Ein einfaches Leben: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein einfaches Leben: Roman' von Min Jin Lee
5
5 von 5 (6 Bewertungen)

Der Bestseller aus den USA

Zwanzig Jahre Arbeit stecken in diesem großen, umwerfenden Buch, das in zwanzig Ländern erscheint: Sunja, Tochter eines Fischers, wird genau im falschen Moment schwach, genau beim falschen Mann. Um keine Schande über ihre Familie zu bringen, verlässt sie Korea und bringt ihre Söhne Noa und Mozasu fernab der Heimat in Japan zur Welt. Koreanische Einwanderer, selbst in zweiter Generation, leben dort als Menschen zweiter Klasse. Während Sunja sich abzufinden versucht, fordern ihre Söhne ihr Schicksal heraus. Noa studiert an den besten Universitäten und Mozasu zieht es in die Pachinko-Spielhallen der kriminellen Unterwelt der Yakuza.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:552
EAN:9783423289726

Rezensionen zu "Ein einfaches Leben: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Nov 2018 

    Pachinko

    Die amerikanische Autorin Min Jin Lee ist 1968 in Südkorea geboren. Im Alter von 8 Jahren ist sie mit ihrer Familie in die USA immigriert. Mittlerweile ist sie 51 Jahre alt, hat also den größten Teil ihres Lebens in Amerika verbracht. Dennoch hatte sie das Bedürfnis einen Roman über die Kultur zu schreiben, in der sie geboren wurde. Für ihren Roman "Ein einfaches Leben" hat Min Jin Lee etwa 20 Jahre gebraucht. So "einfach"scheint das Leben einer koreanischen Familie, welches sie hier beschreibt, also doch nicht gewesen zu sein.
    Entstanden ist ein Familienepos über mehrere Generationen, angefangen 1910 bis hin zum Jahr 1989. Hauptschauplätze sind Korea und Japan.
    Um die Bedeutung dieses Romans zu verstehen, sollte man sich zunächst einen kurzen Einblick über die Geschichte in dieser Region verschaffen. Der Roman beginnt in Korea zu einer Zeit, als dieses Land eine Kolonie Japans war. Dieser Zustand hielt bis zum Ende des 2. Weltkrieges an. Nach der Unabhängigkeit von Japan kamen die Besatzungsmächte USA und Russland ins Spiel, die Korea der Einfachheit halber in Nord- und Südkorea geteilt haben. Der Koreakrieg 1950 tat sein Übriges, damit die Teilung des Landes verfestigt wurde. Der Konflikt zwischen Nord und Süd hält auch heute noch an, nicht zuletzt aufgrund der Machthaberstruktur in Nordkorea.
    Ein wesentliches Thema in diesem Roman ist die Diskriminierung der koreanischen Bevölkerung in Japan. Diese Diskriminierung fand ihren Anfang während der Kolonialzeit und ist auch heute noch in den Köpfen vieler Japaner und Koreaner verwurzelt. In der Zeit zwischen 1910 und dem Ende des 2. Weltkrieges sind viele Koreaner nach Japan ausgewandert - einige aus freien Stücken, aufgrund der besseren Arbeitsmöglichkeiten, andere wiederum wurden zwangsausgesiedelt, um die japanische Industrie aufzubauen. Mit dem Ende des 2. Weltkrieges sind viele Koreaner wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, andere wiederum blieben, weil sie sich in Japan eine Existenz aufgebaut haben bzw. nur einen geringen Bezug zur alten Heimat hatten. Dies betraf insbesondere die jüngere Generation. Egal, ob in Japan oder Korea angesiedelt, Koreaner waren (und sind) für Japaner Menschen zweiter Klasse und werden auch als solche behandelt. Bestenfalls sind sie in Japan geduldet, aber selten akzeptiert.

    "' .. Dieses Land wird sich nie ändern. Koreaner wie ich können nicht weggehen. Wo sollen wir hin? Aber die Koreaner zuhause ändern sich auch nicht. In Seoul werden solche wie ich japanische Bastarde genannt, und in Japan bin ich immer weiter ein schmutziger Koreaner, egal, wieviel Geld ich verdiene oder wie nett ich bin. So ist das! ..'"

    Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der Familie um Sunja angesiedelt. Sunja ist in einem kleinen Dorf in Korea geboren. Die Familie hält sich nach dem Tod des Vaters mit einem Logierhaus über Wasser. Als Sunja heiratet, zieht sie mit ihrem Mann Isak, einem christlichen Geistlichen, nach Japan. Hier lebt die Familie über Jahre zusammen mit Isaks Bruder und dessen Frau. Sunja bekommt zwei Söhne, Noa und Mozasu, die zwischen 2 Kulturen leben. Über ihre familiären Wurzeln bekommen sie die koreanische Kultur vermittelt, lernen aber gleichzeitig, dass sie als Koreaner in ihrem Geburtsland Japan nicht willkommen sind. Die Jahre vergehen, die politische Situation verändert sich, Familienmitglieder sterben und Familienmitglieder werden geboren. Die Familie bringt es mit den Jahren zu einigem Wohlstand, nichtzuletzt aufgrund ihres Unternehmertums im Glückspiel, dem Pachinko.

    "Für Mosazu war das Leben wie ein Spiel, bei dem der Spieler die Rädchen einstellen konnte, aber auch mit Faktoren rechnen musste, die außerhalb seiner Kontrolle lagen und Ungewissheit bedeuteten. Er verstand, warum seine Kunden an einer Maschine spielen wollten, die vorhersagbar schien, aber trotzdem Platz für Zufall und Hoffnung ließ."

    Min Jin Lee liefert mit diesem Roman ein beeindruckendes Porträt einer Gesellschaft, die mir bisher mehr als fremd war. Sie konzentriert sich dabei auf die persönlichen Schicksale ihrer Charaktere. Durch stetig wechselnde Erzählperspektiven lässt sie nahezu jedes Familienmitglied zu Wort kommen und bringt sie dem Leser näher. Darüberhinaus gibt sie auch noch Randfiguren Raum, um deren persönliche Schicksale zu beleuchten. Das Ergebnis ist ein schillerndes Bild einer Gesellschaft, die versucht, als ethnische Minderheit in Japan zurechtzukommen.

    Dieser Roman lässt sich jedoch nicht auf das Thema der Diskriminierung reduzieren. Min Jin Lee packt viele Themen an, die für den Alltag in Korea bedeutsam sind: Familienleben, Bedeutung des Ehrbegriffs, Rolle der Frau ... um nur einige zu nennen.

    Die Autorin hat nicht nur viel erzählen, sie erzählt es auch auf eine wunderschöne Weise. Als ich die ersten Sätze dieses Roman gelesen habe, stellte sich bei mir eine merkwürdige Stimmung ein: In meinen Kopf tauchten ganz viele Bilder auf, die jedoch alle hinter einem zarten Schleier lagen. Damit will ich sagen, von jetzt auf sofort ist man in einer völlig fremden Welt, die eine ungeheure Fasziniation ausübt.
    Diese "Schleier"-Stimmung habe ich irgendwann nicht mehr wahrgenommen. Ich habe Min Jin Lees Sprachstil jedoch als sehr lebhaft und eindringlich empfunden. Sie versteht es, den Leser zu fesseln. Die Handlung hat eine treibende Kraft, die mich in den Bann gezogen hat. Einerseits berührt sie den Leser, lässt ihn Anteil nehmen an den Sorgen und Nöten der Charaktere. Andererseits lässt sie aber immer noch genügend Distanz zu, so dass die Stimmung niemals ins Rührselige umschlägt.

    Fazit:
    Ein großartiges Familienepos aus einem fremden Kulturkreis! Eines meiner Highlights in diesem Jahr! Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Nov 2018 

    Über das Schicksal der koreanischen Minderheit in Japan

    Die Autorin Min Jin Lee wurde 1968 in Korea geboren. Sie immigrierte als Kind mit ihren Eltern in die USA und arbeitet dort als Anwältin. In ihrem 2017 in den USA erschienen Erstlingsroman mit dem Titel " Pachinko" erzählt sie von der Geschichte der koreanischen Minderheit in Japan (hier in Deutschland erschien der Roman 2018 mit dem Titel: "Ein einfaches Leben"). In ihrer Danksagung erfahren wir, dass sie sich viele Jahre mit diesem Romanprojekt beschäftigt und dabei mit duzenden koreanisch-stämmigen Japanern gesprochen hat. Diese Berichte wiederum fanden teilweise Eingang in ihren Roman.
    Das Schicksal der koreanischen Minderheit in Japan ist zumindest im Westen wenig bekannt. Es ist sicher ein Anliegen des Romans, die Geschichte der Ausbeutung und Diskriminierung dieser Minderheit bekannter zu machen. Ein berechtigtes Anliegen.

    Korea war von 1910 bis 1945 japanische Kolonie. In dieser Zeit wanderten hundertausende von Koreanern nach Japan aus. Teils "freiwillig" da Korea unter der Herrschaft von Japan verarmte. In den Kriegsjahren wurden Koreaner zwangsrekrutiert als Soldaten und Minenarbeiter (in diesem Zusammenhang sind die sogenannten " Trostfrauen" bekannt). Nach Kriegsende kehrten nicht alle Koreaner in ihre Heimat zurück, ca. 800 000 blieben in Japan und waren dort im Prinzip staatenlos, hatten nur Aufenthaltsrechte, die ihnen jederzeit entzogen werden konnten. Den Koreanern war von Anfang an der Zugang zu ehrenwerten Berufen wie z.B. Lehrer oder Anwalt, verwert. So wurden sie in sozial verachtete Bereiche wie das Betreiben von Glückspielhallen (Pachinko- Spielhallen) gedrängt oder gar in die Kriminalität (Yakuza). Ungerechterweise galten deshalb Koreaner in der japanischen Gesellschaft als grob, ungebildet und kriminell. Mechanismen der Ausgrenzung, die wir auch aus Deutschland kennen.

    Eine bewährte Methode, die Geschichte einer Personengruppe zu erzählen ist es, sie anhand einer Familiensaga lebendig werden zu lassen. Diesen Weg geht auch Min Jin Lee. Ihr Roman beginnt im Jahr 1883 in Korea, wo wir die Vorfahren der zentralen Romanfigur, Sunja, kennen lernen. Sunja folgt einem koreanischen Priester nach Japan um der Schande zu entgehen, die die bevorstehende Geburt eines unehelichen Kindes bedeuten würde .Der Bogen der Famiiensaga spannt sich dann über mehre Generationen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Hier zeigt sich am Schicksal von Sunjas Enkelsohn Solomon, dass es auch dann noch fast unmöglich war, als koreanisch-stämmiger Japaner in die angesehene Gesellschaft Japans aufgenommen zu werden.
    Entsprechend der realen Geschichte muss die Autorin über traurige bis grausame Ereignisse berichten, die berühren. Anderseits verweilt sie nie lange bei einer Person, so dass eine gewisse Distanz zu den Protagonisten bestehen bleibt. Es gelingt Min Jin Lee, ihre Romanfiguren nicht nur als Opfer zu beschreiben. Sie lässt den Protagonisten ihre Würde beim Kampf mit den widrigen Lebensumständen. Anschaulich wird auch der innere Kampf dargestellt, den die einzelnen Personen mit sich ausfechten. Sie sind zerrissen zwischen der Sehnsucht nach der Heimat und dem Wunsch, sich in Japan einzugliedern. Zwischen der Versuchung Geld aus kriminellen Kreisen anzunehmen und dem Wunsch ein ehrliches Leben zu führen.

    Cover, Titel und Klappentext der deutschen Ausgabe suggerieren, dass es in dem Buch ausschließlich um Sunja und ihre beiden Söhne geht. Dies stimmt so nicht ganz. Es handelt sich um einen viel breiter angelegten Gesellschaftsroman mit zahlreichen Romanfiguren aus dem Umfeld von Sunjas Familie.

    Insgesamt ein sehr lehrreiches Buch, das zudem noch gut als Roman funktioniert. Unbedingt lesenswert!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Nov 2018 

    Absolut beeindruckend und überwältigend

    Worin besteht für uns Europäer der Unterschied zwischen Japanern und Koreanern? Wir meinen es gibt keinen, im Gegenteil, für uns sehen sie sogar gleich aus. Das dem nicht so ist, kann man in diesem Buch erfahren.

    Es ist die Geschichte einer koreanischen Familie über den Zeitraum von 70 Jahren erzählt. Die Heldin Sunja wird mit ihren beiden Söhnen gezwungen, nach Japan zu emigrieren und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Dass das Leben in Japan noch viel schwieriger, als in Korea ist, hängt nicht nur mit den Sprachbarrieren zusammen. Schnell wird klar, ein Koreaner ist in Japan nicht viel wert. Er ist das unterste Glied in einer Kette. Ein Aufstieg in die Gesellschaft scheint nicht einmal nach mehreren Generationen möglich. Nur durch Selbstverleugnung der eigenen Herkunft und guten japanischen Papieren kann es gelingen ein anerkanntes Mitglied der japanischen Gesellschaft zu werden.

    Davon ist Sunja, die weder lesen noch schreiben kann, weit entfernt. Und doch gelingt es ihr, zusammen mit der Familie, ihren beiden Söhnen eine Schul- und Ausbildung zu ermöglichen. Das beide Söhne durch verschiedene Umstände zu Pachinko (so der Originaltitel dieses Buches) werden, war nicht geplant.

    Die Autorin, die hier das Leben einer Familie über einen sehr großen Zeitraum kennzeichnet, hat selbst über zwanzig Jahre an diesem Buch geschrieben. Ihr gelingt es viel von der Mentalität der Koreaner und auch der Japaner darzustellen. Beim Lesen erfährt man viel vom den Traditionen, dem Familienzusammenhalt und dem Stolz innerhalb der Familie. Aber es geht auch um den Krieg, die Not und den täglichen Kampf ums Überleben.

    Ein einfaches Leben ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch ein Buch über das Überleben in der Fremde, das Leben mit Vorurteilen und Fremdenhass.

    Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, ich kann es auf jeden Fall empfehlen und vergebe verdiente fünf Lesesterne.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Nov 2018 

    Gaijin, Fremder für immer?

    Gaijin, Fremder für immer?

    Sunja ist das lang ersehnte Kind des Fischers Hoonie und seiner Frau Yangjin. Sie leben in Korea, genauer gesagt in Yeongdo. Die Verhältnisse sind eher bescheiden, nur durch harte Arbeit gelingt es dem Ehepaar sich und das Kind zu ernähren, dabei geht es Ihnen im Vergleich zu anderen sogar noch relativ gut. Als Hoonie stirbt, können sie sich durch das Logierhaus, dass sie betreiben ganz gut über Wasser halten.
    Als Sunja sich unbedarft auf den wesentlich älteren Koh Hansu einlässt und von ihm schwanger wird, entscheidet sie sich gegen sein Angebot, sie und das Kind zu unterstützen. Sie wusste nicht, dass er in Japan eine Frau und Kinder hat, sie möchte nicht von ihm ausgehalten werden.
    Sunja und ihrer Mutter ist bewusst, dass Sunja es mit einem unehelichen Kind nicht leicht haben wird. Als der Geistliche Isak Baek krank im Logierhaus ankommt, helfen die beiden Frauen ihm. Er überwindet die Tuberkulose und möchte helfen in dem er Sunja heiratet und ihrem Kind ein Vater wird.
    Sunja willigt ein und geht mit ihm nach Japan zu Isaks Bruder und dessen Frau. Das Ehepaar nimmt sie sehr freundlich auf, doch die Japaner haben keine gute Meinung von Koreanern, sie behandeln Sie als Menschen zweiter Klasse.

    Der weitere Verlauf des Romans schildert das Leben Sunjas und das ihrer beiden Söhne. Der Leser erfährt wie die beiden mit den Anfeindungen umgehen, wie sie ihr Leben versuchen zu meistern in einem Land, dass sie als Aussätzige betrachtet, mit dem Wissen, dass sie aber auch in ihrer Heimat als Außenseiter behandelt werden würden, gingen sie zurück.

    Die Autorin Min Jin Lee bettet viele Charaktere in die Geschichte ein. Das besondere dabei ist, dass sie allen eine eigene Geschichte an die Seite stellt. Dies tut sie auf eine sehr einfühlsame Art. Sie erzählt sehr eindrucksvoll, gibt einem beim lesen das Gefühl mitten im Leben dieser Menschen zu sein.
    Ich habe diesen Roman sehr gern gelesen, und denke noch nachhaltig an die Personen und Ereignisse im Buch.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Okt 2018 

    Ein großartiges, feinsinniges Familienepos

    Titel und Einband des Romans sind zwar wie üblich bei dtv hochwertig gestaltet, Cover und Titel erscheinen aber unspektakulär, nichts, was ins Auge fällt. Der amerikanische Originaltitel lautet „Pachinko“ und ich fragte mich sofort, warum man es nicht bei diesem viel geheimnisvolleren Titel belassen hat. Der Klappentext suggeriert, dass zwei ungleiche Brüder ihr Schicksal herausfordern und miteinander konkurrieren. Das ist jedoch weit gefehlt! Der Roman bietet so viel mehr, soviel tiefere Einsichten über Familie, Herkunft, Migration, Zugehörigkeit und nicht zuletzt Geschichte. Ein großes Stück Literatur!

    Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Er beginnt 1889 im Dorf Gohyang in Korea. Schnell wird deutlich, dass Ehen innerhalb derselben Schicht geschlossen werden. Der arbeitsame, aber klumpfüßige, Hoonie rechnet sie aufgrund seines Handicaps keine Chancen diesbezüglich aus und ist überrascht, als er doch die verarmte Bauerntochter Yangjin zur Frau bekommt. Beide übernehmen das Logierhaus seiner Eltern und führen ein zufriedenes Leben. Sie bekommen einige Kinder, überleben tut aber nur ein Mädchen: Sunja, deren Leben uns im kompletten Roman begleitet.
    Als Sunja 15 Jahre alt ist, rettet sie der wohlhabende und doppelt so alte Hansu aus einer misslichen Lage und wird ihr Freund. Die beiden treffen sich regelmäßig. Hansu übertritt schließlich jedoch die platonische Vertrautheit und es kommt wiederholt zu sexuellen Handlungen. Ob Hansu wirklich verliebt in das junge Mädchen ist oder nur ihre Unerfahrenheit eigennützig ausnutzt, wird nicht klar. Als Sunja schwanger wird, verspricht er ihr aber, für sie zu sorgen. Heiraten kann er sie nicht, da er bereits drei Töchter und eine Ehefrau in Osaka hat. Sunja ist tief enttäuscht und bricht mit ihm.

    Isak, ein junger christlicher Geistlicher, verhindert ihre gesellschaftliche Ächtung, indem er sie heiratet und damit dem ungeborenen Kind seinen Namen gibt. Das Paar macht sich auf nach Osaka, wo Isak eine Stelle angeboten wurde. Sie leben fortan bei Isaks älterem, kinderlosen Bruder und dessen Ehefrau in bescheidenen Verhältnissen. Sunja bekommt zwei Söhne: Noa, einen pflichtbewussten, ehrgeizigen, und Mozasu, einem ebenfalls fleißigen Jungen, der mit Schulbildung jedoch wenig anfangen kann. Beide Kinder sind liebenswert und die Familie hält fest zusammen.

    Koreaner haben es schwer in Japan. Sie werden diskriminiert und nur wenige Berufe stehen ihnen offen. Einer dieser wenigen ist die bei Japanern verrufene Pachinko (Glücksspiel)-Branche, in der Mozasu als Erwachsener zu ordentlichem Erfolg kommen wird. Noas Herzenswunsch ist es indessen, englische Literatur zu studieren – ein Wunsch, der den Geldbeutel der Familie überfordert, zumal Isak zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben ist. In ihrer Not wendet sich Sunja an Noas leiblichen Vater Hansu, der sich gerne bereit erklärt, Unterstützung zu leisten. Diese Entscheidung wird im weiteren Verlauf der Geschichte schicksalhafte Folgen haben….

    Zum Ende des Romans hin wird Solomon, Mozasus Sohn, in der dritten Einwanderer-Generation für ein selbstbestimmtes Leben in Japan eintreten und seine Erfahrungen machen. Pachinko ist das wiederkehrende Thema, das die Handlung flankiert. Insofern wäre dieser Titel aus meiner Sicht der deutlich bessere für den Roman gewesen. Der Bogen spannt sich bis ins Jahr 1989 und wird zu einem glaubwürdigen Ende geführt, das Platz für viele eigene Gedanken und anregende Diskussionen lässt.

    Der Roman ist einzigartig gut geschrieben. Er liest sich flüssig und leicht verständlich, hat aber mitunter eine solch starke Ausdruckskraft, die einem den Atem rauben kann. Es passiert unheimlich viel: Das Buch zeigt sowohl den bewegten Lauf der koreanisch-japanischen Geschichte als auch die Höhen und Tiefen der beteiligten Familien. Ergänzt wird das Panorama durch zahlreiche Episoden, die sich rund um Nebenfiguren ranken. Man bekommt dadurch einen glaubwürdigen Überblick über gesellschaftliche Zwänge und Zusammenhänge in einer für viele von uns unbekannten Welt.

    Zentrales Thema ist die Identitätssuche in einer neuen Heimat, zentral sind dabei auch Vorurteile und Klischees den Eingewanderten gegenüber. Das ist eine Problematik, die große Aktualität in zahlreichen Ländern der Welt (auch in Deutschland) hat. Min Jin Lee erzählt jedoch nicht mit erhobenen Zeigefinger, sie bleibt realitätsnah, hält Distanz zu ihren Figuren und zeigt auf die Graubereiche – es gibt im Leben nicht nur die gute und die schlechte Seite, sondern eben ganz viel dazwischen.
    Die Autorin vermittelt viel Emotion, drückt aber niemals auf die Tränendrüse. Auch fundamentale Schicksalsschläge berichtet sie sachlich und geht dabei nicht in schmerzhafte Details. Es bleibt dem Leser selbst überlassen, sich sein eigenes Bild von den Folgen des Geschilderten zu machen.

    Für mich ist dieses Buch eines meiner Jahres-Highlights. Min Jin Lee hat einen wirklich großartigen, zeitlosen Roman geschrieben, der am Beispiel einer Familie grundlegende Problematiken aufzeigt. Er hat Tiefe und Spannung, eine Mischung, die ich sehr attraktiv finde. Fünf Sterne mit Zusatzplus - Unbedingt lesen!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Okt 2018 

    Mein Highlight Oktober`18

    Die Handlung
    Eine Familiensaga, die zwischen 1883 und 1989 aus vier Generationen besteht. Die Handlung spielt sich in Japan und Korea ab.

    Der kleine koreanische Hoonie kommt mit zwei schweren Behinderungen auf die Welt. 1883 wurde er mit einem Klumpfuß und einer Gaumenspalte geboren. Trotzdem wurde er von seinen Eltern geliebt, auch wenn die Gesellschaft weltweit Kinder dieser Art verstößt. Hoonie war der Älteste von drei Brüdern, das schwächste Kind, und hat als Einziger von seinen Geschwistern überlebt. Er stammt aus einer Fischer- und Bauernfamilie. Von der Dorfgemeinschaft wurde er als der Dorfkrüppel bezeichnet. 1910 wurde Korea von Japan annektiert. Die Koreaner verloren ihr Land an Japan. Es begann in Japan die Kaiserzeit und die Koreaner*innen hatten sich ihm anzupassen ... Für die Koreaner*innen entpuppte sich der Kaiser als ein Diktator.

    Hoonies Vater schickte seinen Sohn zu einem Privatlehrer, damit er die Sprachen Japanisch und Koreanisch, Lesen und Schreiben und den Umgang mit Zahlen erwerben konnte. Hoonie wuchs zu einem klugen und weisen Mann heran.

    1911 wurde Yangjin durch eine Ehevermittlerin mit Hoonie verheiratet ... Auch sie hatte mehrere Fehlgeburten, bis schließlich Sunja geboren wird. Auch Sunja war ein geliebtes Kind ihrer Eltern, doch leider verlor sie mit 13 Jahren ihren Vater an Tuberkulose.

    Sunjas Mutter betrieb ein Logierhaus. Sie vermietete in ihrer Wohnung abgetrennte Schlafplätze hauptsächlich an Fischersleute und versorgte sie. Yangjin und Sunja arbeiten hart, um ihren Unterhalt zu bestreiten.

    Im Alter von 16 Jahren lernt Sunja einen Mann namens Koh Hansu kennen, der doppelt so alt ist wie sie. Von Beruf ist er Fischgroßhändler und dadurch ein wohlhabender Mann.
    Als Sunja von japanischen Schuljungen rassistisch angemacht und diskriminiert wird, und sie sexuelle Übergriffe hat über sich ergehen lassen müssen, war es Hansu, der sie vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, in dem er die Jungen unter Gewaltandrohung von dem Mädchen riss ... Es war 1920 als Sunja Hansu kennengelernt hat und von ihm schwanger wird. Erst durch die Schwangerschaft erfährt sie, dass Hansu schon verheiratet ist und drei große Töchter hat. Obwohl er Sunja für sie und für das Baby materielle Sicherheit versprochen hat, will Sunja nichts mehr von Hansu wissen und bricht den Kontakt zu ihm radikal ab. Wie geht nun Sunja damit um, schwanger zu sein und welche Perspektiven kann sie sich und dem unehelichen Kind bieten? Selbst die Kirche stellt die minderjährige Sunja mit ihrer Schwangerschaft als große Sünderin dar, ohne den Mann zur Rechenschaft zu ziehen …

    Sunja wird mit Isak verheiratet. Isak ist protestantischer Priester und an Tuberkulose erkrankt, die in Schüben immer wieder ausbricht … Beide ziehen sie von Südkorea nach Osaka zu Isaks älteren Bruder Yosep und seiner Frau Kynghee. Osaka ist eine große japanische Hafenstadt auf der Insel Honshu. Yosep und Kynghee fragen nicht, von wem Sunja schwanger ist. Sie freuen sich auf das Baby, weil sie selbst keine Kinder haben können. Isak hat geschworen, dass er das Kind wie sein eigenes Kind lieben werde.

    Koreaner, die im Heimatland von den Japanern gettoisiert und zu Fremden im eigenen Land gemacht werden und Koreaner, die in Japan leben, haben sozial, gesellschaftlich und rechtlich so gut wie keine Rechte. Sie müssen sich heftigste rassistische Umgangsformen gefallen lassen. Sie können sich nicht wehren, und müssen sich den japanischen gesellschaftlichen Normen und Konventionen unterweisen. Sie müssen unauffällig leben und jede kleinste politische Aktion kann eine gesamte Familie existenziell gefährden. Koreaner kommen ins Gefängnis, ohne wirklich etwas getan zu haben und werden erst entlassen, wenn sie kurz vor dem Sterben stehen, das bedeutet nach einer langen Pein der Folter.

    Selbst nach vier Generationen kommen Koreaner, die in Japan leben, nicht von ihrem Ausländerstatus los. Mit 14 Jahren müssen sich die Jugendlichen bei der Ausländerbehörde melden und sich mit einem Fingerabdruck als Ausländer registrieren lassen. Sie bekommen eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Alle drei Jahre müssen die Jugendlichen und auch die Erwachsenen den Aufenthaltstitel verlängern lassen. Kleinste Vergehen gefährden den Aufenthaltsstatus. Ich stelle mir einen Jugendlichen vor, für dem es selbstverständlich ist, in Japan zu leben, was es mit seiner Identität macht, wenn er ab dem 14. Lebensjahr polizeilich geführt wird... Sunja bekommt zwei Söhne. Noa ist der Erstgeborene und sechs Jahre später kommt sein Halbbruder Mozasu auf die Welt. Noch weiß Noa nicht, dass Mozasu nur sein Halbbruder ist. Er weiß nicht, dass Hansu sein leiblicher Vater ist ... Hansu tritt wieder in Sunjas Leben und in das Leben seines Sohnes.

    Doch nicht nur als „Koreaner“ bekommen es die Menschen mit dem Sozialrassismus politisch und gesellschaftlich schwer gemacht. Wenn man zu dem Koreanischen auch noch eine Frau ist, so bekommen sie es zusätzlich mit einem Gechlechterrassismus zu tun. Und was die äußeren Merkmale betreffen: Immer finden die Japaner ein Kriterium, einfacher gesagt, eine Schublade, in das/der die Menschen, die sie nicht als ihre Landsleute akzeptieren wollen, zu Koreanern macht, zu einer minderbelichteten Art von Menschen.

    Besonders Noa macht es zu schaffen, dass er trotz guter Schulbildung keine Chance hat, Japaner zu werden ...

    Die erste schwere Krise erleidet er mit seiner Freundin, die er an der Universität kennengelernt hat. Er bricht den Kontakt zu ihr ab, da sie ihn immerzu erinnert, dass er Koreaner ist. Obwohl sie sich als nichtrassistisch ausgibt, konfrontiert sie Noa permanent mit Klischees, Stereotypen und mit Vorurteilen …
    Noa starrte sie an. Sie würde immer einen anderen in ihm sehen, nicht den, den er war, sondern eine fantasievolle Version eines Fremden; und sie würde sich immer für etwas Besonderes halten, weil sie sich mit jemandem einließ, der von den anderen verachtet wurde. Wenn Noa mit ihr zusammen war, dachte er nicht daran, dass er Koreaner war. Er wollte einfach er selbst sein, was immer das bedeuten mochte; Manchmal wollte er sich einfach vergessen. Aber das war mit ihr nicht möglich. (356)

    Als er herausbekommt, dass Hansu sein wirklicher Vater ist, verliert er ganz die Nerven und reißt von zu Hause aus, um sich woanders eine sichere Existenz aufzubauen, in dem er vorgibt, Japaner zu sein. Er bricht sein Studium ab und alle Familienbanden, denn er gerät immer mehr in eine schwere Identitätskrise, die nicht aufzufangen ist … Eine heftige Auseinandersetzung findet zwischen Noa und seiner Mutter statt, als er erfahren hat, wer sein wirklicher Vater ist:
    Ein Leben lang haben mir Japaner gesagt, dass mein Blut koreanisch ist und dass Koreaner zornige, gewalttätige, gerissene und betrügerische Kriminelle sind. Mein ganzes Leben lang musste ich das ertragen. (359f)

    Auf den Buchseiten setzen sich diese Zitate fort, die ich nicht alle rausschreiben wollte. Auch wenn man Noa verstehen kann, tut mir auch die Mutter leid, die nun von ihrem eigenen Sohn verstoßen wird ...

    Die meisten Menschen, die diesen koreanischen Stempel nicht losbekommen, arbeiten hart und leben nach den vorgegeben gesellschaftlichen Regeln und Mustern in der japanischen Gesellschaft. Selbst wenn sie erfolgreich sind, haben sie keine Chance, akzeptiert zu werden. Junge Menschen können keinen Beruf ausüben, der von den Japanern ausgeführt wird. Sie dürfen nur die Arbeit verrichten, für die sich ein Japaner zu schade ist ...

    Mehr möchte ich nicht verraten. Aber wenn jemand Weiteres über das Buch erfahren möchte, so hat man die Möglichkeit, sich in der Leserunde von Whatchareadin einzuklicken, um die Diskussion zu verfolgen.

    Das Schreibkonzept
    Das Buch besteht aus drei Teilen und ist in verschiedenen Kapiteln gegliedert. Manchmal sind die Sprünge zwischen den Jahren recht groß, trotzdem kann man gut folgen. Der erste Teil Gohjang Zuhause von 1910 bis 1933. Zweiter Teil Mutterland, von 1939 bis 1962. Der dritte Teil, Pachinko von 1962 bis 1989. Man bekommt es hier mit einem flüssigen Schreibstil zu tun.

    Meine Meinung
    Diese rassistischen Vorurteile kenne ich als Kind italienischer Eltern nur zu gut. Auch bei uns in Europa sind sie reichlich vertreten, wenn auch ohne diesen politischen Druck. Denn hier darf man eingebürgert werden. Wenn von fünf Italienern einer unanständig ist, dann werden die vier anständigen übersehen, und der unanständige Italiener wird als Maßstab stellvertretend für alle Italiener benutzt. Selbst nach drei Generationen in Deutschland lebend sind sie noch immer nicht als Deutsche anerkannt.
    Der Umgang mit Menschen anderer Nationalitäten verhält es sich ähnlich. Und die äußerlichen Zuschreibungen? Ähnlich wie bei den Koreanern. In deutscher Literatur gibt es keinen blonden Italiener. Und keinen mit einer hellen Haut, obwohl die meisten Italiener, die in Italien leben, sonnengebräunt sind und nicht dunkel oder olivfarben auf die Welt kommen. Hat ein Italiener blonde Haare oder eine helle Haut, dann sind es die dunklen Augen, die ihn zum Südländer machen oder umgekehrt. Stigmatisiert ist man mit einem ausländischen Namen, andere mit einer dunklen Hautfarbe.

    In einem Lexikon für Traumsymbole steht, wenn jemand träumt, mit einem Italiener zu sprechen, dann solle man sich vor Dieben hüten. Und wer träumt, italienisch zu sprechen, der habe Sehnsucht nach einem schwarzhaarigen Menschen.

    Im selben Lexikon unter dem Begriff
    Deutsch steht:
    Fühlen und handeln: Ehrgefühl besitzen.
    (Beides nachzuschlagen im Lexikon der Traumsymbole von Hanns Kurth, damals war es der Goldmann Verlag, derzeit im Heyne Verlag erschienen)

    Mein Fazit?
    Nach meiner Sicht sind in diesem Buch alle Menschen in einem System gefangen. Die, die glauben, etwas Besseres zu sein, müssen andere klein machen, um ihr Ego aufzuwerten. Ein Mensch, der glücklich und zufrieden ist, ist es auch im Umgang mit anderen Menschen. Er behandelt seinen Mitmenschen gleich. Dieser Mensch hat es nicht nötig, andere abzuwerten. Aber wenn ein politisches System Menschen in gute und in schlechte Menschen einteilt, und die Ressourcen verteilt werden in die Guten bekommen viel, die Bösen bekommen wenig oder auch gar nichts, kann eine Gesellschaft sich nicht gesund entwickeln. Dann sind natürlich Menschen, die vom politischen System auf die gute Seite gestellt werden, froh, zu der besseren Menschengruppe zu gehören. Eine große Herausforderung für alle Gruppen von Menschen im hiesigen Buch.

    Deshalb sind sie für mich hier alle Opfer und Täter zugleich. Mir fällt dazu die Autorin Nino Haratischwilli ein, die auf der Buchmesse im Interview geäußert hat, dass ein Kriegsverbrecher niemals mit sich selbst Frieden schließen könne. Sie sprach über ihr neues Buch Die Katze und der General. Und so sehe ich es auch mit Menschen, die andere Menschen unterdrücken. Tief in sich drin können die Unterdrücker nicht wirklich glücklich sein ... Vielleicht passt hier der Vergleich zu Japan mit ihrer sogenannten Schamkultur, die hoffentlich nicht nur auf die Umweltkatastrophe Hiroshima gemünzt ist.

    Ich wünsche mir ganz feste, dass dieses Buch von Min Jin Lee durch die ganze Welt reist. Rassismus gibt es überall, das soll aber keine Entschuldigung sein. Jeder kann an sich arbeiten, Vorurteile in sich erst bewusst zu machen, um sie später, im nächsten Schritt, bestmöglich abbauen zu können, denn so kann eine Gesellschaft profitieren, die gesund und stabil miteinander wachsen möchte.

    Da fällt mir der Spruch wieder aus der Buchmesse ein:
    Böse ist das Böse nur, wenn man nichts dagegen tut.

    Es ist nicht böse, Vorurteile zu haben, es ist nur böse, wenn man sie weiterverbreitet, weil man sich damit nicht auseinandersetzen möchte, und Menschen damit schadet, weil man sie damit verletzt.

    Aber mir würde es schon genügen, wenn das Buch seine Leser*innen in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen stärker sensibilisiert. Die Autorin hat eine ruhige Art, über diese unruhige Thematik zu schreiben.