Durchbruch bei Stalingrad

Buchseite und Rezensionen zu 'Durchbruch bei Stalingrad' von Heinrich Gerlach
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Heinrich Gerlachs großer Antikriegsroman: Direkt nach der Schlacht um Stalingrad im sowjetischen Kriegsgefangenenlager geschrieben, durch verschiedene Arbeitslager gerettet, aber letztendlich vom russischen Geheimdienst konfisziert - jetzt nach fast 70 Jahren erstmals veröffentlicht.
Dieses Buch hat eine der außergewöhnlichsten Publikationsgeschichten seit je: Heinrich Gerlach, als deutscher Offizier in der Schlacht um Stalingrad schwer verwundet, begann in sowjetischer Gefangenschaft einen Roman zu schreiben, der das Grauen von Stalingrad, die Sinnlosigkeit des Krieges, vor allem aber die seelische Wandlung eines deutschen Soldaten unter dem Eindruck des Erlebten ungeschminkt darstellen sollte. Zudem war er im Herbst 1943 Gründungsmitglied des Bunds Deutscher Offiziere, der aus der Kriegsgefangenschaft heraus zur Beendigung des sinnlosen Kampfes aufrief.
Gerlach rettete sein Manuskript durch viele Arbeitslager. 1949 aber entdeckte und beschlagnahmte der russische Geheimdienst den 600 Seiten starken Roman. Erst im Frühjahr 1950 war Gerlach wieder zurück in Deutschland - ohne den Roman. Sämtliche Versuche, ihn aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, scheiterten - bis Gerlach auf eine ungewöhnliche Idee kam. Unter Hypnose konnte er Teile des Buches wieder erinnern. 1957, mehr als ein...

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:704
EAN:9783869711218

Rezensionen zu "Durchbruch bei Stalingrad"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Mai 2017 

    Literarischer Druchbruch

    DURCHBRUCH BEI STALINGRAD nannte Heinrich Gerlach seinen Roman, geschrieben von 1943 bis Mai 1945 in sowjetischer Gefangenschaft. Als DIE VERRATENE ARMEE später in der BRD sehr erfolgreich verlegt. Der DURCHBRUCH aber ist nun fast eine Erstauflage – wie es dazu kam soll in einem zweiten Post behandelt werden.

    * * *

    Oberleutnant Breuer, Lehrer, dient als Chef der Abteilung Ic im Stab einer Division der Deutschen Wehrmacht. Als solcher ist er u.a. auch für die Befragung von Kriegsgefangenen zuständig, er hat also einen gewissen Einblick, eine etwas bessere Sicht als die Mannschaften auf den Gegner, die Rote Armee. Diese bereitet sich gerade auf die Einschließung der 6. Armee vor Stalingrad, der Stadt an der Wolga[1], vor. Zu seiner Abteilung gehört auch der Gefreite Lakosch, sein Fahrer. Noch sind die meisten Angehörigen des Stabes stramme Nationalsozialisten, wie sie sich gegenseitig beteuern. Auch Lakosch, dessen Eltern doch ganz anders dachten.

    Geführt wird der Stab von Oberleutnant (?)[2] Unold, dem Ersten Generalstabsoffizier (Ia), einem wohl talentierten Militär, einem Durchbeißer, einem Durchhalter, bis auch diesen das Unheil einholen wird. Der Divisionskommandeur, ein General, wird fortschreitend seiner Aufgabe nicht gerecht. Später wird er von Oberst v. Herrmann abgelöst, einem ganz anderen Typus militärischer Truppenführer. Zum Divisionsstab gehört auch der Feldwebel Harras, immer noch scharf darauf, Offizier zu werden. Unbedingt zu nennen wäre noch Pfarrer Peters, ein evangelischer Feldgeistlicher, der sich gelegentlich über den Befehl als Pfarrer keine Briefe an Hinterbliebene zu schreiben hinwegsetzt.

    Ein Roman aus dem Blickwinkel eines Divisionsstabes also? Arbeitend hinter der HKL, der Hauptkampflinie, in geheizten Bunkern, Feldbetten, Ordonnanzen und Offiziersburschen, versorgt mit bester Verpflegung, Cognac und aus den Frankreichfeldzug herüber geretteten Rotweinresten? Nur gelegentlich von Granaten bestrichen und wenn gut getarnt selten von Bomben betroffen? (Soweit die Klischees)

    Nein. Auch wenn der Leser genau dies lesen wird. Geheizte Bunker, fette Verpflegung und Versorgung – paradiesische Zustände gegenüber den Landsern, die in notdürftigen Unterständen, in Schützenlöchern, im blanken Schnee, ohne ausreichende Winterbekleidung, hungernd ausharren müssen – der Winter ist im Anmarsch und er kommt mit aller Gewalt.

    Irgendwann ist der Divisionsstab ziemlich nutzlos geworden. Die Armee eingeschlossen. Die Regimenter aufgerieben, die Lazarette überfüllt, die Munition knapp, der Oberst zum General befördert und versetzt und Unold meint, so ein eingespielter, vollständiger Divisionsstab müsste doch aufgespart werden für zukünftige Aufgaben.

    Breuer und andere Offiziere bilden auf Befehl kleine Kampfgruppen und plötzlich sind sie überhaupt nicht mehr so weit weg von den Landsern in den Gräben. Ihre persönlichen Sachen gehen genauso verlustig, so viel rumschleppen kann man ja gar nicht bei zunehmender Erschöpfung. Sie freuen sich über jedes verreckte Pferd, klauen Verpflegung, erfrieren sich Hände, Füße, Ohren und bekommen kaum ärztliche Hilfe. Sie schleppen sich durch den Kessel nach allen Himmelsrichtungen, immer noch hoffend: „Der Mannstein kommt!“ – „Der Führer wird uns nicht sitzen lassen“.
    Ausfliegen? Nur mit Genehmigung des Armeearztes. 300000 Mann! – Und dann sind irgenwann die Russen da.

    Generalstäbler im Schützengrabenelend. Das ist neu in so einem Roman. Zumindest in dieser Dichte. Und Gerlach weiß dieses wirklich zu beschreiben, denn der Oberleutnant Breuer ist sein ALTER EGO. Der schleppt sich zuletzt, stark am Auge verletzt durch den Kessel, erhält sogar eine Transportgenehmigung und rutscht, literarischer Kunstgriff, auf der vereisten Leiter des letzten Fliegers, der von Gumrak startet aus und bleibt zurück. Er beschreibt, wie das letzte Fleisch von den Pferdegerippen geschabt wird, Brot ohne Rücksicht auf den Nebenmann gestohlen wird, die Rationen immer dünner werden.

    Er erzählt von der Figur des Harras, der sich den Wunsch erfüllt, Leutnant (durch Betrug) zu werden, sich schlussendlich durch die Hand schießt und im letzten Chaos von schwerem Gerät überfahren wird. Von Lakosch, der am Ende begreift, warum ihn der verstorbene Vater warnte und die Mutter in ihren Briefen und dann, strammer Nationalsozialist bisher, überläuft.

    Eine der aus meiner Sicht wichtigsten Personen ist der Feldgeistliche Peters. Anfangs spendet er voller Überzeugung Verwundeten und Sterbenden Trost und verfällt selbst immer mehr in diesem Elend, er schleppt sich durch von Verbandsplatz zu Verbandsplatz und fällt irgendwann dem Gegner in die Hände, er trifft auf russische Gläubige, die ihn (vermutlich) retten. Eine der menschlichsten und kraftvollsten Gestalten des Buches, im Gegensatz zu Unold, der am Ende wegen Absetzens von der Truppe erschossen wird.

    Gerlach hat dies erlebt, er gehört zu den 91000, die da übrigblieben und von denen letztlich nur ca. 6500 die Heimat wiedersahen. Die meisten waren so erschöpft, dass sie die ersten Wochen der Gefangenschaft nicht überlebten.

    Quelle

    Breuer überlebt diese. Und Gerlach schreibt den Roman. Er beginnt schnell damit und bringt das Manuskript durch viele Gefangenenlager, allerdings letztlich nicht nach Deutschland. Die eigenen Anschauungen überwiegen im Roman, einige Dinge erfährt er von mitgefangenen Offizieren und Generälen. Da er die Stabsarbeit aus mehreren Kriegsjahren kennt, ist auch die Darstellung der Stabsarbeit genauso authentisch wie die des unbeschreiblichen Elends im Kessel. Wobei er deren Inhalte nur manchmal erwähnt, den Menschen in den Stäben widmet er seine Aufmerksamkeit. Den Soldaten, Feldwebeln und den älteren, erneut rekrutierten Weltkriegsoffizieren wie auch den ganz jungen, kriegsbegeisterten Leutnanten. Gelegentlich schiebt er erläuternd historisch bekannte Fakten ein. So die Besprechung zum Entsatz der Armee beim Heeresgruppenführer Generalfeldmarschall v. Mannstein oder die letzten Stunden der Armeeführung, die Kapitulation des am selben Morgen noch zum Generalfeldmarschall beförderten Oberbefehlshabers Paulus.[3]

    Durchbruch bei Stalingrad. Dies ist auch eine Metapher. Einerseits geht es um den vom OKW verbotenen Durchbruch in rückwertige Stellungen. Und es bezeichnet auch den Durchbruch im Denken der Soldaten und Offizieren. Das Begreifen, dass dieses im Stich lassen von 300000 deutschen Wehrmachtsangehörigen eine verbrecherische Handlung ist, die in der Kriegsgeschichte ihres gleichen sucht und symptomatisch für das Regime, welches sie in den Krieg sendete, der in eben dieser Kriegsgeschichte der größte, der opferreichste und zerstörerischste war.

    Es ist eines der eindringlichsten Bücher über den Krieg. Mit intensiven Beschreibungen von Erfrierungen, Verletzungen, Chaos, Erschöpfung, Tod, Führungslosigkeit, Verzweiflung und vergeblicher Hoffnung.

    * * *

    Aus verschiedenen Gründen, zu verschiedenen Zeiten habe ich eine Reihe von Büchern mit Bezug zum Untergang der 6. Armee vor Stalingrad gelesen. Von diesen wird noch zu schreiben sein, wie auch von der Geschichte des Romans. Und davon, wie sich Gedanken ändern, Geschichte anders, neu rezipiert wird.

    Wegen seiner Geschichte und seiner auf eine gewisse Art und Weise Einzigartigkeit hat das Buch ein langes Nachwort vom Carsten Gansel, der den Roman in russischen Archiven nach intensiven Recherchen fand. Diesem Post wird demnächst ein weiterer folgen über die Herkunft dieses Buches und zur Stalingraddarstellung in der Literatur.