Ein simpler Eingriff: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein simpler Eingriff: Roman' von Yael Inokai
4.25
4.3 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein simpler Eingriff: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446272316

Rezensionen zu "Ein simpler Eingriff: Roman"

  1. Bedeutung in den Zwischentönen

    Meret ist Krankenschwester. In ihrer Klinik wird ein Eingriff angewandt, der psychische Erkrankungen schnell und radikal auslöschen soll. Meist geht es um Frauen, die eingeliefert wurden, weil sie ihre Wut allzu offen zeigten. Aber Wut auf wen, und ist diese vielleicht gerechtfertigt? Immer wieder werden hier patriarchalische Hierarchien spürbar – mit Tradition verbrämter, mit Effizienz rationalisierter Machtmissbrauch. Die Wut der Männer ist Privileg, die Wut der Frauen ist Wahnsinn, der ihnen aus den Gehirnen geätzt werden muss.

    Ort und Zeit bleiben unbestimmt, doch eins ist offensichtlich: In diesem Setting ist Medizin mit einem großen Machtgefälle verbunden. Wer bestimmt, was Normalität ist und was Wahn?

    Meret glaubt an die Ausreden, hinterfragt nicht die Lügen derer, die Frauen Macht und Autonomie rauben. Als Kinder wurden ihre Schwester und sie vom Vater regelmäßig schwer misshandelt. Doch Meret ist so verwurzelt in einer Lebenswirklichkeit, in der Machthabende auch Rechthabende sind, dass sie die Schuld einzig und allein bei der Schwester sucht. Auch den Ärzten und dem ‘simplen Eingriff’ vertraut sie später blind und sieht nicht, wie vor allem unbequeme Frauen damit ruhiggestellt werden.

    »Keine Schmerzen. Die kämen später. Darüber sprachen wir in dem Moment allerdings nicht.«

    Sie ist ein geschätztes Rädchen im Getriebe der Klinik. Im Grunde ist sie die Ruhigstellerin. Ihre Aufgabe ist es, sich mit Patient:innen anzufreunden, ihre Ängste und Zweifel zu beschwichtigen und sie während dem Eingriff, der bei vollem Bewusstsein am offenen Gehirn vorgenommen wird, abzulenken und zu beruhigen. Sie ist stolz darauf, dass einer der Oberärzte sie für diese Aufgabe auserwählt hat.

    Als sie sich in Sarah verliebt, die klareren Blicks auf die die Voreingenommenheit und Skrupellosigkeit dieser psychiatrischen Maschinerie schaut, wird Meret bis ins Mark erschüttert und will es doch nicht zulassen. Was bedeutet es für sie, wenn der Eingriff gar nicht rettet, sondern den Patient:innen bestenfalls¹ einen Teil ihrer Persönlichkeit, ihrer Intelligenz, ihres Antriebs raubt? Nicht zu schweigen von ihrer Menschenwürde …

    (¹ Ich sage ‘bestenfalls’, denn es kommt durchaus vor, dass der Eingriff misslingt … Todesfälle, die im Namen des Fortschritts und der Wissenschaft hingenommen werden.)

    Je genauer Meret hinschaut, je mehr sie hinterfragt, desto schneller rinnt ihr der Lebenssinn durch die Finger wie Sand. Was bleibt von ihr, wenn sie nur noch Meret ist, nicht mehr Teil von etwas Großem? Dagegen stäubt sie sich, bis sie im Angesicht der als Heil verkauften Tragödien nicht mehr leugnen kann, was geschieht. Ihre Befreiung aus diesem unmenschlichen System geschieht nur unter seelischen Schmerzen und mit Widerstand.

    Gegen Ende deutet ein Arzt an, er habe Merets lesbische Neigungen erkannt – und auch das könne mit einem ähnlichen Eingriff ‘korrigiert’ werden, wenn sie das wünsche. Spätestens hier lässt sich nicht mehr leugnen, dass es bei dem Eingriff oft nicht um Heilung geht, sondern um Anpassung an die gesellschaftlichen Normen. Und ja, auch um Geld, denn es sind gerade die wohlhabenden Familien, die ihre ‘nicht mehr tragbaren’ Töchter korrigieren lassen. Patient:innen werden geradezu entmenschlicht, gefügig gemacht, zum Schweigen gebracht.

    Die Charaktere werden so prägnant beschrieben, so klar und glaubhaft, dass man sie schnell zu kennen glaubt. Meret, ihre Geliebte, der Arzt, die aktuelle Patientin, sie alle erwachen in geradezu schwerelosen und doch gewichtigen Worten zum Leben. Der Sprachrhythmus zieht dich rein in Merits Lebensrealität, wo du dann in gespannter Erwartung verharrst.

    Die Liebesgeschichte zwischen Meret und Sarah ist trotz des verstörenden Handlungsrahmen eine sehr berührende, mit großer emotionaler Tiefe. Hier entfaltet sich eine zarte Poesie, die die Tragik des Geschehens eher herausstreicht als schmälert.

    Yael Inokai führt Leser:innen mit klaren, leisen Worten durch die Geschichte. Worte, die niemals belehren. Worte, die weder beschönigen noch die Tragödien für den Schockfaktor ausschlachten. Das haben sie gar nicht nötig, denn die Wucht und Wirkung der Geschichte entfaltet sich gerade in den Zwischentönen, im Unausgesprochenen. “Ein simpler Eingriff” ist ein wunderbarer Roman, der dich nachdenklich zurücklässt – und mit dem emotionalen Echo, der inneren Resonanz der zum Schweigen gebrachten Wut.

    Fazit

    “Ein simpler Eingriff” ist definitiv einer meiner Favoriten für die diesjährige Verleihung des Deutschen Buchpreises.

    Die Subtilität, mit der Yael Inokai spricht, mit der sie Leser:innen an die Hand nimmt, tut der Aussagekraft der Geschichte keinen Abbruch. In ihren Worten schwingt das Ungesagte mit; da hörst du das leise Summen der gesellschaftlichen Normen und Anforderungen, spürst das Vibrieren der Ungerechtigkeiten, der soziokulturellen Einstellungsmuster. Der ‘simple Eingriff’ bringt Frauen zum Schweigen – literarische Schwestern all der zum Schweigen gebrachten Frauen in unserer Realität. Meines Empfindens gibt die Autorin ihnen stellvertretend eine Stimme.

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  1. 4
    13. Sep 2022 

    Die blaue Schachtel

    In ihrem Beruf als Krankenschwester ist Meret zufrieden. Sie betreut die Patientinnen, für deren Leiden der Doktor eine neue Operationsmethode entwickelt hat. Es handelt sich um einen Eingriff am Gehirn, mit dem überbordende Gefühle oder abweichendes Verhalten gedämpft werden sollen. Merets Assistenz bei den Operationen ist wichtig, da die Patientinnen wach bleiben müssen. Und nun kommt eine herausgehobene Patientin ins Krankenhaus. Marianne, die von der Wut geplagt wird, entstammt einer wohlhabenden Familie, was sich für die Forschungen des Doktors als wichtig erweisen könnte. Zu Meret findet Marianne schnell eine Verbindung. Die Gegenwart der Krankenschwester scheint die Angst zu nehmen.

    Wenn man durch die Longlist des Deutschen Buchpreises 2022 scrollt, fällt einem bei diesem Buch sofort das berührendeTitelbild von einer Krankenschwester vor einem Gebäude auf. Sie wirkt kontemplativ und etwas einsam. Zum Inhalt des Buches hätte das Bild kaum besser gewählt werden können. Auch Merets Geschichte berührt. Von einer Krankenschwester, die ihren Aufgaben nachkommt wie es ihr gesagt wird, entwickelt sie sich zu einer Persönlichkeit, die anfängt Fragen zu stellen und die der Liebe begegnet. Nicht ganz klar wird, wann die Erzählung spielt. Vielleicht sollte man sich mit Vermutungen zurückhalten, es wird jedoch nach dem zweiten Weltkrieg sein.

    Dieser ansprechende Roman versteht es zu fesseln und regt gleichzeitig zum Nachdenken an. Es scheint eine Zeit gewesen zu sein, in der den Frauen noch bestimmte Rollen zugewiesen wurden, von denen sie kaum abweichen durften. Meret fügt sich zunächst mit Freude darein. Als Mitglied einer besonderen Abteilung genießt sie ein gewisses Privileg und sie genießt es wirklich. Doch sie beginnt zu zweifeln und mit dem Zweifel beginnt die Veränderung, die auch Schwierigkeiten bringt. Beim Lesen kann man Merets Weg sehr gut nachvollziehen, auch wenn Einiges im Ungewissen bleibt. Während der gesamten Lektüre bleibt man gefesselt, von der Entwicklung, die Meret durchmacht, wie sie immer mehr zu sich selbst und ihren Überzeugungen steht. Die Zukunft mag erst sacht im Nebel auftauchen, doch sie sollte einen Schritt vorwärts bezeugen.

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  1. Feministisch, dystopisch und im Mittelteil öde

    Kurzbewertung:

    Yael Inokai hatte mich mit ihrem Roman "Mahlstrom" sehr begeistert. Bereits in der Vorschau hatte ich ein Auge auf dieses, ihr neues Buch geworfen. Dann kam die Empfehlung auf der SWR Bestenliste, ein Gutschein und schwups, war es meins.

    Der Roman hat drei Teile, jeweils mit einem weiblichen Vornamen überschrieben. "Marianne" ist eine Patientin im Krankenhaus, sie stammt aus bester Familie. Sie leidet offenbar unter Wutanfällen. Ein simpler Eingriff am Gehirn, der nicht weiter ausgeführt oder spezifiziert wird, soll Heilung bringen. Krankenschwester "Meret" (die eigentliche Protagonistin) vertraut dem Arzt und hilft eifrig mit, die Patientinnen, die während des Eingriffs bei Bewusstsein bleiben müssen (!) mit Büchern, Bildern und Spielen zu beruhigen. Das Setting ist speziell. Es gibt kaum einen Hinweis, in welcher Zeit wir uns befinden: Nach Nazi-Deutschland in der Nachkriegszeit oder in einer dystopischen Zukunft, würde ich schätzen. Die Atmosphäre erinnerte mich sehr an "Der Report der Magd".

    Meret stammt aus einem gewalttätigen Elternhaus. Der Vater prügelt grundlos. Ihre Schwester Bibi provozierte diese Ausbrüche, sie ist zweifellos stärker als als Meret, setzte dem Vater Widerstand entgegen, womit jener gar nicht umgehen kann. Irgendwann ist Bibi in die Fremde aufgebrochen, unterhält nur noch sporadischen Kontakt zu ihrer Schwester. Meret vermisst sie sehr. Im Schwesternwohnheim lernt sie ihre neue Mitbewohnerin Sarah kennen. Beide nähern sich an, es entwickelt sich eine zart erzählte Liebesgeschichte zwischen den beiden. Queere Liebesbeziehungen liegen im Trend, kaum ein moderner Roman kommt noch ohne aus

    "Sarah" arbeitet auf einer anderen Station und steht den Hirnoperationen, denen überwiegend Frauen unterzogen werden - wen wundert das? - kritisch gegenüber. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansichten steuern die beiden auf eine Beziehungskrise zu.

    Bis zur Hälfte hat mir der Roman gut gefallen. Man ist doch erwartungsfroh, was noch kommt. Die OP an Marianne ist ein brutaler Cliffhanger, im mittleren Teil liest man nichts darüber.
    Die Spannung lässt also merklich nach.

    Nach dem Ende der Lektüre frage ich mich, was die Autorin mir sagen will. Sie hat einen starken feministischen Ansatz: Frauen werden operiert, wenn sie nicht gefügig sind, wenn sie "Störungen" haben. Männer haben die Macht. Sowohl Merets Vater als auch ihr Chef sind mächtige Männer, deren weibliches Umfeld spurt und ihnen zu Diensten ist. Der Vater ist zudem ein Despot. Weitere männliche Figuren gibt es kaum. Nur Mariannes Bruder scheint ein Netter zu sein.

    Meret und Sarah verlieben sich, leben ihre Beziehung aus, auch wenn sich das nach den gängigen Konventionen "nicht gehört". Sarah ist stärker und kritischer, sie versucht, Meret für die patriarchalen Strukturen zu sensibilisieren, für das Unrecht, was Frauen in ihrem Umfeld angetan wird.

    Natürlich gibt es um Marianne eine Auflösung. Vieles bewegt sich im Ungefähren in diesem Buch. Es hat was von einer Schullektüre, in der man Hinweise sammeln muss, um den Text einordnen zu können. Der Mittelteil ist ziemlich langweilig. So sehr interessieren mich die einzelnen Unternehmungen der frisch Verliebten denn doch nicht, die gerne in der kalten, unwirtlichen Nacht spazieren gehen. Auch wenn die dunkle, farblose Atmosphäre während des gesamten Romans gut getroffen wird. Diese Welt wirkt relativ hoffnungs- und trostlos. Atmosphäre beherrscht die Autorin wirklich gut. Es fehlt an Handlung, an Inhalt.

    Ich bin etwas ratlos. An sich mag ich den Stil der Autorin. Ich brauche nicht alles auf dem Silbertablett, denke gerne selbst ein bisschen nach. Aber das hier? Misogynie allerorten. Bei A gibt es ein Interview (gerade gesehen), demnach soll der Roman in der Nachkriegszeit spielen. Okay - Gern hätte ich das selbst rausgelesen.

    Ich kann diesen Roman nicht wirklich empfehlen. Der Stil ist gut, aber die Handlung zu mager, sie trägt nicht. So schade! Ich hatte große Erwartungen an das Buch.

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  1. 5
    10. Sep 2022 

    Gleichschritt

    Ein intensives Buch! Und für meine Begriffe steht es völlig nachvollziehbar auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Dieses Buch stand schon vorher auf meiner Wunschliste, sein Erscheinen in der Longlist brachte es dann schneller zu mir. Und fast ebenso schnell ging die Lektüre. Eine wirklich spannende Geschichte. Und für mich auch eine besondere Geschichte, da ich ja ebenso in der Medizin, in der Psychiatrie tätig bin und von daher auf Merets Gedanken mit einem eigenen Hintergrund schaue. Ein neuartiger Eingriff soll besonders Frauen von ihren psychischen Leiden befreien. Und Meret soll dabei helfen, denn sie ist ein besonderer Mensch, sagt der behandelnde Arzt, sagt der Gott in Weiß, sagt der Mann. Und Meret ist stolz. Obwohl ihr Zweifel aufkommen, verdrängt sie sie erfolgreich. Denn im Krankenhaus geschieht ja ihrer Meinung nach das Gute. Auch Zweifel ihrer Kolleginnen verdrängt sie, ja, sie fühlt sich sogar persönlich angegriffen. Denn das Geschehen trifft ja die Anderen und diesen Anderen wird ja zu einem besseren Leben verholfen. Und sie und der Doktor tun ja das Gute. Erst als sie merkt, wie schnell man selbst zu den Anderen gehören kann, verändert sich ihr Denken und sie bemerkt die Manipulation, die an ihr vorgenommen wurde. Ein nachdenklich machendes Buch, ein Buch, in dem Wahrheiten stecken und ein Buch, welches ein dunkles und bedrohliches, ja fast ein irgendwie dystopisches Gefühl vermittelt.
    Ein Buch, welches weder örtlich noch zeitlich verbunden ist und damit Verbindungen ins Gestern und ins Heute ermöglicht und nach verschiedenen Örtlichkeiten auslöst, ja auch ins Jetzt hervorruft. Gut, diese hier erwähnten psychochirurgische Eingriffe werden momentan bei uns nicht mehr an Menschen durchgeführt, die nicht der Norm entsprechen. Doch wer garantiert, dass dies so bleibt? Nur eine offene und tolerante Gesellschaft! Und diese wird immer wieder von rückwärtsorientierten Kräften torpediert. Dies sollte uns klar sein und unsere Wachsamkeit verstärken. Denn dass diese Eingriffe bei uns nicht mehr durchgeführt werden, heißt ja nicht, dass es sie an anderen Orten in unserer Welt nicht mehr gibt und auch bei uns nie mehr geben wird. Denn eine Andersartigkeit, ein Hervorstechen aus der Masse wird nicht von jedem Zeitgenossen positiv bewertet. Und wenn die richtigen, oder eher die falschen Leute an die Macht kommen, kann es schnell heißen, dass Frauen wieder an den Herd gehören und zu Gebärmaschinen umfunktioniert werden. Auch dies sollte jedem klar sein. Denn dieses Denken gibt es ja leider und nur weil man oder frau etwas erfolgreich ignoriert, heißt es ja nicht, dass es diese Gedanken nicht gibt.

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