Dschinns: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Dschinns: Roman' von Fatma Aydemir
4.75
4.8 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Dschinns: Roman"

Fatma Aydemirs großer Familienroman – „Ihr Sound hat eine Wucht, die abwechselnd ins Herz und in die Magengrube geht.“ Alena Schröder Dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, nun erfüllt er sich endlich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach. Fatma Aydemirs großer Gesellschaftsroman erzählt von sechs grundverschiedenen Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind. Alle haben sie ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden. Was sie jedoch vereint: das Gefühl, dass sie in Hüseyins Wohnung jemand beobachtet. Voller Wucht und Schönheit fragt „Dschinns“ nach dem Gebilde Familie, den Blick tief hineingerichtet in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte und weit voraus.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:368
EAN:9783446269149

Rezensionen zu "Dschinns: Roman"

  1. Eine Familie besteht doch nur aus Einzelteilen

    In „Dschinns“ erzählt Fatma Aydemir, die Geschichte einer Familie, in dem sie diese in Einzelteile zerlegt und so deutlich macht, dass man zwar zusammengehört, aber doch letztlich immer alleine ist. In sechs Kapiteln werden die individuellen Träume, Wünsche, Verletzungen, Geheimnisse und Traumata aufgedeckt, das Schweigen und die Versäumnisse thematisiert, die Erwartungen und die Ablösung von diesen enthüllt. Der Roman erzählt dabei gar nicht mal so eine besonders außergewöhnliche Story, sondern zeichnet eher das Zusammen- und Auseinanderleben einer vermutlich recht normalen Familie mit Migrationshintergrund ab, die stets versucht, sich anzupassen, ohne dabei die eigene Herkunft völlig hinter sich zu lassen, wobei in diesem Fall das Thema der Herkunft, der Identität schon ein besonders belastet ist. Auch wenn die Vergangenheit wie ein Schleier über allem lastet, gelingt es der Autorin mit sehr leichter Hand und ausgezeichnetem Sprachgefühl einen berührenden und besonderen Text auf die Seiten zu bannen. Teilweise bekommt der Sprachstil fast lyrische Qualitäten, insbesondere im Kapitel der Tochter Perihan, sowie im Eingangs- und Schlusskapitel ist dies der Fall. Strukturell bietet der Roman aufgrund seines Sprachtons am Anfang und Schluss und der Aufteilung der Geschichte viele Ansatzpunkte für weiterführende, spannende Interpretationen – eine wesentliche Qualität dieses Romans, der auch in seiner Figurenkonzeption weitestgehend überzeugen kann. Die Figuren sind beeindruckend authentisch gezeichnet, auch hier stechen die starken Frauenfiguren Sevda und Perihan hervor, die sich sehr bewusst von ihrer Elterngeneration abzugrenzen versuchen. In allen oben genannten Aspekten ist der Roman eine großartige Entdeckung, ein bereicherndes Leseerlebnis mit Anspruch und Gehalt, das auf allen Ebenen zu überzeugen vermag - wäre da nicht das Hakan-Kapitel, das wohl mit Stereotypen und Vorurteilen spielen soll, der Gesellschaft einen Spiegel in Bezug auf Identitätskonstruktionen einen Spiegel vorhalten soll und dann so unglaublich ungelenk in die Klischeefalle tappt. Wenn es sich nicht zwischen denselben Buchdeckeln befunden hätte, hätte ich kaum glauben können, dass es Teil des Romans ist – so krass ist der Absturz in Aussage, Sinnhaftigkeit, Figurenkonzeption und Souveränität des Erzählens. Plötzlich findet man sich mit vulgärer Ausdrucksweise und schablonenhaftem Denken konfrontiert, neben allzu platter Polizeikritik findet man sich schon fast mit einer Karikatur des türkischen Halbstarken konfrontiert. Darüber ist das Kapitel auch inhaltlich wenig ergiebig und eher langweilig. Sehr schade, denn alles, was berauschend, raffiniert und elegant in den anderen Kapiteln erzählt wird, wird hier konterkariert.

    Insgesamt ist der Roman dennoch eine große, spannende und sehr eindrucksvolle Leseempfehlung.

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  1. 4
    16. Apr 2022 

    Familie auf dem Prüfstand...

    Hüseyin, Ümit, Sevda, Peri, Hakan, Emine – eine türkischstämmige Familie. Der Roman spielt Ende der 1990er Jahre und wird in sechs Abschnitten aus der Sicht der einzelnen Familienmitglieder erzählt, wobei zuerst der Vater zu Wort kommt, der dann aber rasch einem Herzinfarkt erliegt und seinen Traum von der Eigentumswohnung in Istanbul nicht mehr erleben kann, und zuletzt die Mutter. Dabei nähert sich die Autorin behutsam und eindringlich den einzelnen Charakteren an und kennzeichnet sie durch eine jeweils eigene Art sich auszudrücken.

    „Vielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Aber was bedeuten dann die Leerstellen in ihnen, das Schweigen? Sind sie die Lücken, die das ganze Konstrukt am Ende zum Einsturz bringen werden? Oder sind sie die Luft, die wir zum Atmen brauchen, weil die Wahrheit, die ganze Wahrheit, unmöglich zu ertragen wäre?“ (S. 189)

    Fatma Aydemir stellt hier das Konzept Familie auf den Prüfstand. Was verbindet sechs Menschen, die, wie der Klappentext so schön anmerkt, zufällig miteinander verwandt sind? Wenn wie hier jede:r die eigenen Probleme mit sich selbst ausmacht, lebenslange Geheimnisse das Zusammenleben überschatten und Schweigen die einzig verlässliche Gemeinsamkeit zu sein scheint, dann klingt das schon bedrückend. Tatsächlich hat hier jede:r sein Päckchen zu tragen, und die Autorin lässt dabei kaum einen Aspekt zum Thema Identität aus. Die z.T. doch etwas klischeehafte Ausgestaltung einzelner Figuren sorgt zudem dafür, dass auch gesellschaftliche Missstände deutlich werden.

    Die Frage nach der Bedeutung von Heimat, Entwurzelung, Armut, Homosexualität, Sprache, Integration, Zwangsheirat, Verfolgung, der kulturelle Spagat (Kurdisch – Türkisch - Deutsch), die Tradition vs. die Moderne, die Rollenerwartungen und die Schwierigkeit, daraus auszubrechen, vorgezeichnete Wege vs. Lebensträume, das Gefühl, nirgendwo gewollt zu sein und sich trotzdem einen Platz im Leben zu erkämpfen - eine Vielzahl an Themen und Problemen, die sich hier gebündelt darstellen, glücklicherweise ohne die (Selbst-)Mitleidskiste zu öffnen. Nicht alles davon ist allein typisch für Familien mit Migrationshintergrund, es gibt hier durchaus auch allgemeingültige Themen, die alle Menschen/Familien/Gesellschaften betreffen und zum Nachdenken anregen.

    Interessant fand ich hier den Buchtitel, der sich auf mehreren Bedeutungsebenen auch im Roman wiederfand. Ein Dschinn kann zum einen so etwas sein wie ein Engel oder ein Teufel, und solch eine Gestalt führt im ersten und letzten Kapitel das Wort. Eine ungewohnte Perspektive, aber für mein Empfinden durchaus passend. Zum anderen bezeichnet der Begriff aber auch moralische Dilemmata, z.B. hinsichtlich sozialer Normen. Diese Bedeutung betrifft wiederum jedes einzelne Familienmitglied, denn gerade der Versuch, eine Identität mit oder entgegen der sozialen Normen zu entwickeln, spielt hier eine große Rolle. Und neben den sehr individuellen Dschinns hat die Familie auch einen gemeinsamen: das Schweigen. Eine Eigenschaft, die so vieles nach sich zieht, dass das Konstrukt Familie letztlich auseinanderbrechen muss.

    Das letzte Kapitel sorgte bei mir leider für einen Punktabzug. Auch durch die vorherigen Kapitel wurden schon viele Themen und zahlreiche Dramen präsentiert, viele Dinge angerissen, über die es sich nachzudenken lohnt. Aber im letzten Kapitel wurde es mir dann doch zu viel. Näheres kann ich hier nicht erläutern, da es ansonsten zu viel verraten würde. Aber für mich wirkte das Ende wie zwanghaft in eine Form gepresst, dramatisch konstruiert und nicht wirklich glaubwürdig. Das war eine Handlungsschleife zu viel.

    Doch insgesamt ist dies ein beeindruckender Roman mit einem gelungenen Aufbau, einem faszinierenden Schreibstil und einerseits klischeebehafteten, andererseits aber auch glaubwürdig ausgearbeiteten Charakteren. Und mit einem ganzen Strauß an Themen, die über das Lesen hinaus beschäftigen.

    © Parden

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  1. Leerstellen im Familiengefüge

    Was wissen einzelne Familienmitglieder eigentlich voneinander? Sprechen sie untereinander über ihre Wünsche, Sorgen, Ängste und Erfahrungen? Was bedeutet es, wenn der eigene Lebensentwurf nicht kompatibel mit den moralischen Ansprüchen der Eltern oder auch anderen Familienmitgliedern erscheint? Bedeutet darüber zu schweigen ein Stück Freiheit oder Last? Wie wirkt sich fehlende Akzeptanz für das, was man ist, auf die Persönlichkeit und das Gefüge innerhalb der Familie aus? Welche Folgen haben erlittene Traumata noch für nachfolgende Generationen? Was bedeutet es in einem fremden kulturellen Kontext zu leben und dabei unterschiedlichen Spielarten von Alltagsrassismus ausgesetzt zu sein? All diese Fragen beschäftigen Fatma Aydemir in ihrem äußerst intensiv geschriebenen Roman „Dschinns“.

    30 Jahre hat Hüseyin in Deutschland geschuftet, jede Möglichkeit für Überstunden ergriffen, Geld gespart, um endlich seinen Traum zu erfüllen: den Kauf einer Wohnung in Istanbul, in der er gemeinsam mit seiner Familie den Ruhestand in der alten türkischen Heimat genießen will. Doch es kommt anders als geplant: Hüseyin erleidet einen Herzinfarkt, stirbt in der neuen Wohnung noch bevor er dort richtig einziehen konnte. Geschockt vom plötzlichen Tod machen sich seine Angehörigen auf den Weg nach Istanbul.

    Aydemir widmet Hüseyin sowie seinen Kindern Ümit, Sevda, Perihan, Hakan und seiner Ehefrau Emine jeweils ein Kapitel. Schnell zeigt sich, dass die Kinder, die mit Ausnahme von Ümit bereits erwachsen sind, eine äußerst distanzierte Beziehung zum Vater und eine komplizierte Beziehung zur Mutter haben bzw. hatten. Alle versuch(t)en auf ihre Weise den Zwängen der Rollenerwartungen zu entkommen und einen eigenen Weg zu finden. Nicht nur die Kinder, sondern auch Hüseyin und Emine haben Schmerzhaftes erlebt und nie verarbeitet. Es herrscht eine geradezu bedrückende Sprachlosigkeit innerhalb der Familie, die letztendlich Verständnis, Unterstützung und Nähe verhindert.

    Einige Leser:innen kritisieren, dass Dschinns zu viele gesellschaftliche und identitätsrelevanten Themen aufgreife, die Figuren zu klischeehaft gezeichnet, das Ende zu dramatisch sei. Es stimmt, dass Aydemir viele Themen und Probleme anspricht, die mit Migration, aber auch unabhängig davon mit dem besonderen Gefüge von Familie im Allgemeinen zu tun hat. Darüber hinaus geht es ihr um persönliche Entwicklung, Gender, Ausgrenzung, Rassismus, unterschiedliche Werte, Identitätsfindung und vieles mehr. Durch die verschiedenen Erzählperspektiven wird etliches nur am Rand gestreift. Mich hat das an keinem Punkt gestört, da die Autorin mit viel Feingefühl und einer unglaublichen Intensität die Sicht der einzelnen Familienmitglieder sowie Abschnitte aus ihrem Leben darzustellen vermag. Aydemirs Figuren sind für mich keine wandelnden Klischees, was für mich gleichbedeutend mit stereotyp, schablonenhaft, eindimensional und blass wäre. Die Autorin spielt lediglich mit Klischees - ihre Protagonist:innen sind durchgängig komplexe, authentische Persönlichkeiten, die auch gerade durch ihre Widersprüchlichkeit und ihren eigenen Erzählton lebendig werden. Ich kann mir Hüseyin, Emine, Ümit, Perihan, Hakan und Sevda genau so auch im realen Leben vorstellen. Dschinns hat mich thematisch und in seiner emotionalen Intensität gefesselt und absolut überzeugt.

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  1. Grandios!

    Klappentext:
    „Dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, nun erfüllt er sich endlich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach. Fatma Aydemirs großer Gesellschaftsroman erzählt von sechs grundverschiedenen Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind. Alle haben sie ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden. Was sie jedoch vereint: das Gefühl, dass sie in Hüseyins Wohnung jemand beobachtet. Voller Wucht und Schönheit fragt „Dschinns“ nach dem Gebilde Familie, den Blick tief hineingerichtet in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte und weit voraus.“

    Da spart man für seinen großen Traum und dann hat man zum Schluss überhaupt nichts mehr davon. Autorin Fatma Aydemir nimmt sich hier einem besonderen und wichtigem Thema an welches uns alle angeht. Keiner weiß, wann der Tag der Tage bei uns kommen mag und vor allem, was und wie es mit den Hinterbliebenen weitergeht. Aydemir lässt in ihrer kraftvollen und sehr emotionalen Geschichte Hauptfigur Hüseyin sterben. Der Vater stirbt und Frau und Kinder bleiben, genau wie die neu erworbene Wohnung (Hüseyins größter Traum). Wir Leser werden gleich zu Beginn von Aydemir richtig ins kalte Wasser geschmissen und das war einfach nur perfekt. Wie soll man den sonst ein Ableben darstellen? Es passiert einfach und es tut weh und schockiert. Trauer sitzt tief und jeder geht damit anders um. Der Verlauf der weiteren Geschichte ist von ihr brillant gelöst - jedes Kapitel behandelt ein Familienmitglied bzw. eine verwandte Person und so lernen wir die Hinterbliebenen besser kennen. Jeder hat seinen eigenen Lebensrucksack zu tragen und jeder hat seinen Traum, genau wie ihn Hüseyin hatte. Dieses zarte Gebilde ist aber so fragil und die Frage ist, auf welchen Pfeilern steht es nun. Die Mutter ist nun das Oberhaupt, aber schafft sie das? Kann sie das? Was passiert mit den Kindern? Jeder von ihnen hat sein Leben. Aydemir packt in ihren Roman so viele wichtige Parts, dass das Buch gewaltig nachhallt nach jedem Kapitel. Hier und da entsteht Drama, da wiederum ist eine tiefe Trauer und woanders gibt es Menschen die erstmal alles realisieren müssen. Sie schreibt so herrlich vielseitig und dennoch trifft sie ihren Tenor auf den Punkt. Ihre Worte sind klar und präzise und sie zeichnet ein sehr klares Bild ab, welches des öfteren auch polarisiert. Es tauchen unweigerlich viele Fragen auf und das liegt nicht an der Religion, sondern die betreffen jeden von uns. Aydemir beleuchtet ebenfalls die Themen Migration, Integration, Gastarbeit, Völkerverständigung, andere Religionen und Kulturen, Weitsicht, Umsicht, Familie uvm. und schlussendlich packt sie alles sehr gekonnt und wohl dosiert in diesen Roman. Kann man kaum glauben, aber es passt alles perfekt. Ihr Sprachverlauf ist packend und fesselnd und wir verstehen viele Situationen immer besser. Wie heißt es aber immer so schön?: „Das Beste kommt zum Schluss“ und genau so ist es auch hier. Das Ende ist einfach nur wow und kam so völlig unerwartet. Gut, es war hier und da ein wenig viel Drama, aber es passte. Die Geschichte ist so wirklich rund und gelungen, da darf auch ein wenig mehr Drama rein.
    „Dschinns“ ist eine echter Lesegenuss und erhält von mir verdiente 5 von 5 Sterne.

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  1. Die Geister in der Familie

    All die Jahre hat Hüseyin Yilmaz daraufhin gearbeitet, dass er seiner Familie etwas bieten konnte. Das war nicht einfach für ihn, denn in der Türkei reichte das Geld kaum. Also ist er als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen und hat malocht und ständig Geld zurückgelegt für später. Doch nun steht die Rente bevor und er hat sich eine Eigentumswohnung in Istanbul geleistet. Er ist zunächst alleine nach Istanbul gekommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Doch dann stirbt er gleich am ersten Tag in der neuen Wohnung am Herzinfarkt. Die Familie kommt zusammen, um ihn zu Grabe zu tragen. Doch jeder von ihnen hat seine eigenen Probleme, Verletzungen und Träume.
    Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ ist so ganz anders, als ich es erwartet habe. Wir erleben mit, wie glücklich Hüseyin ist, aber nur für einen Moment, denn dann stirbt er auch schon. Die Familie will den Toten gemeinsam beerdigen, doch Sevda vermasst mit ihren Kindern den Flug und Hakan wird auf seiner Anreise aufgehalten. Peri und Ümit müssen erleben, wie ihre Mutter vor lauter Trauer nicht mehr ansprechbar ist.
    Jedem Familienmitglied ist ein Abschnitt gewidmet. Die Kinder Ümit, Sevda, Peri und Hakan sind sehr unterschiedlich. Sevda ist bei den Großeltern in der Türkei aufgewachsen und kam erst als Jugendliche nach Deutschland. Sie wurde von der Mutter in eine Rolle gedrängt, die nicht die war, die sie sich erträumt hat. Ihre jüngere Schwester Peri hatte viel mehr Freiheiten, sie studiert und ist immer noch auf der Suche – nach was, weiß sie wohl selbst nicht so genau. Hakan wollte seinen Vater nicht enttäuschen, aber er wollte auch nicht so werden wie er. Er hat zwar Träume, doch überall sieht er Schwierigkeiten, die ihn hemmen. Der jüngste Sohn Ümit muss seine sexuelle Orientierung verbergen. Am Ende erfahren wir, was Emine zu der Frau gemacht hat, die sie ist.
    Es ist eine bewegende und erschütternde Geschichte. In der Familie ist jeder für sich alleine. Man erfüllt Erwartungen und ist unglücklich. Da ist eine Sprachlosigkeit in der Familie, die keinem guttut.
    Ich konnte miterleben, wie es sich anfühlt, zwischen den Kulturen zu leben, nirgendwo wirklich zu Hause zu sein. Wie kann man sich unter solchen Umständen selber finden?
    Ein wirklich lesenswerter Roman, der mich sehr beeindruckt hat.

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  1. Die Geister, die ich rief...

    Von diesem Buch wurde mir mehrfach vorgeschwärmt, so dass ich mir eine eigene Meinung bilden musste. Und was soll ich sagen? Es ist einfach spitze.

    In der Geschichte geht es um vier Geschwister, die zusammen mit ihrer Mutter den toten Vater beerdigen müssen, der kurz nach Erfüllung seines größten Traums stirbt. Es existieren Spannungen in der Familie. Was ist da nur passiert? Gibt es etwa Geheimnisse?

    Jedes Familienmitglied und seine jeweilige Situation werden in einzelnen Abschnitten aufgezeigt und ein beobachtender Erzähler führt uns durch das Geschehen. Auch wenn es keine Ich- Perspektive gibt, so ist das Geschriebene dennoch sehr intensiv, weil man so enorm nah an den Figuren dran ist mit all ihren Problemen.

    Man bekommt Einblicke in eine Migrantenfamilie, die sehr mit ihrem Schicksal des Auswanderns hadert und je mehr man liest, desto besser kann man sie mit all ihren Problemen auch verstehen. Man bekommt ja doch eher selten bis gar nicht solche Einblicke geboten.

    Jedes Schicksal hatte für sich etwas Besonderes und dennoch fühlte ich mich mit Peri wohl am meisten verbunden, weil sie mit ihrer rebellischen Art mir sehr nah ist.

    Im Buch finden so viele Themen Platz, dass ich sie kaum aufzählen kann. Da stehen Kultur und Religion teilweise der Entwicklung Einzelner im Weg. Es gibt rassistische Begebenheiten. Es gibt Fremdheit im eigenen Kulturkreis, sowie Transgender und auch Homosexualität werden angeschnitten. Vor lauter Themenvielfalt hat man das Gefühl mehr als die knapp 370 Seiten zu lesen.

    Das Ende schlägt dem Fass den Boden aus. Lasst euch überraschen, denn viele Wendungen werdet ihr nicht kommen sehen und sie werden euch überrollen.

    Fazit: Ein intensives Leseerlebnis, dass mich rundum begeistert hat. Man muss oft hart schlucken und kann das Gelesene nicht glauben. Klare Leseempfehlung.

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  1. Dschinn bestimmen dein Leben, erkenne sie!

    Die Geister, aus rauchlosem Feuer erschaffen, fahren in die Körper der Menschen, zeigen sich in Ausnahmesituationen und machen manchmal sogar verrückt. Die Dschinn sind in der islamischen Vorstellung so etwas wie Engel und Dämonen im christlichen Abendland.

    Hüseyin Yilmaz ist Türke, hat sich aber mit Ende zwanzig als Gastarbeiter für Deutschland anwerben lassen. Dreißig Jahre lang schuftet und spart er, verzichtet 8 Jahre auf seine zurückgelassene Ehefrau und 3 Kinder, bis er sie endlich nachholt und noch einen Sohn zeugt, nur um am Ende seines Arbeitslebens in der frisch vom Ersparten erworbenen Eigentumswohnung in Istanbul einem Herzinfarkt zu erliegen. Eine Woche vor seiner Familie, war er glücklich in die Türkei geeilt, letzte Vorbereitungen bei der Einrichtung der Zimmer zu treffen und nun liegt er da, schmerzgepeinigt und bittet um wenige Tage Aufschub, damit er noch einmal in das Gesicht seiner geliebten Frau schauen kann. Es ist ihm nicht vergönnt. Stattdessen erreicht der traurige Anruf seines Dahinscheidens, seine Frau Emine in Deutschland.

    Sofort werden Flugverbindungen rausgesucht, doch so kurzfristig sind nur 3 Plätze zu bekommen, also fliegt Emine mit ihren beiden Jüngsten, Ümit und Perihan in die Türkei. Hakan der ältere Sohn und Sevda, geschieden und zwei Kinder, sollen so rasch wie möglich nachkommen. Im islamischen Glauben sollen Verstorbene innerhalb von 24 Stunden begraben werden.

    Mit Ümit, der gedankenverloren und hilflos, zusammen mit einem unbekannten Cousin, die rituelle Waschung des Leichnams übernimmt, tauchen wir ein, in die Welten der verbliebenen 5 Familienmitglieder.

    Allen Fünfen ist ein Kapitel gewidmet, zuerst kommen die 4 Kinder zu Wort, deren Empfinden und Schicksale nicht unterschiedlicher sein könnten. Mit Emine, der Witwe und Mutter, schließt sich der Kreis und erklärt sich die Geschichte, in der auch eine geheimnisvolle Verwandte (Schwägerin/Tante), die anscheinend unerwünscht bei der Beisetzung auftaucht, eine krass tragende Rolle zugeschrieben bekommt.

    Was zunächst nach einem typischen Gastarbeiterfamilienschicksal, inklusive Entwurzelung, Heimweh, Kulturzwiespalt und Generationenkonflikt aussieht, dann immer mehr Felder der menschlichen Untiefen auslotet, vor Fremdenfeindlichkeit und Homophobie nicht Halt macht und auch den Kurdenkonflikt in der Türkei anspricht, brilliert mit einem absolut unerwartetem Ende, das mich sprachlos und erschüttert (im wahrsten Sinne des Wortes) zurücklässt.

    Fatma Aydemir wirft eine Blick auf das Schicksal einer Einwandererfamilie, bennent seine Dschinn (warum das "s" im Titel?) und bleibt trotz problematischer Themen, wie Fremdenhass in Deutschland und Kurdenploitik in der Türkei, ohne Anklage. Sie lamentiert nicht, sondern baut mit jedem Kapitel ein weiteren Stein der Mauer ab, die uns normalerweise die Sicht versperrt auf Menschen, die mit ihren Geistern leben müssen, so wie wir alle.

    Trotz Themenvielfalt verrennt Aydemir sich nicht und trotz ruhigem Tonfall baut sich eine Spannung auf, die das Buch zu einem eindrücklichen Leseerlebnis machen. Wir leben mit Türken Seite an Seite, vielleicht hilft diese Buch ihre Dschinn zu sehen und sie besser zu verstehen.

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  1. 5
    14. Mär 2022 

    Familienbilder

    Dieses Buch ist ein Highlight1 Ein 5-Sterne-Kandidat! Ein Buch für meine best of 2022! Eines dieser Bücher, die man nicht weglegen will/die man durchlesen muss/wo sämtliche Verpflichtungen einfach nur störend sind und man diese nur widerwillig macht. Eines dieser Bücher, die Ehrenplätze in den Regalen bekommen!

    Ein Blick auf eine Familie, auf das Ungesagte in ihr, auf die Generationenkonflikte, auf die Lügen, auf die Schuld, auf die Traditionen und auf die unausweichliche Veränderung.

    Ein wunderbares Buch! Von Fatma Aydemir kannte ich bisher "Ellbogen". Und dieses Buch kam bei mir nicht so gut weg. Was nicht an der Autorin lag, sondern eher in der Thematik begründet war. Gewalt ist nicht so mein Ding und dieses Zelebrieren einer Gesinnung, die mich auf Arbeit öfters erwartet und die in einer Selbstverständlichkeit davon ausgeht, dass natürlich nur der eigene Standpunkt richtig sein kann, triggerte sicher etwas in mir. Vielleicht hätte ich "Ellbogen" einfach nicht lesen sollen. Aber gut. Ist vorbei. Heute kann ich vielleicht auch mit einem nötigen Abstand und einem anderen Verständnis darauf schauen. Was gut ist!

    Deswegen ging ich auch etwas skeptisch auf "Dschinns" zu. Doch recht viele begeisterte Stimmen unter den Literaturbegeisterten machten mich neugierig. Und bei der Lektüre hatte mich das Buch auch fast sofort vollkommen gepackt. Bei der Anfangssequenz noch nicht. Hüseyin hat sich nach einem jahrzehntelangen Schuften in Deutschland endlich eine Eigentumswohnung in Istanbul erarbeitet. Bei der Einrichtung dieser Wohnung verstirbt er dann aber plötzlich. Das ist traurig, ja. Aber dies ging an mir sogar etwas vorbei. Hier beschäftigte mich eher noch der Gedanke des jahrzehntelangen Schuftens und der darauffolgenden Belohnung. Nun muss Hüseyins Familie aus Deutschland zur Bestattung in die Türkei fahren und dies macht sie. In fünf weiteren Strängen erzählt Fatma Aydemir nun die Geschichten des Sohnes Ümit, der Tochter Sevda, der Tochter Peri, des Sohnes Hakan und der Ehefrau/Mutter Emine. Und heraus kommt eine absolut fesselnde und auch faszinierende und tief berührende Familiengeschichte voller Tücken und Geheimnisse, voller Missverständnisse und Verletzungen. Eine Familiengeschichte, die man erst nach und nach versteht, deren Mitglieder man aber alle versteht. Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften. Eine Familiengeschichte zum Lachen und Weinen. Und ein wunderbares Buch, in dem es Fatma Aydemir schafft jeden Charakter perfekt auszuleuchten. Ein Buch, in dem die Konflikte innerhalb der Familie und der Status der Menschen als Emigranten zentral gestellt sind. Ein Buch, welches mich vollkommen überzeugt!

    Und ein Buch, welches ein perfekter Kandidat für den Deutschen Buchpreis 2022 ist!

    Love it! ❤

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  1. Die inneren Ungeheuer

    Im Roman „Dschinns“ erfahren wir eine Sicht türkischer Gastarbeiter auf Deutschland. Das arme Deutschland, das kalte und herzlose Land (Seite 9) kommt dabei nicht besonders gut weg. Hier wird das Geld verdient, was in der türkischen Heimat nicht zu verdienen ist und dazu muss man eine fremde Sprache lernen, was der älteren Gastarbeitergeneration meist nicht besonders gut gelingt. (Allen anderen älteren Generationen natürlich auch nicht.)

    Da sowohl die Arbeit am Buch, wie auch der Aufenthalt der Autorin hier gefördert wurde, hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht, dass unser Land besser dabei weg gekommen wäre. Zwar: Ob das dann noch realistisch gewesen wäre, sei dahingestellt. Das Obligatorische: Bin ich Männlein oder Weiblein? Kommt auch, aber ohne das wohl keine Förderung.

    Aber: Worum geht es? Hüseyin, das Oberhaupt dieser Familie, die hier beschrieben wird, stirbt plötzlich und unerwartet nach dreißig Jahren Arbeit in Deutschland in der lange erträumten und frisch erworbenen Eigentumswohnung in Istanbul. Jetzt müssen Frau und die vier Kinder zur Beerdigung von Deutschland in die Türkei fliegen. Und schnell muss es gehen. Sevda, die älteste Tochter und Hakan, der älteste Bruder, schaffen das nicht pünktlich. Emine, die Mutter, gerät bei der Beerdigung mit ihrer Schwägerin aneinander, die sie zutiefst verabscheut. Emine verabscheut Ayşe schon fast ihr ganzes Leben lang. Warum erfahren wir im Lauf der Handlung.

    Jedes Familienmitglied bekommt ein Kapitel für sich, auch Perihan, die jüngere Schwester, und Ümit, der jüngere Bruder. Jeder von ihnen trägt seine „Dschinns“ mit sich herum. Die belastenden Dinge, die inneren Ungeheuer, die nicht verarbeiteten Traumata. Es ist ein schwieriges Leben ohne die Wurzeln, die man irgendwo eingraben kann. „Weil man nur dort zuhause war, wo man jemanden hatte, der einen verstand.“ (Seite 275)

    Der Roman liest sich extrem flüssig, ist sehr, sehr gut geschrieben, Respekt. Die Autorin ist in Deutschland geboren und dies ist keine Übersetzung. Also: Deutsch ist ihre Muttersprache, wenn sie auch türkischer Abstammung ist. Inwieweit der Roman autobiographisch sein könnte, weiß die Leserin nicht.

    Worüber die Leser auch durchaus mal nachdenken sollten, das ist die „Sinnlosigkeit“ unserer deutschen Vorgärten, in denen nur getrimmtes Gras steht und nichts Nahrhaftes wächst. (Seite 95)
    Oder weiterhin Nachdenkenswertes: „[…] wie in Deutschland, wo jeder allein in seinem Zuhause sitzt und jede Geldmünze dreimal umdreht und alle immer nur bei der Arbeit oder im Bett sind.“ (Seite 300)

    Fazit: Interessante Lektüre, genauso empfehlenswert, wie zwiespältig. Durchaus spannend, bei mir läuft es auf vier Sterne hinaus. Den einen Stern muss ich (leider!) abziehen, da mal wieder ein Protagonist nicht weiß, ob er lieber Männlein oder Weiblein ist. Wenn auch genial eingeflochten. Nicht schlimm das, aber es geht ja im Genderland kaum noch "ohne".

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  1. Wahres Kleinod

    Dieser emotionale Familienroman ist von der deutschen Journalistin Fatma Aydemir geschrieben worden. Sie wurde 1986 in Karlsruhe geboren. Ihre eigene Familiengeschichte ist auch durch Migration und der Auseinandersetzung mit 2 Heimatländern geprägt worden. In ihrem Debutroman: "Ellbogen" 2017,nahm sie eben diese Geschichte zum Anlass und machte auch soziale Abgründe erfolgreich zum Thema.
    Mit "Dschinns" folgt nun der zweite Roman aus ihrer Feder.

    Veröffentlichung: 14.Februar 2022
    Formate: E-Buchformate, Hardcover und Audiobook
    Verlag: Hanser
    Seitenzahl: 368
    ISBN:978-3446269149

    Gestaltung:
    Dieses Buch ist ein visueller Schatz & wurde offensichtlich mit viel Liebe zum Detail kreiert. Die Hardcover-Ausgabe kommt mit einem roten, leinenartigen Einband, der Titel "Dschinn" wurde mit einem lilafarbenen Schriftzug auf den Buchrücken geprägt. Außen wurde eine Schutzbanderole um das Buch gelegt. Diese ist mit ihrer Farbgebung "Lila-Rot" ein absoluter Hingucker.
    Ein farbiges Einlegeband fungiert als Lesezeichen.
    Meine Achtung vor diesem Buch und seiner Schöpferin steigt noch mehr, ich bin beeindruckt.

    Zum Inhalt:
    Der gebürtiger Türke Hüseyin, hat sich aufgrund seiner langen harten Arbeit, selbst ein Geschenk gemacht. Ein Appartement mitten in Istanbul. Gerade als er sich so richtig darüber freut und Stolz verspürt: fällt er tot um.
    Seine Angehörigen müssen sich mit seinem Tod abfinden & sich damit auseinandersetzen.

    Mein persönlicher Leseeindruck

    Schreib-& Erzählstil, Spannungsbogen
    Die gesamte Erzählung ist in einem wirklich gut lesbarem Stil verfasst. DIe Kapitel werden durch die Namen des entsprechenden Familienmitgliedes gekennzeichnet. Dessen Gedanken, Selbstgespräche, Emotionen und physischen Erleben wird daraufhin klar und einfühlsam aber auch knallhart, wiedergegeben.
    Ich kann mich den selbst gestellten Fragen, Zweifeln und Verletzungen nicht entziehen. Die Geschichte beginnt in mir zu arbeiten. Dieser Roman kommt ohne übliche Spannungsbogen aus. Der Tod des Vaters, dessen Auswirkungen auf sein familiäres Umfeld & sowie auf die Leserschaft, ergeben ein Gesamtes.
    Geradlinig führt die Autorin mich durch die emotionale Familien-Galerie. Einblicke, die ich so noch nicht hatte, wurden mir nahe gebracht und ich fühle mich etwas näher an meinen Mitmenschen, die außer Deutschland noch ein anderes Land als Heimat betrachten.
    Zusammenfassung:
    Ein sehr gut geschriebener, emotional berührender Familienroman.
    Die Herausforderungen, Verletzungen, Sinnfragen und unsere menschliche Endlichkeit, - ich fühle mich berührt und genieße ein Buch, das mehr als nur eine Geschichte erzählen kann.
    Fazit:
    Diese detaillierte Buch-Kreation ist ein wahres Kleinod. Mit Begeisterung bewerte ich dieses Buch mit ausgezeichneten 5*Sternen.

    Ich bedanke mich beim Hanser Verlag für mein Leseexemplar.

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  1. 5
    22. Jan 2022 

    Erstes Jahreshighlight 2022

    Hüseyin steht kurz vor dem Renteneintritt und hat sich endlich den Traum von einer Wohnung in Istanbul erfüllt. Hier will er mit seiner Ehefrau die arbeitsfreie Zeit genießen und Besuch von seinen Kindern aus Deutschland bekommen. Doch dann kommt es anders: Hüseyin stirbt kurz nach der Ankunft in der neuen Wohnung, seine Familie steht unter Schock. In der Trauer um Vater und Ehemann kommen immer mehr Verletzungen, Distanziertheit und Geheimnisse ans Licht.

    In „Dschinns“ erzählt Fatma Aydemir die Geschichte einer Familie in all ihren Facetten. Eingerahmt wird die Handlung von den Kapiteln der Eltern. Zuerst Hüseyin, der Vater und zum Schluss Emine, die Mutter. In beiden Fällen ist auch die Perspektive eine andere, denn es wird in der Du-Form erzählt, wie in einem Gespräch. Allein mit der Auflösung, wer hier eigentlich spricht, ist Aydemir ein echter Kunstgriff gelungen. Dazwischen eingebettet finden wir die Blickwinkel der vier Geschwister Ümit, Peri, Sevda und Hakan in personaler Erzählform, mal in der Gegenwart, mal in der Vergangenheit.

    Die vier Geschwister sind in ihrem Wesen recht unterschiedlich. Ümit, der jüngste, eher zart und empfindsam, Peri eine Feministin mit starkem Willen, Sevda eine alleinerziehende Mutter, immer im Konflikt mit ihrer eigenen und Hakan, der schon als Kind Ärger gemacht hat und sich nicht ganz legal durchs Leben schlägt. Gemeinsam haben sie aber ihren Kampf mit der eigenen Identität, die Abgrenzung von ihren Eltern und ganz im Allgemeinen den Wunsch, ihren Platz in der Welt zu finden. Emine sticht dabei heraus, ist aber auch der große Reibungspunkt der Familie – umso bedeutsamer ist ihre Perspektive am Ende.

    „Dschinns“ ist nicht nur ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk, es spricht auch eine Menge wichtige Themen an: die Auswanderung der Familie nach Deutschland und wie ihnen dort begegnet wird, die kurdische Herkunft, die sie verleugnen (müssen), die Traumata, die jedes einzelne Familienmitglied mit sich herumschleppt. Ich wünschte, ich könnte sie alle noch ein Stück auf ihrem Weg begleiten, so sehr sind sie mir ans Herz gewachsen. Definitiv mein erstes Highlight des Jahres!

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