Durch deine Augen

Rezensionen zu "Durch deine Augen"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Jul 2019 

    Die wirkliche Wirklichkeit...

    Wie wäre es, wenn wir in das Bewusstsein eines anderen schlüpfen könnten? Was sähe ich, wenn ich die Welt durch deine Augen sähe? Um diese Fragen kreist dieser spannende Roman von Peter Høeg, mit dem er auf sehr persönliche Weise an den Bestseller "Der Susan-Effekt" anknüpft.

    Eines gleich vorweg: 'Der Susan-Effekt' kenne ich (noch) nicht, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass ich hier die Fortsetzung eines Buches höre, sondern eine ganz eigenständige Erzählung.

    Im Wesentlichen dreht sich die Geschichte um drei Personen: Peter, Lisa und Simon. Die drei kennen sich bereits aus Kindertagen, haben aber im Laufe ihres Lebens den Kontakt zueinander verloren. Nun kreuzen sich ihre Wege wieder, denn Peter wurde angerufen, nachdem Simon versucht hat sich umzubringen. Auf der Suche nach Hilfe für Simon stößt Peter auf Lisa und ihre Forschungen zum menschlichen Bewusstsein. Eine abenteuerliche Reise ins Innere des menschlichen Wesens beginnt...

    In iherem "Institut für neuropsychologische Bildgebung" ist es Lisa gelungen, mit Hilfe von Scans das Bewusstsein von Menschen in einen Hologramm sichtbar zu machen. Und nicht nur das. Es ist durch technische Errungenschaften möglich, an dem Erleben, den Erinnerungen, den Ängsten von Patienten teilzuhaben, es gleichzeitig zu sehen und nachzuempfinden. Ein tieferes Verständnis der Psyche verschafft ganz neue Möglichkeiten, psychische Erkrankungen und seelische Probleme zu therapieren - doch noch ist alles im geheimen Versuchsstadium.

    "Wir suchen nicht die Wahrheit. Wir verhelfen den Menschen zu einer Geschichte, mit der sie leben können."

    So erfolgreich, wie Lisa in ihrem Beruf zu sein scheint, so merkwürdig mutet es an, dass sie sich an die ersten sieben Jahre ihres Lebens - und damit auch an Peter und Simon - nicht erinnern kann. Peter erinnert sich für sie - und den Hörer - an die Kindergartenzeit, wo die drei als 'schlaflose Kinder' in der Zeit, zu der alle anderen Kinder einen Mittagsschlaf hielten, aufregende Entdeckungen machten.

    Sie erkannten, dass es möglich ist, in die Träume anderer zu gelangen, in ihr Bewusstsein, sogar in eine andere Zeit. 'Die wirkliche Wirklichkeit' nannten sie das Erleben parallel zu ihrer Gegenwart, und rückblickend muten die Erinnerungen daran reichlich fantastisch an - machen aber auch deutlich, wo die Wurzeln zu Lisas beruflichem Erfolg liegen.

    Der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht für mich den Charme dieses Buches aus. Die Magie der Kindheit schleicht sich in das aktuelle Geschehen, und das Eintauchen in die Psyche anderer Menschen ist ein gleichzeitig faszinierendes wie erschreckendes Gedankenexperiment. Die Grenzen der Individualität lösen sich auf, dafür werden die Begegnungen zunehmend echter und intensiver.

    Allerdings geriet die Erzählung bei aller Faszination für die Idee dahinter phasenweise doch recht langatmig. Etwas ermüdend fand ich vor allem die lange Aneinanderreihung von Therapiesitzungen, die allesamt schwere Themen beinhalteten wie beispielsweise die Massenserschießung von Juden während des Zweiten Weltkriegs, den sexuellen Missbrauch von Kindern oder den Krebstod einer jungen Mutter.

    Auch das Fantastische und Surreale an der Geschichte war mir stellenweise zu viel. Gerade die Erlebnisse der Kinder sorgten gegen Ende bei mir eher für hochgezogene Augenbrauen denn für Staunen. Gefallen hat mir indes, dass ich durch das Hörerlebnis ins Nachdenken geriet - über die Möglichkeit 'echter' Begegnungen, das geheimnisvolle Phänomen der menschlichen Psyche, die interessante Idee, ins Bewusstsein eines anderen einzutauchen.

    Alles in allem ein interessantes Gedankenexperiment, das für mich ein wenig zu surreal und zu langatmig geraten ist, dazu noch etwas zu abrupt endete. Frank Stieren las die Erzählung (ungekürzte Hörbuchfassung: 8 Stunden und 19 Minuten) versiert, trug durch seinen langsamen Vortrag jedoch zuweilen zum Eindruck der Langatmigkeit bei.

    Peter Høeg schreibt in jedem Fall keine gewöhnlichen Bücher!

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Mär 2019 

    Gewollt surreal

    Gewollt surreal

    Durch deine Augen von Peter Høeg

    Peter Høeg bringt dem Leser diesen fiktionalen Roman aus eigener Erzählperspektive näher.
    Peter hat eine Trennung hinter sich, als er von dem versuchten Selbstmord seines Freundes Simon aus Kindertagen hört. Lisa, die Peter auch aus dieser Zeit kennt, hat eine Maschine entwickelt, die ins Unterbewusstsein des Menschen blicken kann, um dort alte Erlebnisse wieder hervorzuholen, um Traumata erkennen und beseitigen zu können. Eine interessante Vorstellung, die während des gesamten Hörbuchs immer wieder zu neuen Denkansätzen anregt.
    Kontrovers empfand ich die Tatsache, dass Lisa, die renommierte Wissenschaftlerin auf diesem Gebiet, hat selbst keine Erinnerungen mehr an ihre eigene Kindheit. Stück für Stück gelangt sie während des Buches aber zu neuen Erkenntnissen.
    Eine leichte Handlung liegt nicht vor, man muss sich konzentrieren und bereit sein, über den Tellerrand zu schauen. Man sollte dem Gedankenkarussel des Autors folgen können, ansonsten erschließen sich einige Dinge sicher nicht.
    Viele Erinnerungen sind sehr schmerzhaft, ich gelangte oft an meine Grenzen und musste erstmal meine Eindrücke verarbeiten.
    Dieser Roman setzt sich auf eine interessante Art und Weise mit dem Bewusstsein des Menschen auseinander. Wird einiges irgendwann vielleicht sogar umsetzbar sein? Ich hoffe nicht, denn ich persönlich wäre mit den Informationen definitiv überfordert. Mir reicht es, wenn ich es hören oder lesen kann und mir auf meiner Couch meine eigenen Gedanken zu diesem Thema machen kann, das ist dem Autor gelungen. Eine interessante Reise ins menschliche Unterbewusstsein und vielem mehr.

    Der Sprecher dieser Hörbuchfassung, Frank Stieren, hat eine sehr wohlklingende Stimme und erzählt im angemessenen Tempo, mir hat es sehr gut gefallen.