Ein Sonntag mit Elena: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Sonntag mit Elena: Roman' von Fabio Geda
3.85
3.9 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein Sonntag mit Elena: Roman"

"Elena prostete ihm zu: 'Danke', sagte sie, 'Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.'" Einst reiste er als Ingenieur um die Welt und baute riesige Brücken. Nach dem Tod seiner Frau aber ist es still geworden in der Turiner Wohnung am Fluss. Sein Sohn lebt in Finnland, mit der jüngeren Tochter hat er keinen Kontakt, nur die älteste sieht er ab und zu mit ihrer Familie. An einem Sonntag kocht der ältere Mann ein traditionelles Mittagessen für sie. Doch sie sagt kurzfristig ab. Im Park lernt er Elena und ihren Sohn kennen und lädt sie spontan zum Essen zu sich ein. Diese zufällige Begegnung wird alle drei für immer verändern. Eine Geschichte voller Zuversicht und Wärme, die ein stilles Glück in den Herzen zurücklässt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag: hanserblau
EAN:9783446267954

Rezensionen zu "Ein Sonntag mit Elena: Roman"

  1. Wenn eine Begegnung dein Leben verändert...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Sep 2020 

    Aufgrund der hübschen Aufmachung bin ich über das Buch gestolpert und gespannt begann ich mit der Lektüre.

    In der Geschichte geht es um Giulias Vater, der von seinen Kindern am Mittagstisch versetzt wird, weshalb er einen Spaziergang macht und dort Elena begegnet. Ist der Tag gerettet? Und was für einen Einfluss haben die beiden auf ihr weiteres Leben?

    Das Besondere an dem Roman ist, dass nicht die Hauptfigur als Erzähler fungiert, sondern eine seiner Töchter. Zu Beginn weiß man noch gar nicht genau wer dort berichtet, bis dann klar ist, dass es sich um Giulia handelt.

    Richtig gut gefallen hat mir der Schreibstil, denn es gibt so viele sprachliche Bilder und schöne Formulierungen, dass es einem leicht fällt sich alles vorzustellen.

    Die Begegnung zwischen dem älteren Herren und Elena weiß zu berühren, denn sie geben einander Halt, wo sie es gerade am meisten brauchen, weil sie sich zum Zeitpunkt der Begegnung sehr einsam fühlen.

    Die große Schwäche des Romans ist jedoch die Erzählweise, denn während der eigentlichen Handlung wird dauernd abgeschweift, was das Lesen sehr anstrengend macht und den Lesefluss bei mir gestört hat. Viele Einschübe bringen die Haupthandlung nicht wirklich voran, sondern verwirren eher. Fast hatte man das Gefühl, dass hier Seitenfüller eingesetzt werden, obwohl die Geschichte das gar nicht nötig hat.

    Fazit: Süße Begebenheit mit einigen Schwächen. Kann man lesen, wenn einem der Schreibstil wichtiger ist als die Handlung. Ich kann nur bedingt eine Leseempfehlung aussprechen.

  1. Familiendynamik

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Aug 2020 

    Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in "Der Sonntag mit Elena" berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag erlebte. Sie war zwar nicht dabei, hatte zu dieser Zeit nicht einmal Kontakt zu ihm, doch haben er und Elena Jahre später ausführlich von ihrer zufälligen Begegnung berichtet. Giulia brachte die Geschehnisse zu Papier, reicherte sie mit eigenen Kindheitserinnerungen, der Familiengeschichte und Betrachtung über die Ehe der Eltern an, ergänzte sie um passende Erlebnisse aus ihrem Alltag, schmückte aus oder unterschlug, was sie nicht preisgeben wollte.

    Ein Tag…
    An jenem lange zurückliegenden Sonntag hatte der Vater in Erwartung des Besuchs seiner ältesten Tochter Sonia und deren Familie erstmals selbst gekocht. 67 Jahre war er alt, seit acht Monaten Witwer und einsam. Der Kontakt zu Giulia war abgebrochen, der Sohn Alessandro arbeitete in Helsinki und auch Sonia war aus Turin hinaus aufs Land gezogen. Nach einem Arbeitsleben als Brückenbauer auf Baustellen weltweit hatte der Vater sich seinen Ruhestand anders vorgestellt:

    "Das Leben hatte ihn mit interessanten Menschen zusammengebracht, mit denen er ebenso angenehme wie oberflächliche Beziehungen geführt hatte, kurzlebige Freundschafen, die die Zeit mit der Unerbittlichkeit eines Jahreszeitenwechsels gekappt hatte. Er verzehrte sich geradezu danach, sich in einer verwandten Seele zu spiegeln, aber da war niemand…" (S. 57)

    Als Sonia überraschend absagen musste, stand dem Vater ein weiterer einsamer Sonntag bevor, mit Bergen von gekochtem Essen, aber ohne Appetit. Bis er am Skatepark zufällig die dreißig Jahre jüngere Witwe Elena mit ihrem 13-jährigen Sohn Gaston traf, beide genauso einsam wie er – und hungrig dazu. Mit Gaston hatte der Vater endlich wieder einen interessierten Zuhörer an seinen Ingenieursabenteuern, mit Elena konnte er über seine unerfüllten Träume fürs Alter reden und Anteil an ihren Problemen nehmen. Der unverhoffte Einklang heiterte alle auf:

    "Elena prostete ihm zu. „Danke“, sagte sie. „Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.“" (S. 120)

    … und noch viel mehr
    Wer nun eine mehr oder weniger kitschige Liebesgeschichte erwartet, liegt zum Glück daneben. Nur für kurze Zeit bleibt das ungleiche Trio in Kontakt, doch es reicht für neue Impulse. Als sich Elena und der Vater Jahre später noch einmal begegnen, sind die Karten neu gemischt, nicht zuletzt aufgrund jenes Sonntags.

    Mir hat die Erzählweise Giulias sehr gut gefallen, besonders ihre Überlegungen zu sich verändernden Eltern-Kind-Verhältnissen und die Hommage an die Mutter. Diese ertrug die Abwesenheit des Vaters scheinbar stoisch, stellte eigene Ambitionen zurück und fragte mehr, als sie von sich preisgab. Ganz anders der Vater, Held von Guilias Kindheit, der lieber erzählte, und zu dem sie erst über Umwege wieder einen Zugang fand.

    Lesenswert und hübsch gemacht
    Der Turiner Autor Fabio Geda nennt mit Kent Haruf und Elizabeth Strout zwei Vorbilder, die ich ebenfalls sehr schätze. Ein Sonntag mit Elena ist ein kleiner, stiller und lesenswerter Roman in deren Tradition. Das Cover passt vorzüglich zum Inhalt des handlichen Büchleins ohne Schutzumschlag, den ich mit einem Lächeln beendet habe.

  1. Stiller, berührender Roman

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Aug 2020 

    MEINE MEINUNG
    Mit seinem neuen Buch „Ein Sonntag mit Elena“ ist dem italienischen Autor Fabio Geda ein eher stiller, atmosphärisch dichter Roman gelungen, der nachdenklich stimmt und noch länger in Erinnerung bleibt. Geda erzählt auf gerade einmal etwas mehr als 200 Seiten eine berührende und tiefgründige Geschichte von schlichter Schönheit und faszinierender Leichtigkeit. Es handelt sich hierbei eigentlich um eine kleine Episode, wie das Leben sie schreibt mit Momenten voller Herzenswärme, Zuversicht aber auch gewissen Unergründlichkeiten.
    Schon nach wenigen Seiten hatte mich die Geschichte rund um diesen vereinsamten, sympathischen alten Herrn mit der zart-poetischen Sprache, dem ruhigen Erzählstil und seiner besonderen Atmosphäre gefangen genommen. Die vom Autor gewählte Erzählperspektive sorgt anfangs etwas für Verwirrung, denn die Geschehnisse rund um besagten Sonntag werden nicht vom Protagonisten selber, sondern aus Sicht seiner jüngeren Tochter Giulia im Rückblick geschildert, die dabei gar nicht anwesend war. Erst sehr viel später klärt sich auf, wie dies zustande kommen konnte. Durch diese geschickt gewählte Erzählperspektive erfahren wir in eingestreuten Passagen zugleich aber auch eine Menge Wissenswertes aus Giulias Leben als Künstlerin und ihr nicht unproblematisches Verhältnis zu ihrem Vater, Erinnerungen an ihr gemeinsames Familienleben und interessante Informationen zu ihren Eltern und deren Ehe sowie zu ihren Geschwistern. So erhalten wir allmählich Einblicke in eine nicht ganz so intakte und harmonische Familie, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, und können uns unseren eigenen Reim auf die angedeuteten, aber unausgesprochenen Probleme aber auch die tiefen inneren Verletzungen in dieser Familie machen.
    Anders als der Klappentext nahelegt rankt sich die Geschichte jedoch nicht nur um den titelgebenden Sonntag mit Elena, sondern lässt uns teilhaben an dem recht einsamen Lebensalltag des erst vor kurzem verwitweten Protagonisten, der sich in seinem kleinen Mikrokosmos gut eingerichtet hat und eine gewisse Entfremdung zu seinen Kindern nicht wirklich realisieren möchte. Mit viel psychologischem Feingefühl ist es dem Autor gelungen, seine Hauptfigur mit seinen Stärken und Schwächen authentisch und glaubhaft zu zeichnen. Nach und nach erfahren wir auch Details aus seinem Berufsleben als Ingenieur im Brückenbau. Eine Tätigkeit, die ihn mit großem Stolz erfüllt, die ihn aber oft für lange Zeit ins Ausland führte und ihm wenig Zeit für das Familienleben mit seinen drei Kindern ließ.
    Berührend ist es mitzuerleben, wie durch die zufällige Begegnung mit der jungen ebenfalls verwitweten Mutter und ihrem aufgeweckten Sohn Gaston und die spontane Essenseinladung, die ihre Einsamkeit und Traurigkeit für kurze Zeit vergessen ließ, unbewusst etwas in Gang gesetzt wurde. Erst viele Jahre später wird den Beteiligten die schicksalhafte Bedeutung jenes Sonntags offenbar und es zeigt sich rückblickend, dass jene zufällige Begebenheit ihren weiteren Lebensweg beeinflusst hat.
    Geda hat für seine feinfühlig erzählte Geschichte passender Weise ein trauriges, etwas offenes Ende gewählt, lässt seinen Roman aber schließlich doch versöhnlich ausklingen.

    FAZIT
    Ein eher stiller, feinfühlig erzählter Roman mit einer berührenden und tiefgründigen Geschichte, die zum Nachdenken anregt! Sehr lesenswert!

  1. Das Schweigen der Väter

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    Kurzmeinung: Schön - aber ein bisschen oberflächlich dahingestrichelt.

    In wechselnden Erzählperspektiven, ineinander übergreifend, nicht geordnet pro Kapitel, aber so geschickt gemacht, dass man dreimal hinschauen muss, schon wieder ein Perspektivwechsel?, erzählt der Autor vom Vater, einem liebevoll verpeilten Architekten in Rente, der sich leer fühlt, wenn keins seiner erwachsenen Kinder um ihn herum ist. Oder seine Enkel.

    Die an und für sich belanglose Geschichte wird ausgesprochen zärtlich erzählt. Ganz sicher möchte der Autor Empathie für das Papachen wecken. Es wird keine Kritik an ihm geübt. Aber Papachen ist ganz selber schuld an seiner relativen Einsamkeit.

    Warum ist die Story an und für sich belanglos? Weil es so alltäglich ist, dass Väter und Kinder sich auseinanderleben, wenn der Klebstoff Mutter nicht mehr zur Verfügung steht. Alt. Alt. Alt. Zumal der Autor keine tiefgreifenden Folgen schildert. Oder ist gerade das Folgenlose auch wieder gut? Dass der Autor kein Drama daraus macht? Nun, ein wenig Eigenreflexion von Papachen hätte ich mir schon gewünscht. Und ein wenig Reue. Dann wäre ich ein wenig höher gegangen mit meiner Punktzahl.

    Der Autor lässt seine Figuren, den Vater, die Töchter, Sonia und Giulia und Ale(ssandro) vom Höxken aufs Stöxken kommen. Bei jeder neuen Ausschweifung in weitere belanglose Episoden ihrer jeweiligen Lebensentwürfe, will ich eigentlich aufhören zu lesen, doch die kurzen Kapitel halten mich dann doch bei der Stange. Und die bezaubernde Schreibweise. Ja, man kann nicht anders, als von dieser Schreibweise ein wenig bestrickt zu sein und sich einlullen lassen. Das Buch ist ja nicht lang, es lohnt sich kaum, vorzeitig aufzuhören.

    Der Autor führt vor Augen, was passiert, wenn Väter sich auf ihre Karriere konzentrieren und zu Hause nicht verfügbar sind. Schleichende Entfremdung setzt ein. Erst mit den Enkeln korrigiert sich die Väterhaltung. Aber das rettet auch nichts mehr. Die Sprachlosigkeit bleibt.

    Die Kritik an dem Roman ist rein inhaltlicher Natur, denn am Stil des Autors und seiner Art zu erzählen ist nichts auszusetzen, abgesehen davon, dass die ganze Geschichte so belanglos wie alltäglich ist. Nun gut, aber will man sich nicht im Alltäglichen, literarisch beschrieben, wiederfinden?

    Konkrete Kritikpunkte:

    Erstens: Die ganze Familie macht einen mächtigen Bohai daraus als die jüngste Enkelin, Rachele, vom Baum fällt und sich den Arm bricht. Als ob die Welt unterginge gebärden sie sich und langweilen mich damit gründlich.

    Zweitens: obwohl der Vater als Architekt Erfolge einheimste und in der ganzen Welt herumkam, tut er sich unheimlich schwer mit sozialen Kontakten. Das ist einfach nicht glaubhaft. Vor allem nicht in Italien, wo jeder mit jedem redet und bei Bedarf den Gemüsehändler zuquatscht. Ich will nicht wissen, was sich Postboten anhören müssen!

    Drittens: Obwohl Papa nie im Leben einen Kochlöffel in die Hand nahm, kocht er ein kompliziertes Gericht aus dem Kochbuch seiner Frau und es klappt auf Anhieb. Nonsens.

    Und Viertens muss man sich das Thema „Das Schweigen der Väter“ zusammenreimen, denn das Treffen mit Elena am Sonntag und seine Folgen ist dann doch zu geringfügig für den Roman. In der Musik wäre es ein nettes, kleines Nebenmotiv. Ein Anlass, ein Aufhänger, aber kein Grund für einen Roman.

    Fazit: Sehr, sehr nett geschrieben, ein ruhiger Roman, den ich durchaus hätte noch mehr mögen können, wenn er sich nur mehr auf (s)ein Thema konzentriert hätte.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur: 3 Punkte
    Unterhaltung: 4 Punkte

    Ergo: 3.5

    Verlag: hanserblau, 2020

  1. Erinnern, Verstehen und Verzeihen – eine empathische Familienges

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Aug 2020 

    Die Ich-Erzählerin ist Giulia, eine der beiden erwachsenen Töchter des Protagonisten, der seit acht Monaten verwitwet ist und sich mit der neuen Lebenssituation nur schwer zurecht findet. Seine drei Kinder haben sich andere Wohn- und Arbeitsorte gewählt, was er nicht recht verstehen kann – und das, obwohl er früher selbst weltweit als Ingenieur im Brückenbau tätig und nur selten zu Hause in Turin war. Jetzt ist er häuslich und sehnt sich nach der Familie.

    Am titelgebenden Sonntag hat er beschlossen, seine älteste Tochter Sonia mit Mann und Kindern zum Essen einzuladen. Zum ersten Mal schlägt er das Kochbuch seiner verstorbenen Frau auf und bereitet ein mehrgängiges Menü zu. Er möchte wieder Leben im Hause haben:
    „Ihm lag viel daran, dass sich die Wände der Wohnung am Lungo Po Antonelli von Zeit zu Zeit mit Stimmen vollsogen: Ihr Nachklang würde sacht daraus hervorsickern und ihn ein paar Tage lang wie ein Grundrauschen begleiten.“ (S. 35)

    Doch leider muss die Familie absagen, weil eines der Kinder unglücklich vom Baum gefallen ist und ins Krankenhaus muss. Der Großvater ist nervös, kann aber nicht helfen, so dass er einen Spaziergang am Fluss unternimmt. Dort lernt er Elena und ihren Sohn Gaston kennen, einen leidenschaftlichen Skateboardfahrer. Die beiden Erwachsenen kommen ins Gespräch, schließlich lädt der alte Mann beide zu sich nach Hause zum Essen ein. Dieses Zusammentreffen entwickelt eine angenehme Aura. Man fühlt sich wohl, hört einander zu und bringt den anderen weiter. Gaston ist beglückt angesichts der leckeren Mahlzeit und dem kreativen Hobby des alten Mannes.

    Die Begegnung mit Elena macht aber nur einen Teil des Buches aus. In vielen weiteren zeitversetzten Episoden und Retrospektiven erinnert sich Giulia an ihre Familie. Die Mutter war eine fröhliche Frau, die ihre eigenen Ambitionen zurückstellte, um sich ganz Mann und Kindern zu widmen. Sie war der Mittelpunkt der Familie, während ihr Mann meist woanders war. Giulia meint damit nicht nur die körperliche sondern noch eine andere Art von Abwesenheit:
    „Manchmal wirkte er, als wäre sein Interesse für uns – wie soll ich es ausdrücken? – rein vertraglich: als hätte jemand ihm die Gebrauchsanweisung vorgelesen und er versuchte sie zu befolgen.“ (S. 111)

    Giulia spürt eine schwer definierbare Distanz zu ihrem Vater, der sie auf den Grund kommen will. Lange schon haben beide nicht mehr miteinander gesprochen, ohne dass es dafür eine konkrete Ursache geben würde. Die Tochter fühlt sich vom Vater nicht anerkannt. Als Kind hatten die beiden ein liebevolles Verhältnis, später jedoch wurde ihre Freude am Theater missbilligt. Mittlerweile hat Giulia das Theater als Regisseurin zu ihrem Beruf gemacht.

    Die Erzählerin spürt nicht nur dem Vater, sondern auch den anderen Familienmitgliedern nach und versucht sie zu begreifen. Welche Art Beziehung hatten ihre Eltern miteinander? Wie kamen sie mit der dauerhaften Abwesenheit des Vaters zurecht? Welche Rolle nahmen die einzelnen Kinder ein? Wie sieht Giulias eigene Stellung innerhalb der Familie aus? Anhand der berichteten Episoden ergibt sich für den Leser ein vielschichtiges und interessantes Bild, das bis in die Gegenwart fortgesetzt wird.

    Eingestreut werden auch weitere Begegnungen mit Menschen, die eine Tür zu ihrer eigenen Erinnerung öffnen. Giulia ist eine sensible Zuhörerin, bezeichnet sich selbst als Frau des Wortes. Besonders gut gefiel mir ein Satz über das Wesen unserer Erinnerungen:
    „Wir beschworen die Geister unserer Kindheit herauf. Man musste sich nur umblicken, schon ließ jeder Gegenstand eine Erinnerung auflodern, die sich wie eine Papiertüte in den Zweigen der Vergangenheit verfangen hatte.“ (S. 228)

    „Ein Sonntag mit Elena“ ist ein völlig unaufgeregtes, ruhiges Buch. Aus Fabio Gedas Sätzen strömen leise Melancholie, zarter Humor und nachdenkliche Weisheiten. Er verfügt über eine metaphernreiche, ausdrucksstarke Sprache. Seine Dialoge sind empathisch und glaubwürdig. Es ist nicht die spannende Handlung, die den Leser fesselt, es sind mehr die beschriebenen Begebenheiten, die die verschiedenen Familienmitglieder charakterisieren und das Beziehungsgeflecht untereinander entschlüsseln. Im Mittelpunkt freilich stehen Giulia, ihr Vater und natürlich Elena, mit der der Roman anfängt und endet.

    Ein wunderbarer Roman, für den ich mit 5 Sternen meine volle Lese-Empfehlung aussprechen möchte.

  1. Unaufgeregt erzählte, interessant zu lesende Familiengeschiche!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Jul 2020 

    Brücken, die Orte verbinden und Brücken, die Menschen (wieder) einander näher bringen...

    Brücken vereinen, überwinden und verknüpfen.
    Gute Brücken regen dazu an, zu verzeihen und über seinen Schatten zu springen. (S. 148)

    Der Roman mit dem ansprechenden Cover - ein Gedeck und eine Blumenvase auf einem Holztisch -spielt in Italien und wird aus der Ich- und allwissenden Perspektive der erwachsenen Tochter Giulia, einer Theaterregisseurin und Mutter von Zwillingen, geschrieben.

    Kurz gesagt ist der Roman eine Familiengeschichte und geht es um Giulias Beziehung zu ihrem Vater.
    Dieser reiste jahrzehntelang als Ingenieur durch die Welt, um seine geliebten Brücken zu bauen.
    Nun ist er 68 Jahre alt und seit einigen Monaten Witwer.

    Er hat beschlossen, im Gegensatz zu früher, den Wichtigkeiten ab jetzt mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den Dringlichkeiten.
    Ein weiser Entschluss, den er tatsächlich umsetzt.

    Die Erzählerin Giulia hat noch zwei Geschwister.
    Die ältere Sonia, Ehefrau, Mutter zweier Töchter und studierte Erziehungswissenschaftlerin und der jüngere Alessandro, Chemiker in Helsinki.

    Der Vater plant, Sonia und ihre Familie zum Essen einzuladen. Er will sich zum ersten Mal in seinem Leben selbst an den Herd stellen und mit Hilfe der Anleitungen im dicken roten Rezeptbuch seiner Frau kochen.

    Aber kein simples Gericht soll es werden, sondern traditionelle Lieblingsgerichte möchte er zaubern.
    Natürlich ist er aufgeregt.
    Natürlich befürchtet er, dass das Resultat ungenießbar sein könnte.

    Das Menü ist fix und fertig und schmeckt tadellos - da kommt der enttäuschende Anruf:
    Sonia sagt den Besuch ab, weil Rachele, ihre Tochter vom Baum gefallen ist und sich den Arm gebrochen hat.
    Jetzt geht die Fahrt ins Krankenhaus anstatt zum Opa, der Frust, Enttäuschung und Sorge auf einem Spaziergang abbauen und in den Griff bekommen möchte.

    Und da lernt der ehemalige Ingenieur die Mittdreißigerin Elena und ihren 13jährigen Sohn Gaston kennen. Elena, die gerade ihren Job verloren hat und Gaston, der endlich mal etwas anderes essen will als Tiefkühl-Tacos...

    Ich möchte noch so viel verraten:
    Es geht in diesem ruhigen und berührenden Band nicht nur um diesen Sonntag und um die Auswirkungen der Begegnung mit Elena.
    Es geht noch um viel mehr.

    Auf einmal steht z. B. ein Geheimnis im Raum. Warum sprechen zwei Menschen nicht mehr miteinander?

    Und dann erfährt man von seltsamen, vielleicht sogar unwahrscheinlichen, aber eben doch möglichen Begebenheiten.
    Jeder dieser beiden Menschen, die nicht mehr miteinander sprechen, trifft einen anderen unbekannten Menschen, der dem ähnelt, mit dem der Kontakt abgebrochen ist.
    Diese Begegnungen bringen Gefühle und Sehnsüchte ans Tageslicht und wirken letztlich wie Brücken...

    Die Erzählerin Giulia erzählt im Verlauf respektvoll und mit Zärtlichkeit, aber auch mit Enttäuschung und Gekränktheit aus dem Leben des anpackenden, gewissenhaften und selbstbewussten Vaters, der berufsbedingt manchmal wochenlang abwesend war und von der warmherzigen Mutter, einer Juristin, die ihren Beruf aufgegeben hat, um sich ganz der Familie zu widmen. Sie war der Fels in der Brandung und der sichere Hafen.

    Giulia erinnert sich an die Beziehung der Eltern, an Episoden aus dem vergangene Familienleben und an gemeinsame Erlebnisse mit dem Vater, dem sie als Kind herzlich zugetan war und dessen Wertschätzung sie als Heranwachsende immer ersehnte und gleichzeitig vermisste.
    Sie erzählt aber auch aus ihrem Leben und vom Alltag ihrer Geschwister.

    Auf diese Weise taucht man immer mehr in die Dynamik der Familie ein und man bekommt einen immer besseren Eindruck vom Beziehungsgeflecht zwischen den Mitgliedern und davon, wie die einzelnen Personen, v. a. der Vater gestrickt sind.

    Es geht hier weniger um Handlung als um Beschreibungen, Stimmungen, Gefühle, Erinnerungen und Reflexionen.

    „Ein Sonntag mit Elena“ ist unterhaltsam und tiefgründig, sowie leicht und flüssig zu lesen. Außerdem gibt es immer wieder Passagen, die einen schmunzeln lassen.

    Der Leser wird mit einer schönen Sprache, wunderbaren Formulierungen und Metaphern, die einen innehalten lassen, verwöhnt.

    Zwei Beispiele dazu:
    „Der Schreck, der hinter den Worten kauerte, war dennoch spürbar: man hörte ihn hecheln wie einen verletzten Fuchs.“ (S. 41)

    „Wir fürchteten, der Vulkan, an dessen Hängen wir lebten, würde früher oder später ausbrechen, und hofften, dass uns zur schicksalhaften Stunde genug Zeit zur Flucht bliebe.“ (S. 51)

    Ich empfehle den Roman, in dem dem Leser auf raffinierte Weise und mit schöner Sprache eine letztlich recht gewöhnliche Familie vorgestellt wird, gerne weiter.