Ein untadeliger Mann: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein untadeliger Mann: Roman' von Jane Gardam
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Alles an Edward Feathers ist ohne Fehl und Tadel – seine Garderobe, seine Manieren und sein Ruf als Anwalt mit glänzender Karriere in Hongkong. Nun ist er alt und muss mit dem Tod seiner Frau Betty zurechtkommen, so wie er immer mit allem zurechtgekommen ist. Seine perfekte Haltung täuscht alle und manchmal sogar ihn selbst. Doch mit Bettys Tod bricht etwas in ihm auf, und behutsam beginnt Feathers, vergangene Ereignisse ans Licht zu holen. An einem kalten englischen Wintermorgen setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden. Mit Jane Gardams meisterhaftem Roman über ein Leben im British Empire ist eine große Autorin zu entdecken.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446249240

Rezensionen zu "Ein untadeliger Mann: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Nov 2016 

    Hinter der Fassade der Tadellosigkeit

    Inhalt

    Edward Feathers scheint tatsächlich ein untadeliger Mann zu sein. Er ist immer akkurat gekleidet - Krawatte, Anzug, Hemd- und genießt als Anwalt und Richter einen legendären Ruf, den er sich während seiner Tätigkeit in Fernost - Hong Kong- erarbeitet hat.
    Old Filth, wir er genannt wird, ist inzwischen über 80 Jahre alt und lebt alleine auf dem Land in England (Dorset), wo er sich nach seiner Tätigkeit gemeinsam mit seiner Frau Betty zurückgezogen hat, die jedoch inzwischen verstorben ist.
    Die beiden waren allein - ohne Kinder und hatten nur wenige Freunde. Nach Bettys Tod bleiben das Hausmädchen und der Gärtner die Gesprächspartner des alten Feathers. Bis sich in unmittelbarer Nähe seines Hauses sein ehemaliger Rivale niederlässt. Die Szene, in der sich Eddie aussperrt und vor dessen Haustür mit Pantoffeln im Schnee steht - herrlich! Es ist der Beginn einer Freundschaft, der noch einige Zeit vergönnt ist - eine Freundschaft zwischen zwei einsamen alten Herren.
    Doch ist dies nicht der Mittelpunkt des Romans, es ist die Vergangenheit Feathers, die nach dem Tod Bettys, an die Oberfläche drängt. So wagt er sich daran, sich seinen Erinnerungen zu stellen, indem er sich in sein Auto setzt und seine Cousinen besucht.

    So erfahren die Zuhörenden Schritt von Schritt von Edwards Geburt Anfang der 20er Jahre in Malaysia, bei der seine Mutter gestorben ist, über die mangelnde Liebe und Beachtung seines Vaters bis zu seiner Reise nach England, wo fast alle Raj-Waisen des Empire zwischen den beiden Kriegen hingeschickt wurden, um in Pflegefamilien zu wohnen. Dabei hat sich Eddie in Malaysia wohl gefühlt, für ihn ist es eine traumatischer Lebenseinschnitt, vor allem weil er gemeinsam mit seinen Cousinen Claire und Babara von einer hartherzigen Frau in Wales aufgenommen wird - eine Zeit, die sein ganzes Leben prägt. Was dort geschieht, wird erst am Ende offenbart und so erschließt sich im Rückblick das scheinbar perfekte Verhalten Eddies - bedacht darauf, keine Fehler zuzulassen, aber auch niemanden an sich heranzulassen.
    Von Wales aus verbringt er Zeit in einer Primary School, in der ihn der Leiter "Sir" maßgeblich beeinflusst und sein Stottern heilt. Dort lernt er seinen Freund Pat Ingoldby kennen, bei dem er fortan seine Ferien verbringt, da seine Tanten kaum Interesse an ihm zeigen. Er ist ohne familiären Halt, auch seine Ersatzfamilie kann ihm den nötigen Halt nicht geben. Bis nach Dorset ist es noch ein weiter Weg, den ich hier aber nicht nacherzählen will, denn das Vergnügen Edward Feathers zu begleiten, will ich nicht vorwegnehmen.

    Bewertung
    Dadurch, dass zu Beginn zwischen den Zeitebenen hin- und hergesprungen wird und jedem Teil eine Szene vorangestellt ist, in der über Old Filth gesprochen wird, braucht es beim Hörbuch etwas Zeit, in die Geschichte hineingezogen zu werden. Doch der Erzähler, der mit zarter Ironie und tadelloser, klarer Sprache, Edward Feathers Leben unter die Lupe nimmt, hat mich bereits nach kurzer Zeit in seinen Bann gezogen. Dazu trägt maßgeblich der Sprecher Ulrich Noethen bei, der den einzelnen Figuren unverwechselbare Stimmen schenkt, und die zunehmend spannende Geschichte.

    Fasziniert hat mich der Charakter Edward Feathers - der hinter seiner tadellosen Fassade eine tiefe Einsamkeit verbirgt. Ein Mensch, der in der sensiblen Phase seiner Kindheit Zurückweisung, Missachtung, Häme erlebt hat und ein Geheimnis mit sich trägt, das ihn lebenslang belastet. Der selbst kaum Zuneigung schenken kann und dem es schwer fällt, Freunde zu gewinnen. Eigentlich ein bedauernswerter Mensch, der Opfer eines Systems wurde, das Kinder, deren Eltern in Fernost dem Empire dienten, entwurzelte.
    Der Roman ist Teil einer Trilogie, wobei die Protagonisten eben jene Raj-Waisen sind, die vom Trauma der Trennung gezeichnet sind.

    Insgesamt ein sehr interessanter und spannender Roman, der das Leben eines nur scheinbar untadeligen Mannes Schicht für Schicht freilegt und seine Schattenseiten aufdeckt, in der am Ende seines Lebens Licht bringen kann.

    Eine klare Leseempfehlung und sicherlich werde ich auch noch die weiteren Teile der Trilogie, Eine treue Frau und Letzte Freunde, hören oder lesen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Mai 2016 

    Edward Feathers blickt auf sein Leben zurück

    Jane Gardam hat einen wundervollen Schreibstil, dieser prägt ihren Roman, der den Raj-Waisen und ihren Eltern gewidmet ist sehr. Passagen im hier und jetzt wechseln sich mit Episoden aus der Vergangenheit ab. Old Filth , wie der Protagonist Edward Feathers genannt wird, ist bildhaft so gelungen dargestellt, dass ich mich wie mitten in der Geschichte fühle.

    Edward Feathers ist nun schon ein sehr betagter Mann, und erzählt seine Geschichte. Er ist verwitwet und denkt oft an seine Frau Betty. Hier und da fließen ein paar Anekdoten über sie ein, er spricht gelegentlich sogar mit ihr, als wäre sie noch da. Er lebt allein in seinem großen Anwesen in Dorset. Ziemlich zurückgezogen, verbringt er dort viel Zeit. Bis zum Ende des British Empire 1997 lebte Edward mit seiner Frau in Hong Kong, dann zogen sie gemeinsam in das Dorseter Anwesen.

    Die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte er in der britischen Kolonie in Hong Kong. Seine Mutter starb am Kindbettfieber, sein Vater war froh ihn der Amme anvertrauen zu können. Edward wuchs unter den Einheimischen auf, sprach erst nur Malaysisch. Später wurde er von Auntie May fortgebracht um unterrichtet zu werden. Sein Vater billigte dies, er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt.In einem renommierten Institut in Wales sollte Eddie eine hohe Bildung erhalten. Dort fand er in Pat Ingoldby einen guten Freund, auch dessen Familie lud Eddie oft ein, er fühlte sich seit langem endlich mal wieder zu Hause.

    Im weiteren Verlauf erfährt man immer mehr über Eddies Vergangenheit. Seine Beziehung zu Betty bleibt noch etwas wage, da wird im zweiten Teil, der sich Betty widmet, sicherlich einiges geklärt

    Dieser Roman hat mir sehr gut gefallen. Es war eine tolle Mischung aus geschichtlichen Aspekten, witzigen Anekdoten und tragischen Ereignisse aus dem Leben von Edward Feathers, Old Filth. Habe durch diesen Roman viel über Raj-Waisen und das British Empire erfahren, was mir so noch nicht bekannt war. Viele Raj Kinder erlebten tatsächlich ein hier beschriebenes Schicksal, eine schreckliche Vorstellung.

    Erst am Ende des Buches hat man ein vollständiges Bild, dennoch bleibt einiges doch Spekulation, wartet darauf im Folgeband geklärt zu werden.
    Ich muss aber dazu sagen, dass man sich meiner Meinung nach auf dieses Buch einlassen muss, denn es hat Ecken und Kanten und ist einfach anders als alles bisher gelesene. Einige Kapitel kamen mir beispielsweise unwichtig vor, aber im weiteren Verlauf erkannte ich die Zusammenhänge.
    Spreche hiermit eine absolute Leseempfehlung aus, das Buch hat mich sehr gut unterhalten.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Feb 2016 

    Ein bewegendes Leben im untergehenden British Empire...

    Edward Feathers, einst Kronanwalt in Hongkong, vollendeter Gentleman und noch mit achtzig ein schöner Mann, scheint ein mühelos erfolgreiches Leben gehabt zu haben, doch wer hat ihn wirklich gekannt? Nicht einmal seiner Frau Betty hat er je erzählt, woher das Stottern kommt, das ihn in Augenblicken großer Aufregung immer noch überwältigt. Als Betty stirbt, bewahrt Old Filth, wie er auch genannt wird - nicht im Sinne von 'Schmutz', sondern gemäß dem Spruch: 'Failed in London, try Hongkong' - wie gewohnt Contenance. Doch eines Morgens setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden.

    "Der disziplinierte Charme, der Filth sein Leben lang ausgezeichnet hatte, hatte es gut überstanden. Jedenfalls hatte es den Anschein. Im Rückblick war Filth jedoch bewusst, dass er hinter seiner äußerlichen Abgeklärtheit psychisch zusammengebrochen war, und dass ein psychischer Zusammenbruch bei jemandem, der die Schauspielerei verinnerlicht hat (wie etwa ein Kronanwalt), unsichtbar sein kann. Für den Betroffenen ebenso wie für alle anderen" (S. 19 f.)

    Was für ein köstlicher Roman! Er gibt nicht gerne seine Geheimnisse preis, ganz passend zu Edward Feahters, der gemäß dem anerzogenen Motto keep a stiff upper lip sich je weder Verletzlichkeit noch überschwängliche Freude anmerken lässt - doch allmählich zeigen sich die losen Fäden, auch wenn sie erst noch mühselig aus dem Lebensknäuel gezogen werden müssen. Ein vielschichtiger Roman ist es, der nicht linear erzählt wird, sondern wechselnd in der Gegenwart spielt und dann wieder in die Vergangenheit des langjährigen Lebens von Filth eintaucht.

    Geboren in Britisch-Indien, teilte Edward Feathers das Schicksal zahlloser Kinder britischer Kolonialbeamter, die im Alter von vier oder fünf Jahren aus den Kolonien fortgeschickt wurden nach England und als sog. 'Raj-Waisen' galten. Ohne Eltern wuchsen sie bei ihnen unbekannten Angehörigen oder aber bei Pflegeeltern auf, die sich um diese Kinder kümmerten, bis sie ein Internat besuchen konnten. Filth traf es gemeinsam mit zwei Cousinen nicht sehr gut an bei seinen Pflegeeltern, doch lange geht die Erzählung hier über Andeutungen nicht hinaus.

    "Vor ihm tat sich der Abgrund seiner Ungewissheit auf. Ich bin immer noch der Fremde. Für sie. Und für mich selbst auch, hier. Ich habe keinen Hintergrund. Ich wurde von meinem Hintergrund geschält." (S. 123)

    Diese Fremdheit, diese Einsamkeit, dieses immer wieder Verlassenwerden zieht sich durch Filth' ganzes Leben und prägt ihn. Die Diszipliniertheit wird ihm zur schützenden Fassade, Vergangenes wird verdrängt. Doch Bettys Tod erschüttert, die Fassade erhält Risse. Edward Feathers macht sich auf den Weg, sucht noch einmal Orte und Menschen seiner Vergangenheit auf, beginnt sich zu erinnern - und zu erkennen.

    "Wir haben gar keine Kinder (...) Wir wollten keine. Man muss sich gut überlegen, ob man Kinder in die Welt setzen will. Betty und ich waren sogenannte Empire-Waisen. Wir wurden mit vier oder fünf Jahren in Pflegefamilien gegeben und haben unsere Eltern dann mindestens vier Jahre nicht gesehen. Wir hatten Pech. Bettys Pflegeletern mochten sie nicht, und meine (...) wurden ausgewählt, weil sie billig waren. Wenn man als Kind nicht geliebt wird, kann man später kein Kind lieben. Man muss das erfahren haben (...) Ich wurde, nachdem ich viereinhalb war, nicht mehr geliebt. Stellen Sie sich vor, da Eltern zu sein." (S. 216)

    Dieser Roman nimmt sich Zeit. Zeit zum Erzählen, zum Entdecken, zum Erkennen. Vielschichtig und in einem bezaubernden und bildhaften Schreibstil lässt Jane Gardam den Leser eintauchen in das lange Leben Edward Filth, zutiefst menschlich, dazu scharfsinnig erzählt und keineswegs melancholisch, sondern immer wieder auch von trockenem Humor durchzogen. Diese Stellen kamen häufig so unerwartet, dass ich die Sätze manchesmal zweimal lesen musste, bevor ich begriff und wirklich lachen musste.

    "Ich habe eine Tiefkühltruhe. Und Whiskey." --- "Whiskey?" --- "Ach, nur, falls jemand vorbeikommt. Die Polizei - sehr nette Leute, außerhalb der Arbeitszeiten. Sie haben mir so nett geholfen, als ich mal gestürzt bin. Der Vikar. Die einäugige Frau, die weiter unten wohnt. Der Fensterputzer. Ich mag den Fensterputzer. Ich lasse ihn einmal die Woche kommen. Wobei 'jemanden kommen lassen' natürlich nichts ist, was ich noch täte, ich hab's am Herzen." (S. 192)

    Ein wenig irritierend fand ich zwischenzeitlich, dass so wenig über Ewards Frau Betty zu erfahren war. Doch dann bekam ich mit, dass dieser Roman der Beginn einer Trilogie ist - und Band zwei, der im März diesen Jahres erscheinen soll, wird aus der Sicht eben dieser Betty erzählt. Somit ist verständlich, weshalb hier manches noch unentdeckt blieb.

    Ich freue mich, dass ich diesen Roman entdecken durfte, eine wundervolle Mischung aus Warmherzigkeit und Ironie. Und natürlich bin ich froh, dass es bald noch einen weiteren ins Deutsche übersetzten Roman aus der Feder Jane Gardams geben wird...

    © Parden