Eine fast perfekte Welt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine fast perfekte Welt: Roman' von Milena Agus
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Als Ester noch in Genua lebte, sehnte sie sich nach Sardinien zurück. Nach der wilden, steinigen Landschaft und dem ursprünglichen Leben im Dorf. Nun ist sie zurück in ihrer Heimat, doch die Sehnsucht ist geblieben. Ihrer Tochter Felicita soll es da besser ergehen – und tatsächlich findet sie ihr Glück. Im bunten Hafenviertel von Cagliari fertigt sie Schmuck aus Weggeworfenen und zieht ihren Sohn Gregorio groß – dem das Leben seiner Mutter bald zu eng wird. Poetisch und berührend erzählt Milena Agus von drei Generationen einer sardischen Familie und davon, dass wir alle Voraussetzungen für ein erfülltes Leben in uns tragen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783423282116

Rezensionen zu "Eine fast perfekte Welt: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    Lebenswege

    Ein Blick auf verschiedene Generationen einer sardischen Familie, ein Blick vom Gestern ins Jetzt, ein Blick auf die Geschichte und auf ein anderes Land, ein Blick auf Sardinien und auf Italien und auf einen gewissen Konflikt der beiden Länder, ein Blick auf eine andere Mentalität, eine interessante Mentalität, ein Blick auf das Leben, ein Blick auf die Menschen, ein Blick auf eine nicht perfekte Welt und genauso ein Blick auf Versuche des Umgehens mit dieser nicht perfekten Welt. Es wird in einer unaufgeregten Sprache erzählt, nüchtern berichtend, dennoch liegt aber in diesen Worten eine versteckte Emotionalität, und dieses Buch ist auch durchaus interessant, hat einen ganz eigenen Sog. Man kommt ins Sinnieren über das Leben über diesem Buch, denkt über vergangene Generationen nach und ihr Leben und vergleicht. Interessant gemacht von einer Autorin, die als Kind sardischer Eltern in Genua geboren wurde und heute wieder in Sardinien lebt. Es fließen also genügend biographische Elemente in dieses Buch ein. Genauso wird dieser Roman von einer gewissen Melancholie getragen, vielleicht auch eine eng mit Sardinien verknüpfte Melancholie, dennoch liegt auch eine Kraft in diesen Worten, denn trotz aller Melancholie gibt es auch ein vorwärts gerichtetes Denken. Und trotzdem dieses Buch in einer Gegend des Machismo handelt, strotzt es nur so vor interessanten weiblichen Charakteren und ist auch dadurch recht interessant zu nennen. Denn diese weiblichen Charaktere haben es in sich, sie sind eckig, haben Kanten, sind dickköpfig, aber auch weich, haben alles an sich, um interessante und vor allem glaubhafte Charaktere zu sein. Im Original heißt dieses Buch "Terre Promesse", ins Deutsche übersetzt "Gelobtes Land". Vielleicht ein passenderer Titel, denn diese Suche nach dem gelobten Land zieht sich durch die drei Teile des Buches, die drei Hauptprotagonisten sind Suchende. Doch wo liegt dieses gelobte Land, in der verheißungsvollen Ferne oder in einem Selbst?!?!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Feb 2020 

    Perfekt unperfekt

    „Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort zu leben?“
    Die Welt ist nicht perfekt. Nicht für Ester, die weg will von Sardinien, weg von der Enge der Insel, der Engstirnigkeit der Mutter, die Ester für den Freitod des Bruders verantwortlich macht. Aber auch am Festland, in Genua, später in Padua, Ester findet mit ihrem Raffaele und der Tochter Felicita kein Glück, weil die Familie anders ist als die Städter. Raffaeles Welt war geprägt vom Krieg, vom Hass gegen den Faschismus, vom Gefangenlager, aber auch von der unbändigen Kraft der Musik.
    Felicita, der Tochter fehlt ein Akzent am kleinen a zu ihrem Glück. Selbst als die Familie nach Sardinien zurückkehrt und sich Felicita verliebt. In Sisternes, den Sohn aus reichem Haus, der sie nur für seine Lust benutzt und Felicita das mit Liebe verwechselt.
    Und schließlich Gregorio, Felicitas Sohn, das besondere Kind, der Musiker, der den Schritt wagt, nach Amerika zu gehen und dort auch kein Glück findet.
    „Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort zu leben?“
    Die Welt ist nie perfekt, nicht auf Sardinien, nicht am italienischen Festland, nicht in New York. Auch wenn das Gras überall anders viel grüner scheint als dort, wo man gerade ist. Was Ester nicht schafft, bringt Felicita zustande. Sie findet Befriedigung im Kleinen, auch wenn es lange, lebenslange dauert.
    Milena Agus hat mit ihrem Roman „Eine fast perfekte Welt“ eine besondere Liebeserklärung an Sardinien geschrieben. Wie schon in ihren anderen Romanen (Die Frau im Mond, Die Flügel meines Vaters) sind vor allem ihre Frauenfiguren komplex und kompliziert. Diese Frauen handeln nicht immer nachvollziehbar, bewegen sich oft am Rande des Absonderlichen, perfekt unperfekt , getrieben von Sehnsüchten und dem Bestreben nach Erfüllung. Milena Agus beschreibt, aber sie bewertet nicht, lässt den Leser allein mit der Interpretation, was manchmal schwerfällt. Ester, Felicita, die alte (Groß)mutter, Felicitas Freundin in Cagliari, sie alle stehen der kargen Schönheit, der schroffen und pittoresken Insel Sardinien in nichts nach.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Feb 2020 

    großartig

    "Eine fast perfekte Welt" von Milena Agus ist ein tolles Lesevergnügen. Auf knapp 200 Seiten schildert die Autorin eine Art Familiengeschichte im Zeitraffer.
    "Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort zu leben?"
    In Sardinien zu leben, Armut, wenig Komfort, keine Entfaltungsmöglichkeiten, strenge Familiensitten ... es ist kein Wunder, dass Ester sich schon als junges Mädchen weg träumt. Wie schön muss es woanders sein! Vor allem könnte man in der ferne, weit weg von Sardinien, endlich glücklich werden!

    Wir begleiten Ester zu verschiedenen Orten Italiens, aber nirgends ist das Glück. Letztendlich überwiegt das Heimweh, denn nur in Sardinien kann man glücklich werden, und wir reisen zurück.
    Esters Tochter hingegen ist von klein an überall glücklich, denn überall gibt es einzigartige Dinge, Farben, Gerüche, denen Glück innewohnt.

    Dieser Roman hat nicht nur einen wunderbar humorvollen, manchmal schon fast ironischen Schreibstil, er berührt mit Schicksalsschlägen, mit Wendungen und mit wunderbaren Romanfiguren.
    Ich habe laut gelacht, hier und da fassungslos gelesen, ab und zu ein Tränchen weggewischt, oft aber das Buch in den Schoß gesenkt, um nachzudenken.
    Hält mir die Autorin da ganz geschickt den spiegel vor´s Gesicht? Erkenne ich mich da wieder? Ist "Glück" und die Fähigkeit "glücklich zu sein" angeboren? Muss man naiv und blauäugig sein, um überhaupt glücklich sein zu können? Warum verbinden wir ein "glückliches Leben" so oft mit einem bestimmten Ort? Was braucht der Mensch überhaupt, um glücklich zu sein?

    So ein warmherziger, berührender Roman, der fesselt, raffiniert immer wieder an den entscheidenden Punkt kommt, habe ich schon sehr lange nicht mehr gelesen.
    Für mich ist dieses Buch eine ganz besondere Perle. Ich hoffe inständig, dass ich manche Zeile noch längere Zeit mitnehmen kann, wenn nicht, werde ich es wohl wieder und wieder lesen.