Eine Farbe zwischen Liebe und Hass

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine Farbe zwischen Liebe und Hass' von Zentner, Alexi
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass"

Seine Familie glaubt an die Überlegenheit der weißen Rasse, und damit scheint für den jungen Jessup alles entschieden. Doch nach der Rückkehr seines Stiefvaters aus dem Knast und einem tragischen Unfall muss er endlich selbst Antworten finden auf die Fragen: Was glauben, wem folgen, wen lieben? Alexi Zentner hat einen Anschlag von Neonazis auf sein Elternhaus in Literatur verwandelt. Gegen Hass und Gewalt setzt er die Kraft des Erzählens. Gegen Hetze und Fanatismus die Fähigkeit, sich einzufühlen, in einen jungen Mann auf der anderen Seite … Eine Farbe zwischen Liebe und Hass ist ein augenöffnendes Familienporträt, ein packender Coming-of-Age-Roman, eine Geschichte über Loyalität, Zugehörigkeit und die Gefühle in den dunkelsten Ecken des heutigen Amerikas.

Format:Broschiert
Seiten:376
Verlag:
EAN:9783518469965

Rezensionen zu "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass"

  1. Ein beschriebenes Blatt

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Jul 2020 

    Jessup ist siebzehn, ein sehr guter Schüler. Er liebt Football und seine Freundin Deanne. Ein junger talentierter Mann, dem nach der High School der Weg auf ein College offensteht. Wäre da nicht sein älterer Bruder Ricky, der zwei schwarze Studenten zu Tode geprügelt hat und eine sehr lange Haftstrafe dafür abbüßen muss. „White Trash“, so nennt man Menschen wie Jessup und seine Familie. Sie wohnen in einem Trailer, sie gehören nicht zu den gut situierten Bewohnern von Cortaca, einer kleinen (fiktiven) Universitätsstadt. Dennoch könnte Jessup alle Chancen haben. Wäre da nicht ein besonderes Footballspiel, eine hässliche Auseinandersetzung, ein Unfall, der für einen schwarzen Jungen tödlich endet.

    Der amerikanische Autor Alexi Zentner steckt viel Herzblut in seinen Roman „Eine Farbe zwischen Liebe und Hass“. Im Vorwort zum Buch berichtet Zentner über seine eigene Familie, seine Mutter, die sich stark gegen Rassismus und Antisemitismus engagierte. Als Zentner 18 Jahre alt war, warfen Neonazis eine Brandbombe auf das Haus seiner Eltern. Seither stellte er sich die Frage, ob Hass genauso kompliziert sei wie Liebe, wie sich sein Leben unter einem anderen Leitstern entwickelt hätte, was nötig ist, ein guter Mensch zu sein, zu werden. Welche Fehler machen wir, was für Narben tragen wir davon?

    Mit Jessup hat Alexi Zentner einen Protagonisten geschaffen, der sich auch all diese Fragen stellen muss. Ein Protagonist aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf Rassenhass und Ausgrenzung.

    Jessup will nicht so sein, wie die Leute denken, dass er sein müsste. Will nicht wie sein Bruder sein, nicht wie sein Stiefvater David John, der als Beitragstäter bei Rickys Tat vier Jahre im Gefängnis verbüßt hat und gerade aus der Haft entlassen wurde. Jessups Familie ist eine Paradebeispiel für den weißen Abschaum, für asoziales Pack. Drei Kinder hat Jessups Mutter, alle von verschiedenen Männern. Erst mit David John wird sie beständig. David John hatte ein gutes Auskommen als Installateur, er pocht auf Ordnung und tadellose schulische Leistungen. David John, der versucht Ricky und Jessup ein guter Vater zu sein, und seiner leiblichen Tochter Jewel erst recht. Was niemand sieht, sind, die großflächigen Tätowierungen mit Nazi-Symbolen am Rücken. David John der so zum Vorbild für Ricky wird. Brennendes Kreuz, reines Blut, 88. Jeden Sonntag geht die Familie in die „Heilige Kirche des weißen Amerikas“, deren Vorstand David Johns Bruder Earl ist. Nur Jessup hat seit Rickys Verhaftung keinen Fuß mehr in diese Kirche gesetzt. Ricky distanziert sich von all dem nationalistischen, rassistischen Gedankengut. Sein Football Coach, den Jessup respektiert, ist schwarz. Deanne, Jessups Freundin, ist die Tochter des Coach. Seine guten Leistungen sind Jessups Ticket raus aus Cortaca und doch klebt das Etikett „Rassist“ an ihm.

    „Kleinstadt, Kleinstadt, Kleinstadt. Hier ist niemand ein unbeschriebenes Blatt.“

    Jessups Blatt wird noch mal neu geschrieben, als bei einem unglücklichen Unfall ein schwarzer Junge stirbt. Richtig, oder falsch, Jessup muss eine Entscheidung treffen. Er wendet sich an „seine“ Leute, seinen Stiefvater, der wiederum an den Prediger Earl.

    Was dann passiert ist ein Meisterstück an Polemik und politischer Inszenierung. Unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe, einer eigenwilligen Interpretation der Bergpredigt der - einer für Rechtsradikale nicht untypische Verhaltensweise – Opferumkehr, wird Jessup instrumentalisiert.

    „Wie kannst du von Liebe reden und einer Kirche angehören, die Hass predigt?. Wie kannst du mir sagen, dass Jesus mir helfen wird, weil er alle seine Kinder liebt, und hast diese Tätowierungen am Rücken?“

    Alexi Zentner richtet sich in diesem Buch ganz klar gegen Rassismus Doch nur wer außerhalb seiner Blase hinschaut und zuhört, grenzt nicht aus, kann die Zwischentöne zwischen Liebe und Hass sehen und argumentieren, um Sichtweisen zu ändern, Standpunkte zu verrücken. #blacklivesmatter ist gerade brandaktuell. Die Stimmen der afroamerikanischen Gemeinschaft setzen sich laut ein gegen Ungerechtigkeit und werden gehört. Hier gibt Alexi Zentner der anderen Seite eine Stimme. Auch wenn es ungewohnt ist, lohnt es sich darauf einzulassen.

  1. Wer wir sein wollen...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Mär 2020 

    Seine Familie glaubt an die Überlegenheit der weißen Rasse, und damit scheint für den jungen Jessup alles entschieden. Doch nach der Rückkehr seines Stiefvaters aus dem Knast und einem tragischen Unfall muss er endlich selbst Antworten finden auf die Fragen: Was glauben, wem folgen, wen lieben?

    Alexi Zentner hat einen Anschlag von Neonazis auf sein Elternhaus in Literatur verwandelt. Gegen Hass und Gewalt setzt er die Kraft des Erzählens. Gegen Hetze und Fanatismus die Fähigkeit, sich einzufühlen, in einen jungen Mann auf der anderen Seite … Eine Farbe zwischen Liebe und Hass ist ein augenöffnendes Familienporträt, ein packender Coming-of-Age-Roman, eine Geschichte über Loyalität, Zugehörigkeit und die Gefühle in den dunkelsten Ecken des heutigen Amerikas.

    "Ich wollte erkunden, wie Hass die Liebe verkompliziert, wie die Liebe uns blind machen kann für die Gefahren um uns herum, und wie Rassismus und Hass auch in den Leben derer wirken, die denken, sie haben sich auf niemandes Seite geschlagen." (S. 7)

    Dieses Zitat stammt aus dem kurzen Vorwort des Autors, das bereits sehr eindrücklich war und mich mit einer leisen Gänsehaut zurückließ. Dann: tief durchatmen und eintauchen in die Geschichte. Erzählt wird das Geschehen aus Sicht des 17jährigen Jessup, der mit seiner Familie in einem Trailer in Cortaca im Staat New York wohnt. Sein Stiefvater sitzt seit vier Jahren im Gefängnis, weil er genau wie Jessups Bruder an der Tötung von zwei Afroamerikanern beteiligt war - Notwehr, wie Videoaufnahmen eigentlich darlegen. Aber hier wurde offensichtlich ein Exempel statuiert.

    Denn Jessup gehört, wie der Rest seiner Familie auch, der "Heiligen Kirche des Weißen Amerika" an, einer rassistischen Vereinigung, die im Namen Gottes auf die Rechte der Weißen pocht. Vor diesem Hintergrund war der Prozess gegen Jessups Bruder und Stiefvater kein fairer, alles wurde unter dem Vorwurf des Rassismus beleuchtet, die Aussage des Videos heruntergespielt.

    "Wir versuchen niemandem etwas wegzunehmen. Wir wollen nur unsere von Gott gegebenen Rechte. Wenn wir uns nicht gegen die umgekehrte Diskriminierung zur Wehr setzen, bleibt uns am Ende nichts." (S. 279)

    Jessups Familie ist arm. Seit sein Stiefvater im Gefängnis sitzt, hat sich der nun 17Jährige bemüht, seine Familie so gut wie möglich zu unterstützen. Er ist fleißig in der Schule, denn sein Ziel ist eine gute Ausbildung, er erzieht seine kleine Schwester mit so gut es geht, er hat zwei Minijobs, um einen dringend benötigten finanziellen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie zu leisten, und er geht jagen, um den Gefrierschrank im Trailer stets gefüllt zu halten. Und Jessup hat eine heimliche Freundin, Deanne, die Tochter des Coaches seiner Footballmannschaft, eine Afroamerikanerin.

    Nun jedoch gerät das fragile Gleichgewicht seines Alltags ins Wanken, denn sein Stiefvater wird aus dem Gefängnis entlassen. Sofort erinnern sich alle in der kleinen Stadt an den Vorfall, und fortan wird alles, was Jessup tut oder lässt, in diesem Licht beleuchtet: er ist Teil einer rassistischen Familie und Gemeinschaft. Und egal, wie Jessup sich verhält: nichts davon erscheint mehr richtig.

    "...und Jessup, egal, was er auf dem Spielfeld leistet, egal, was er in der Schule leistet, wird auf ewig in die falsche Familie hineingeboren sein, wird sich auf ewig auf der falschen Seite wiederfinden. So wie ihn alle anstarren, weiß Jessup, dass er hier nicht gewinnen kann." (S. 106)

    Die Lage spitzt sich zu, als ein Unfall geschieht - ein Unfall mit fatalen Folgen. Jessup weiß nicht, wie er sich verhalten soll, gerät zwischen die Fronten, wird als Politikum genutzt - hüben wie drüben. Hass gegen Hass, Fronten stoßen aufeinander, Jessup mittendrin. Er weiß nicht, wie er dem Dilemma entkommen kann, liebt seine Familie, will und kann sich nicht gegen sie stellen.

    Doch wer will er eigentlich sein?

    "...ist es nicht natürlich, mit Menschen zusammen sein zu wollen, die wie man selbst sind?" (S.97)

    Auch wenn der Einstieg in den Roman nicht ganz leicht fiel, weil hier ausführliche Passagen eines Footballspiels geschildert wurden, mit denen ich persönlich wenig anfangen konnte, empfand ich gerade das erste Drittel als absolut eindringlich. Die Innensicht Jessups, seine Rückblenden, versetzten mich zunehmend in seine Situation - und damit in eine Lage zunehmender Ausweglosigkeit.

    Das war teilweise derart bedrückend, dass ich das Buch trotz der kurzen Kapitel und des eingängingen Schreibstils immer wieder weglegen musste, um später wieder in kleinen Portionen weiterzulesen. Wie Jessup auch sah ich ihn unweigerlich ins offene Messer rennen, wollte die Zeit anhalten, musste es doch geschehen lassen. Jessup hat viel zu verlieren, Freundschaften stehen auf dem Prüfstand, seine Hoffnung auf ein anderes Leben abseits vorgefertigter Schulbladen, seine Liebe zu Deanne, seine Familie...

    Ich war fast erleichtert, als sich der Blickwinkel ab dem zweiten Drittel des Romans etwas erweiterte. Zwar stand Jessup auch weiterhin im Fokus des Geschehens, doch die Geschehnisse um ihn herum nahmen jetzt einen breiten Spielraum ein. Dadurch konnte ich mich von dem Gefühl der Ausweglosigkeit etwas distanzieren - und wie Jessup fassungslos mitansehen, welche Folgen der faltale Unfall letztlich nach sich zog.

    Alexi Zentner hat einen Roman wider den Rassismus geschrieben, dabei eine ungewöhnliche Perspektive gewählt. Dadurch wird ungemein deutlich, wie Hass Gegenhass gebiert, dem einen Rassismus ein weiterer gegenüber gestellt wird. Und es wird klar, wie wichtig es ist, eine klare Position zu beziehen - auch Stillhalten signalisiert ein Einverständnis. Der Preis, den es kostet, sich dem entgegenzustellen, was nicht richtig sein kann, wird allerdings ebenso deutlich.

    Ein sehr eindringlicher Roman, der auch ein anderes Ende vorstellbar macht, dessen Auflösung mich aber berühren konnte. Ich will hier mit demselben Zitat enden wie der Autor in seinem Roman, denn nichts könnte ein besseres Schlusswort bilden:

    "Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen wegen seiner Hautfarbe, seiner Lebensgeschichte oder seiner Religion zu hassen. Menchen müssen zu hassen lernen, und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann man sie auch lehren zu lieben, denn Liebe empfindet das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil." [Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit] (S. 377)

    Unbedingt lesen!

    © Parden

  1. Keine leichte Kost, aber lesenswert

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Mär 2020 

    Ich habe ein wenig gebraucht, um mich mit diesem Buch anzufreunden.

    Es geht um den 17jährigen Jessup, ein guter Schüler und Footballstar, der aus einfachsten Verhältnissen kommt. Er könnte es zu etwas bringen, stünde ihm nicht seine Herkunft im Wege. Seine Familie ist eng mit der Heiligen Kirche des Weißen Amerikas verbunden, einer Gemeinschaft, die rassistisches Gedankengut mit dem Christentum verquickt und einen heiligen Rassenkrieg anstrebt.

    Jessup ist in dieser Welt aufgewachsen, kennt es nicht anders. Es ist eine Gemeinschaft, in der es strenge Regeln gibt, in der man aber auch für einander da ist. Trotzdem versucht er sich zu distanzieren, seitdem sein Bruder im Gefängnis gelandet ist. Wer mit der Heiligen Kirche des Weißen Amerikas verbunden ist, dem wird alles zugetraut, der kann hundert Mal seine Unschuld beteuern, man glaubt ihm nicht.

    Der Stil ist plastisch und intensiv, aber auch etwas sperrig. Man muss sich einleben.

    „Viertel vor sieben geht die Sonne auf. Reines Licht schneidet flach über die Bäume. Die Luft ist grau und trüb, es ist wieder kälter geworden, der Himmel hängt voller schwerer Wolken. Geballte Feuchtigkeit, früher Schnee, der kurz davor steht zu fallen. Zwischen den Bäumen, wohin die Sonne kaum reicht, erkennt er trotz der Wärme gestern und dem Nieselregen hier und da noch etwas Schnee von Freitag und Samstag.“

    Solche Passagen sind ausdrucksstark, man hat aber trotzdem immer wieder das Gefühl, da ist ein bisschen zu viel von allem, zu viele Einschübe, zu viele Wiederholungen, es zieht sich ein wenig. Vielleicht hätte man auch dem ein oder anderen Einwurf einen eigenen Satz gönnen sollen.

    Die Geschichte ist mitreißend. Man leidet mit Jessup, der immer tiefer in die Zwickmühle gerät. Loyalität zur Familie und alten Freunden steht gegen Vernunft und Menschlichkeit. Seine Freundin Deanne ist schwarz, die liebt er auch. Soll das verboten sein?

    Ein tragisches Dilemma in mehrfacher Hinsicht, das anrührt und ein nahezu geniales Buch sein könnte. Leider kommt es nicht ohne amerikanisches Pathos aus. Zum Ende hin wird ein bisschen sehr dick aufgetragen.

    Fazit: Ein fesselndes, aufwühlendes Buch, das Rassismus mal aus einem ungewohnten Blickwinkel beleuchtet. Keine leichte Kost, aber lesenswert.