Ein langes Jahr: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein langes Jahr: Roman' von Eva Schmidt
3.5
3.5 von 5 (2 Bewertungen)

Benjamin lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk.
Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …
Eva Schmidt erzählt so mitfühlend und bedacht, so teilnehmend und zurückhaltend von den kleinen Dingen des Lebens, als wären sie groß, von den großen, als wären sie klein. Sie erzählt davon, wie wir leben, allein und miteinander, und wie wir uns dabei zuschauen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:212
Verlag: Jung u. Jung
EAN:9783990270806

Rezensionen zu "Ein langes Jahr: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Mär 2017 

    Bregenz - kein Ort für zum Glücklichsein?

    Auch wenn der Ort nirgends in diesem Buch genannt wird, ist schnell klar, dass es nur Bregenz sein kann, wo die Menschen leben, von denen in 'Ein langes Jahr' die Rede ist. Eva Schmidt ist eine derart akkurate Beschreiberin, dass man nicht nur die Stadt schnell erkennt, sondern auch während des Lesens die Strecken die die Personen zurücklegen, mit dem Finger auf dem Bregenzer Stadtplan nachzeichnen kann.
    Als Roman wird das etwas mehr als 200 Seiten starke Büchlein annonciert, was meiner Meinung nach zumindest am Beginn ziemlich danebenliegt. Die durchnummerierten Kapitel, von denen es 38 Stück gibt und die meist zwei bis fünf Seiten umfassen, verbindet anfangs kaum mehr als der Schauplatz Bregenz. Die beschriebenen Menschen kennen sich meist nicht und wenn sie etwas gemeinsam haben ausser ihrem Wohnort, ist es eine Einsamkeit, die die einen mehr, die anderen weniger gut ertragen. Allzuviel erfährt man nicht über die Personen; wenn, dann geschieht es eher beiläufig. Es sind die Beschreibungen einer Stunde oder eines Tages, vielleicht auch einer Woche, in denen scheinbar nebenbei Sätze fallengelassen werden, die das Drama eines Lebens andeuten und/oder plötzlich offenlegen.
    Der Ton ist sachlich-nüchtern, kaum eine Spur von Empathie, stattdessen die exakte Beschreibung der Vorkommnisse und des Innenlebens der Protagonisten. Die ersten 50 bis 70 Seiten tat ich mich ziemlich schwer mit diesem Buch: Was interessierten mich diese eintönigen Leben dieser größtenteils so fürchterlich drögen Menschen? Das einzig Spannende war die Raterei, um wen es sich im neuen Kapitel handelt. Denn zu Beginn jedes neuen Abschnittes werden nur Personalpronomen genutzt und ich musste aufmerksam weiterlesen um herauszufinden, von wem denn nun die Rede ist. Doch dann beginnen sich die Lebenswege der Beschriebenen zu kreuzen. Da ich nun bereits etwas vertraut war mit Tom, dem Sohn aus reichem Elternhause; Herrn Agostini, dem älteren Hundeliebhaber; Cora, der etwas zu viel trinkenden alleinerziehenden Mutter und den vielen Anderen, wollte ich wissen, wie und ob die Begegnungen mit den restlichen Figuren sich weiterentwickelten.
    So viel kann ich verraten: Viel mehr Handlung gibt es auch im Rest des Buches nicht. Die Menschen begegnen sich, gehen auseinander oder nicht - wie ihm wahren Leben nur ohne Glück. Es fühlte sich für mich ein bisschen so an, als würde ich einen etwas intimeren Einblick in das Leben mancher Bregenzer BürgerInnen erhalten, ob die nun wollten oder nicht. Und ich glaube, die Meisten hätten es eher nicht wollen - so traurig wie deren Leben wirkt.
    Muss oder sollte man das lesen? Um sich zu unterhalten wohl eher nicht - ausser man ist BregenzliebhaberIn und möchte die Stadt mal von einer völlig anderen Seite erleben.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Okt 2016 

    Wunschhund

    Verschiedenste Menschen leben in der Siedlung. Tom zum Beispiel hat einen Hund aus Amerika adoptiert. Dieser Hund ist etwas besonderes und sehr beliebt. Insbesondere bei Herrn Agostini, der immer ein Leckerli für ihn bereithält. Doch irgendwann ist der liebenswerte Hund nicht mehr da und Herr Agostini erfährt, dass der Hund krank war und verstorben ist. Auch der junge Ben wünscht sich einen Hund. Seine Mutter, mit der er allein in einer Wohnung lebt, erlaubt das nicht. Das Angebot seines Freundes Joachim, sich zwei Hunde zu wünschen und einer könne dann Ben gehören, mag er allerdings nicht annehmen. Karin, deren Tochter in Amerika lebt, hat einen Hund. Sie macht sich Sorgen, was mit dem Tier geschehen könne, wenn ihr einmal etwas passiert.

    Es beginnt wie zusammenhanglos aneinander gereihte Geschichten. Wenn man selbst vielleicht nicht begeistert ist von Kurzgeschichten, könnte man in Versuchung geraten, das Buch zu schnell beseite zu legen. Je länger man sich jedoch auf die Geschichten und Episoden, die Eva Schmidt in ihrem Buch erzählt, einlässt, desto mehr nimmt einen die Suche nach dem Zusammenhang gefangen. Mit teils winzigen Hinweisen und eingestreuten Worten macht die Autorin klar, welche Verbindungen zwischen den Menschen, von denen sie berichtet, bestehen. Aufmerksames Lesen ist gefordert und das bei der leichten und angenehmen Sprache, die die Autorin verwendet. Mit so großer Eindringlichkeit, mit so bildhaften Worten schildert sie, was die Menschen in ihrem Buch erleben, was sie bewegt, was sie wünschen oder befürchten. Man wähnt sich mitten im Geschehen und trotz der eher ruhigen Erzählweise kann man sich dem Buch nicht entziehen. Man fühlt Entsetzen, Trauer, Freude - wie ein Wasserfall stürzen die Geschehnisse auf einen ein und schließlich fragt man sich, ob man wirklich alles entschlüsselt hat oder ob man das Buch einfach noch einmal lesen sollte, um jede noch so kleine Kleinigkeit zu entdecken.

    Ein Roman, mit dem man sich etwas anfreunden muss, der sich dann allerdings ganz wunderbar entwickelt.