Ein anderer Takt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein anderer Takt: Roman' von William Melvin Kelley
4.5
4.5 von 5 (4 Bewertungen)

Die kleine Stadt Sutton im Nirgendwo der Südstaaten. An einem Nachmittag im Juni 1957 streut der schwarze Farmer Tucker Caliban Salz auf seine Felder, tötet sein Vieh, brennt sein Haus nieder und macht sich auf den Weg in Richtung Norden. Ihm folgt die gesamte schwarze Bevölkerung des Ortes. William Melvin Kelleys wiederentdecktes Meisterwerk Ein anderer Takt ist eines der scharfsinnigsten Zeugnisse des bis heute andauernden Kampfs der Afroamerikaner für Gleichheit und Gerechtigkeit. Fassungslos verfolgen die weißen Bewohner den Exodus. Was bringt Caliban dazu, Sutton von einem Tag auf den anderen zu verlassen? Wer wird jetzt die Felder bestellen? Wie sollen die Weißen reagieren? Aus ihrer Perspektive beschreibt Kelley die Auswirkungen des kollektiven Auszugs. Liberale Stimmen treffen auf rassistische Traditionalisten. Es scheint eine Frage der Zeit, bis sich das toxische Gemisch aus Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit entlädt. Mal mit beißendem Sarkasmus, mal mit überraschendem Mitgefühl erzählt hier ein schwarzer Autor vom weißen Amerika. Ein Roman von beunruhigender Aktualität.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783455006261

Rezensionen zu "Ein anderer Takt: Roman"

  1. Neu zu entdecken

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jan 2020 

    Immer wieder werden längst vergessene Werke neu aufgelegt. So gilt es nun den Debütroman von William Melvin Kelley neu zu entdecken. 1962 unter dem Titel „ A Different Drummer“ erschienen, machte das Buch seinen jungen Autor schlagartig berühmt.
    Der Roman spielt in einem kleinen Dorf namens Sutton in einem fiktiven Staat im Süden Amerikas. Hierher kam vor über 100 Jahren mit einem Sklavenschiff ein hünenhafter Afrikaner mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. Er kann fliehen, unternimmt Raubzüge und befreit andere Sklaven, bis er entdeckt und getötet wird. Sein kleiner Sohn ist der Urgroßvater von Tucker Caliban, dem Helden des Romans.
    Dieser geht im Juni 1957 auf sein Feld, streut Salz darauf, erschießt sein Vieh und verbrennt seine Farm. Danach verlässt er mit Frau und Kind den Ort und zieht nach Norden. Damit löst er einen Exodus aus. Alle Schwarzen verlassen in den nächsten Tagen ihr Heim und ziehen weg. Der Staat ist nun auf einmal ohne schwarze Bevölkerung.
    Es gibt unterschiedliche Reaktionen darauf, von Genugtuung ( „ Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht, und wir werden sehr gut ohne sie zurechtkommen,...“) aber auch Bedenken, wer in Zukunft die viele Arbeit tun wird („ Ich hab noch nie einen Weißen gesehen, der einen Laden ausfegt, immer nur Farbige.“)
    Kelley erzählt seine Geschichte einzig aus der Perspektive der Weißen. Das sind die Männer auf der Veranda, ein kleiner Junge, aber vor allem die Familie Willson. Bei ihnen lebte Tuckers Familie, anfangs als Sklaven, später als Bedienstete. Bis eines Tages Tucker aus dieser Rolle ausbricht und von ihnen ein Stück Land kauft. ( „..., mein Sohn wird nicht für Sie arbeiten. Er wird sein eigener Boss sein....jetzt müssen wir uns selbst befreien.“)
    Jede der erzählenden Figuren erinnert sich an seine Begegnungen mit Tucker und versucht hinter die Beweggründe für dessen Tun zu kommen. Diese unterschiedlichen Perspektiven werfen einen vielschichtigen Blick auf das Geschehen. Kelley zeigt dabei den alltäglichen Rassismus in seinen unterschiedlichen Prägungen. Auch liberale und aufgeschlossene Menschen sind nicht gefeit dagegen. Und am Ende eskaliert die Situation und der Pöbel zeigt nochmals sein hässliches Gesicht.
    Kelley erzählt ruhig und sachlich, mal poetisch. Er gibt jeder Figur seine eigene Stimme. Manches wird erst im Nachhinein verständlich.
    Dem Buch vorangestellt ist ein informativer Text über den Autor ( Leben, Werk und Bedeutung ) und am Ende erinnert sich die Tochter an ihren Vater.
    „Ein anderer Takt“ ist ein wichtiges, auch heute noch bzw. wieder aktuelles Buch, das sich zu lesen lohnt.

  1. nur eine einzuge Chance

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Nov 2019 

    Stell dir vor, es gibt einen Staat im Süden der USA, in dem es keinen einzigen Farbigen gibt. Denn an einem Tag im Juni 1957, da streut der schwarze Farmer Tucker Caliban Salz auf seine Felder, erschießt Pferd und Kuh, brennt das Haus nieder. Mit seinem Hab und Gut verlässt er Sutton und mit ihm geht die gesamte farbige Bevölkerung.
    Der Roman „Ein anderer Takt“ des afroamerikanischen Schriftstellers William Melvin Kelley (1937-2017) ist eine literarische Widerentdeckung, ein prägnantes Gleichnis für Gleichheit und Selbstbestimmung, ein „Was wäre wenn Spiel“, ein erzählerisches Kleinod. Die Handlung so wie der Ort, die Stadt Sutton ist Fiktion und doch damals wie heute immer noch relevant.
    Kelley schreibt aus vielen Perspektiven und interessanterweise immer aus der Sicht von Weißen. Es sind die Willsons, die im Mittelpunkt stehen, von Generation zu Generation immer wohlmeinender und respektvoller den Farbigen gegenüber. Hatte anfangs noch der „General“ den „Afrikaner“ besitzen, jagen, töten dürfen, kann Tucker Caliban, der Ururenkel des Sklaven, Land erwerben und bestellen.
    Prospero und Caliban sind zwei Figuren aus Shakespeares „Der Sturm“. Kultur und Wohlstand gegenüber der Natur, die es zu unterwerfen gilt. Prospero heißt hier Willson, und Caliban will sich befreien.
    »Man hat nur eine einzige Chance: wenn man kann und wenn man will. Wenn eins davon fehlt, braucht man’s gar nicht erst zu versuchen. ….Können und wollen – wenn eins von beiden fehlt, braucht man gar nicht erst drüber nachzudenken. Und wenn beides da ist und man’s vermasselt, kann man’s ein für alle Mal vergessen. Man kriegt nur eine einzige Chance, und das war’s dann.«
    William Melvin Kelley ist ein großartiger Beobachter und vielfältiger Erzähler. Die wild ungestüme Legende des „Afrikaners" fesselt genauso, wie die naive Sicht eines achtjährigen Jungen, die leisen Töne junger Frauen. Spitzzüngig, schwarzhumorig und beängstigend zum Schluss.

  1. Ausgezeichneter Schreibstil, aber offenes Ende

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Okt 2019 

    Ein anderer Takt beginnt großartig. William Melvin Kelley schreibt mit einem sprachgewaltigen und sehr bildhaften Schreibstil mit vielen Vergleichen über Tuckers Taten und die Ankunft seines Vorfahren in dem Bundesstaat. Die Figuren werden lebendig und wirken wie aus der Vergangenheit auferstanden. Die Geschichte wird langsam erzählt und sich Zeit für die Beschreibung des Alltags der Menschen in dem Orrt genommen.

    Die lebendige Schreibweise lässt mit Vergnügen lesen, wie die Weißen im Ort sich über den Weggang von Tucker und den anderen schwarzen Menschen Gedanken machen. Allerdings irritierte mich, dass alle Weißen, obwohl sie Tuckers Verhalten nicht verstehen oder erklären können, den Schwarzen gegenüber freundlich sind. Keiner findet sich ihnen überlegen, was ich für unauthentisch halte.

    Das Ende kam abrupt und die Fragen, die ich mir beim Lesen stellte, werden leider nicht beantwortet. Wieso manche Personen so handelten wie sie es taten, wurde nicht erklärt.

    Fazit:

    Die Beschreibung der Handlung war so anschaulich und gewaltig, dass man die Personen vor dem inneren Auge agieren sah. Leider beantwortet das Buch nicht meine Fragen.

  1. Massenexodus

    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Aug 2019 

    Bereits vor fast 60 Jahren, genauer im Jahr 1962, erschien William Melvin Kelleys Debütroman „A Different Drummer“. Vor Kurzem wiederentdeckt, brachte der Verlag Hoffmann und Campe die deutsche, 304 Seiten umfassende Übersetzung unter dem Titel „Ein anderer Takt“ im September 2019 heraus.
    Im fiktiven Südstaatenstädchen Sutton streut ohne ersichtlichen Grund der junge, afroamerikanische Farmer Tucker Caliban, Nachkomme der Sklaven des Willson-Clans, an einem Tag im Juni 1957 Salz auf seine Felder, erschießt sein Vieh und verbrennt sein Haus. Anschließend macht er sich mit Frau und Kind auf den Weg, den Bundesstaat zu verlassen und gen Norden zu ziehen. Damit löst er einen wahren Exodus aus: Alle Schwarzen verlassen den Staat, der nun der einzige ist, „unter dessen Einwohnern sich kein einziger Neger befindet.“ (S. 34)
    Die Reaktionen auf diesen Auszug sind durchaus unterschiedlich. Sie reichen von Freude, „Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht.“ (S. 36), über Irritation bis hin zu Wut, als den Weißen klar wird, dass sie „noch nie einen Weißen gesehen [haben], der einen Laden ausfegt.“ (S. 272) und enden schließlich in einem Akt der Gewalt.
    Das Interessante an dem Roman besteht darin, dass das Geschehen fast ausschließlich aus der Perspektive der weißen Bevölkerung, vor allem der der Familie Willson, betrachtet wird; allen ist gemeinsam, dass sie versuchen, den Sinn hinter diesem Geschehen zu sehen. Dabei ist das Bild, das sich die Menschen von den Afroamerikanern machen, durchaus differenziert. Während der Gründer des Willson-Clans den Afrikaner noch als sein Eigentum betrachtete, das er sogar jagen und töten durfte, versuchen seine Nachkommen durchaus, eher geschwisterliche (Dymphna) oder freundschaftliche (Dewey) Verbindungen zu knüpfen, was ihnen aber nicht vollends gelingt. Besonders deutlich wird dieses m.E. an dem kleinen Mister Leland, der Tucker zwar als „Freund“ betrachtet, dem aber entgegen dem Gebot seiner Eltern doch das Wort „Nigger“ recht leicht über die Lippen geht. Doch auch über den Tellerrand dieses verschlafenen Nestes hinaus wird ein Blick ins vermeintlich menschlichere Nordamerika geworfen, das eben aber auch nur „vermeintlich“ fortschrittlich ist. Und auch auf Organisationen zu Wahrung der Rechte der Afroamerikaner oder Linke wird hier nicht allzu sehr vertraut. So wundert es nicht, dass Tucker am Ende seine eigenen Konsequenzen zieht und die Geschichte ihren weiteren Verlauf nimmt.
    Sehr gut gefallen hat mir die Komposition des Romans: Die unterschiedlichen Perspektiven sind durch die acht Personen, die nach und nach zu Worte kommen, klar voneinander abgetrennt, wobei der Autor auch auf unterschiedliche Textsorten zurückgreift, Zusammenhänge werden sukzessiv ersichtlich, und gerahmt wird das Ganze von der Bevölkerung Suttons, die m.E. hier noch aus ersichtlichen Gründen am schlechtesten wegkommt. Die Sprache ist eher einfach gehalten und verzichtet auch nicht auf rassistische Formulierungen, was dem Milieu entspricht und dem Geschriebenen Authentizität verleiht.
    Eingeleitet wird die deutsche Ausgabe mit Informationen zur Wiederentdeckung des Romans, abgeschlossen mit Informationen zum Autor aus der Feder dessen ältester Tochter.
    Nicht so sehr gelungen ist meiner Meinung nach die Übersetzung des Titels. Hier hätte ich es beim englischen Original, „A Different Drummer“, belassen, wird dieses doch eher dem Protagonisten gerecht.
    Sicher stellt Kelley in seinem Roman in erster Linie das Wesen der südamerikanischen Bevölkerung in seiner Zeit dar. Auch mögen der Staat, die Stadt und der Massenexodus fiktiv sein. Aber dennoch lohnt es sich auf jeden Fall, das Buch zu lesen, und zwar nicht nur im Hinblick auf den wieder erstarkenden Rassismus. Denn Einstellungen, die in diesem Werk kommuniziert werden, Lösungsalternativen, die ins Nichts führen, und nicht zuletzt der Pöbel, der das letzte Wort hat, waren und sind auch bei uns in vielen Bereichen allgegenwärtig und sollten reflektiert werden. Von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung.