Ein anderes Land: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein anderes Land: Roman' von James Baldwin
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ein anderes Land: Roman"

Baldwins explizitester, leidenschaftlichster Roman Warum hat Rufus Scott – ein begnadeter schwarzer Jazzer aus Harlem – sich das Leben genommen? Wegen seiner Amour fou mit der weißen Leona, einer Liebe, die nicht sein durfte? Verzweifelt sucht Rufus’ Schwester Ida nach einer Erklärung. Aber sie findet nur Wahrheiten, die neue Wunden schlagen, – auch über sich selbst. Wie ihr Bruder war Ida lange bereit, sich selbst zu verleugnen, um ihren Traum zu verwirklichen, den Traum, Sängerin zu werden. Wie ihr Bruder hat sie ihre Wut auf die Weißen, die sie diskriminieren. Bis jetzt. Baldwin verwickelt uns in ein gefährliches Spiel von Liebe und Hass – vor der Kulisse eines Amerikas, das sich selbst in Trümmer legt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
EAN:9783423282680

Diskussionen zu "Ein anderes Land: Roman"

Rezensionen zu "Ein anderes Land: Roman"

  1. This land is my land, this land is your land (?)

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jul 2021 

    In “Ein anderes Land” demaskiert James Baldwin den Mythos der USA, ein Land für alle zu sein, wie es in dem bekannten Song „This land is my land“ so melodisch besungen wird.
    „My Land“ ist es wohl nur für eine bestimmte Gruppe – die Weißen. Denn für die Anderen - die Farbigen - , die auch so existentiell dazugehören, steht doch immer eine ganz andere Wirklichkeit vor ihren Augen.
    Diesen Spannungsbogen der unterschiedlichen Wahrnehmungen und Befindlichkeiten spannt Baldwin in seinem Roman, der 1962 erschien und nun von dtv wieder neu herausgebracht wurde.
    Die ständige Präsenz der unterschiedlichen Realitäten in Wahrnehmung und Lebensrealität beschreibt Baldwin darin ausgehend von dem Schicksal des schwarzen Jazzers Rufus, dessen Leben aus dem Takt gerät und der daran zerbricht und sich das Leben nimmt. Der Leser bekommt während des langen, weiteren Verlaufs des Romans dann allerdings nie direkt eine Antwort auf die Frage, was Rufus in den letzten Wochen seines kurzen Lebens so heruntergerissen hat. Eher indirekt und mittelbar versucht der Autor eine Antwort zu geben, indem er den Lesern die Beziehungsgeschichten einer Gruppe von Freunden des toten Rufus erzählt. Beziehungsgeschichten, in denen die Frage der Hautfarbe und des darauf basierenden bzw. daran krankenden Maßes an Respekt eine ständige Barriere und Hürde für ein Aufeinander-Einlassen und Miteinander-Lebens bildet. Und diese Hürde vermag niemand so recht zu überwinden. Schuld, Scham und Misstrauen spielen in diesen Beziehungen neben Liebe, Anziehung und Zuneigung deshalb eine immerwährende und nicht zu unterschätzende Rolle. Das wirkt manchmal etwas übermäßig angestrengt und verkompliziert, ist aber in der Gesamtschau dann doch glaubwürdig als prägendes Charakteristikum einer Gesellschaft, die nicht unbeeindruckt und ohne Zweifel in „my land“ leben kann.
    Für mich als weiße Leserin ist dieses ständige Nagen angesichts der hautfarbenbedingt eigenen Wertigkeit und Würde nicht ganz nachvollziehbar. Gnade der weißen Geburt, würde ich das aber nennen. Umso wichtiger ist und war wahrscheinlich dieses Buch für die amerikanische Gesellschaft, das deshalb auch zum Klassiker geworden ist.
    Eine tolle und wichtige, wenn auch nicht immer ganz einfache Lektüre, die 4 dicke Sterne verdient hat.

  1. Packend, brillant und zeitlos aktuell

    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Jul 2021 

    Das Gesellschaftsbild der New Yorker Künstlerszene in den Fünfzigerjahren, der Rassismus und die Diskriminierung, die es Menschen wie dem Schwarzen Jazz-Musiker Rufus und seiner jüngeren Schwester Ida beinahe unmöglich machen, ein Leben ohne Hass und Selbstzweifel zu führen. Rufus trägt mit seiner Geschichte nur das erste Kapitel des ersten Teiles "Book One" der Geschichte, doch etwas in ihm findet sich in allen anderen Hauptfiguren wieder, in Ida, in Rufus, seinem besten Freund, einem irisch-italienischen angehenden Schriftsteller, in Richard und Cass und in Eric. Sie alle waren auch Freunde von Rufus und sie alle sind Weiß und sie alle sind auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wer sie sind und wer sie sein könnten.

    Die Sprache kennt alle Facetten zwischen realistisch, deutlich, einfühlsam, gefühlvoll und berührend.

    Ein zeitloser, eindrücklicher Klassiker mit nach wie vor brisanten Themen, der, gelesen im englischen Original, auch sprachlich überzeugt.

  1. Gefährliche Liebschaften

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Mai 2021 

    Dieses Buch ist beeindruckend und sehr eigen.
    Der Erzählstil ist umwerfend. Hier malt jemand Bilder mit Worten, wobei oft die Dinge gar nicht konkret benannt werden. Gedankenfetzen und Assoziationen fließen ineinander und kreieren Atmosphäre, machen Musik fühlbar und Gefühle plastisch ohne schwülstige Umschreibungen. Dieser Text hat eine zweite Ebene, eine Art lautmalerische Poesie, die gerade im Hörbuch ganz wundervoll hervortritt. Christian Brückner hat ein Gespür dafür, poetische Texte ohne Pathos vorzutragen. Man hat das Gefühl: Ja, genau so muss man das lesen.
    Die Story selbst fängt stark an, gerät aber schnell ins Stocken und tritt dann auf der Stelle. Wir sind in der Künstlerszene New Yorks, irgendwann in den 50er Jahren vermutlich, wo der schwarze Musiker Rufus arbeitslos durch Harlem streift und verzweifelt ist. Nach seinem Selbstmord ist man sehr betroffen. Er hatte viele Freunde und auch seine Schwester Ida versteht nicht, was ihn umtrieb.
    Das ist der Aufhänger und der rote Faden, der uns durch Bars, Kneipen und literarische Zirkel führt. Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, deren Mäzene und Bewunderer bilden eine Blase, in der man sich kennt und auch liebt und offen ist für vielerlei Beziehungen.
    Wir durchleben intensiv mehrere Liebesgeschichten in unterschiedlichsten Konstellationen von Hautfarbe und Geschlecht, die alle an irgendeiner Stelle leidvoll sind und die zeigen, dass der schöne Schein trügerisch ist. Man bewundert sich auf Cocktailparties und hat ein Verhältnis mit der Frau seines besten Freundes.
    „Allmählich denke ich, wachsen heißt nur, immer mehr über Schmerz zu lernen. Das Gift wird zur Nahrung, man trinkt jeden Tag ein bisschen. Hat man das einmal gesehen, sieht man es dauernd, das ist das Problem.“
    Die Botschaft dieses Buches ist schwer greifbar. Es passiert wenig, wird aber viel durchdacht, durchlitten, diskutiert und philosophiert. Anhand des Covers hatte ich mit einem Buch gerechnet, in dem es vorrangig um Rassismus geht. Das ist auch ein Thema, aber nicht allein.
    „Leiden hat keine Farbe, oder?“
    Dieses Buch ist klug und poetisch und so tiefsinnig, dass man tief schürfen muss, um es hinlänglich zu verstehen. Immerhin kann man an jeder Stelle schürfen und findet etwas, die Frage ist nur, ob man das möchte.

    Ich bin sehr beeindruckt von dieser wunderbaren Sprache, nehme einige Bonmots mit, habe mich aber dennoch ein wenig durch das Buch geschleppt, das viel Tiefgang und deutliche Längen hat.
    Auf jeden Fall ist es ein Gewinn, dieses Buch als Hörbuch zu genießen. Christian Brückner trägt einen über so manche Länge hinweg und zeigt einem 17 Stunden, 55 Minuten, 56 Sekunden lang, was Poesie ist.