Eine Frau in New York

Rezensionen zu "Eine Frau in New York"

  1. Eine Frau streift durch New York

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Jul 2020 

    Bei Vivian Gornicks Buch „Eine Frau in New York“ wird vom Verlag als Roman bezeichnet. Tatsächlich haben wir es aber eher mit Literatur zu tun, die kolumnenhaft verschiedene Eindrücke der Autorin auf Streifzügen durch ihre Stadt aneinanderreiht. Wir suchen also vergeblich nach einer Handlung, werden aber bedient mit einer Fülle von Gedankengängen der Autorin beim Anblick ihrer New Yorker Mitbürger und deren Handelns. Diese Gedankengänge und Eindrücke entspringen dem Geiste einer bewussten, feministisch denkenden Frau, die ihrer Zeit (geboren wurde sie 1935) sicher weit voraus war. Aus dieser Sichtweise der Klügeren, Weiter-Entwickelten bewertet sie oft sehr direkt und unbeugsam ihre Mitmenschen. Des Lesers Reise durch New York an der Seite von Vivian Gornick wird in dem Buch deshalb häufig zu einem Ausflug mit einer unerträglichen Besserwisserin. Viele Gedanken sind klug und geben Anreize zum Weiterdenken. Dafür bekommt das Buch für mich ein großes Lob. Allzu oft aber glitten für mich die Gedanken und Bewertungen auch ab in die Einbahnstraße einer Besserwisserin, die mir keinen Anreiz mehr gaben, weiterzudenken, sondern nur meinen Ärger heraufbeschworen. „Ich weiß es besser“ etwa ist eines der Finale einer Beobachtung auf dem Weg durch die Stadt.
    Vivian Gornick wird in Besprechungen immer wieder als eine Suchende bezeichnet. Für mich ist sie das nicht! Wer sucht, muss offen sein für Neues, neue Einblicke, neue Sichtweisen. Das ist sie in meinen Augen in diesem Buch definitiv nicht. Sie ist festgelegt und sucht nur nach Bestätigung, ohne den Geist zu öffnen. Ich kann deshalb dem Buch auch nicht die gute Bewertung geben, die es von anderen fast durchgängig erhalten hat.
    Bei mir überwiegt Ärger und das führt zu 3 mageren Sternen.

  1. Die Seele spiegelt sich in der Stadt spiegelt sich in der Seele

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Jul 2020 

    Dies ist weder Roman noch klassische Biografie, geschweige denn Bekenntnisliteratur oder Seelenstriptease. Das Buch wirkt über Genregrenzen hinweg, getragen von der starken Persönlichkeit einer außergewöhnlichen Frau.

    Es vereint zahlreiche Momentaufnahmen aus dem Leben und den Gedanken der Autorin zu einem losen Konglomerat, bar jeder Einordnung in einen starren Handlungsablauf. Der Bewusstseinsstrom erinnert meines Erachtens mal an Joyce, mal an Woolf, ist letztlich jedoch pur Vivian Gornick.

    Die Stadt ist dabei nicht nur Kulisse und Staffage.
    Nirgendwo sonst als in ihrem ganz speziellen Ambiente hätte dieses Buch entstehen können. Ich schlendere quasi mit meiner guten Freundin Vivian durch New York, und sie erzählt mir dies oder jenes, was ihr gerade einfällt, scheinbar wahllose Erinnerungsfetzen.

    Zwischendurch wird die Unterhaltung intimer, dann springt sie wieder zu einem weniger persönlichen Thema… Dies wirkt vielleicht zunächst wie eine beiläufige Plauderei, entpuppt sich jedoch schnell als keineswegs belanglos. Schöne, starke Sätze, über die sich das Nachdenken lohnt, enthüllen das Bild einer Frau, die hochintelligent, gebildet und selbstbewusst ist.

    Vielen dieser Sätze spüre ich erstmal ein Weilchen nach, bevor der Spaziergang weitergehen kann.
    So fand ich zum Beispiel ihre Gedanken zum Wesen der Freundschaft einerseits und dem Wandel der Erwartungen an die Freundschaft andererseits sehr interessant. Aber es gibt auch Passagen voller Humor, die runtergehen wie warme Butter, und solche mit großartigem Biss, die ich mit diebischer Freude las.

    Sehr oft drehen sich ihre Gedanken um Kultur und Literatur. Verschiedene Schriftsteller spielen eine Rolle, werden zitiert, versinken wieder im Fluss der Unterhaltung. Auch zum Feminismus gibt es natürlich einige Überlegungen – das lädt dazu ein, vieles nachzuschlagen, um mehr zu erfahren.

    Aber natürlich spricht Vivian nicht mit mir, sondern mit Leonard, mit dem sie eine einzigartige Freundschaft verbindet.
    Obwohl beide nichts mehr schätzen als ihre Gespräche, können sie sich nicht allzu oft treffen. Zu sehr ermüden sie sich gegenseitig mit ihrem in Sarkasmus verhülltem Weltschmerz. Zu massiv stürzt ihr hochintelligenter Schlagabtausch sie in depressive Verstimmung. Dennoch ist ihnen ihre Freundschaft diesen Preis wert.

    “In Wahrheit sind wir zwei einsame Reisende, die durch die Landschaft ihres Lebens stolpern und sich gelegentlich an den äußeren Rändern verabreden, um Grenzberichte zu erstatten.”

    Vivian Gornick ist eine echte Grande Dame, die sich mitnichten in süßlicher Nostalgie ergeht.
    Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass sie im Jahr 1935 geboren wurde.

    Vor allem, was Emanzipation und Selbstwahrnehmung als Frau angeht, war sie ihrer Zeit weit voraus. Heute wächst man als Frau mit einer gewissen feministischen Grundausstattung auf; auch wenn man sich selber nicht als Feministin begreift, hat man das Wissen über Emanzipation und sexuelle Selbstbestimmung doch im Hinterkopf. Zu Vivians Zeiten war das noch nicht so, daher musste sie sich vieles selber erst erarbeiten.

    Sie ist eine kluge Frau, und sie weiß es. Sie beobachtet genauer, sie hinterfragt mehr, und auch das ist ihr bewusst. Manchmal mag sie vielleicht besserwisserisch wirken, weil sie das nicht versteckt, aber es ist eine echte Leistung als Frau dieser Generation, sich das Recht dazu einzufordern.

    Man muss und kann Vivian nicht immer mögen, aber das ist sicher auch nicht ihr Anliegen.
    Es ist wundervoll, wie viel Bedeutung sie in alltäglichen Zufalls-Begegnungen auf der Straße findet. Da spielt gar keine Rolle mehr, was ich eigentlich gerade lese – ob Autobiographie, Sammlung von philosophischen Essays oder Lobgesang des urbanen Lebens, in meinen Augen lohnt es sich so oder so.

    “Eine Sache oder auch alle gut zu machen, hätte bedeutet, sich leichtsinnig auf das Leben einzulassen – es mehr zu lieben als meine Ängste –, und das ging einfach nicht.”

    Fazit

    Vivian Gornick, Jahrgang 1935, lässt den Leser ganz ohne Erinnerungskitsch teilhaben an ihren vielfältigen Erfahrungen. Man sollte sich schnell von dem Gedanken verabschieden, hier eine Handlung von A bis Z vorzufinden – oder überhaupt jegliche Art von Struktur.

    Da geht es um Literatur und Gesellschaft, das postmoderne urbane Leben in all seinen Facetten, den Feminismus, dessen Vorstreiterin sie war. Sie lebt von Gesprächen mit Freunden und Begegnungen mit Fremden, zieht Energie aus dem stetigen Wandel ihrer Stadt, New York.

    Da ist alles im Fluss, von Alterssteifigkeit nicht die geringste Spur. Ich bin Vivian Gornick sehr gerne gefolgt auf ihren ziellosen, jedoch niemals sinnlosen Wanderungen durch die Stadt.

  1. City Oddity

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jul 2020 

    New York: eine Stadt die nie schläft, ein gewaltiger Mikrokosmos, voller Gegensätze und gegensätzlicher Menschen. Dort lebt Vivian Gornick, dort begegnet sie Menschen, sucht und findet im heftig schlagenden Herz der Großstadt ihre Ruhe, ihre Bestimmung, ihren Platz.
    Vivian Gornick ist eine US-Amerikanische Journalistin, Literaturkritikern, überzeugte Feministin und Schriftstellerin. Vivian Gornick ist eine Frau in New York. Sie ist „The odd Woman and the City” (wie der Originaltitel des Buchs lautet. Das Buch ist eine „city oddity“, so kurios wie losgelöst, Episoden, die ineinander fließen, Gedanken, die um das große Ganze und die ganz kleinen Alltäglichkeiten kreisen. Die Autorin hat ein reiches Innenleben, sie beobachtet haarscharf und kommentiert mit ehrlichem und zumal auch bissigem Witz. Auf den ersten Blick mag Vivian arrogant wirken, aber damit teilt sie das Schicksal vieler anspruchsvollen, intellektuellen, denkenden Menschen.
    „Ich bin nicht die richtige für dieses Leben“, sage ich.
    „Wer ist das schon?“, sagt er.
    Er, das ist Leonard, ein homosexueller Schriftsteller, Vivians langjähriger Freund und Lebensbegleiter, ein Fixstern in Vivians Leben. Einer der sieht, was sie in ihrem Kopf herumträgt.
    Während Vivian durch die Straßen New Yorks flaniert, beschreibt sie Begegnungen, anrührende wie die Vaterliebe eines Mannes zu seinem beeinträchtigten Kind, skurrill amüsante wie der Dialog mit einer 90-jährigen über verflossene Liebhaber. Der intensive Puls der Stadt wird zu Vivians eigenem Herzschlag.
    Aus der kleinen Welt der jüdischen Bronx, wo die Autorin während der 1940er Jahre aufwuchs, aus der engen Welt der Mutter entwachsen, schildert die Autorin bisweilen sehr offenherzig über ihr sexuelles Erwachsenwerden, vom Wandel eines begehrten zu einem begehrenden Wesen. Sie berichtet von gescheiterten Beziehungen, Märchenprinzdoubletten, von Routinen und Tagträumen.
    Und von der Erkenntnis: „…mit unerwarteter Heftigkeit wurde ich mir nicht der Bedeutung, aber des Wunders der menschlichen Existenz bewusst. Da auf der Straße begriff ich, dass ich dabei war, zu mir selbst zu finden, die Gegenwart in Besitz zu nehmen.“
    „Eine Frau in New York“ ist eine Hommage an die Stadt, an die Freundschaft und vor allem an die unkonventionelle und selbstbestimmte Lebensweise. Ein intellektuelles Memoir gespickt mit klugen und merkwürdigen Sätzen. Ein Buch für das man sich Zeit nehmen muss, dem man die Langsamkeit des Flanierens entgegenbringen muss, um es wertschätzen und genießen zu können.

  1. Hommage an New York

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Jul 2020 

    Vivian Gornick ist mit ihrem Buch „Eine Frau in New York“ eine kleine Perle und Hommage an ihre Stadt New York geglückt. Die lose verknüpften Episoden mit dem Hintergrundrauschen der Großstadt mit ihren Möglichkeiten, Begegnungen und Menschen erlauben dem Leser ein Gefühl für die Autorin und für die Stadt, in der sie lebt.

    In zusammengestückelten Erinnerungsfetzen schreibt Vivian Gornick über Freundschaft, Liebe, Suche und Selbstfindung, manchmal mit journalistisch-distanziertem Blick auf die Menschen, die sie trifft, manchmal voller Nähe und Wärme für diejenigen, die sie begleiten. Sprunghaft und auf den ersten Blick zusammengestückelt begleitet man sie beim Lesen durch ihre Stadt und die Begegnungen, die für Vivian Gornick so essenziell sind. Die Stadt ist der Fluss, in dem alles schwimmt, der alles bewegt, die Stadt duldet und verzeiht, gibt keinen auf, der mit ihr verbandelt ist. Die Stadt liebt ihre Bewohner, sofern sie das nötige Temperament besitzen. Natürlich romantisiert die Autorin hier sehr, aber ich glaube der Vivian Gornick ihre Gefühle, die sie mit der Lebensart einer Stadt verbindet, in der Menschen und ihr Temperament wichtiger sind als gute Jobs und Sicherheit, und es ist großartig, genau dem Gefühl beim Lesen auf die Spur zu kommen.

    Mit äußerst wachen Blick betrachtet Vivian Gornick die Menschen und Situationen. Ich bewundere ihre Intelligenz und ihre Ehrlichkeit dahingehend, dass sie gegenüber dem Leser ihre eigenen Stachel des Unmuts und elitärem Denken zugibt. An anderen Stellen bekam ich beim Lesen Gänsehaut, so achtsam, großzügig und scharfsichtig sind ihre Analysen. Manchmal musste ich laut auflachen über klugen Witz, den sie situationsbedingt erkennt.
    Vivian Gornick betreibt Flanieren und nützliches Alleinsein, getragen von ihrer Stadt, von ihrer Suche nach sich selbst, von ihren Begegnungen, von ihrer Freundschaft und dem großen Gewinn, den sie für sich selbst daraus zieht.
    Das Buch hat mich in den Bann gezogen, nicht zuletzt wegen der sprachlichen Brillanz und wegen ihrer konsequent feministischen Betrachtungsweise.

    Es ist ein wunderbares Buch, wenn man sich darauf einlässt, dass es eben kein Roman ist sondern aneinandergereihte Episoden, die scheinbar nur ganz lose miteinander verknüpft sind aber dennoch einem Pfad folgen, nämlich dem der Stadt New York selbst, der Offenheit und Toleranz, dem Hochhalten der Freundschaft und dem „nützlichen Alleinsein“.

  1. Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Jun 2020 

    Vivian Gornick ist eine in den USA bekannte Schriftstellerin und Feministin. Auf Deutsch ist bisher erst ihr Memoir „ Ich und meine Mutter“ erschienen. Nun ist ihr neues Buch unter dem Titel „ Eine Frau in New York “ auf Deutsch herausgekommen. Es ist kein Roman, sondern wir begleiten die Autorin auf ihren endlosen Fußmärschen durch New York , lesen von Begegnungen mit Freunden und Fremden und nehmen Teil an ihren Erinnerungen und Reflexionen. Das alles wird, scheinbar strukturlos, aneinander gereiht.
    Vivian Gornick, 1935 als Tochter jüdischer Einwanderer in der Bronx aufgewachsen ( „Als Kind in der Bronx zu leben, war, wie in einem Dorf aufzuwachsen.“), hatte schon früh einen Sehnsuchtsort, nämlich Manhattan. „ Hier zu leben, würde bedeuten, dass ich angekommen sei.“ Doch bald musste sie sich eingestehen, „ dass ich mich immer mehr zu einer gesellschaftlichen Randfigur entwickelte.“ Was ihr „ zorniges Herz“ heilen konnte, waren Spaziergänge durch die Straßen der Stadt.
    Dabei hat sie oft gewöhnliche und ungewöhnliche Begegnungen, die sie und uns unterhalten ( z.B. das Gespräch mit einer alten Trotzkistin über die mangelnden Qualitäten ihrer Liebhaber ), aber noch viel mehr Auslöser werden für Reflexionen.
    Die Begegnung im Bus mit einem Vater und seinem extrem missgestalteten, kleinen Sohn, bei der sie Zeugin wird eines intensiven, in Zeichensprache gehaltenen Gesprächs, ist eine der berührendsten Szenen im Buch.
    Oder die kleine Episode, bei der sie einem alten Mann über eine wackelige Planke hilft. Eine menschliche Geste, die keine große Dankbarkeit verlangt. Die führt zu einer banalen, aber trotzdem nicht weniger wahren Erkenntnis: „ ..., dass jeder Mensch, der in Schwierigkeiten gerät, das Recht hat, Hilfe zu erwarten, so wie jeder Zeuge die Verpflichtung, diese Hilfe anzubieten.“
    Eine Einladung bei Bekannten bewertet die Autorin knapp und vernichtend: „ Das Essen ist erlesen, die Konversation dagegen Junk Food.“
    Wir erfahren aber auch manches aus dem Leben Vivian Gornicks, lesen von ihren zwei Ehen und verschiedenen Liebhabern. „Erst nach dem Ende dieser beiden Ehen wurde ich sexuell erwachsen- das heißt, wurde ich mir meiner selbst als einem begehrenden im Unterschied zum begehrten Wesen bewusst.“
    Wir lesen vom problematischen Verhältnis zu ihrer anstrengenden Mutter. „Befreiung von den Wunden der Kindheit ist eine Aufgabe, die nie abgeschlossen ist, nicht einmal im Angesicht des Todes.“
    Sie erinnert sich an die Anfänge des radikalen Feminismus in den siebziger Jahren: „ ...dass wir , ..., primitive Anarchistinnen geworden waren. Wir wollten keine Reform, nicht mal Reparationen; wir wollten das gesamte System zerschlagen, die gesellschaftliche Ordnung zugrunde richten, egal, mit welchen Folgen.“
    Auch zahlreiche weibliche und männliche Schriftsteller und Dichter werden kommentiert und zitiert und in Beziehung zu ihren eigenen Erfahrungen gebracht. Ein Zitat von Winston Churchill z.B. „Es gibt keine dauerhaften Freundschaften, nur dauerhafte Interessen.“ ergänzt Vivian Gornick lapidar mit „ ...er irrt sich, es gibt auch keine dauerhaften Interessen.“
    Sie sieht sich in der Tradition eines Charles Dickens und Victor Hugos, die schon früh die Bedeutung der Großstadt und ihrer Bewohner erkannt haben und in der Nachfolge von Baudelaire und Walter Benjamin, die als „Flaneure“ in die Literaturgeschichte eingegangen sind.
    Dieses Buch ist ein Leseerlebnis, auf das man sich einlassen sollte; ein Buch, das man nicht verschlingt, sondern häppchenweise genießen kann. Manche Passagen haben mich berührt ( das waren dann eher Beobachtungen, weniger Reflexionen ), andere Abschnitte und Sätze haben mich zum Nachdenken gebracht, manche gelangweilt, ab und an erschien mir die Haltung der Autorin zu überheblich.
    „ Eine Frau in New York“ ist ein Buch, das mich nur teilweise erreichen konnte.

  1. Stadtliebe

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jun 2020 

    Kurzmeinung: Dieser Roman ist nicht jedermanns Sache: ich liebte ihn.

    Dieser Roman gehört zu der literarischen Gattung „stream of consciousness“, eine Art des Romaneschreibens, die mit Victor Hugo und Walter Benjamin im 19. Jahrhundert begonnen hat, wie uns die Autorin herself im Buch mitteilt.

    Die Interaktion mit sich und dem Leser, so dass das Buch eine Art Selbstgespräch und Gespräch mit dem Lesenden geworden ist, läßt mich manchmal schmunzeln. Es ist als, ob Vivian zum Tee gekommen sei und mir von ihren letzten Spaziergängen durch die Stadt ihres Herzens und ihrer Seele erzählte. Sie greift dieses Erlebnis heraus, dann jenes, Ähnliches erzähle ich auch, wenn ich von der großen Stadt nach Hause komme.

    Die Uhren ticken anders in der Großstadt. Und besondes in New York, sagt die Autorin, die findet, dass ihre Stadt mit keiner anderen vergleichbar ist. Sie ist die Stadt des Miteinander und des Gegeneinander, immer noch ein Schmelztiegel und nicht totzukriegen, obwohl auch die Autorin über das heutige Aussterben der Urbanität nachgedacht hat, der Mittelstand bricht weg, weil die Unternehmen wegzogen in Billiglohnländer. Aber noch ist New York nicht tot und, wie Vivian glaubt, wird es auch nie sein. Es ist viel zu quirling und lebendig, als dass man sich seine Erstarrung vorstellen könnte. Hoffentlich behält die Autorin Recht!

    Der Roman hat einen großen autobiografischen Anteil: Zehn Kilometer Straße macht die Protagonistin, die eben auch die Autorin ist, jeden Tag. Zur Entspannung und zum Einsaugen des New Yorker Lebens. Ich hätte gerne gewusst, welche Schuhmarke sie bevorzugt trägt! Sie geht mit wachen Augen durch ihre Stadt, liebt sie, hasst sie, liebt sie. Sie bekommt einiges mit und davon erzählt sie in kurzen Sentenzen.

    Weiß man nun nach der Lektüre, wie New York ist? Ja und Nein. „Eine Frau in New York“ ist kein Reiseführer, das Buch gibt "lediglich" eine Seelenlage wieder, vermittelt Schwingungen, Stimmungen. Auf alle Fälle gibt es wieder, wie Vivian Gronick über New York denkt und welche Beziehung sie zu der Stadt hat.

    Aber sie erzählt auch von ihrem inneren Leben, von ihrem literarischen Leben, von Büchern, die sie kennt, von der Kunst, die sie gesehen hat, von ihren Freundschaften und von der Veränderung ihrer eigenen Lebensalter. Wie sie hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte auch die Stadt grundlegend, ja fast radikal, verändert. Ein wenig nostalgisch schaut sie zurück auf die Zeit, als die Plätze und Straßen noch niedlich und sauber waren und alles seine Ordnung hatte.

    Aber letztlich akzeptiert sie die Veränderungen, die geschahen und die geschehen. Sie sagt ja zu den urbanen Veränderungen, New York wurde wurde schmutziger, härter, aber auch realer.

    Eines der letzten Bilder des Buches ist, wie sie sich in einer großen Menschenmenge in einem riesigen Konzertsaal mit Tausender fremder Menschen eins fühlt, allesamt Fremde, die jedoch alle gleichzeitig dasselbe wollen: die Musik in sich aufnehmen, lieben, leiden und leben. Und dieses Gefühl und diese Menschenmenge, das ist New York. Das macht die Stadt aus.

    Fazit: Man muss diese Art Bücher nicht mögen, aber wenn man sich darauf einlässt wird man mit einer einzigartigen Atmosphäre belohnt und begreift amerikanisches Lebensgefühl.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur.
    Verlag Penguin, 2020

  1. ...eine Collage aus Beobachtungen und Gedanken...

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 21. Jun 2020 

    Es fiel mir nicht so leicht, im Buch anzukommen. Das mag daran liegen, dass ich nicht darauf vorbereitet war, dass es kein Roman im eigentlichen, bzw. im von mir erwarteten Sinne ist.

    Nachdem ich mir klargemacht oder vorgestellt habe, dass ich Vivian Gornick in ihrem Alltag oder auf einem ihrer Spaziergänge durch die Straßen New Yorks begleite und dabei ihre Begegnungen, Gedanken und Erinnerungen verfolge, und nachdem ich aufgehört habe, nach einer stringenten Geschichte zu suchen, kam ich besser zurecht. Es gibt hier keinen roten Faden und keine Struktur; es ist eine Collage.

    Die Ich-Erzählerin und Autorin Vivian Gornick erzählt von ihrer seit über 20 Jahren bestehenden Freundschaft mit Leonard und von ihren verschiedenen Begegnungen in New York und sie lässt uns teilhaben an ihren Erinnerungen und Gedanken.

    Obwohl sie zeitlebens in New York gelebt hat, sehnte Vivian Gornick sich immer nach dem „richtigen New York“.
    Aufgewachsen in der Bronx, machte sie schon als Heranwachsende immer wieder Ausflüge in den gleichzeitig nahen und fernen, aufregenden, quirligen und lebendigen Sehnsuchtsort Manhattan.

    Diese Streifzüge durch Manhattans Straßen, in denen sie die Menschen beobachtet, sowie die Unterhaltungen und Begegnungen auf diesen Fußmärschen beruhigen ihren Zorn, verschaffen ihr das Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung und helfen ihr dabei, sich zu sortieren und zu sich selbst zu finden.

    Als Erwachsene zieht sie schließlich an den Ort ihrer Träume, studiert, heiratet einen Künstler und wird Schriftstellerin. Sie lässt sich scheiden, heiratet erneut und lässt sich wieder scheiden.

    „Eine Frau in New York“ ist ein Buch, das ich nicht „in einem Rutsch“ lesen konnte. Nach manchen Absätzen hatte ich das Bedürfnis innezuhalten, um über das Gelesene nachzudenken.
    Manchmal gefiel mir eine Formulierung oder ein Gedanke so gut, dass ich mir die Passage ein zweites Mal vornehmen musste.
    Und manchmal hatte ich einfach keine Lust mehr, weil es mir zu uninteressant abstrakt oder auch zu langweilig wurde.

    Man spürt ihre Freude „an abstraktem Denken in Verbindung mit dem konkreten täglichen Leben.“ (S. 60) und sollte selbst an beidem Freude haben, damit einem das Buch gefällt.

    Manchmal wirkt die Autorin etwas überheblich. So, als stünde sie im Gegensatz zu all denen, die keinen Durchblick haben, über allem.

    Dann wieder formuliert sie auf sympathisch - kluge Weise Gegebenheiten und Wahrheiten, die man ein zweites Mal lesen möchte oder muss, weil es so treffend und schön formuliert ist und zum Nachdenken anregt.

    Mir gefiel zum Beispiel ihr Verweis auf das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse, mit dem sie verdeutlichen wollte, dass viele Menschen immer nur nach der Erbse, dem Störenden und Unangenehmen in ihrem Leben, suchen, anstatt das Hier und Jetzt zu genießen.

    Ich persönlich finde es etwas schade, dass die Autorin so viele Themen anreißt und dann abrupt wieder beendet und zum nächsten geht. Das verhindert ein Eintauchen und eine tiefgründigere und komplexere Auseinandersetzung.
    Aber das ist natürlich dem von ihr gewählten Aufbau des Buches geschuldet und liegt wohl in der Natur der Dinge.
    Vivian Gornick stellt, wie oben beschrieben viele einzelne Vignetten und Ausschnitte nebeneinander. Dabei entsteht kein homogenes Bild, sondern eine zusammengestellte Collage aus vielen Einzelteilen.

    Es stellt sich durchaus die Frage, ob sie ihrem Inneren einfach freien Lauf gelassen hat. Ob ihre Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen schlicht freie Assoziationen sind. Ob die Abfolge der Passagen einem ungesteuerten Bewusstseinsstrom entspricht.

    Ich empfinde es nicht so. Für mich handelt es sich um eine ganz bewusst erschaffene Collage, die weniger natürlich und aus sich kommend als ziemlich „gewollt und gemacht“ auf mich wirkt.

    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Buch seine Freunde findet, aber meinem individuellen Lesegeschmack entsprach es unter’m Strich leider nicht.

    (2,5 von 5 Sterne.
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