Eine amerikanische Familie: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine amerikanische Familie: Roman' von Lionel Shriver
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

USA im Jahr 2029. Der Dollar ist kollabiert und durch eine Reservewährung ersetzt. Wasser ist kostbar geworden. Und Florence Mandible und ihr dreizehnjähriger Sohn Willing essen seit viel zu langer Zeit nur Kohl. Dass es Florence trotz guter Ausbildung so schwer haben würde, ihr Leben zu meistern, hätte niemand aus der Familie gedacht. Doch als die Mandibles alles verlieren und in einem Park Unterschlupf suchen müssen, sind es nicht die Erwachsenen, sondern Willing, der mit Pragmatismus, Weitsicht und notfalls auch krimineller Entschlossenheit dem Mandible-Clan wieder auf die Beine hilft … Scharfsinnig und ironisch erzählt Lionel Shriver von den Konsequenzen von Globalisierung und Nationalismus – eine beängstigende Zukunftsvision und ein komischer, liebevoller, fesselnder Familienroman.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:496
Verlag: Piper
EAN:9783492058216

Rezensionen zu "Eine amerikanische Familie: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Feb 2018 

    Amerikas Wirtschaft bricht zusammen

    Amerika(s Wirtschaft) geht den Bach runter - eine abstrakte Floskel, die in Lionel Shrivers Roman "Eine amerikanische Familie" Wirklichkeit wird. Welche Auswirkungen Schulden, Inflation und Geldpolitik auf den Mikrokosmos einer Familie haben können, demonstriert die Autorin mit einem unnachahmlichen und sehr vergnüglichen Sarkasmus.
    Der Roman setzt im Jahre 2029 ein, also quasi demnächst. Von ferner Zukunft kann man nicht sprechen, steht sie doch fast vor unserer Tür.
    Am Beispiel der Familie Mandible kann man sich ungefähr vorstellen, was mit dem Einzelnen passiert, wenn das Große und Ganze zusammenbricht.
    Die Mandibles des Jahres 2029 haben sich halbwegs mit dem Alltag, der aus der verqueren Finanzpolitik Amerikas resultiert, arrangiert. Vieles, was sich in den Jahren zuvor bereits angekündigt hat, ist in 2029 Wirklichkeit geworden. Doch immer noch herrscht bei vielen Amerikanern das Verständnis, ihr Land sei heimlicher Herrscher dieser Welt. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Weltpolitik hat sich geändert. Amerika wird in der Welt nicht mehr ernst genommen, der Dollar hat seinen Status, diejenige Währung zu sein, die die Weltwirtschaft dominiert, verloren. Amerika kann mit den anderen Ländern nicht mehr mithalten, China hat jetzt das Sagen. Dank einer eigentümlichen Schuldenpolitik, verabschiedet sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in die Isolation. Es gibt weder Export noch Import. Die Inflation schießt in unendliche Höhen.

    "Seit Monaten schon beschrieben die Moderatoren die Ereignisse mit Begriffen wie Krise, Kollaps, Katastrophe und Kalamitäten, bis ihnen die K-Wörter ausgingen. Worte wie Unheil, Debakel, Verheerung, Not, Tragödie, Drangsal und Leiden verloren ihre Bedeutung, sie funktionierten nicht mehr, bezeichneten Erfahrungen, die nichts Besonderes waren. So litt auch die Sprache unter einer Inflation, und als sich alles immer noch weiter verschlechterte waren die Fernsehleute praktisch aufgeschmissen." (S. 272)

    Die derzeit 4 Generationen der Mandibles haben bis jetzt ein normales, mehr oder weniger sorgenfreies Leben geführt, da sie es zu mehr oder weniger Wohlstand gebracht haben. Den einzigen Ausreisser bildet der Älteste der Sippe, Urgroßvater TGM (Toller großer Mann), der es in jüngeren Jahren durch geschickte Spekulationsgeschäfte und Investitionen zu sehr viel Vermögen gebracht hat, und somit der Hoffnungsträger für die Zukunft der anderen Familienmitglieder ist, winkt doch eine hohe Erbschaft.
    Doch die Inflation macht TGM und seinen Nachkommen einen Strich durch dir Rechnung. Innerhalb kürzester Zeit steht die Familie am finanziellen Abgrund. Sie sind gezwungen näher zusammenzurücken. Familienmitglieder, die sich früher geliebt und gehasst haben, die sich gern besucht haben, aber auch froh waren, wenn die Verwandschaft wieder weg war, müssen auf einmal auf engstem Raum zusammenleben. Das birgt Zündstoff, insbesondere, wenn die einzelnen Familienmitglieder einen unterschiedlichen Umgang mit der Krise pflegen. Optimisten treffen auf Pessimisten. Da sind diejenigen, die nicht wahr haben wollen, dass Amerikas Wirtschaft in den Supergau geschliddert ist, und diejenigen, die ahnen, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Da sind diejenigen, die nicht die nötige Sparsamkeit im Umgang mit dem wenigen, was die Familie noch hat, an den Tag legen, und diejenigen, die zum Hamster mutieren und eine hohe Erfindungsgabe beweisen, wenn es darum geht, die Familie am Leben zu erhalten.

    "Avery fühlte sich wie eine Idiotin. Sie war stolz darauf, angesichts der zu meisternden Schwierigkeiten eine gewisse Cleverness im täglichen Überlebenskampf entwickelt zu haben. Doch trotz all der abgebrochenen Fingernägel, weil sie jetzt selbst mit anfasste, flatterte da offenbar noch der Washingtoner Gesellschaftsschmetterling in ihr. Sie schien nach wie vor in einer Welt von Essensverabredungen, Kaffeekränzchen und Sammelaktionen für die Brustkrebsforschung zu leben, einer Welt, in der das Schlimmste, was einem passieren konnte, ein Gast war, der mit einer beleidigend billigen Flasche Rotwein zum Essen kam." (S. 330)

    Einer der Realisten der Familie ist Willing, mit seinen 13 Jahren einer der jüngsten der Mandibles und ein Jugendlicher, der so völlig anders ist als andere Jugendliche seines Alters. Willing hat vor der Wirtschaftskrise Dinge getan, die andere als merkwürdig empfanden: Er hat sich für Amerikas Politik interessiert. Daher war er auch in der Lage, das Chaos und die Auswirkungen auf den Alltag vorherzusagen. Nur keiner hat ihm geglaubt, war er ja nur ein Jugendlicher mit verrückten Ideen. Zumindest seine Mutter Florence erkennt, dass er in den schrecklichen Zeiten zu einem Überlebenskünstler wird, an dem man sich durchaus orientieren sollte.
    Der erste Teil des Romanes endet damit, dass die Großfamilie gezwungen ist, ihr Haus aufzugeben und in den nächstgelegenen Stadtpark zu ziehen, wie viele andere Familien auch. Was dort passiert, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
    An dieser Stelle gibt es in dem Roman einen Cut. Die Handlung setzt etwa 20 Jahre später wieder ein. Die Kinder Willing und seine Cousins und Cousinen sind erwachsen geworden. Dank einer stringenten Politik hat Amerika sein Chaos in den Griff bekommen. Doch der Alltag in Amerika nimmt Orwellsche Ausmaße an. Die Meisten nehmen dies hin und versuchen sich mit dem neuen Leben zu arrangieren. Einige wenige - wozu auch Willing gehört - begeben sich auf die Suche nach einem besseren Ort in diesem verrückten Land.

    "'Die Amerikaner leiden nicht unter Depressionen, .... Sie wollen nur die Wahrheit nicht sehen. Alle denken, wir befänden uns in einer vorübergehenden Krise und dass wir morgen wieder anfangen, in Cafés zu sitzen und Cappuccino zu schlürfen. Unsere früheren Wirtschaftskrisen waren auch irgendwann vorbei. Im schlimmsten Fall sorgen wir uns um ein 'verlorenes Jahrzehnt'. Der Gedanke, alles zu verlieren und einen fortdauernden, unumkehrbaren Abstieg zu erleben, passt nicht zur Psyche dieses Landes.'" (S. 279)

    Lionel Shrivers Roman ist ein Lehrstück der Ökonomie. Auf sehr amüsante und anschauliche Weise zeigt sie auf, wie die Prozesse innerhalb eines Wirtschaftssystem ineinandergreifen und welche Konsequenzen eine abstrakte Finanzpolitik auf den Mikrokosmos eines Familienalltags hat. Der amerikanische Traum wird zum Albtraum. Verzweiflung wird zum ständigen Begleiter im Leben der Familie Mandible. Die Autorin bedient sich dabei eines genüsslichen und manchmal süffisanten Sprachstils, der diesen Roman, den man fast schon als Dystopie bezeichnen kann, sehr amüsant und unterhaltsam macht. Man kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus. Insbesondere, wenn Familiencharaktere aufeinanderprallen und die Eitlen unter ihnen dabei manches Mal abgewatscht werden.
    Alles in allem ist dieser Roman ein großer Spaß, jedoch mit ernstem Hintergrund, der zum Nachdenken anregt und den Leser mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Am Ende wird sich der Gedanke einschleichen, dass nicht viel fehlt, damit der hier skizzierte Albtraum zur Wirklichkeit wird.
    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Feb 2018 

    Mandible

    Amerika in einer nicht ganz so fernen Zukunft, das Land ist überschuldet und der Dollar verliert immer mehr an Wert. Die Familie Mandible hat sich immer abgesichert geglaubt. Ihr großer Übervater der 100jährige George ist ein Finanzmagnat und das Geld der Familie ist sicher angelegt. Wenn es also einzelne Familienmitglieder nicht zu großem Reichtum bringen, so ist doch irgendwann ein Erbe zu erwarten. Wenn schon nicht die Gegenwart so scheint doch wenigstens die Zukunft gesichert - bis der Dollar zusammenbricht und der Staat Maßnahmen ergreift, um sich das letzte Quäntchen finanziellen Spielraum zu erhalten. Genau in diesem Moment ist Florence diejenige, die den anderen mit ihren schmalen Mitteln unter die Arme greift.

    Eine Familie am Rande des Untergangs, wäre da nicht Florence` Sohn Willing, dessen innovative Ideen, präzise treffenden Analysen und außerordentliche Überzeugungskraft die Familie auf neue Wege führen. Doch bevor es soweit kommt, muss man einen beispiellosen Untergang einer großen Nation erleben, der keinen der Bürger unberührt lässt. Erst hofft man noch, die Katastrophe werde vorüber gehen und die Normalität werde sich durchsetzen. Schnell jedoch wird klar, es ist ein sehr tiefes Tal, das zu durchwandern ist. Schwer ist es, die Familie wird ungeahnten Gefahren ausgesetzt und muss den finanziellen Absturz verkraften.

    Etwas sperrig lässt sich die Lektüre an, vielleicht auch, weil es teilweise schwer zu ertragen ist, wie schnell gewachsene Strukturen zusammenbrechen, derer man sich sicher war. Eine Art Staatsdiktatur melkt das Letzte aus den Menschen heraus. Und jedes Mal, wenn ein Fünkchen Hoffnung aufkeimt, die Situation könne sich entspannen, kommt der nächste Hammer. Wie ein kleines zartes Pflänzchen, das sich in seinem Wachsen nicht beirren lässt, wirkt Willing, der erst 13jährige, der als einziger erkennt, wie der Hase läuft. Je mehr man dieses gewitzte Kerlchen versteht, desto mehr kann man sich mit dem Roman anfreunden. Eine stille Stütze ist auch die alte Nollie, die aus Europa kommend, in den Schoß der Familie zurück findet. Nollie, die trotz ihres Alters jugendlicher und fortschrittlicher wirkt als die meisten anderen Familienmitglieder.

    In Zeiten eines extremen Umbruchs wird eine Familie auf sich selbst zurückgeworfen und überlebt. Eine Art Utopie, die hoffentlich eine Utopie bleibt, die jedoch manchmal erschreckende Parallelen zur Wirklichkeit aufweist. Ein Roman, durch den man sich ein wenig kämpfen muss, der zum Nachdenken anregt und der so schnell nicht loslässt.