Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine Geschichte von Liebe und Finsternis' von Amos Oz
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5 von 5 (2 Bewertungen)

Sein Buch gebe ein altes Rätsel auf, hat der 65-jährige israelische Schriftsteller Amos Oz über den Inhalt seines stark autobiografisch gefärbten Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis geschrieben: „Wie können zwei gute Menschen eine schreckliche Katastrophe herbeiführen? Wie kann es kommen, dass die Heirat zweier Menschen, die einander wollen und einander gutes Wünschen, in einer Tragödie endet?“

Die zwei Menschen, von denen Oz hier spricht, das ist zum einen sein Vater: „ein sentimentaler und enthusiastischer Mann“, der siebzehn Sprachen lesen und elf sprechen kann (alle mit russischem Akzent), ein Universalgelehrter voll mit Magie und Mystik, und doch nach Ansicht der Mutter „rational sogar noch im Schlaf“. Die andere Person ist die Mutter des Schriftstellers, Fania Klausner, die am Ende der Geschichte von Liebe und Finsternis verzweifelt den Freitod wählt -- und von der der Ich-Erzähler behauptet, „bis zum Schreiben dieser Seiten“ nie über sie gesprochen zu haben. Ihre tragische Geschichte erzählt das Buch -- und die Geschichte der Überlebenden ihrer Familien, die, dem Holocaust entronnen, in den vierziger Jahren ins gelobte Land nach Palästina ziehen, und die doch auch in der ersehnten Fremde nicht recht glücklich wurden.

“Dieses Buch handelt von der enttäuschten Liebe meiner Eltern und Großeltern zu Europa“, heißt es bei Oz. „Es spürt dem jüdischen Erbe in der europäischen Kultur nach und dem europäischen Erbe in unserer eigenen Kultur. Vor allem aber ist es ein Buch über eine einzelne kleine Familie“. Nein, möchte man, eher ergänzend als widersprechend, hinzufügen: Vor allem ist die Geschichte von Liebe und Finsternis ein Stück großer, packender, ehrlicher, grandios erzählter Literatur. --Stefan Kellerer

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:828
EAN:9783518459683

Rezensionen zu "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis"

  1. Ein Gesamtkunstwerk

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Mär 2019 

    Mit „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Amos Oz habe ich in den vergangenen Wochen ein dickes und ganz großes Stück Literatur lesen dürfen. Oz schildert darin seine Kindheit und Jugend, die er als einziger Sohn einer aus Osteuropa nach Palästina geflüchteten Familie im Kreise von politisch und geistig aktiven Menschen in einer meist finsteren Zeit und Umgebung verbringt. Seine Familie ist aus ihrer angestammten Umgebung herausgerissen worden aufgrund eines Umstands, der bisher in deren Leben nur eine ganz geringe Bedeutung hatte. Sie sind Juden. Aber viel mehr als das sind sie vor allem Europäer, verwurzelt in der Geistesgeschichte von Deutschland, Polen, Frankreich, Großbritannien und was es sonst noch für Länder des europäischen Kontinents gibt. Nun aber sind sie verschlagen worden in die Heimat der Juden. In dieses heiße trockene Land, das in ihrer Wahrnehmung alles andere ist als ihre Heimat. Es hat nichts, aber auch gar nichts mit ihrem früheren Leben und Wirken als Universitäts-, Verlags- oder Bibliotheksangehörige zu tun. Die Flucht nach Palästina hat sie herausgerissen aus dieser Welt und ihre fest geplanten Karrieren in der geistigen Welt der Wissenschaft abgeschnitten. Nun sind sie in einem Land, das noch gar nicht gegründet ist und dessen Schicksal noch vollkommen ungeklärt bleibt. Solange dieses Schicksal nicht festgeschrieben und ihr Dortsein keine feste Basis hat, gestaltet sich das Zusammenleben mit denen, denen Palästina eigentlich Heimat ist, - den arabisch-stämmigen Bewohnern - recht unkompliziert. Es ist ein abwartendes Nebeneinander, das aber wenig mit Feindschaft zu tun hat. Amos lebt mit seinen Eltern in einer finsteren Kellerwohnung in Jerusalem. Sein Vater hat eine Arbeit, die nicht seinen ursprünglichen Karriereerwartungen entspricht, und verbringt deshalb seine Nächte mit dem Verfassen wissenschaftlicher Artikel, die ihm irgendwann doch einmal die Tür öffnen sollen in eine wissenschaftliche Universitätsposition. Das Land in Palästina hat sich zu dieser Zeit nicht nur staatlich noch nicht definiert, sondern ist auch innerlich zumindest dreigeteilt und wird repräsentiert durch drei komplett unterschiedliche Lebensentwürfe. Da ist Jerusalem, die Stadt der Tradition und der geistigen Eliten; da ist aber auch Tel Aviv, die moderne Stadt, in der man nach Europa strebt und sich an der europäischen Moderne orientiert (ungeachtet der parallel in Europa stattfindenden Barbarei) und da sind die Kibuzze, in der ein neuer Mensch nach sozialistischen Maßstäben gestaltet werden soll. Wenn Oz sein Familienleben schildert und die regelmäßigen Besuche im Verwandtschafts- und Bekanntenkreis in den nacherzählten Gesprächen zum Leben erweckt, so bekommt der Leser das Gefühl, dass vom Jerusalemer Standpunkt aus betrachtet etwa die Kibbuzwelt wesentlich weiter entfernt und fremd erscheint als die der arabischen Mitbewohner der Stadt. Und doch wird aus beidem in der weiteren Geschichte ein Staat mit großen Herausforderungen gerade an die Gemeinsamkeit erwachsen. Oz schafft es, diese Zerrissenheit der jüdischen „Gemeinde“ in den 40er Jahren in Palästina anhand von Schilderungen vieler einzelner Erlebnisse, Situationen und Gespräche intensiv an den Leser und die Leserin zu vermitteln.
    Er konzentriert sich dabei ganz auf die Gesellschaftlichen Stimmungen in der Geschichte Israels in dieser Gründungsphase des Staates. Düster ist die Zeit, und dennoch spielt in den Gesprächen und Gedanken der handelnden Menschen das ferne aber parallele Geschehen in Deutschland und den eroberten ehemaligen Heimatländern keine oder nur eine kleine Rolle. Die Konzentration liegt ganz auf dem, was in diesem Zufluchtsland geschieht und entstehen kann.
    Die Geschichte Israels und das Leben von Amos (damals noch Klausner mit Nachnamen) geht weiter und kulminiert in der knappen Entscheidung der UN-Staatengemeinschaft für die Gründung des Staates Israel im November 1947. Ein Moment, der von Amos und seiner Familie frenetisch gefeiert wird. Doch führt das noch in der Gründungsnacht zum Krieg mit den Anrainerstaaten und zum Ende des friedlichen Miteinanders mit den angestammten Bewohnern. Diesen Krieg erlebt Amos über eine lange Zeit hinweg mit seiner Familie und einer Menge von Freunden und Verwandten in ihrer abgedunkelten, abgeschotteten Kellerwohnung. Wir erfahren von mehr oder weniger durch Scharfschützen zufällig getöteten Bekannten, sobald solche Schutzräume verlassen wurden. Jerusalem ist geteilt und die Fahrt zur ehemaligen Arbeitsstätte des Vaters, die in einer Enklave liegt, ist nur mehr mit einem im gesicherten Konvoi fahrenden Bus durch die Ostgebiete der Stadt möglich.
    Nach Friedensschluss normalisiert sich das Leben im Land etwas und Amos wächst heran. Der nächste Schicksalsschlag ist die Erkrankung seiner Mutter. Sie leidet an einer tiefgradigen Depression und ist nur mehr als dunkle, schweigende und leidende Figur im Familienleben, das um sie herum organisiert wird, präsent. Mit Amos Jugend wächst auch der Wunsch, aus dieser durch historische Frustration, durch von der Geschichte abgebrochene Lebenswege, durch tief konservative Weltsichten geprägten Welt der Finsternis auszubrechen. Die Verwandtschaft der Mutter in Tel Aviv bietet dafür immer mal wieder ein kleines Ausfallstor, doch finden tut er einen alternativen Lebensentwurf, einen Ausweg dann erst nach Umzug in den Kibbuz Hulda, in dem zum ersten Mal – so scheint es – Wind um seine Nase wehen kann. Hier wird er vom kränklichen Schwächling zum braungebrannten Menschen. Hier lernt er seine spätere Frau kennen, hier erkennt man ihn als geistigen Arbeiter und schickt ihn auf die Universität. Hier wird er letztlich zum schriftstellerischen Pionier für ein modernes Israel.
    Der Schreibstil von Oz liegt während des gesamten Buches auf einem sehr schmalen Grad zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtenschreibung. Das macht es dem Leser oft nicht ganz einfach, denn aus dem Roman wird über mehrere Strecken immer mal wieder fast ein non-fiktionales historisches Werk und ist damit ein eher trockenes Leseerlebnis. Dann aber wieder strahlen aus dieser trockenen Geschichtsschreibung einfach genial erzählte, individuell geprägte Situationen hervor. Dieses Wechselspiel macht für mich das Buch aus und macht es zu einem ganz großen Stück Literatur. Ein wenig musste ich denken an Tolstois „Krieg und Frieden“, in dem man sich auch durch die manchmal langatmig anmutenden Kriegsschilderungen durchlesen muss, um das Gesamtkunstwerk rund um die Helden der Geschichte aufnehmen zu können. Also ein wirkliches Gesamtkunstwerk, das einen geduldigen und entspannten Leser erfordert. Und mich am Ende belohnt hat mit einem ganz besonders spannenden und intensiven Einblick in ein mir bisher nur sehr verschwommen erkennbares Stück Geschichte. Ohne Frage macht das *****

  1. Nicht nur ein Selbstporträt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Mai 2017 

    Die Geschichte des Jungen Amos, der im Jerusalem der vierziger Jahre aufwächst - eine große Familien-Saga, ein Epos vom Leben und Überleben, ein Buch der Enttäuschung und der Hoffnung.

    "Vor diesem Buch muss gewarnt werden. Es hat 820 Seiten, und man wird, ehe man sie gelesen hat, seinen gewohnten Tagesablauf ändern müssen, sich krank melden oder nächtens lesen müssen." (Süddeutsche Zeitung)[1]

    * * *

    Achthundertneunundzwanzig Seiten Liebe und Finsternis. Geschrieben von Amos Oz, dem israelischen Schriftsteller, der mir im März diesen Jahres auf der Leipziger Buchmesse „begegnete“, da stellte er nämlich seinen Roman JUDAS vor. Für diesen bekamen Amos Oz und Mirjam Pressler den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt.

    JUDAS sei so etwas wie die „Summe des politischen Denkens“ des Schriftstellers, der darin auch einmal seinen Onkel, den Gelehrten Joseph Klausner (1874 – 1958) zitiert, der in Büchern wie „Jesus von Nazareth“ und „Von Jesus zu Paulus“ die Auffassung vertrat, dass Jesus vor allem ein jüdischer Reformer war. Diese Ansicht brachte dem Zionisten Klausner eine Menge Feinde ein, auf jüdischer und christlicher Seite.[2]

    Die Ansichten seines Großonkels liegen dem Roman JUDAS durchaus zu Grunde.[3] Überhaupt spielt der „übermächtige“ Gelehrte eine große Rolle im Leben des 1939 geborenen Amos Klausner. So kommt es, dass dem Großonkel im autobiografischen Roman EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS auch eine nicht unwesentliche Seitenzahl gewidmet ist.

    * * *

    EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS veröffentlichte Amos Oz im Jahr 2002, da war er bereits dreiundsechzig Jahre alt, ein Buch, welches so vielfältig, so sprudelnd, bunt, traurig, ernst aber auch mal lustig ist, ein Buch welches eigentlich ein Personen – Glossar bräuchte und das auch eine Art Geschichtsbuch ist. Zudem ist es ein sehr aktuelles Buch, denn der Palästinakonflikt zieht sich natürlich durch das Leben des Jungen Amos, prägt ihn und führt den zionistisch erzogen, sozialistischen Ideen der Kibuzim zugeneigten Lesehungrigen zu „verräterischen“ Gedanken, die er dann zum Beispiel in JUDAS offenbart.

    JERUSALEM. Fluchtziel tausender Juden aus Osteuropa vor allem. Sie fliehen in den dreißiger und vierziger Jahren natürlich vor den deutschen Nationalsozialisten. Sie fliehen aber auch vor den antisemitischen Angriffen und Pogromen im Baltikum, Polen, Russland, dann der Sowjetunion, immer mehr seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser Stadt drängen sie sich zusammen: Onkel Joseph und seine Frau Zippora, Großvater Alexander Klausner und Großmutter Schlomit, deren Sohn Arie (Vater von Amos), auch die Familie seiner Mutter Fania finden sich wie viele andere in dieser Stadt, meist in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Die Schwestern von Fania Mussmann – Klausner wohnen in Tel Aviv und Haifa. Die Geschichte all dieser Personen erzählt Amos Oz.

    Zentrale Gestalten sind neben Joseph Klausner, der 1902 in Heidelberg promovierte und durch seine Professur an der Hebräischen Universität in Jerusalem doch ziemlichen Wohlstand aufweist, zum Beispiel Großvater Alexander, ehemaliger Textilfabrikant, von dessen Wohlstand in Palestina allerdings nicht mehr viel übrig ist. Seine Frau Schlomit hat mit ihrer „Angst vor Mikroben“ ihren eigenen Spleen. Arie Klausner möchte zu gern in die Fußtapfen seines Onkels Joseph treten und eine akademische Karriere beginnen, sie bleibt ihm verwehrt. Fania Klausner, ist eine hochgebildete Frau, die nicht viel spricht, sehr viel liest und wenn sie sich denn mal in ein Gespräch einbringt, dann beeinflusst sie es maßgeblich. Doch sehnt sie sich zurück nach Rowno, der ukrainischen Stadt ihrer Jugend und dem nicht in Erfüllung gegangenen „gymnasialen“ Träumen eines freundlichen aufgeklärten Judentums.

    Die gesamte Familie sind osteuropäische aschkenasische Juden. Sie lebten in Wilna (Vilnius), Rowno und Odessa, sie kannten den Antisemitismus der Polen, der Ukrainer und der Russen. Im Jahre 1933 wanderten Alexander und Schlomit Klausner mit ihrem Sohn Arie nach Palästina aus, Amos Mutter kann ein Jahr später nach Jerusalem, wo Amos im Stadtviertel Kerem Avraham 1939 geboren wurde. Großonkel Joseph befand sich schon seit 1919 in Palästina. Besonders religiös waren die Klausners nicht – Sie waren Zionisten und lebten inmitten von ebensolchen Aschkenasim.[4]

    „Wir waren von Russen unterschiedlicher Provenienz umgeben. Es gab viele Tolstojaner… Die Tolstojaner unseres Viertels (meine Eltern nannten sie Tostojschtschiks) waren ausnahmslos alle fanatische Vegetarier, Weltverbesserer, Moralapostel, Freunde der Menschheit… und einige … schienen geradewegs aus einem Roman von Dostojewski entstiegen: gepeinigt, redselig, von unterdrückten Leidenschaften und Ideen verzehrt.“ (Seite 10/11)

    Schon hier sieht der Leser: Das ist eine Bücherfamilie. „Bücher füllten bei uns die ganze Wohnung.“ Und diese war eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Ständig schreibt Oz von bekannten Autoren wie Bialik, Tschernichowski* oder auch Agnon,** letzter wohnte Onkel Klausner gegenüber.

    Quelle Internet
    Vater und Mutter sprachen und lasen in vielen Sprachen, vorherrschend russisch und immer dann, wenn „das Kind“ nichts mitbekommen sollte. Das sprach nämlich nur hebräisch. Onkel Joseph hatte eine riesige Bibliothek und so wuchs Amos in wirklichstem Sinn in Mitten von Büchern auf. Der Vater liebt Wortspiele und bringt diese überall an, gewürzt aus griechischen, hebräischen, jiddischen und russischen Wörtern, dies führt sicherlich auch zur bildhaften Sprache in Amos Oz Romanen.

    Die Stalinära in der Sowjetunion führte zu einem stärkeren Antikommunismus zum Beispiel bei Arie, dies stand im Gegensatz zum auch von sozialistischen Ideen (Kibbuzim) geprägten zukünftigen Israel. Auch deswegen besuchte Amos später eine eher religiöse Schule in Jerusalem, begeisterte sich aber selbst sehr für den Pioniergeist insbesondere der Jugend, die die unwirtlichen Täler Palästinas urbar machten, ist doch sein Vater ein durch und durch geistiger Mensch und weniger mit praktischen Fähigkeiten gesegnet.

    Quelle (wiki)
    „Jene Pioniere lebten jenseits unseres Horizonts, in Galiläa, in der Scharon-Ebene, in den fruchtbaren Tälern: kräftige junge Männer, warmherzig, doch schweigsam und nachdenklich, und starke junge Frauen, offenherzig und selbstbeherrscht, die alles zu kennen und zu verstehen schienen, auch dich und all deine Verlegenheiten, dich aber trotzdem freundlich und respektvoll behandelten, nicht als Kind, sondern als richtigen, wenn auch noch kleinen Mann.

    Jene Pionierinnen und Pioniere waren in meiner Vorstellung stark, ernsthaft und verschwiegen, sie vermochten in ihrer Runde Lieder von herzzerreißender Sehnsucht anzustimmen, auch Lieder voller Witz und Lieder voller unerhörter Lust, sie vermochten stürmisch, nahezu schwerelos zu tanzen, sie waren fähig zur Einsamkeit und zur Nachdenklichkeit, zum Leben in der Natur und in Zelten, zu jeder schweren Arbeit… Sie vermochten wilde Pferde zu reiten und breitraupige Traktoren zu fahren, sie waren des Arabischen kundih, sie kannten jede Höhle und jedes Wadi, sie konnten mit Pistolen und Handgranaten umgehen, und zugleich lasen sie Gedichte und philosophische Schriften. Voller Wißbegier und verborgener Gefühle saßen sie beim Kerzenschein in ihren Zelten und sprachen bis in die frühen Morgenstunden leise über den Sinn des Lebens und die schmerzhafte Wahl zwischen Liebe und Pflicht, nationalem Interesse und universaler Gerechtigkeit.“ (Seite 13)

    Doch ist dies ja nicht alles. Zionisten, bürgerlich gebildetes Judentum, Aschkenasim und Sabre[5], es gab noch den organisierten Jischuw, die Gewerkschaften, die ultraorthodoxen Juden, Kommunisten, die Hagana und die Terrorgruppen wie die Lechi (Irgun) – die Sternbande[6] und und und…

    In diese Zeit wird Amos hineingeboren, in Europa wütet noch der Krieg, der Holocaust hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Bei Kriegsende ist Amos 6 Jahre alt, geht in die Schule und erlebt arrabischen und jüdischen Terror, dann natürlich die Staatsgründung Israels mit, die Kämpfe in und um Jerusalem gegen die Arabische Legion, Terror, Granaten, Schusswechsel, Hunger, Armut: In der kleinen Wohnung Erdgeschoss hausen zeitweise 20 Personen…

    * * *

    Breit angelegt erzählt Amos Oz die Geschichte einer weitverzweigten Familie, die nach Palästina zu großen Teilen auswandert, während die Familie eines Onkels in Wilna dem Holocaust zum Opfer fällt. Damit gibt er dem Leser einen Einblick in das wenig religiöse, eher säkulare und zionistische Judentum vor, während und nach der Staatsgründung Israels. Dabei springt er ständig vor und zurück und trotzdem hat man nicht das Gefühl, den Faden gleich zu verlieren. Zeitig bemerkt der Leser, dass der Familie des Arie Klausner eine Katastrophe ins Haus steht, das Leben seiner Mutter durchzieht im Gegensatz zu anderen Personen und Familienzweigen das ganze Buch, bis sie sich mit Schlaftabletten das Leben nimmt. Trotz der Tragik: Arie und Amos werden dadurch frei. Für Amos bedeutet dies den Weg in den Kibbuz: raus des dem bürgerlichen zionistischem Mief und weg von den Anhängern der jüdischen Rechten (MenachemBegin). Den Namen Klausner legt er ab und nennt sich von nun an Oz.

    Es ist ein sprachgewaltiges Buch, das zeigt sicherlich der kurze Textauszug etwas weiter oben. Es ist ein Buch eines Autors, der von frühester Kindheit an mit Büchern auf du und du lebte, der verschlang alles was er lesen konnte und hätte noch mehr gelesen, wenn er die Sprachfähigkeiten seines Vater gehabt hätte, doch ließen ihn die Eltern bewusst nicht russisch lernen zum Beispiel, damit er vor allem eins würde: ein Jude in Israel.

    Bezeichnend dafür ist dann eine Szene, in der er beschreibt, dass er „vom Regen in die Traufe kam.“ Sie ist auch bezeichnend für die gegensätzlichen Auffassungen und „Lebensorganisationen“ im nun bestehenden Israel: von den ultraorthodoxen Talmusschülern, den Säkularen, den Rechten, den Linken und der Form einer sozialistischen Kommune eines Kibbuz.

    „Doch in Hulda wurde mir schnell klar, dass selbst die bäuerlichsten Bauern hier bei Nacht Bücher lasen und den ganzen Tag darüber diskutierten. Sie pflückten Oliven und polemisierten dabei wütend über Tolstoj, Plechanow und Bakunin über die permanente Revolution im Gegensatz zur Revolution in einem Land, über Gustv Landauers Sozialismus und über das ewige Spannungsverhältnis zwischen Gleichheit und Freiheit sowie zwischen diesen beiden und dem Wunsch nach Brüderlichkeit….

    Genau wie zu Hause.

    Und ich hatte doch der Welt der Gelehrsamkeit und Debatten, aus der ich stammte, ein für allemal den Rücken kehren wollen, und nun war ich direkt aus dem Regen in die Traufe geraten: ‚Gleichwie ein Mann fliehet vor dem Löwen, und es trifft ihn der Bär.‘ Sicherlich, hier waren die Debattierenden viel braungebrannter als die Tischrunde bei Onkel Joseph und Tante Zippora, trugen Schirmmützen, Arbeitskleidung und schwere Schuhe. Und sie sprachen kein blumiges Hebräisch mit russischem Akzent, sondern ein humorvolles Hebräisch, gewürzt mit galizischem und bessarabischem Jiddisch.“ (Seite 754/755)

    Wer so mit Bücher aufwächst „muss“ förmlich später Professor (1987 – 2005) für hebräische Literatur werden, der Sohn verwirklicht den Traum des Vaters an der Ben-Gurion-Universität Be´er Sheva.[7]

    Szenenfoto (Quelle)
    Die letzten Seiten des Romans gehören Fania Klausner und ihren letzten Tagen und Stunden. Sie stirbt im Jahr 1952. Erst im Jahre 2002, veröffentlicht Amos Oz diese seine Familiengeschichte, er schreibt sich manches förmlich von der Seele. Der Einblick in das bürgerliche gebildete vor allem aschkenasische Judentum ist intensiv und zeigt an diesem Beispiel, dass die Auswanderung das Eine, die Einwanderung das Andere ist. Das Leben der osteuropäischen Juden wird gleichsam vor dem Leser ausgebreitet. Zugleich werfen wir Leser einen Blick in die politischen Umstände der vierziger und fünfziger Jahre vor allem in Jerusalem. Und so wird dieses sehr persönliche Buch zu einem Roman, der Autobiografie und Geschichtsbuch zugleich ist.

    * * *

    Amos Oz, nunmehr Sechsundsiebzig Jahre alt, tritt für die Zwei-Staaten-Lösung ein, da er die Gegensätze wohl für größer hält als die Gemeinsamkeiten der Juden und Araber in Palästina.
    Natürlich war er auch Soldat und nahm als solcher am Sechstagekrieg und am Jom-Kippur-Krieg teil. Sicherlich auch daraus resultiert die Gründung der Friedensorganisation Peace Now bereits in den siebziger Jahren. Er würde zwar gern „eine Zivilisation ohne territoriale Grenzen, beziehungsweise zweihundert Zivilisationen ohne einen einzigen Nationalstaat sehen“, aber im Falle Palästinas glaubt er nicht daran. Dies erklärt er auch auf dem blauen Sofa des ZDF im März 2015.

    * * *

    Ich habe das Buch mit Pausen gelesen. Die unglaubliche Stoffdichte verlangte dies, zumindest von mir. Insofern kann ich dem Satz der Zeitung von ganz oben nicht so zustimmen. Noch länger hat es gedauert, bis ich diese Zeilen hier zusammen hatte. Aber dies unterstreicht nur die Bedeutung eines wunderbaren Buches. Amos Oz kommt mir sicherlich erneut in die Hände.