Ein wenig Glaube: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein wenig Glaube: Roman' von Nickolas Butler
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4 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein wenig Glaube: Roman"

Ein schmerzhaft-schöner Familienroman, der die Macht und die Grenzen des Glaubens mit besonderem Feingefühl erkundet: Lyle und Peg Hovde empfinden es als großes Glück, dass ihre Tochter Shiloh samt Enkelsohn wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Doch bald treibt Shilohs neue Glaubensgemeinschaft einen Keil in das harmonische Familienleben. Als sich abzeichnet, dass auch der fünfjährige Isaac in die Fänge der Sekte geraten könnte, müssen die Großeltern eine folgenschwere Entscheidung treffen, die die Familie vollends entzweien könnte.

Format:Broschiert
Seiten:384
Verlag: Klett-Cotta
EAN:9783608964349

Rezensionen zu "Ein wenig Glaube: Roman"

  1. Hauptsächlich von der Beschaulichkeit des Landlebens

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Mär 2020 

    In dem Roman „Ein wenig Glaube“ möchte der Autor das fatale Glaubensleben mancher pseudo-christlicher Gemeinschaften problematisieren, bei denen Angehörige nicht zum Arzt gebracht werden, wenn sie ernstlich erkrankt sind, sondern „gesundgebetet“ werden. Im kurzen Nachwort „Anmerkung des Verfassers“ bezieht sich der Autor auf den Fall der elfjährigen Madeline Kara Neumann in den USA, die Diabetes Typ 2 hatte, aber aus Glaubensgründen nicht behandelt wurde und starb. Die Dunkelziffer ähnlich gelagerter Fälle wird hoch sein, schätzt man.

    Lyle und Peg sorgen sich um ihren Enkel Isaac. Zu ihrer Tochter Shiloh haben sie eher ein unentspanntes Verhältnis. Sie lieben sie, aber Liebe allein genügt nicht immer. Shiloh findet keine Erfüllung in der Art beschaulichen Landlebens, in dem das Ehepaar aufgeht. Lyle dagegen liebt dieses Leben, die Arbeit auf der Obstplantage eines Freundes, die bierseligen Abende mit seinem Freund Hoot, die Sonntage in der antiquierten Kirchengemeinde mit immer denselben Personen und Liedern. Es ist eine Kirchengemeinde, in die man nicht geht, weil man an Gott glaubt, sondern weil man das eben so tut. Lyle und seine Frau lieben diesen ganzen geregelten Zyklus der Jahreszeiten und den Rhythmus ihres gemächlichen Lebens.

    Der Autor bildet in seinem Roman ein positives und sehr beschauliches, sogar betuliches Bild vom Landleben ab. Die Beschaulichkeit dieses Lebens hat der Autor wirklich wunderbar eingefangen. Seine Schönheit, seinen Ablauf, die Genügsamkeit und innere Zufriedenheit, die man im Genuß desselben erlangen kann, aber eben auch seine Begrenzungen. Es ist ja nicht so, dass man sich nicht auch auf dem Land die Sinnfrage stellen könnte. Kann man. Antworten, findet Lyle, gibt es aber keine. Damit muss man sich abfinden. Das tut Shilo aber nicht. Sie will mehr.

    Was den Konflikt angeht, zwischen dem konservativen Glaubensleben der Eheleute in ihrer ältlichen Gemeinde und dem ungestümeren und fordernderen Glaubensleben ihrer Tochter und deren Gemeinschaft, ist mir der Autor in seiner Darstellung oft zu plakativ. Da ist die Gemeinschaft schon deshalb der Sekte verdächtig, weil sie eine Band haben und ihre Sessel plüschrot sind, weil die Tagungsstätte ein altes Kino ist. Da sehe ich einen Seitenhieb auf die Evangelikalen, die oft in dieser Weise organisiert sind, z.B. das Babylon in Berlin, aber auch anderswo. Deren Pastoren und Verantwortliche und auch diejenigen von anderen Denominationen sind jedoch nicht deswegen schon Lumpen. Überhaupt sind die einen gut und die anderen böse in Butlers Roman. Er macht es sich ganz schön einfach! Solche Schwarzweißmalerei mag ich überhaupt nicht.

    Einig sind wir uns selbstverständlich darin, dass es mehr als verwerflich ist, seinen Glauben an whatsoever über das Kindeswohl oder Angehörigenwohl zu stellen. Denoch: die Darstellung Butlers ist mehr als oberflächlich.

    „Ein wenig Glaube“ ist vor allem ein wunderschöner Lobgesang auf das Land- und Familienleben einfacher Leute. Die Beschaulichkeit des Landlebens steht absolut im Vordergrund und ergibt uneingeschränktes Lesevergnügen. Allmählich werden dann auch ernste Themen angeschnitten, doch kratzt der Roman dabei nur an der Oberfläche und verwendet viele plakative Elemente, deshalb mein

    Fazit: Das ist mir olls a bisserl zu easy.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag. Klett-Cotta, 2020

  1. Glaube, Fanatismus und die Instrumentalisierun

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Mär 2020 

    Peg und Lyle Hovde sind schon lange verheiratet, haben gemeinsam Höhe und Tiefen erlebt. Als ihre Adoptivtochter Shiloh mit ihrem fünfjährigen Sohn Isaak zurück nach Hause zieht, beginnen sie auch ihr Großelterndasein zu genießen. Doch dann zieht es Shiloh immer mehr zu einer dubiosen Glaubensgemeinschaft, dem Bund der Flusstäler, und verfällt dem charismatischen Prediger Steven. Doch als dieser Isaak zum Glaubensheiler erklärt, müssen Peg und Lyle eine schwierige Entscheidung treffen.
    Glaube, Fanatismus und die Instrumentalisierung der Kleinsten und Schwächsten einer Gemeinschaft. Nickolas Butler hat sich hier eines ungeheuer sensiblen Themas angenommen. Der Glaube als privates Ereignis, und die Herausforderung, Selbstbestimmtheit zu achten und diejenigen zu beschützen, die (noch) nicht selbst in der Lage sind für sich einzutreten.
    Nickolas Butlers Stärke liegt in der großartigen Charakterisierung seiner Figuren. Allen voran Lyle, einem großherzigen, aufmerksamen und liebevollem Ehemann, Vater und Großvater. Butlers Stärke in die Herzen der Männer zu schauen ist gleichzeitig ein bisschen seine Schwäche, denn neben Lyle verblassen die anderen Personen, vor allem die Frauen in dieser Geschichte. Lyle ist ein sehr erdverbundener Mann, steht treu zu seiner Frau, ist unverdrossen trotz seines Alters fleißig, steht mit beiden Beinen in der Realität. Seit dem Tod seines Sohnes Peter, der als Baby verstarb, hat Lyle den Glauben an einen Gott verloren. Trotzdem versucht er seine Tochter zu verstehen, sucht Rat bei seinem Kindheitsfreund, der der Priester seiner Heimatgemeinde ist. Er fühlt große Liebe zu seiner Familie, zu Shiloh und vor allem zu Isaak. Doch letztlich sind ihm die Hände gebunden, wenn er das kleine Kind aus den Fängen der Sekte befreien will.
    Ein wenig Glaube ist ein Buch, das nachdenklich stimmt, bedrückt, berührt und auch zornig macht. Es ist keine abwegige Geschichte, die Butler hier erzählt. Charismatische Anführer, die genau die Sorgen und Ängste derer, die sich Hilfe und Trost erhoffen, zu eigenen Zwecken ausnutzen, sich bereichern und auf deren Kosten sich profilieren, gab und gibt es immer wieder. Dieses Thema aufzugreifen war eine gute Entscheidung.

  1. Die dunkle Seite des Glaubens

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2020 

    Seit seine Adoptivtochter Shiloh nach einer Trennung wieder zu ihm und seiner Frau Peg zurückgezogen ist, verbringt Lyle Hovde am liebsten Zeit mit seinem Enkelsohn Isaac. Gemeinsam besuchen die beiden seinen besten Freund Hoot oder den Apfelhain, in dem Lyle arbeitet. Dann jedoch lernt Shiloh den charismatischen Steve kennen, der Prediger in der Glaubensgemeinschaft des Bundes der Flusstäler ist. Nach und nach zieht dieser Lyles und Pegs Tochter immer mehr in seinen Bann und bringt damit auch den kleinen Isaac in Gefahr: der Junge, so Steve, sei ein Glaubensheiler und müsse diese Fähigkeit in den Dienst der Gemeinde stellen.

    In "Ein wenig Glaube" widmet sich Nickolas Butler behutsam einem schwierigen, sensiblen Thema. Der Glaube eines Menschen ist etwas sehr Persönliches und die Handlung kreist stets um die Frage, wie weit man als Elternteil gehen darf oder sogar muss, wenn das eigene Kind und Enkelkind in die Fänge einer Sekte geraten. Vieles, was im Roman zu lesen ist, erschüttert zutiefst und macht ebenso wütend - dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man das Nachwort des Autors liest. Denn tatsächlich hat dieses Werk der Fiktion eines sehr realen, tragischen Hintergrund. Noch immer sterben jährlich in den USA Menschen, weil ihre Angehörigen ihre Hoffnung lieber in den Glauben als in die Medizin setzen.

    Der Roman lebt sehr von seinen Charakteren, vor allem dem gutmütigen, warmherzigen Lyle. Als guter Ehemann, liebevoller Opa und treuer Freund hat auch er mit Zweifeln zu kämpfen. Der Verlust seines leiblichen Sohnes kurz nach der Geburt hat ihn zu seinem Glauben entfremdet. Er stellt sich oft die Frage nach der Gerechtigkeit und zeigt große Unsicherheit, ob da überhaupt noch jemand ist, der seine Gebete hört. Als dann auch noch Hoot an Krebs erkrankt, verstärkt sich seine Verzweiflung. Diese allzu menschlische Reaktion nach solchen Schicksalsschlägen entfremdet ihn jedoch zusehends von Shiloh, die ihren Vater irgendwann als "Ungläubigen" und noch schlimmeres bezeichnen wird.

    Passagen aus den schwierigen familiären Verhältnissen wechseln sich ab mit idyllischen Szenen aus dem ländlichen Wisconsin. Stille Momente im Apfelhain oder fröhliches Zusammensein mit dem Enkel werden sprachlich gekonnt umgesetzt, so dass man sich beinahe mittendrin fühlt. Dem Leser bleibt so die Möglichkeit, zwischen der intensiven Auseinandersetzung mit falschem Glauben gemeinsam mit den Figuren auch einmal durchzuatmen. Das Ende des Romanes lässt (zu?) vieles offen, gibt so aber auch die Möglichkeit, die eigene Phantasie spielen zu lassen.

    Fazit: Ein lesenswerter Roman zu einem schwierigen Thema

  1. Wie Glaubensfanatiker ticken

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    Nickolas Butler kann wirklich gut und sehr berührend schreiben. Dieser Blick auf das Empfinden eines Großvaters gelingt ihm richtig gut/ausnehmend gut. Ein Großvater, der zusehen muss, wie seine Tochter und sein Enkel in die Fänge von Glaubensfanatikern geraten. Ein empathischer und berührender Blick. Wobei die Charaktere des Großvaters Lyle und seines Freundes Hoot die am deutlichsten heraus gearbeiteten sind. Eine gut gemachte Geschichte. Ja. Definitiv. Aber es hätte mich sehr gefreut, wenn die gesamte Familie so heraus gearbeitet gewesen wäre. Besonders interessiert hätte mich hier der Charakter der Shiloh. der Tochter von Lyle. Der Hauptaspekt des Buches soll der Blick der Angehörigen oder des Umfelds sein, dass zuschaut/zuschauen muss. Ja. Klar. Runder wäre es aber in meinen Augen gewesen, wenn auch die Mutter des Jungen besser ausgeleuchtet gewesen wäre. Ist der Junge doch die Hauptfigur in dieser Handlung. Mutter Shiloh und ihr Sohn Isaak geraten in die Fänge von Steven, dem charismatischen Leiter der Glaubensgemeinschaft des Bundes der Flusstäler. Steven bemerkt schnell seine Wirkung auf Shiloh und benutzt diese, um an den Sohn Isaak zu gelangen. Steven steht einer Glaubensgemeinschaft vor, die Heilen durch Handauflegen als einen Anziehungspunkt für zahlungskräftige Gläubige benutzt und Isaak soll der neue Handaufleger werden. Denn Kinder ziehen magisch an und kindliche Heiler noch viel mehr. Die Rolle des kranken Freundes Hoot gewinnt auch dadurch noch an Bedeutung und zeigt noch weitere Blickwinkel. Lyle und Peg Hovde versuchen alles um die Bindung zu ihrer Tochter nicht zu verlieren und alles mündet schließlich in einem entscheidenden Finale.

    Die Anmerkung des Verfassers am Ende berührt noch einmal sehr, denn es ist zwar ein Roman, aber wir alle wissen, dass es solche Menschenfänger wirklich gibt. Wir alle hoffen, dass ihnen das Handwerk gelegt wird. Aber ich denke es wird immer Menschen geben, die ihnen aufsitzen, wie Shiloh und es wird auch immer Menschen geben, die kämpfen, wie Lyle.

    Aber richtig angeknipst hat mich "Ein wenig Glaube" dann doch nicht. "Die Herzen der Männer" empfand ich etwas besser als "Ein wenig Glaube". 4 Sterne gibt es dennoch von mir.

  1. Einfalt im Glauben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Feb 2020 

    Im ländlichen Wisconsin leben Lyle und Peg Hovde. Ihr leiblicher Sohn Peter ist vor langer Zeit gestorben als er kaum ein Jahr alt war. Die Eheleute konnten nicht über seinen Tod hinwegkommen. Es erschien ihnen wie ein Wunder als sie die Möglichkeit bekamen ein Baby zu adoptieren. Die kleine Shiloh ist inzwischen groß und selbst Mutter. Vor einiger Zeit ist sie mit ihrem fünfjährigen Sohn Isaac wieder zu ihren Eltern gezogen. Der Kleine ist die ganze Freude seiner Großeltern. Besonders für Lyle ist Isaac das Liebste, was er hat, neben Peg und Shiloh natürlich.

    Lyle und seine Familie leben in einer ländlichen Gegend in der Mitte des US-Bundesstaates Wisconsin. Obwohl mit über sechzig eigentlich schon im Ruhestand arbeitet Lyle noch auf einer Apfelplantage. Gerne nimmt er seinen Enkel mit zu den Apfelbäumen. Im Frühjahr, wenn die Apfelblüte beginnt ist es die schönste Zeit. Doch Lyle sorgt sich, wie lange es noch so bleiben wird, denn Shiloh scheint sich einer Gemeinde angeschlossen zu haben, die ihre Mitglieder den Familien entfremdet. Sieht sie denn nicht, dass der Prediger nicht nur Gutes im Schilde führt. Doch Shiloh ist erwachsen und sie ist die geliebte Tochter, die von ihm und Peg so behütet wurde.

    Nickolas Butler versteht es Familiengeschichten zu erzählen, die man nicht so schnell vergisst. Egal, ob Glaube und Religion für einen selbst von Bedeutung sind, dieses Buch regt zum Nachdenken an und es regt auch auf. Lyle selbst hat viel von seinem Glauben verloren als sein Sohn gestorben ist. Es ist ihm unverständlich, wie sich Shiloh dieser ominösen Gemeinde in den Rachen werfen kann. Vielleicht ist es doch eher der Hals des Predigers, an den sie sich wirft. Bei allem Glauben und allem Vertrauen, das Wohl ihres Kindes sollte ihr eigentlich das Wichtigste sein. In ihrer Angst, Tochter und Enkel ganz zu verlieren, wissen Lyle und Peg nicht, was sie tun sollen. Und um den Gedanken, was richtig ist und ob blinder Glaube, der nicht mehr zum Wohl des Menschen wirkt, nicht vielleicht eher bekämpft werden sollte, dreht man sich im Kreis. Es wird keine Lösung geben so wie auch das Buch offener endet als man sich es bei einem Roman wünscht, so offen eben wie das reale Leben manchmal ist. Die wunderbaren Beschreibungen von Menschen und Landschaften fesseln und verbreiten eine Wärme, die der blinde Glaube vermissen lässt.