sara Mesa verarbeitet in ihren Figuren Themen mit der Frage nach Schuld, Ausgrenzung, nicht nur Nat wird ausgegrenzt, sondern aus früheren Zeiten ein Inzestpaar.
    Ein Konflikt zwischen Erwartungen und Realität, Flucht vor Konflikten, Misstrauen und Selbsttäuschung, Hass und Eifersucht tritt an die Oberfläche.

    Der Roman ist in der dritten Person geschrieben, aus der Erzählperspektive von Nat aufgebaut. Ihre Gedanken verwebt die Autorin mit den Dialogen der übrigen Charaktere auf eine Weise, dass schwer zu erkennen ist, ob eine dritte Person etwas sagt oder ob es eine Projektion der Protagonistin selbst ist.
    Dadurch entstehen Leerstellen der Figuren, Raum und Zeit, die Freiheit an Interpretation für den /die Leser*in bieten.
    Sara Mesa nutzt eine bildliche Sprache für ihre Geschichte. Bilder wie im Traum, die manchmal abrupt enden oder nur verschwommen zu sehen sind.

    „Nicht nachdenken ist besser, aber die Gedanken kommen wie von selbst, schweben durch sie hindurch, verbinden sich.“ (S. 7)

    Das Cover zeigt unterschiedliche Insekten in einer wohlgeordneten Formation auf weißen Hintergrund. Der Bezug zum Roman ist gegeben, wie ein roter Faden ziehen die Insekten hindurch.
    Ungeziefer zählen zur langen Liste der Tiere, die zur Verunglimpfung von lästigen, unbeliebten oder angeblich gefährlichen Menschen herhalten. Zumindest in der Literatur. In Kafkas Roman „Die Verwandlung“ erleben wir die Metamorphose von einem Menschen in ein Ungeziefer. In „Eine Liebe“ finden ebenfalls Veränderungen statt, Andreas findet ersten Zugang durch dem Regen, der ihm die Möglichkeit verschafft, in Nat einzudringen, sowohl körperlich als psychisch und sie sich dadurch verändert. Das marode Haus mit Rissen, wo besonders bei Regen Insekten mit angespült werden. Die Ameisen auf dem Berg oder im Haus hinterlassen ihre Spuren, ebenso der Vermieter, der wie ein lästiges Insekt auftritt.

    Fazit
    „Sie hat sich nicht für Andreas entschieden, hat nicht nach ihm gesucht – er hat sich ihr aufgezwungen. Sie müsste sich dagegen auflehnen, aber das ist unmöglich, sie ist gefangen. So sieht sie es jetzt. So erklärt sie es sich, auf kindliche, magische Weise. Dass diese Erklärung unhaltbar ist, weiß sie genau. Um sich nicht widersetzen zu müssen, gibt es jedoch nichts Besseres.“ (S. 92)

    „Eine Liebe“ ist ein überraschender Roman, in dem es der Autorin gelingt, den/die Leser*in mit den Grenzen seiner/ihrer eigenen Moral zu konfrontieren.

    Sara Mesa`s Roman „Eine Liebe“ verläuft in ruhigen Bahnen und doch zieht der besonderere Stil nach und nach den/die Leser*in in seinen Bann, ohne es zu merken. Die Autorin konzentriert sich auf Details, auf die es ankommt. Sie schreibt, als ob sie lautlos und schlagartig in den Fokus des Geschehens gleitet, mit einer erstaunlichen Charakterbeschreibung, die mit wenigen Strichen umrissen ist.

    „Eine Liebe“ bedeutet zwei hergesagte Worte, die doch nicht das sind, was sie sein sollten. Auch Liebe ist brüchig.

    „Schau' nach vorn
    Nicht zurück
    Zwingen kann man kein Glück
    Denn kein Meer ist so wild wie die Liebe
    Die Liebe allein
    Nur die kann so sein“ *

    *
    Aus: Mercie Cherie
    Autoren: Udo Jürgens, Thomas Hörbiger
    Verlag: Vogue
    Veröffentlicht:1966

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  1. 3
    14. Sep 2022 

    Keine Liebe

    Sara Mesa, 1976 in Sevilla geboren, gehört zu den wichtigsten Autorinnen der spanischen Gegenwartsliteratur. Ihr Roman „ Eine Liebe“ war in ihrer Heimat ein großer Erfolg und wurde mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet.
    Deshalb waren meine Vorfreude groß und die Erwartungen hoch.
    Die Protagonistin Natalie, genannt Nat, eine Frau Mitte Dreißig, hat aufgrund eines Vorfalls ihren Arbeitsplatz gekündigt und zieht nun in einen kleinen Ort mit dem bedeutsamen Namen La Escapa. Sie will hier ein neues Leben beginnen, sucht Ruhe für ihre Arbeit als freiberufliche Übersetzerin. Doch das gemietete Haus ist dreckig und verwahrlost, der Vermieter ein schmieriger Widerling. Der gewünschte Hund, den er ihr bringt, erweist sich als hässlich und scheu. Trotz Nats Bemühen findet sie keinen Zugang zu ihm.
    Auch der Kontakt zu den Dorfbewohnern gestaltet sich schwierig. Eine junge Frau allein - das erregt das Misstrauen vieler. Argwöhnisch wird ihr Tun beobachtet. Piter, der Hippie, bietet seine Hilfe an, doch er ist Nat etwas zu aufdringlich und weiß alles besser. Nebenan wohnt ein Ehepaar aus der Stadt mit ihren beiden Kindern; die Familie ist aber nur am Wochenende da. Zu den Außenseitern im Dorf zählt eine Roma- Familie, ein alter Mann und seine demente Frau, die von allen nur „ die Hexe“ genannt wird und Andreas, „ der Deutsche“, ein Mann um die Fünfzig.
    Wie marode das Haus ist, zeigt sich beim ersten Regen: Das Dach ist undicht.
    Dann steht „ der Deutsche“ vor der Tür und macht ihr ein unmoralisches Angebot. Er bietet seine handwerklichen Dienste an gegen Sex.
    So endet der erste von drei Teilen des Romans.
    Was nun folgt ist keine Liebesgeschichte im üblichen Sinn, wie der Titel vermuten lässt. Nat ist empört, hat Skrupel und lässt sich dann doch auf das Angebot ein. Eine fatale Beziehung, die für die Frau zur Obsession wird. Hielt sie sich anfangs für die Überlegene, verkehren sich bald die Machtverhältnisse. „ Erbarmungslos zerlegt er ihre Vorurteile, gräbt er sich in ihre Unsicherheit hinein, trägt ihr Selbstvertrauen schaufelweise ab. Was sie immer kleiner und ihn immer stärker macht. Sie immer abhängiger und ihn immer freier.“
    Nat erniedrigt sich, spioniert ihm hinterher und bringt sich immer mehr in eine unwürdige Lage.
    Dann macht sie ein furchtbares Geschehen endgültig zur Ausgestoßenen.

    Hat der Roman meine großen Erwartungen erfüllt?
    Anfangs schon. Die Autorin versteht es sehr gut, Atmosphäre zu schaffen. Die Landschaft entsteht bildhaft vor dem Leser, der karge Boden, der graue Berg im Hintergrund. Es entwickelt sich gleich zu Beginn eine dichte, leicht bedrohliche Stimmung, ohne dass viel passiert.
    Auch die verschiedenen Figuren und ihre Stellung im Dorfgefüge haben das Potential für eine interessante Geschichte. Doch dann konzentriert sich die Autorin zu sehr auf die Hauptfigur und ihre obsessive Beziehung zu diesem Mann. Nat ist eine äußerst ambivalente Figur. Völlig selbstbezogen kreist sie unentwegt um sich und ihre Befindlichkeiten. Das nervte mich zusehends. Man fragt sich, warum sie nichts an ihrer Situation ändert, statt in der Opferrolle zu verharren. Warum ist sie überhaupt in dieses Dorf gekommen und warum ist sie dann hier geblieben, obwohl die Umstände so wenig einladend waren?
    Leider erhält man als Leser nur wenig Informationen zum Hintergrund der Figur. Dann hätte sich etwas Nähe und Verständnis für sie entwickeln können. „ Sara Mesa verzichtet auf den Luxus des Details…“ heißt es dazu im Klappentext. Schade! Mir müssen die Figuren in einem Roman nicht sympathisch sein, aber ich möchte verstehen, warum sie sind wie sie sind. Hier blieb die Protagonistin seltsam blass und fremd.
    Das haben auch die letzten paar Seiten nicht geändert, wo sich eine ansatzweise Entwicklung der Figur angezeigt hat.
    Der Roman ließ mich ratlos und unbefriedigt zurück. Der erste Teil und die Sprache der Autorin sorgen für den dritten Stern, doch empfehlen kann ich das Buch leider nicht.

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  1. 2
    13. Sep 2022 

    Nicht die große Liebe

    In Sara Mesas von mir heiß erwarteten neuen Roman „Eine Liebe“ zieht eine Anfang 30-Jährige aus einer größeren Stadt aufs spanische Land. Mitten in die Provinz, nicht ans Meer, denn das kann sie sich nicht leisten. Nat ist Übersetzerin und versucht sich nun mit einer freien Literaturübersetzung über Wasser zu halten. Aber schon das Ankommen im neuen Dorf und im gemieteten Haus wird ihr nicht leicht - man könnte gar sagen besonders schwer - gemacht. Nicht nur vom schmierigen Vermieter auch von vielen der Ortsbewohner, die die Zugezogene nicht gleich ins Herz schließen wollen. Mit Píter freundet sie sich an, einen verwahrlosten Hund bekommt sie vom Vermieter abgetreten und so macht sie sich auf, das Haus in Stand zu setzen und den Garten zu bewirtschaften. Als das undichte Dach geflickt werden muss, macht ihr ein Anwohner, genannt „Der Deutsche“ ein scheinbar unmoralisches Angebot. Er schlägt ihr ein Tauschgeschäft vor: Sex gegen Handwerkerleistung.

    Aus diesem Angebot entspinnt sich nun eine nicht nachvollziehbare Obsession von Nat bezüglich einer „Liebes-“Beziehung mit Andreas, Dem Deutschen. Nicht nachvollziehbar bleibt diese merkwürdige Geschichte, weil uns Sara Mesa zwar ausgedehnt an dem unablässigen Hinterfragen der Protagonistin bezüglich ihrer Einstellungen, Gedanken, Eindrücke etc. teilhaben lässt, jedoch nie irgendwelche Hintergründe bzw. tiefgründige Informationen zur Protagonistin anbietet. Nat ist unglaublich neurotisch angelegt in ihrer Persönlichkeit. Das kann funktionieren, sofern sie als Person im Roman dann auch irgendeine Arte von – wenn auch leichter – Veränderung durchlaufen würde. Tut sie aber nicht und das führte bei mir zu einer unglaublichen Abneigung der Protagonistin gegenüber. Unangenehm nervig schieben sich die Überlegungen von Nat in den Vordergrund, wobei sie trotzdem als Figur flach bleibt. Ebenso wie die vielen Nebenfiguren des Dorfes. Hier wäre Potential da gewesen, um eine interessante Studie zum Dorf aufmachen zu können. Aber auch das macht die Autorin nicht. Wir verbringen zu viele der nur 190 Seiten in der abstrusen Beziehung zwischen Nat und Andreas. Ein Einblick in die Vergangenheit Nats oder eine ausführlichere Erklärung ihres kuriosen Beziehungsverhaltens über eine zwei Zeilen lange Erwähnung eines Missbrauchs in der Kindheit hinaus, hätten den Roman eventuell noch interessant machen können. Aber nein, die Autorin wirft den Missbrauch als mögliche Erklärung mal eben so nebenher den Lesenden vor die Füße und diskreditiert damit das Thema vollkommen. Selten habe ich einen unglücklicheren Umgang mit einem solchen Thema in einem Buch gelesen.

    Ein Paukenschlag, eine erklärende Wendung, irgendetwas dieser Art am Ende des Romans wären auch ein Weg gewesen, diesen noch zum Besseren zu führen. Aber auch hier verpasst die Autorin eine Chance und lässt ihn ausplätschern. Auf gefühlt einer halben Seite gibt es plötzlich eine Veränderung bei Nat, die aber in dieser Form nicht nachvollziehbar gestaltet wurde und die Lesenden ratlos zurücklässt. Von den nur 190 Seiten war ich in einem Maße genervt, dass man der Autorin schon fast anrechnen könnte, dass sie zumindest das mit dem Roman bewirkt hat. Ansonsten konnte sie bei mir leider gar nichts bewirken. Der Roman konnte mir nichts geben und ich bin froh, die Lektüre endlich beendet zu haben.

    Empfehlen kann ich die Lektüre leider gar nicht. Mit den gegebenen 2 Sternen möchte ich lediglich anerkennen, dass die Autorin eine flüssige Schreibe hat, die sich – trotz Qualen ob des Inhalts – zügig bewältigen lässt. Mal davon abgesehen, dass man diskutieren kann, warum die Autorin ihren Roman überhaupt „Eine Liebe“ genannt hat, kann ich nur resümieren, dass der Roman für mich nicht die große Liebe war, im Gegensatz eher eine literarische Schreckensbeziehung.

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  1. Unter Dorfleuten

    Als Natalia ihre neue Unterkunft in dem spanischen Dörfchen La Escapa bezieht, ahnt sie noch nicht, welche Folgen das für sie und ihre Arbeit als Übersetzerin haben wird. Beim unsympathischen Vermieter eckt sie ohnehin an, weil sie sich seiner Meinung nach zu stark über die zahlreichen Mängel des heruntergekommenen Hauses beschwert. Doch auch zu den anderen Dorfbewohner:innen findet sie - mit Ausnahme von Althippie Píter - kaum Zugang. Als Starkregen einsetzt, nimmt das Unheil seinen Lauf, denn das verwitterte Dach hat viel zu viele undichte Stellen. Und so sieht auch Natalia ihre Felle langsam aber sicher davonschwimmen...

    Sara Mesas neuer Roman "Eine Liebe", der in der Übersetzung von Peter Kultzen jetzt bei Wagenbach erschienen ist, war in Spanien ein Bestseller und wurde dort 2021 mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet. Durchaus überraschend, denn das Buch ist recht schwer verdaulich und wird die Leserschaft wahrscheinlich spalten.

    Bereits in Mesas wunderbarem Debütroman "Quasi" erzählte die Autorin die Geschichte zweier Außenseiter:innen, schaffte es aber durch ihre enorme Empathie, die Figuren in die Herzen der Leser:innen zu schreiben. Bei "Eine Liebe" gelingt ihr das nicht, soll es wohl aber auch gar nicht, denn Nat - so der Spitzname der Protagonistin - ist eine ambivalente Figur, die mit ihrer Passivität und permanenten Unzufriedenheit durchaus zu nerven weiß.

    Dabei ist der Auftakt des Buches verheißungsvoll. Mesa beschreibt die neue ungewohnte Umgebung so plastisch, dass man das Gefühl bekommt, alles durch Nats Augen sehen und hören zu können. Die ländlichen Geräusche in der Nacht, der Geruch des modernden Holzes und der bedrohlich über La Escapa wachende Berg - Mesa zieht die Leser:innen mit großer Unmittelbarkeit in die Handlung hinein. Auch die Figuren wirken zunächst gelungen. Die dörfliche Dynamik sorgt mit ihren merkwürdigen Charakteren für eine subtile Spannung und man spürt genau wie Nat eine permanente Bedrohung. Warum Natalia diesen Ort ausgewählt hat, um ihrer Vergangenheit zu entfliehen, bleibt dabei unklar. Doch man bekommt das Gefühl, dass das Dorf nicht ohne Grund "La Escapa" heißt und mehr als deutlich auf Fluchtgedanken, auf ein Ausbrechen aus dem bisherigen Leben hinweist. Die Bewohner:innen, die vornehmlich mit ihren Spitznamen "der Hippie", "der Deutsche", "der Dicke" oder "die Hexe" eingeführt werden, scheinen jedenfalls alle ihre Gründe für das Leben an diesem unwirtlichen Ort zu haben.

    Mit einem veritablen Spannungsbogen beendet Sara Mesa den ersten ihres aus drei Teilen bestehenden Romans, erfüllt jedoch die daraus resultierenden hohen Erwartungen im Rest des Buches leider nicht. Denn der zweite Teil befasst sich fast ausschließlich mit einer wahrlich ungewöhnlichen Beziehung, die Nat mit einem der Dorfbewohner eingeht und die wohl Grundlage des Romantitels ist. Doch von Liebe ist nichts zu spüren, vielmehr schildert die Autorin eine eher dysfunktionale Abhängigkeit, die sich auch stilistisch recht eintönig liest. Ständig schlüpft der Erzähler in die Hauptfigur und nervt nicht nur Nat, sondern auch die Leser:innen mit permanenten Fragen an sich selbst. Die Hintergründe dieser Beziehung erschließen sich dabei nicht, da Natalia zwar urteilt und behauptet, man selbst aber einfach keinen Zugang zu den Charakteren findet.

    Und auch das Ende enttäuscht mit einer gewissen Unterkomplexität und spürbaren Lustlosigkeit. Während die Abneigung und Negativität der Dorfbewohner:innen gegenüber Nat deutlich zunehmen und auch für die Leser:innen fast unerträglich werden, erstreckt sich die Lösung auf gerade einmal einer halben Seite. Dadurch bleiben viel zu viele Fragen im Raum, auf die keine befriedigenden Antworten gefunden. Nicht einmal über Natalias Vergangenheit erfahren wir - bis auf eine erschreckend klein gehaltene Missbrauchserfahrung aus der Kindheit - gar nichts. Und auch die Figuren selbst lassen kaum eine Entwicklung erkennen.

    So ist "Eine Liebe" ein nur in Teilen überzeugender Roman geworden, der lediglich zu Beginn die hohen Erwartungen des tollen Debüts "Quasi" erfüllen kann. Wenn meine Lieblingsfigur dieses Romans ein renitenter Wachhund ist, spricht das nicht gerade für den Sympathiefaktor des Personals, das dadurch selten einmal Identifikationspotenzial bietet.

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