Ein Raum aus Blättern: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Raum aus Blättern: Roman' von Kate Grenville
3.9
3.9 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein Raum aus Blättern: Roman"

»Ich wurde zu einer Person, die, wenn sie sich nicht vollständig von sich abgewandt hatte, so doch auch nicht zur Gänze sie selbst war. Ich war verbindlicher, liebenswürdiger, eine, die sich klein zusammengefaltet und sorgfältig versteckt hatte, dort, wo niemand sie sehen konnte.« Die Ehe mit einem rücksichtslosen Tyrannen, ihre eigenen Sehnsüchte, die Suche nach Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die den Frauen diese nicht zugestand: Kate Grenville lässt uns lesen, was eine der scheinbar sittsamen Frauen aus der Geschichte wirklich gedacht haben mag. 1788. Die 21-jährige Elizabeth hat nicht viele Optionen in ihrem Leben. Als Halbwaise, ohne große Mitgift in einer Zeit, in der für Frauen das Wichtigste war, einen Ehemann zu finden, muss sie denjenigen zum Ehemann nehmen, der sie als erstes fragt. John McArthur ist rücksichtslos und getrieben von einer dunklen Wut auf die Welt. Er soll eine Stelle als Leutnant in einer Strafkolonie in New South Wales antreten, und Elizabeth als seine Ehefrau hat keine andere Wahl, als mit ihm zu gehen. Ihr ganzes Leben lang hat Elizabeth gelernt, zuvorkommend zu sein, sich selbst klein zusammenzufalten. Jetzt, in dieser unwirtlichen neuen Umgebung, mit einem Ehemann, der immer wieder für längere Zeit in England weilt, ist Elizabeth auf sich gestellt und geht ihren Weg, so gut es ihr möglich ist.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:360
Verlag:
EAN:9783312012343

Rezensionen zu "Ein Raum aus Blättern: Roman"

  1. Prequel

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Sep 2021 

    Im Mittelpunkt des Romans steht die historische Figur Elizabeth Macarthur. Sie wurde in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in England geboren. Ihre frühe Biografie erinnert an Erzählungen von Jane Austen oder den Brontë-Schwestern: Elizabeth wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater verstarb früh. Von der Mutter erfuhr sie keine Liebe. Dafür baute sie eine herzliche Beziehung zu ihrem Großvater auf, der ihr viel Nützliches über die Schafzucht beibrachte. Nach der Wiederverheiratung der Mutter wurde sie ins Pfarrhaus abgeschoben, was sich jedoch als Glücksfall erwies, weil sie dort mit ihrer Freundin Birdie eine vergleichsweise glückliche Kindheit und etwas Bildung genoss.

    Es gibt nur wenige historische Dokumente über Elizabeth Macarthur. Bekannt und verbürgt ist, dass sie mit 21 Jahren John Macarthur heiratete und mit ihm in die Strafkolonien nach Australien zog. John Macarthur wird später als der Wollbaron Australiens berühmt, weil er in den Anfängen der Kolonialisierung mit der Schafzucht in Australiens begann und damit die Grundlagen eines bis heute in Australien wirkenden Wirtschaftsimperiums legte. Allerdings kehrte John Macarthur wegen juristischer Streitigkeiten mehrfach und für viele Jahre nach England zurück. In dieser Zeit führte Elizabeth die Geschäfte, weshalb ein Großteil des wirtschaftlichen Erfolgs wohl auf ihrem Engagement beruhte. Briefe von Elizabeth aus dieser Zeit gibt es nur wenige, und die wenigen die es gibt, sind relativ nichtssagend. Die Geschichte Elizabeths, welche die Autorin erzählt, bewegt sich zwischen den historisch verbürgten Zeilen und füllt diese in der Form fiktiver Memoiren aus.

    In der Verknüpfung der historischen Dokumente und verbürgen Informationen über Elizabeth Macarthur mit ihrer fiktiven, geheimen Geschichte liegt der besondere Reiz dieses Romans. Dies mag zu Anfang verwirrend sein, weil die Autorin erklärt, das Buch beruhe auf den angeblich wiedergefundenen Memoiren. Es wird allerdings schnell klar, dass dies nur ein schriftstellerischer Kniff ist. Die Geschichte selbst ist elegant geschrieben (und gerade nicht im Stil von Memoiren Ende des 18. Jahrhunderts verfasst). Die Kapitel sind kurz und treiben die Geschichte schnell voran. Der Schwerpunkt der Erzählung dreht sich eindeutig um die fiktiven und realen Geschehnisse, die dazu beitrugen, dass Elizabeth Macarthur zu der Frau wurde, als die sie später in die Geschichtsbücher einging. Die dabei verwendete Mischung aus Realem und Fiktion hat mir sehr gut gefallen. Von mir gibt es daher fünf Stern und eine Leseempfehlung.

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  1. Die Frau des Wollbarons

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Aug 2021 

    In diesem Buch lässt Kate Grenville Elizabeth Macarthur von ihrem Leben erzählen, unter anderem wie sie mit Anfang 20 mit ihrem Mann John 1790 nach Australien reist, das zu jener Zeit eine Sträflingskolonie war. Es war keine Liebesheirat, die die Beiden zusammenbrachte, aber man arrangiert sich. Für Elizabeth ist es schwer, denn ihr Mann hat nur ein Ziel: gesellschaftlichen Aufstieg um jeden Preis - für Gefühle ist da kein Platz. Doch sie lässt sich nicht so leicht unterkriegen und erkämpft sich in diesem fremden Land nach und nach ihren Freiraum und eine gewisse Selbständigkeit.
    John Macarthur war der Erste, der die Schafzucht in Australien zum Geschäft machte und damit ein Vermögen verdiente. Doch wie so häufig in solchen Fällen hatte daran auch die Ehefrau ihren Anteil, was die Geschichte jedoch meist verschweigt. Elizabeth war die erste akademisch ausgebildete Frau in Australien und als John aus politischen und geschäftlichen Gründen mehrfach für mehrere Jahre in Großbritannien blieb, war sie somit allein für die Farm verantwortlich. Doch ihr Wirken und ihr Erfolg blieben stets im Hintergrund.
    Die australische Schriftstellerin Kate Grenville will ihr nun späte Gerechtigkeit widerfahren lassen und lässt uns in diesem Roman an ihren Memoiren teilhaben, wobei sich Grenville von Briefen inspirieren lässt, die Elizabeth an ihre beste Freundin, ihre Mutter und ihren Mann nach Großbritannien geschrieben hat. Nur wenig von den Geschehnissen in diesem Buch sind tatsächlich belegt, zu wenig aussagekräftig ist die Korrespondenz. Doch die Autorin lässt Elizabeth recht glaubwürdig von ihrem Leben erzählen, das geprägt war von der Liebe zur Natur, einer überwiegend glücklichen Kindheit, ihrem hartnäckigen Wunsch nach Selbstbestimmung und einem nicht enden wollenden Wissensdurst. Und wie sie letztendlich zu der Frau wurde, die in der Lage war, erfolgreich eine Farm nach ihren Vorstellungen zu leiten und zu führen - ganz ohne Mann ;-)
    Eine gelungene, fiktive Biographie mit viel Gefühl (für mich etwas zu viel), die aber genau so hätte geschehen sein können.

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  1. Fiktiv und dennoch glaubhaft

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Aug 2021 

    Elizabeth MacArthur ist eine Frau, die man kennen sollte, denn sie hat ein bewegendes Leben gehabt, und die Schafzucht nach Australien gebracht. Da drängt sich vor der Lektüre die Frage auf, warum hierzulande nichts bekannt ist. Wenn überhaupt bekommt man nur über ihren Mann John MacArthur an Informationen über sie.
    Die Autorin Kate Grenville hat sich dem angenommen. Aus dem wenigen was wir mit Sicherheit wissen, hat sie einen eindrucksvollen Roman gesponnen, anhand erdachten Materials.

    Elizabeth wird von ihrer Mutter zum Großvater geschickt, als diese wieder heiratete und mit ihrem neuen Mann ein Kind erwartet. Der Großvater vermittelt ihr viele solide Grundlagen der Schafzucht, doch er befindet nach kurzer Zeit, dass es besser wäre, wenn sie als junges Mädchen bei den Kingdons aufwächst. Eine Pfarrersfamilie, deren Tochter Bridie ihre beste Freundin ist. Elizabeth ist sehr intelligent, doch trotz der Warnung von Mrs Kingdon, lässt sie sich auf ein Techtelmechtel mit John MacArthur ein, und wird prompt schwanger. Eine Ehe wird aus Gründen der Vernunft geschlossen und das Ehepaar reist bald in die Kolonien nach Australien, da MacArthur unbedingt etwas werden will, mehr Geld besitzen möchte.

    Ab da erfahren wir als Leser, wie das Leben von Elizabeth dort verlaufen ist. Ihr Ehemann ist ein Tyrann, doch sie lernt mit seinen Launen umzugehen, ihn für ihre Zwecke zu manipulieren, ohne das er dies bemerkt.
    John sorgt dafür, dass ihm Land zugewiesen wird, und genau dieses Land wird zu Elizabeth Heimat werden.

    In der Leserunde, in der wir gemeinsam diesen Roman gelesen haben, wurden viele Stimmen laut, denen mehr über Australien selbst geboten hätte werden müssen.
    Mir reichte das vorhandene, es störte mich nicht, da ich mich gut in diese starke Frau hineinversetzen konnte, und mich deren Erlebnisse, wenn auch fiktiv, fasziniert haben. Für mich war dieser Roman sehr ansprechend, ich habe ihn unheimlich gern gelesen.

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  1. Spiel mit dem Leser

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Aug 2021 

    Das Buch beginnt mit einer Irreführung des Lesers. Im Vorwort will uns die australische Autorin Kate Greenville weismachen, wir hielten hier die verschollen geglaubten Memoiren von Elizabeth Macarthur in den Händen und sie fungiere lediglich als Transkriptorin und Herausgeberin.Doch bald merkt der Leser, dass er hier einer Täuschung erlegen ist. Zu modern mutet die Sprache an.
    Was wir vor uns haben sind keineswegs die im Alter niedergeschriebenen Erinnerungen der historischen Elizabeth, sondern die Fiktionalisierung eines Lebens, von dem nur wenige Dokumente vorhanden sind. Kate Greenville treibt hier also ein Spiel mit dem Leser, doch sie hat ihn vorgewarnt. „ Glaubt nicht zu geschwind!“ steht als Motto dem Roman voran.
    Worum geht es ihr also? „ Gewidmet all jenen, deren Geschichte totgeschwiegen wurde.“ so heißt es im Buch. Die Autorin will hier all jenen ein Denkmal setzen, die hinter den großen Figuren stehen, von denen die Historie berichtet. Exemplarisch dafür erzählt sie uns die Geschichte von Elizabeth Macarthur, deren Ehemann John Macarthur in Australien als der „ Vater der Wollindustrie“ gilt. Straßen und Schulen sind nach ihm benannt, sein Porträt ziert die 2-Dollar - Münze. Doch in Wahrheit hielt sich John Macarthur in jenen Jahren, als das australische Merinoschaf auf seinem Besitz gezüchtet wurde, vor allem in England auf. Folglich müsste der Ruhm seiner Ehefrau zustehen.
    Für die australische Leserschaft hat dieser Roman wahrscheinlich eine größere Relevanz. Wir, die wir von dem Paar noch nie gehört haben, lesen mit „ Ein Raum aus Blättern“ einen sehr gut gemachten Unterhaltungsroman, der uns das Siedlerleben in Australiens Pionierzeit näher bringt und v.a. eine interessante Frauenfigur in den Mittelpunkt stellt.
    Elizabeth wurde 1766 in England geboren, als Tochter eines einfachen Bauern. Als ihr Vater stirbt und die Mutter sich wieder verheiratet, kommt das Mädchen erst bei dem Großvater unter. Später lebt sie bei der ortsansässigen Pastorenfamilie, mit deren Tochter sie sich anfreundet. Elizabeth ist intelligent und wissbegierig, lernt aber bald, dass sie ihre Klugheit besser verbirgt. Aus einem eigensinnigen und willensstarken Kind wird ein junges Mädchen, das sich „ klein zusammenfaltet und sorgfältig versteckt“. Als Halbwaise ohne jeglichen Besitz sind ihre Aussichten auf dem Heiratsmarkt äußerst beschränkt. In einem Augenblick der Schwäche gibt sie sich dem arroganten und wenig ansehnlichen Leutnant John Macarthur hin, mit unübersehbaren Folgen. Die beiden heiraten und die hochschwangere Elizabeth folgt ihrem Mann nach New South Wales, wo er seiner Schulden wegen eine gut dotierte Stelle antritt. Schon die monatelange Überfahrt in Englands Strafkolonie am Ende der Welt ist äußerst beschwerlich. Und dort erwartet sie ein ödes Stück Land, auf dem über 1000 Sträflinge und ein paar Hundert Marinesoldaten als ihre Bewacher unter primitiven Verhältnissen hausen. „ Wie eine Rosenknospe, die in der Abtrittgrube landet, geriet die vornehme junge Frau aus dem Pfarrhaus von Bridgerule auf der anderen Seite des Erdballs in eine Gesellschaft, die von Gewalt und Brutalität geprägt war.“
    John Macarthur hatte als Sohn eines Tuchmachers von Geburt an wenig Aussichten auf Aufstieg. Umso ehrgeiziger und skrupelloser verfolgt er deshalb sein Ziel, nach oben zu kommen, Hier in der Kolonie nutzt er jeglichen Vorteil, den er sieht. Er schmiedet Intrigen und verfolgt jeden mit seinem Zorn, der sich ihm in den Weg stellt. Elizabeth hat bald herausgefunden, wie sie ihren Mann nehmen muss. Sie nutzt seine Schwächen und Fehler zu ihren Gunsten. Elizabeth baut auch ihre Stellung in der Kolonie aus. Sie unterhält einen Salon, wo sich alles trifft, was Rang und Namen hat.
    Doch die Ehe mit dem cholerischen und egozentrischen Mann ist nicht glücklich. Was es heißt, zu begehren und begehrt zu werden, erlebt sie erst in ihrer Beziehung zu William Dawes, dem Astronomen der Kolonie. Er unterweist sie in Astronomie und in der Botanik und hierbei kommen sich die beiden näher.
    Macarthur gelingt es schließlich, an eigenen Grund und Boden zu kommen und mit der Schafzucht bringt es die immer größer werdende Familie zu einigem Wohlstand.
    Elizabeth wird neun Kinder gebären, von denen zwei früh sterben und ihren despotischen Ehemann um 16 Jahre überleben. Sie hat Wurzeln geschlagen in der neuen Heimat, wohl wissend, dass das Land eigentlich den Aborigines gehört.
    Auch jene gehören zu denen, die von der offiziellen Geschichtsschreibung vergessen wurden. Kate Greenville gibt ihnen in diesem Roman eine Stimme, wenn auch sehr verhalten. Doch von einer Engländerin jener Tage ist wohl keine grundsätzliche Kritik am Kolonialismus zu erwarten. Elizabeth sieht in den Aborigines keine kinderfressenden Wilde, wie das andere tun, sondern Menschen ihresgleichen. Und sie zweifelt an der Version ihres Mannes über den Angriff von „Eingeborenen“, den die Siedler erfolgreich abwehrten. „ Es geht nicht nur um Vertreibungen und die Zerstörung ihrer Traditionen. Nicht nur um Gräueltaten, nicht nur um Morde. Hinter all dem steht eine andere, eine grundlegendere Gewalt: das Verdrängen der wahren Geschichte durch eine unwahre.“ Auch hier gilt wie immer und überall: Die Sieger schreiben die Geschichte.
    Ob wir hier tatsächlich der historischen Elizabeth nahekommen, ist zu bezweifeln. Die authentischen Briefe an Mutter und Freundin, die im Roman abgedruckt sind, sprechen eine andere Sprache. Doch möglicherweise hat Elizabeth hier ihre Situation beschönigt. Wir wissen es nicht.
    Trotzdem ist Kate Greenville mit diesem Roman eine glaubwürdige Geschichte gelungen. Neben der Frauenbiographie bekommt der Leser ein lebendiges Bild von den Anfangsjahren in Englands Sträflingskolonie. Trotz Nahrungsknappheit hält man an der Etikette fest. Voller Verachtung begegnet man den Ureinwohnern. Einzelne Sträflingsschicksale stehen exemplarisch für viele. Dabei wird deutlich, für welch banale Vergehen mancher hierher deportiert wurde. Oft zwang die blanke Not die Menschen zu einem Verbrechen.
    Der Roman ist unterhaltsam und liest sich leicht. Kurze Kapitel mit prägnanten Überschriften sorgen für Lesefluss. Erzählt wird chronologisch, ausschließlich aus der Sicht der Hauptfigur. Die Landschafts- und Naturbeschreibungen sind bildhaft und voller Poesie, manchmal knapp an der Grenze zum Kitsch.
    Fazit: ein lesenswerter, gut geschriebener Unterhaltungsroman.

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  1. "Glaubt nicht zu geschwind!"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Aug 2021 

    Mr. und Mrs. John Macarthur wanderten 1788 von England nach Australien aus. John war ein britischer Offizier, der dem Ruf der Krone folgte und seinen Dienst in der frisch errichteten Strafkolonie New South Wales antrat. Über die Jahre machte John Karriere als Soldat, Politiker und Unternehmer. Er gilt heute in Australien als Begründer der Schafzucht.

    Von Mrs. John Macarthur, die ihren John als Elizabeth Veale kennenlernte, ist nicht viel bekannt. Was für eine Frau Elizabeth war oder hätte gewesen sein können, erzählt der Roman "Ein Raum aus Blättern" der australischen Autorin Kate Grenville.
    Dabei lässt sie Elizabeth ihre eigene Geschichte erzählen. Mit Anfang 80 blickt diese auf ihr Leben zurück: einer Kindheit in Südengland, die Heirat mit John als sie 21 war, die 6 Monate dauernde Seereise nach Australien und ihre Anfänge auf dem, zur damaligen Zeit noch unerschlossenen Kontinent.

    Frau sein in Großbritannien zur Zeit von Jane Austen war alles andere als romantisch. Keine Gleichberechtigung, keine politische Mitbestimmung, kein Recht auf Bildung, auf Arbeit oder eigenen Besitz. Stattdessen war Frau jedoch der Besitz des eigenen Ehemannes. Und ein Ehemann musste her, denn ohne diesen konnte Frau kaum überleben. Häufig musste Frau den Mann nehmen, der zu kriegen war. Und das war nicht immer ein Glücksgriff.

    "Überrascht war ich über das Ausmaß meines Zorns. Zorn auf Mr. Macarthur natürlich, aber auch auf die grausame Maschinerie aus generationenalten Gesetzen, Glaubenslehren und Gepflogenheiten, die eine Frau der Möglichkeiten raubte, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen."

    Pech hatte auch Elizabeth, die ihren John, der sich in dieser Geschichte als skrupelloses und selbstherrliches Ekelpaket erweist, sicherlich nicht aus Liebe geheiratet hat, sich von ihm nach Australien verfrachten lassen musste und verpflichtet war, für Johns Wohlergehen zu sorgen - in jeder Hinsicht. Als Gattin eines britischen Offiziers sorgte sie dafür, dass das gepflegte gesellschaftliche Leben Fortbestand hatte - was merkwürdig erschien, denn der Versorgungsnachschub aus der britischen Heimat war mehr als dürftig und ein 5-o'clock-Tea inmitten der Wildnis erschien eher deplatziert. Da jedoch von einer Mrs. John Macarthur die Einhaltung der englischen Etikette erwartet wurde, hat sie diesen Anspruch auch erfüllt. Sie hatte ja sonst nichts zu tun, anfangs zumindest. Später widmete sie sich der Schafzucht, die eigentlich die Aufgabe ihres Mannes gewesen wäre. Aber das musste in der Öffentlichkeit ja keiner wissen.

    Kate Grenvilles Geschichte über Elizabeth Macarthur ist unglaublich spannend und ereignisreich. Als Leser wird man vom Schicksal dieser Frau vereinnahmt. Rückblickend war es für sie sicherlich kein schlechtes Leben, denn mit den Jahren gelang es ihr, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Beste für sich herauszuholen. Dennoch sind die Bedingungen, unter denen sie ihr Leben geführt hat, unvorstellbar. Das Festhalten an gesellschaftlichen Traditionen und Etikette mutete fast schon absurd an. Das Leben an der Seite eines skrupellosen Soziopathen schien aussichtslos.
    Wie wohltuend ist da die Entwicklung des Charakters Elizabeth, die lernt, mit den Befindlichkeiten ihres Mannes umzugehen. Genauso wie sie lernt, das Land zu lieben, dem sie anfangs mit soviel Widerwillen und Ablehnung begegnet ist. Australien wird ihre Heimat.

    "Ich will mich in diesem Bericht nicht besser machen, als ich es war. Ich musste mich mit diesem Ehemann abfinden und war feige genug, die Früchte seiner Schurkerei zu genießen."

    Ich möchte gern glauben, dass die Geschichte der Elizabeth Macarthur tatsächlich so passiert ist.

    Doch genau das ist der springende Punkt in diesem Buch. Man glaubt, was man glauben will bzw. das, was Elizabeth, als Erzählerin dieser Geschichte, den Leser glauben machen will. In diesem Fall hat Kate Grenville mit "Ein Raum aus Blättern" einen "spielerischen Tanz der Möglichkeiten zwischen dem Realen und Erfundenen" aufgeführt. Mit Hilfe von Informationen, die sie den Biografien über die Macarthurs sowie Schriftstücken von damaligen Zeitzeugen entnommen hat, schreibt sie eine eigene Geschichte über Elizabeth, die so lebensecht wirkt, dass der Leser darin die Biografie einer heroischen Frau sehen will, die sich gegen die "Knechtschaft" ihres Mannes so gut es ging zur Wehr setzte und ihren eigenen Weg gegangen ist. Der Leser glaubt, was er glauben will, ungeachtet der Möglichkeit, dass Elizabeth in Wirklichkeit ein anderer Mensch hätte sein können.

    Mein Fazit:
    Ein außergewöhnlicher Roman, der mit dem Leser spielt. Das, was sich Kate Grenville vorgenommen hat, nämlich einen Roman zu schreiben, der die "Macht der Geschichte" demonstriert, hat sie großartig umgesetzt. Ich bin ihr auf den Leim gegangen, habe die Protagonistin zunächst gesehen, wie ich sie sehen sollte bzw. wollte. Der Ausspruch von Elizabeth Macarthur, der den Roman eröffnet und in einer Anmerkung der Autorin beendet
    "Glaubt nicht zu geschwind!"
    sagt alles aus.

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  1. Ein Frauenschicksal in den jungen australischen Kolonien

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Aug 2021 

    Die Autorin verspricht uns die Aufzeichnung der geheimen Lebenserinnerungen von Elizabeth Macarthur, die in Australien landläufig bekannt ist, gilt sie doch gemeinsam mit ihrem Mann als Pionierin der Schafzucht und Wollproduktion. Elizabeths Konterfei zierte 1995 sogar eine 5-Dollar-Münze. Zeit ihres Lebens dokumentierte Elizabeth ihre Erlebnisse und Erinnerungen in zahlreichen Briefen, die sie heim nach Großbritannien schickte. Sie sollen die Grundlage dieses Romans bilden.

    Erzählt wird stringent aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Elizabeth, die bereits als Kind von der Mutter zum geliebten Großvater und anschließend zur Pfarrersfamilie Kingdon abgeschoben wird. Sie muss früh lernen, ihre Neugier und Willensstärke zu unterdrücken. Mädchen dieser Zeit dürfen weder allzu klug sein, noch ungefragt ihre Meinung kundtun. Ihre Wege scheinen vorbestimmt, münden in einer möglichst aussichtsreichen Ehe. Allerdings hat Elizabeth als mittelloses Mündel geringe Aussichten auf eine gute Partie. Ein folgenreicher Fehltritt bindet sie 1788 an den undurchsichtigen Leutnant John Macarthur, der eine Stelle in der neu gegründeten Strafkolonie Sydney in New South Wales antreten soll. Schon die Reise dorthin ist für die hochschwangere Elizabeth extrem beschwerlich. Schnell muss sie reifen. Den Rat einer Reisegenossin nimmt sie sich zu Herzen, er wird ihr Lebensmotto sein: „Aber das kann ich ihnen sagen, Kindchen. Das Leben ist lang. Es hat mehr Wegbiegungen, als Sie zählen können. Eine Frau kann allerlei tun, sie muss nur auf den rechten Augenblick warten.“ (S. 95)

    Ehemann John sucht in der neuen Welt konsequent seinen Vorteil, liebt Intrigenspiele, macht sich mächtige Feinde und pflegt sein überhöhtes Ego. Mit der Zeit lernt Elizabeth damit umzugehen. Es gelingt ihr sogar, ihn und seine Machenschaften im Hintergrund zu manipulieren, so dass allzu schädliche Auswirkungen verhindert und sogar Vorteile für die Familie erreicht werden können. Trotz der zahlreichen Kinderschar wird die Ehe nie glücklich, die Schilderungen aus dem Ehebett manifestieren das drastisch. Elizabeth kann das ausblenden. Ihre regelmäßigen Einladungen im Salon werden eine feste Größe im sozialen Leben der kleinen Kolonie. Elizabeth beherrscht das gesellschaftliche Parkett, was ebenso wie die gestelzten Dialoge amüsant und unterhaltsam zu lesen ist. Es gelingt John Macarthur schließlich durch umfassende Ränkespiele, Land zu bekommen und eine Farm zu gründen, die den Grundstein für die spätere Popularität des Ehepaares legt. Es ist imposant, wie sich Elizabeth auch dort in das Landleben einfügt und für sich Bereiche entdeckt, die sie mit Zufriedenheit erfüllen.

    Ich habe den Roman gelesen, ohne mich zuvor über die Protagonisten zu informieren. Insofern las ich ihn als Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau, die trotz widriger Umstände nie verzweifelt, sondern immer überlegt nach Chancen sucht. Elizabeth nutzt die wenigen Möglichkeiten, die sich ihr als Frau bieten, um sich auch naturwissenschaftlich oder botanisch weiterzubilden – ein Privileg. Ihr Ehemann bleibt allerdings eine Zumutung. Das wird immer wieder sehr ausführlich dargelegt und ändert sich nicht. Elisabeth ist diejenige, die versucht, Verständnis für ihn zu entwickeln, um Einfluss nehmen zu können. Sie kümmert sich um die Familie, später erfolgreich um die Farm und passt sich an die Gegebenheiten an.

    Der Erzählstil ist leichtfüßig, etwas altmodisch anmutend und doch modern, mit leicht ironischem Unterton, der die erzählten Erlebnisse nicht allzu ernst nimmt. Man erfährt viel über das koloniale Leben, in dem trotz Hunger und widriger Umstände Prioritäten gesetzt werden: Etikette, Stil, Ehre, Höflichkeit und Tafelsilber sind elementarste Werte. Man befindet sich noch am Anfang der Kolonialherrschaft. Die Ureinwohner gelten als Wilde, die ihre Kinder auffressen: „Diese Erkenntnis wurde herumerzählt, und nie fragte jemand: Woher wissen Sie das? Vermutungen wuchsen sich zu einer Geschichte aus, die, wenn sie erst kursierte, wasserdicht war wie ein Fass. Ein solches Fass konnte Unwahrheiten rund um die Welt befördern, immer weiter in die Zukunft, ohne jemals leckzuschlagen.“ (S. 240)

    Wer bei diesem Roman eine kritische Auseinandersetzung mit dem Britischen Kolonialismus erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch beschränkt sich auf den Mikrokosmos der beeindruckenden Elizabeth Macarthur, die immense Stärke zeigt, kleine Freiheiten genießt, ohne auszubrechen, und die mit der Zeit die australische Wildnis als ihre neue Heimat anerkennt. Trotzdem bekommt man einen guten Eindruck vom Leben der ersten britischen Siedler in Australien, sowie über Schwierigkeiten und Widerstände, die sich ihnen im Laufe der Jahre entgegenstellen.

    Die Geschichte wird unterhaltsam und fesselnd erzählt. Die Autorin vermag Natur und Pflanzen sehr atmosphärisch und mit großer Poesie zu beschreiben: „Die Nacht glich einem Geschöpf, das sich versteckte und erst, wenn die Menschen schliefen, zu einem Eigenleben erwachte, in nahezu unmerklichen kühlen Luftbewegungen mal aus dieser, mal aus jener Richtung atmete, im Laub flüsterte und mich in seine Geheimnisse einweihte. (S. 55)

    Zum Ende hin erlaubt sich Kate Grenville einen originellen Kunstgriff, der das Gelesene in einem anderen Licht erscheinen lässt. „Ein Raum aus Blättern“ ist ein lesenswerter, stilistisch ansprechender Unterhaltungsroman, der uns das Leben und Wirken einer hierzulande unbekannten Persönlichkeit näher bringt, ohne den Anspruch zu erheben, eine Biografie zu ersetzen.

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  1. Die Wahrheit werden wir nie erfahren

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Aug 2021 

    Bei diesem Buch handelt es sich um die fiktiven Memoiren von Elizabeth Macarthur (1766-1850), der Ehefrau des berühmten und einflussreichen John Macarthur (1767-1834), der als Begründer der Schafzucht in Australien gilt. Beide sind in Australien bekannte Persönlichkeiten, die sogar mit Briefmarken und ihrem Bildnis auf Dollarmünzen und -noten geehrt wurden. Hierzulande sind sie jedoch eher unbekannt.

    „John Macarthur galt als streitsüchtig und hitzköpfig, aber durch Elizabeth' Seriosität und Charme behielt das Paar sein soziales Ansehen“, schreibt Wikipedia. Kate Grenville hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese starke Frau hinter den Kulissen stärker zu beleuchten. Dabei nutzt sie das Mittel der „geheimen Memoiren“, die angeblich bei Bauarbeiten gefunden wurden. Sie bietet uns einen Blick auf die vermeintlich echte Elizabeth und ihre wahren Gedanken.

    Ohne Selbstbestimmung und große Wahl musste sie ihre Heimat verlassen, um ihren Ehemann in das frisch kolonialisierte Australien zu begleiten. Sydney Cove war zu dieser Zeit nur eine Strafkolonie, die Verhältnisse äußerst primitiv und es herrschte Nahrungsmittelknappheit, da die Versorgung der Bevölkerung ausschließlich vom englischen Mutterland gewährleistet wurde.

    Auf unterhaltsame Weise beschreibt Kate Grenville nun, wie sich die junge Frau an der Seite ihres ungeliebten Mannes behauptet hat. Mit ironischem Blick schaut sie auf diese Männerwelt, erzählt aber auch von der Unterdrückung ihrer Bedürfnisse sowie der Suche nach Raum für ihre eigene Selbstbestimmung, die den damaligen Frauen nicht zugestanden wurde.

    Ich hätte gerne noch etwas mehr über das Leben der indigenen Bevölkerung, ihre Unterdrückung und das schwierige Zusammenleben der Völker erfahren, da aber das Hauptaugenmerk auf den Befindlichkeiten Elizabeth' lag, kamen solche Geschichten eher nur am Rande vor. Auch lag der Schwerpunkt mehr auf der Vorgeschichte des Erfolgs der Macarthurs und zum Ende hin wurden die Geschehnisse ziemlich komprimiert erzählt

    Trotzdem ist die Geschichte ist sehr unterhaltsam und fesselnd und es gibt wunderbare poetische Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Die Kapitel sind kurz gehalten und geben ein gutes Tempo vor. Ich gebe ehrlich zu, dass ich zu Beginn auch auf die „echten“ Memoiren hereingefallen bin, aber durch die moderne Sprache wurde mir dann doch schnell klar, dass es sich hier nur um Fiktion handeln kann. Vielleicht ist es der Autorin gelungen, den ein oder anderen wahren Gedanken der Elizabeth Macarthur einzufangen. Die Wahrheit jedoch werden wir nicht erfahren.

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  1. Die geheimen Memoiren der Mrs. Macarthur

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Aug 2021 

    Als Halbwaise hat es die junge Elizabeth im England des 18. Jahrhunderts nicht leicht. Und die Situation verschlimmert sich noch, als ihre Mutter wieder heiratet. Zwar kommt sie gut in einer Pfarrersfamilie unter, doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Als sie sich mit dem Offizier John Macarthur einlässt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihn zu ehelichen. Dies und das, was danach geschieht, hält sie in ihren Memoiren fest, die nun unverhofft aufgetaucht sind...

    „Ein Raum aus Blättern“ ist ein Roman von Kate Grenville.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus fünf Teilen, die in knappe, manchmal sogar extrem kurze Kapitel untergliedert sind. Die Handlung erstreckt sich über einige Jahre - von Elizabeths Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter. Manche Episoden werden recht ausführlich geschildert, andere stark gerafft. Es gibt mehrere Zeitsprünge. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge aus der Sicht Elizabeths in der Ich-Perspektive.

    Der Schreibstil gefällt mir gut. Die Sprache wirkt ein wenig antiquiert, passend zur Epoche, ist aber dennoch gut zu lesen. Der Roman hat einen süffisanten, mitunter spöttischen Unterton und ist immer wieder von spitzen, manchmal sogar ironischen Bemerkungen durchzogen. Ausufernde Naturbeschreibungen zeichnen eindrucksvolle Bilder.

    Die historische Persönlichkeit Elizabeth Macarthur steht im Fokus des Romans. Auch ihr Mann John, eine in Australien sehr bekannte Person, spielt eine bedeutende Rolle. Von den beiden hatte ich vorher noch nichts gehört. Ich fand es jedoch interessant, mehr über sie zu erfahren. Allerdings blieben mir beide Figuren ein wenig fremd.

    Den fünf Teilen vorangestellt ist die fiktive „Anmerkung der Herausgeberin“, die von der Autorin unterzeichnet ist und mich daher unnötigerweise zu Beginn verwirrt hat. Darin wird behauptet, es seien die geheimen Lebenserinnerungen der Elizabeth Macarthur aufgetaucht. Was es damit wirklich auf sich hat, erfährt man zum Schluss in der „Anmerkung der Verfasserin“.

    Der Roman erstreckt sich über mehr als 360 Seiten. Stellenweise plätschert die Handlung gemächlich vor sich hin. Die ersten Teile aber ich noch als überwiegend kurzweilig und unterhaltsam empfunden. Die beiden letzten Teile haben mich inhaltlich in mehrfacher Hinsicht weniger überzeugt.

    Insgesamt geht es darum, wie es der Protagonistin gelungen ist, neben einem egoistischen und tyrannischen Ehemann zu bestehen, und was sie angetrieben hat. Wer war die Frau hinter dem berühmten John Macarthur? Dabei lernt man einiges über die frühe Siedlungs- und Kolonialgeschichte Australiens. Im weiteren Sinne behandelt der Roman zudem die Macht der Worte und die Komplexität von Wahrheit und Unwahrheit.

    Das Cover finde ich als hübsch und passend. Der deutsche Titel ist stark ans englischsprachige Original („A Room Made of Leaves“) angelehnt und ebenfalls treffend.

    Mein Fazit:
    „Ein Raum aus Blättern“ von Kate Grenville ist ein durchaus lesenswerter Roman, der mich allerdings nicht durchgängig fesseln konnte.

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  1. Die Anfänge des weißen Australiens

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Aug 2021 

    Die australische Schriftstellerin Kate Grenville hat sich mit diesem Roman Elizabeth Macarthur gewidmet. Sie wurde 1766 als Elizabeth Veale in England geboren, war dann bald Halbwaise und ihre Mutter gab sie in die Obhut ihres Großvaters.

    Als "Anstandsdame" lernt sie die Begleitung des Galans ihrer Freundin, den Soldaten John Macarthur, kennen. Dieser verführt sie hinter einem Busch, sie wird schwanger und entgeht dem Skandal, weil John sie heiratet und sich nach Gibralta versetzen lässt. Das erste Kind wird dort geboren, doch schon bald sucht John den Auftsieg im New South Wales Corps und kaum dass Elizabeth merkt, dass sie bereits wieder schwanger ist, sitzen sie auf dem Schiff für die sechsmonatige Reise nach Australien.

    Ihr Mann legt sich mit dem Kapitän an, die Reise wird zur Tortur, sie wechseln in Südafrika das Schiff, sie verliert das Kind, muss ihren Mann gesundpflegen und geht schließlich, mit einer Ladung Häftlinge, als erste, freie Frau eines Soldaten im, vor 2 Jahren gegründeten Strafgefangenenlager in Sydney von Bord. Die Wohnverhältnisse sind bescheiden, die Lebensmittelvorräte immer knapp und der Bewegungsradius begrenzt.

    Elizabeth arrangiert sich mit den Allüren ihres Mannes. Dieser versucht sich in jeder Situation Vorteile zu verschaffen, ist aufbrausend und geltungssüchtig. Er ist oft abwesend, sogar mehrere Jahre wieder in England. In der Zeit versteht Elizabeth es, sich eine eigene kleine Welt aufzubauen. Sie hat eine Liebschaft, sie studiert die Sterne und die Botanik und widmet sich der Schafzucht. Sie lernt das Land lieben und nähert sich vorsichtig den Eingeborenen. Sie will nie wieder zurück in ihre Heimat, selbst dann nicht, als ihr Ältester zur Schule nach England geschickt wird. Insgesamt bekommt sie neun Kinder, von denen sieben überleben.

    John Macarthur ist für seine Schafzucht in Australien bekannt, Elizabeth war die Frau an seiner Seite. Diese Konstellation nimmt Grenville zum Anlass und lässt Elizabeths Tagebuch und Briefe in ihre Heimat Gestalt annehmen. Es ist eine Biografie mit erfundenen Elementen. Sie lässt ihre Protagonistin durch die Landschaft wandern und ihr Glück in einem Raum aus Blättern finden. Es sind die angedeuten Widrigkeiten, die vermuten lassen, dass Elizabeth eine Kämpferin war, die sich dem Rollenverständnis als Ehefrau zwar gebeugt hat, aber ihren Willen zur Selbständigkeit mit geschickten Worten durchzusetzen wusste.

    Grenville lässt Elizabeth sprechen, doch sehr zu meinem Bedauern, das Land nicht. Die Andersartigkeit der Tiere und Pflanzen, die Fremdartigkeit der Aborigines, das alles wird an den Rand gedrängt, für die Darstellung der Machtanhäufung ihres Mannes. Man könnte fast meinen, dass Grenville hier ein Heldenepos verunglimpft, um die wahre Person dahinter hervorzuheben.

    Die ganze Geschichte wirkt auf mich farblos und gehetzt, zu sehr an den Fakten klebend. Als Fiktion, die es nun mal ist, hätte sie ausufernder, spannungsreicher und exotischer sein können. Die Geschichte spielt zwar im 19. Jahrhundert, aber die Leser dieses Buches sind aus dem 21sten!

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  1. Celebrities im Frühkolonialismus

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Aug 2021 

    Kurzmeinung: Zeit, eine renommierte australische Autorin kennenzulernen!

    Dass die australische Nation „auf dem Rücken der Schafe reitet“, ist allgemein bekanntes Kulturgut in Downunder und jedes Kind kenne die Macarthurs, sagt Kate Grenville in ihrem bezaubernden Vorwort. John Macarther (1767 bis 1834) gilt als Vater der Wollindustrie. „Überall in Australien sind in Anerkennung seiner Leistungen Straßen, Schwimmbäder und Parks nach ihm benannt.“ In Europa kennt ihn kein Schwein, will sagen, ist er weniger bekannt.

    Kate Grenville will uns die Persönlichkeit dieses Mannes nahebringen und die europäischen Wissenslücken schließen. Aber viel mehr noch möchte sie unsere Aufmerksamkeit auf die Frau lenken, die hinter dem erfolgreichen Mann gestanden hat, Elizabeth Macarther. Die Quellenlage ist freilich dünn. So ist Kate Grenville auf ihr tiefes Einfühlungsvermögen in die damalige Zeit und ihre brillante Erfindungsgabe angewiesen. Und so tischt sie der Leserschaft einiges auf … ! Glaub es oder glaub es nicht. Vielleicht war es so oder vielleicht doch ganz anders, jedenfalls höchst erstaunlich!

    Australien war eine Sträflingskolonie. Sydney war der erste Anlaufspunkt der Überseeschiffe. Die Reise dorthin von England aus dauerte viele Monate. Der Bericht der schwangeren Elizabeth über die Beschwerlichkeiten der Überfahrt ist sehr eindrücklich.

    An Land angekommen leben Offiziere und Soldaten zunächst unter trostlosen Verhältnissen. Angewiesen auf spärlich ankommende Versorgungsschiffe aus dem Mutterland und unfähig sich vom Land zu ernähren wie die Eingeborenen, hungert man stilvoll. Auf Damast und mit Kelchgläsern und von feinem Porzellan eine Hungerration zelebrierend, so hält man die englische feine Lebensart aufrecht. Galgenhumor und Contenance. Später, als man sich eingelebt hat, rottet man die Eingeborenen aus. Das ist dann weniger feine englische Lebensart. Kate Grenville gelingt es mit leichter Feder das dualistische britische Weltbild aufs Papier zu bringen.

    Von der Farmarbeit und der beginnenen Wollindustrie, die die Macarthurs berühmt gemacht haben, erfahren wir als Leser indes wenig. Die Autorin konzentriert sich auf viel Innerlichkeit. Mit Genuß widmet sie sich dem fragilen Gebilde einer Vernunftehe und versetzt uns in das Herz und in die Gefühlswelt der weiblichen Protagonistin, die wir so gerne als Heldin erlebt hätten, als Farmerin, die aber nur im Hintergrund die Fäden zieht und im Geheimen sexuelle Freiheit findet. Das Macarthersche Ehebett muss mit neun Kindern, die daraus hervorgingen, lebhaft gewesen sein, doch nur einseitig erfüllend, behauptet die Autorin.

    Ob wir Elizabeth Macarthur wirklich kennengelernt haben in diesem Roman, wage ich zu bezweifeln. Anyway, ein Frauenschicksal zu jenen Zeiten hätte leicht so ausschauen können. Wie gesagt, die Quellenlage ist dürftig.

    Wie schwierig es heute immer noch ist, zu bereuen, was man den Indios antat, kommt in dem Schlusswort Elizabeth Macarthurs zum Vorschein: „Ich bin nicht bereit, ihnen zurückzugeben, was ihnen gehört." Das ist des Pudels harter Kern.

    Bei dem Versuch, sich Elizabeth Lebenslauf anzunähern, ist ein poetischer, fast lyrischer Roman entstanden, der die Schönheit der fremden Flora wunderschön beschreibt, so dass man denkt, man sei in die naturverklärende Romantik der deutschen Dichter zurückversetzt worden. Es hätte nicht gewundert, wenn Elizabeth endlich die blaue Blume gefunden hätte. Australien Sehnsuchtsort. Man merkt, wie sehr die Autorin ihre Heimat liebt.

    Doch bei allem Staunen über die botanischen Naturwunder Australiens wird die Hässlichkeit europäischer Siedlungspolitik nicht verschwiegen, was bedeutet, dass die Leserschaft unvermittelt aus einem blumigen Märchen in die blutige Realität plumpst. Allerdings plumpst man in Pastell. Schade eigentlich, der Aufschlag hätte härter ausfallen dürfen!

    Fazit: In dieser phantsievollen fiktiven Frauenbiografie fühlt man sich wie in ein Aquarell gemalt. Dann wacht man auf und sucht das Merinoschaf.

    Kategorie: Frauenroman
    Verlag: Nagel und Kimche, 2021

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  1. Beinahe ein Märchen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Aug 2021 

    Hierzulande hat kaum jemand von Elizabeth Macarthur gehört. In Australien ist sie berühmt genug, um auf der Fünf-Dollar-Münze von 1995 verewigt zu werden. Dieses Buch sind ihre fiktiven Memoiren.

    In einem erfrischenden Erzählstil, leicht, originell, mit gelegentlich blumigen Spitzen, erzählt Kate Grenville vom Leben dieser Frau, die im ausgehenden 18.Jh. an der Seite ihres despotischen Ehemanns zu den Ersten gehörte, die versuchten Australien zu kolonisieren.

    Wenn man das hört, hat man Planwagen, Hitze und Pfahlbauten vor Augen, allerdings ist hier Elisabeths vorrangige Aufgabe, ihren Mann zu besänftigen und auf dem gesellschaftlichen Parkett zu glänzen. Im jungen Australien gründet Elisabeth einen Salon, auch wenn sie noch kein Herrenhaus vorweisen kann, reicht Tee, wenn eine Lieferung angekommen ist und zieht sanft ihre Fäden.

    Es liest sich leicht und ist sehr unterhaltsam. Situation und Ambiente werden schön beschrieben, nur die Figuren bleiben etwas blass. John Macarthur ist geradezu ein Märchenbösewicht, jemand der rücksichtslos seine Interessen verfolgt und auch mal Boshaftigkeiten verteilt, nur weil er es kann. Elisabeth trägt ihr Los gelassen, wo sie doch genauso gut verzweifeln könnte. Man bekommt sie nicht so recht zu fassen, sowohl ihren schrecklichen Ehemann als auch später ihre Kinder scheint sie mit Gleichmut zu betrachten.

    Ich hatte mir von diesem Buch etwas anderes versprochen. Der Focus liegt mehr auf der Anfangszeit der Macarthurs in Australien, was sie aber berühmt werden ließ, kann man nur mutmaßen. Vielleicht wissen das Australier auch einfach, im Gegensatz zu mir.

    Es ist ein nettes Buch, angelehnt an historische Begebenheiten, kratzt aber nur an der Oberfläche des Themas, liefert weder tiefergehendes Wissen noch historische Details.
    Man wird gut unterhalten und schnuppert am Zeitgeschehen, sehr hübsch, beinahe ein Märchen.

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  1. Die geheimen Aufzeichnungen der Elizabeth Macarthur

    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Aug 2021 

    „Mein Leben konnte mir noch die eine oder andere Wegbiegung bescheren. Solche Biegungen mochten zum Besseren oder Schlechteren führen, ermöglichten aber doch zumindest eine gewisse Freiheit oder zumindest Geschmeidigkeit.“ (Zitat Seite 216)

    Inhalt
    1788 heiratet die einundzwanzigjährige Halbwaise Elizabeth Veale den etwa gleichaltrigen Ensign John Macarthur. Ihr Ehemann ist eingebildet und arrogant, obwohl er nur seinen Sold als Einkommen hat, vor allem aber ist er ehrgeizig und skrupellos. Er meldet sich zum New South Wales Corps und 1790 treffen sie in Sydney ein. Es ist ein völlig neues Leben in einem unbekannten Land, in dem es bisher nur diese 1788 errichtete Strafkolonie gibt. Doch Elizabeth lernt rasch, sich anzupassen, um ihre eigenen Ideen und Wünsche zu verwirklichen.

    Thema und Genre
    Dieser Roman ist eine fiktive Geschichte, eine neue Deutung der bekannten Fakten und Biografien von Elizabeth Macarthur. Geheime Aufzeichnungen schildern ungeschönt die wahren Lebensumstände der Frauen im 18. und 19. Jahrhundert, in diesem Fall besonders der ersten Siedlerfrauen in Australien. Ein Thema ist die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von verbrieften historischen Fakten.

    Charaktere
    Schon als Kind ist Elizabeth neugierig, will alle Grenzen ausprobieren und darüber hinausgehen. In Sydney lernt sie rasch, sich der Gesellschaft nach außen hin anzupassen. Sie ist liebenswürdig, charmant, bleibt gleichzeitig unscheinbar, beinahe unsichtbar. Bald durchschaut sie die Denk- und Handlungsweise ihres Ehemannes und nützt dies, um ihre eigenen Ideen durchzusetzen, indem sie ihm diese als seine präsentiert.

    Handlung und Schreibstil
    Elizabeth ist bereits seit zwölf Jahren Witwe, als ihr nun erwachsener Sohn James sie bittet, einen Bericht über die Geschichte der Macarthurs von Elizabeth Farm zu verfassen. Sie beschließt spontan, parallel dazu einen zweiten Bericht zu schreiben, in diesem jedoch offen und ehrlich die Wahrheit zu schildern. Es ist dieser zweite Bericht, der etwa einhundertfünfzig Jahre später von der Autorin zufällig auf Elizabeth Farm entdeckt wird und der nun in diesem Roman veröffentlicht ist. Daher sind die einzelnen Kapitel entsprechend kurz, wie es tatsächlichen persönlichen Notizen und Aufzeichnungen entspricht. Elizabeth beginnt mit Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, schildert die einzelnen Ereignisse chronologisch. Gleichzeitig lässt sich uns an ihren persönlichen Gedanken und Handlungen in der jeweiligen Situation teilhaben. Wir erfahren auch, welche Bedeutung dieser „Raum aus Blättern“ für sie und ihre persönliche Entwicklung hat. Die Sprache ist nur in Bezug auf das Wissen und spezielle Bezeichnungen der damaligen Zeit angepasst, Elizabeth schreibt lebhaft, poetisch und mit einem feinen Humor.

    Fazit
    Ein angenehm und unterhaltsam zu lesender Roman mit realem geschichtlichem Hintergrund. Die Idee, die bereits vorliegenden Biografien der Elizabeth Macarthur, deren wichtige Rolle bei der Gründung der Wollindustrie Australiens bekannt und anerkannt ist, durch ihre eigenen, bisher geheimen Aufzeichnungen zu ergänzen, überzeugt und ist interessant umgesetzt.

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