Ein Leben mehr: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Leben mehr: Roman' von Jocelyne Saucier
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Dies ist die Geschichte von drei alten Männern, die sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben. Von drei Männern, die die Freiheit lieben. Eines Tages aber ist es mit ihrer Einsiedelei vorbei. Zuerst stößt eine Fotografin zu ihnen, sie sucht nach einem der letzten Überlebenden der Großen Brände, einem gewissen Boychuck. Kurze Zeit später taucht Marie-Desneiges auf, eine eigensinnige, zierliche Dame von achtzig Jahren. Die Frauen bleiben. Und während sie dem Rätsel um Boychucks Überleben nachgehen, entsteht etwas unter diesen Menschen, das niemand für möglich gehalten hätte.

Ein Leben mehr ist ein wundersam beseelter und berührender Roman, eine leidenschaftliche Hommage an die Liebe, die Freiheit und die Natur. Ein Roman wie das Leben selbst: traurig und schön.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458176527

Rezensionen zu "Ein Leben mehr: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Feb 2019 

    Ruhig und kraftvoll

    „Ich liebe Geschichten, ich liebe es wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt….“

    Zurückgezogen in den Wäldern Kanadas leben seit geraumer Zeit drei Männer , jeder von ihnen hat die 80 längst überschritten. Alle drei haben dort ein zweites Leben begonnen, Tom, der ehemalige Alkoholiker, Charlie, der nach der Diagnose Nierenversagen einfach alles zurückgelassen hat um in Ruhe zu sterben und doch weiterzuleben und Ted, Überlebender der „großen Brände“.

    Als plötzlich zwei Frauen die selbst gewählte Isolation durchbrechen: Ted ist gerade „tot und begraben“, als eine Fotografin in die Einsiedelei gelangt. Eigentlich wollte sie zu Ted, um ihn zu den großen Bränden zu befragen, die er als junger Bursche erlebt hat.

    Dann erscheint auch noch Marie-Desneige, eine alte Lady, zart wie ein Vögelchen, gekommen um zu bleiben.
    Vieles erscheint in dieser Geschichte irreal und phantastisch, und doch - „…wenn du mir nicht glaubst, dann hast du nicht gelebt…“ – ist es eine wunderbare Erzählung über die Selbstbestimmtheit des Daseins, über das Glück, in Freiheit zu leben und zu sterben, im Einklang mit der Natur und in sich ruhend. Und über die Liebe.

    Mit klaren, unverschnörkelten Worten schafft Jocelyne Saucier eine dichte Beschreibung nicht nur der Charaktere, sondern auch der wundervollen urwüchsigen kanadischen Natur.
    Mit Ruhe, Kraft und Tiefe führt uns das Buch zu einem unweigerlichen Ende, das einen wehmütig und trotzdem hoffnungsvoll und auch ein wenig überrascht zurücklässt.

    Ich kann für diese beeindruckende Buch wirklich nur eine klare Leseempfehlung aussprechen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Sep 2015 

    ein 6-Sterne-Buch!

    Es gibt Bücher, bei denen liest man den ersten Satz und weiß, dass dieses Buch nur gut sein kann. Man taucht ein in eine faszinierende Geschichte, und ehe man es sich versieht, ist man beim Ende angekommen. Wenn einem dann noch das Ende ein Lächeln ins Gesicht zaubert, hat die Autorin alles richtig gemacht..... so auch Jocelyne Saucier bei ihrem Buch "Ein Leben mehr".

    Irgendwo in den Wäldern Kanadas, haben sich 3 Männer - Charlie, Tom und Ted - ein Lager eingerichtet. Irgendwann haben diese Männer beschlossen, sich von ihrem alten Leben zu verabschieden und ihren Lebensabend in der Einsamkeit zu verbringen. Die Männer sind zusammen fast 300 Jahre alt. Es ist, als ob die Einsiedelei, die sie sich geschaffen haben, die Endstation ihres Lebens ist. Sie genügen sich selbst und genießen die Freiheit, ihr Leben leben zu können, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Eines Tages taucht eine Fotografin bei ihnen auf, die für eine Story über eine Brandkatastrophe, die die Gegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts heimgesucht hat, recherchiert. Als kurz darauf dann noch die 82-jährige Marie-Desneige bei ihnen einzieht, ist es vorbei mit der gewohnten Ruhe und Beschaulichkeit. Das Lagerleben ändert sich ....

    "Ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sechzig der achtzig Jahre später vor mir steht, mit einem ganz bestimmten Blick, ganz bestimmten Händen und einer ganz bestimmten Art zu sagen, dass das Leben gut oder schlecht gewesen ist." (S. 19 f.)

    Ein zentrales Thema in dem Buch ist die Liebe im Alter.
    Für viele mag Liebe und Erotik im Alter befremdlich sein, nicht so für Jocelyne Saucier. Ihr gelingt es, diese späte Liebe mit einem Zauber zu versehen, der den Leser einfach nur berührt. Bloß, weil jemand den größten Teil seines Lebens hinter sich gebracht hat, der Körper deutliche Spuren des Alters zeigt, heißt das noch lange nicht, dass Liebe nicht mehr zum Leben dazugehören. Mit der Geschichte, die Jocelyne Saucier erzählt, liefert sie den Beweis.

    Ein weiteres Thema ist der Tod. Allein schon aufgrund des Alters der Protagonisten ist der Tod ein ständiger Begleiter in diesem Roman. Er hat aber nichts Bedrohliches sondern scheint von den 3 Männern als unabwendbare Tatsache und zum Leben dazugehörig akzeptiert zu sein. Wenn das Leben gelebt ist, folgt der Tod. Nur, wann das Leben zu Ende gelebt ist, ist eine Entscheidung, die die Männer nicht aus der Hand geben wollen.

    "Wenn man die Freiheit hat, zu gehen, wann man will, entscheidet man sich leichter für das Leben." (S. 106)

    Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Sehr originell ist hierbei die Perspektive des "neutralen Beobachters", der wie eine Stimme aus dem Off das Geschehen zusammenfasst und Andeutungen über den Verlauf der Geschichte macht.

    "Doch erst einmal müssen wir kurz innehalten und uns den Großen Bränden widmen, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Norden Ontarios wüteten. Und was ist mit der Liebe? Nun, die Liebe muss noch etwas warten, ihre Zeit ist noch nicht gekommen." (S. 68)

    Jocelyne Saucier gelingt es meisterhaft ihre Hauptcharaktere zu beschreiben. Man kann sich die Männer sowie Marie-Desneige bildlich vorstellen. So ist Charlie der introvertierte Naturbursche, ein Kümmerer und Beschützer. Tom ist der liebenswerte Chaot, der Extrovertierte in der Runde und die 82-jährige Marie-Desneige strahlt eine Kindlichkeit aus, die es zu bewahren gilt.

    "Sie waren wie eine Familie, die Nachwuchs bekommen hatte. Die kleine Gemeinschaft am See befand sich in einem Zustand der Glückseligkeit, in dem sich alles um das Wohl des Neuankömmlings dreht. Und es gab eine bedeutende Veränderung, die zunächst niemandem auffiel: Sie sprachen nicht mehr vom Tod. Das Thema ging erst im Tumult von Marie-Desneiges Ankunft unter und dann im Entzücken über die vielen Neuentdeckungen, die sie machte. Marie-Desneige sah ihren ersten Schwarm Wildgänse, ihre erste Hasenspur im Schnee, ihren ersten Elch, der am Seeufer stand und trank, ihren ersten Uhu auf dem kahlen Ast einer Birke. Die Welt war jung und neu, wenn man sie durch Marie-Desneiges Augen betrachtete." (S. 104)

    Aber auch die Nebencharaktere in diesem Buch sind bemerkenswert. Auf einmal stößt man auf Personen, die eigentlich eine untergeordnete Rolle spielen, aber trotzdem eine verblüffende Geschichte zu erzählen haben, mit der man als Leser nicht rechnet.

    "Wenn Menschen, die es nicht gewohnt sind zu lächeln, es doch einmal tun, leuchtet ihr ganzes Gesicht. Miss Sullivans Lächeln strahlte hell wie die Sonne." (S. 144)

    Mir hat die Stimmung, die in dem Buch vermittelt, sehr gut gefallen: Über allem schwebt eine Melancholie, die einen beim Lesen entschleunigt. Die Geschichte fließt vor sich hin und der Leser lässt sich dabei gern treiben.

    "Etwas lag an diesem Spätsommerabend in der Luft, etwas, das sie alle tief berührte. Der laue Abend lud dazu ein, an das Vergehen der Zeit zu denken, bei ihr zu verweilen und sie dann ziehen zu lassen." (S. 158)

    Ich habe dieses Buch innerhalb eines Tages gelesen. Einmal angefangen, wollte ich es nicht mehr an die Seite legen. Jocelyne Saucier erzählt eine Geschichte, die fesselt. Für mich eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Aug 2015 

    Freiheit!

    Drei alte Männer leben in den Tiefen der nordkanadischen Wälder, sie verbringen ihre Tage in gemächlicher Einsiedelei, sie angeln, jagen, plaudern, träumen vor sich hin. Bis eines Tages eine Fotografin und eine geheimnisvolle Dame von zweiundachtzig Jahren dazustoßen - und zwischen ihnen allen etwas entsteht, das niemand für möglich gehalten hätte...

    Ich mag solche Orte, die jeden Anspruch und jede Koketterie aufgegeben haben, Orte, die sich an eine fixe Idee klammern und darauf warten, dass die Zeit ihnen recht gibt. Das schnelle Geld, die Eisenbahn, die Rückkehr der eigenen Freunde, niemand weiß genau, worauf sie eigentlich warten. In der Gegend gab es mehrere solcher Orte. Sie trotzten ihrem eigenen Verfall und arrangierten sich mit der Einsamkeit. (S. 12)

    Ted, Charlie und Tom sind zusammen fast 300 Jahre alt. Sie haben sich aus verschiedenen Gründen zurückgezogen aus dem Leben und hausen nun in einfachen Wohnhütten in den Tiefen der nordkanadischen Wälder. Als unerwartet eine Fotografin an dem See auftaucht, ist gerade einer der Alten gestorben - ausgerechnet Boychuck, einer der wenigen Überlebenden der Großen Brände, der als gebrochener Mann in der Einsiedelei seine Form der Freiheit gefunden hatte. Die Fotografin war lange auf der Suche nach ihm - doch nun kommt sie zu spät. Dennoch ist sie fasziniert von diesem Ort, an dem die drei Männer seit Jahren gemeinsam einsam leben, nur begleitet von ihren treuen Hunden.

    Ted war ein gebrochener Mann, Charlie ein Naturbursche und Tom ein Draufgänger. Die Tage vergingen, und sie wurden gemeinsam alt. Sehr alt. Sie hatten alles hinter sich gelassen. Keiner von ihnen wollte zurück in sein früheres Leben, sie wollten einfach morgens aufstehen, den neuen Tag begrüßen, der nur ihnen selbst gehörte, und sich von niemandem in irgendwas rein reden lassen. (S. 40)

    Als kurz darauf noch eine zweiundachtzigjährige Frau bei ihnen auftaucht, ändert sich für die alten Männer einiges. 66 Jahre lang war Marie-Desneige Gefangene in einer Psychiatrie und hat es nun geschafft, diesem Leben zu entfliehen - auch sie auf der Suche nach Freiheit. Charlie fühlt sich gleich hingezogen zu dieser sehr besonderen Frau, und nicht nur der Beschützerinstinkt lässt ihn ihre Nähe suchen. Auch in der Einsiedelei ist ihm seine sanfte Seite nicht abhanden gekommen.

    Ich war beeindruckt von dieser dicken, knotigen Hand mit den steifen Gelenken, die im Fell des Hundes so geschmeidig war, und mehr noch von Charlies Stimme, die, wenn sie dem Hund galt, leiser wurde, samtweich und zärtlich. (S. 18)

    Erzählt wird diese leise Geschichte aus wechselnden Ich-Perspektiven, was nur anfangs etwas verwirrte, später aber etwas ganz Natürliches zu sein schien. Jocelyne Saucier schreibt in einem wundervoll poetischen Schreibstil, der von Sonja Finck sehr einfühlsam übersetzt wurde. Die Sätze sind oft verschachtelt, die Sprache melodisch und oftmals von einer leisen Melancholie durchzogen. In leisen Tönen und einem bildhaften Stil gelingt es der Autorin mühelos, die Gedanken- und Gefühlswelt der Charaktere zu transportieren.

    "Man ist frei, meine Schöne, wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt." "Und wie man stirbt", ergänzte Charlie. (S. 25)

    Zentrales Thema in dieser Erzählung ist die Freiheit - in ihren verschiedensten Facetten. Jeder der geschilderten Charaktere ist auf der Suche nach seiner ganz eigenen Form der Freiheit. Und da der Tod Teil des Lebens ist, gehört auch er in die Überlegungen um das Thema Freiheit dazu. Selbstbestimmt - so lautet der einhellige Tenor.

    Wenn man die Freiheit hat, zu gehen, wann man will, entscheidet man sich leichter für das Leben. (S. 106)

    Aber in erster Linie ist das Buch eine Hommage an das Leben. Freiheit, Würde, Glück - all das sind wesentliche Bestandteile davon. Und die Autorin lenkt das Augenmerk auf die Alten - die Bilder der Fotografin dokumentieren im Grunde das Leben derjenigen, die bereits so vieles erlebt haben.

    Bei alten Menschen sind die Augen das Wichtigste. Ihre Gesichter sind eingefallen, die Haut ist schlaff und faltig, vor allem rings um den Mund, die Augen, die Nase und die Ohren. Ihre verhärmten Gesichter sind schwer zu entziffern. Von alten Menschen erfährt man nur etwas, wenn man ihnen in die Augen sieht. Die Augen enthalten ihre Lebensgeschichte. (S. 82)

    Das Gesicht auf dem Cover könnte solch ein Bild der Fotografin sein. Ein Gesicht, das unweigerlich in den Bann zieht, so ausdrucksstark, charaktervoll, lebenserfahren und doch tief in sich ruhend. Dieses Bild war es, das mich näher hinschauen und mich schließlich für die Leserunde bewerben ließ. Das geschieht mir nicht oft.

    Und was ist mit der Liebe? Nun, die Liebe muss noch etwas warten, ihre Zeit ist noch nicht gekommen. (S. 68)

    Jocelyne Saucier beschönigt nichts. Sehr deutlich wird, welche Einschränkungen und Beschwerlichkeiten das Alter mit sich bringt. Aber das Alter schließt eben auch nichts aus: nicht die Freiheit, nicht die Würde, nicht die Hoffnung, nicht die Liebe. Und das wird hier deutlich, ohne jemals in den Kitsch zu verfallen.

    Schweigen ist Gold, wor allem wenn es um Glück geht, denn das Glück ist zerbrechlich. (S. 192)

    Ein Buch der leisen Töne, das mich berühren konnte, dessen Schreibstil mich bezauberte. Für mich wahrlich eine schöne Entdeckung.

    © Parden