Ein Winter in Paris: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Winter in Paris: Roman' von Jean-Philippe Blondel
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Victor hat die Provinz hinter sich gelassen und ist zum Studium nach Paris gezogen. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, der Druck an der Uni ist hoch. Victor ist einsam und fühlt sich unsichtbar. Einzig mit Mathieu, einem Jungen aus dem Kurs unter ihm, raucht Victor hin und wieder eine Zigarette. Als Mathieu in den Tod springt, verändert sich für Victor alles. Plötzlich wird er, der einzige Freund des Opfers, sichtbar. Seine Kommilitonen interessieren sich plötzlich für ihn, und langsam entwickelt er zu Mathieus Vater eine Beziehung, wie er sie zu seinem eigenen Vater nie hatte. "Ein Winter in Paris" ist ein sensibles und zärtliches Buch über das, was uns Menschen zusammenhält.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
EAN:9783552063778

Rezensionen zu "Ein Winter in Paris: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Okt 2018 

    Sensibel, melancholisch, wunderschön

    Einfühlsam zeichnet Jean-Philippe Blondel in seinem neuen Roman den Verlauf nach, den das Leben des 19-jährigen Victors während und nach einem schicksalhaften Winter in Paris nimmt.
    Eine zentrale Rolle spielt dabei die Vorbereitungklasse des renommierten Lycée D., an deren Ende der sogenannte Concours steht. Wer diesen besteht, studiert an einer der Grandes Ecoles. So findet Victor, der Junge aus der Provinz, sich zwischen der französischen Elite wieder. Anders als die anderen ist er nicht zwischen Kunst, Literatur und Theater aufgewachsen. Und die ungeschrieben Gesetzte, nach denen sie sich kleiden, sprechen, sich verhalten sind ihm fremd. So ist er ist einsam, außen vor, unsichtbar.
    Wider aller Erwartung gelingt es ihm, das erste Jahr zu überstehen und in das zweite Jahr zu wechseln. So trifft er auf Mathieu, ein Jahr jünger als er, ebenfalls aus der Provinz. Sie sprechen nicht viel, aber sie rauchen in den Pausen gemeinsam. Vielleicht kann daraus eine Freundschaft entstehen, hofft Victor. Das ändert sich abrupt, als Mathieu in der Schule über ein Geländer springt und sich so selber das Leben nimmt. Plötzlich steht Victor im Mittelpunkt, halten ihn doch alle für einen Freund des Opfers, für ein Opfer des Opfers. Er ist nicht mehr unsichtbar, seine Mitschüler interessieren sich für ihn.
    Der Selbstmord wird von Seiten der Schule nicht aufgearbeitet, vielmehr geht es dort weiter wie zuvor. Anschaulich wird die harte, kompetitive Atmosphäre und der Konkurrenzdruck beschrieben. Die Lehrer wirken beinah unmenschlich, allen voran ein M. Clauzet, in dessen Französischstunde Mathieu sprang. Auf unnachahmliche Art beleidigt und demütigt er seine Schüler.
    Auch Mathieus Vater, der nach Hinweisen sucht, findet keine Antwort auf die Frage, weshalb sein Sohn sprang. Aber diese steht auch nicht im Focus. Vielmehr erzählt Victor sehr wortgewandt, wie es mit seinem eigenen Leben weitergeht. Er schließt immer mehr Bekanntschaften, entfremdet sich zunehmend von seinen Eltern, auch seine Noten rutschen ab. Und er trifft auf Mathieus Vater, hört ihm zu, immer wieder, wenn dieser von seinem Sohn erzählt.
    Es ist eine sensible, melancholische Geschichte. Feinfühlig und sehr anschaulich erzählt, sodass man teilweise das Gefühl hat, selber neben Victor durch Paris zu laufen. Insgesamt ein wunderschöner Roman.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Okt 2018 

    Außenseiter

    Victor hat die Aufnahmeprüfungen ins elitäre Pariser Lycée D. geschafft. Der Erste aus seiner doch recht bildungsfernen Familie. In Paris findet er sich als Außenseiter wieder. Er hat weder den gesellschaftlichen noch den kulturellen Hintergrund seiner Mitschüler, er findet keinen Kontakt und zieht sich völlig zurück. Er erlebt den Unterricht wie ein Beobachter von außen. Als er zur Überraschung der Lehrer und Mitschüler das erste Jahr bestanden hat, trifft er auf Mathieu, ebenfalls aus der Provinz, ebenfalls Außenseiter, sie wechseln einige belanglose Sätze, treffen sich zum Rauchen im Schulhof. Doch Mathieu ist dem Druck nicht gewachsen, er stürzt sich während des Unterrichts aus dem Fenster. Victor ist fast als Erster am Ort des Suizids und nun wird er zum ersten Mal wahrgenommen. Lehrer und Mitschüler betrachten in als einzigen Freund Mathieus und suchen plötzlich Kontakt und Gespräch. Er nimmt diese Aufmerksamkeit wahr und er genießt sie auch, obwohl ihm klar ist, dass sie nicht seiner Person gelten. Lediglich bei Paul, dem Klassenprimus, spürt er echtes Interesse.
    30 Jahre später erhält der Schriftsteller Victor einen Brief von Mathieus Vater, dieser Brief löst die Erinnerungskette an die Zeit am Lycée aus, die das Buch beinhaltet.

    Ungemein feinfühlig und genau berichtet der Autor Blondel von der Entwicklung eines jungen Menschen, der durch ein Ereignis aus der festgeordneten Lebensplanung gerissen wird. Es sind nur wenige Monate, die er seinen Protagonisten Victor begleitet, aber er nimmt den Leser mit in die Gedanken – und Gefühlswelt des jungen Mannes. Seine Wahrnehmung der Umwelt ändert sich, er reift an den Ereignissen. Dieser Prozess der Selbstreflektion hat mich sehr berührt, mir den Menschen Victor sehr nah gebracht. Der kurze Roman hat mich gepackt, ich bin richtig eingetaucht und habe bemerkt, dass mich der Text nicht loslässt. Immer wieder bin ich gedanklich bei der Geschichte, das finde sehr bemerkenswert.

    Für mich ist das Buch eine Literaturperle in diesem Herbst. Ein kurzes, aber sehr intensives Leseerlebnis.