Drei Kameradinnen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei Kameradinnen: Roman' von Shida Bazyar
3.1
3.1 von 5 (13 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Drei Kameradinnen: Roman"

In ihrem neuen Roman erzählt Shida Bazyar voller Wucht und Furor von den Spannungen und Ungeheuerlichkeiten der Gegenwart – und von drei jungen Frauen, die zusammenstehen, egal was kommt. Seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung verbindet Hani, Kasih und Saya eine tiefe Freundschaft. Nach Jahren treffen die drei sich wieder, um ein paar Tage lang an die alten Zeiten anzuknüpfen. Doch egal ob über den Dächern der Stadt, auf der Bank vor dem Späti oder bei einer Hausbesetzerparty, immer wird deutlich, dass sie nicht abschütteln können, was jetzt so oft ihren Alltag bestimmt: die Blicke, die Sprüche, Hass und rechter Terror. Ihre Freundschaft aber gibt ihnen Halt. Bis eine dramatische Nacht alles ins Wanken bringt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
EAN:9783462052763

Rezensionen zu "Drei Kameradinnen: Roman"

  1. Aufwühlend, kompromisslos, kraftvoll

    Die titelgebenden ›drei Kameradinnen‹ sind junge Frauen, die seit Kindestagen eine innige Freundschaft verbindet. Die Erzählerin verweigert Leser:innen ausdrücklich die Information, aus welchem Land sie und ihre Familien jeweils kommen – offensichtlich sind sie POC¹, nicht aus Deutschland, mehr musst du für den Kontext nicht wissen.

    ›Offensichtlich‹? Das meine ich in diesem Sinne: Von wohlmeinenden Menschen werden sie gönnerhaft auf Englisch angesprochen, in der Annahme, sie sprächen kein Deutsch. In der Schule loben manche Lehrer ihre Leistungen, verweigern ihnen aber stillschweigend die Bestnote. Bei anderen spult sich direkt ein Zyklus der Vorverurteilung ab, den auch noch so viel Fleiß nicht sprengen kann. Später findet die Protagonistin trotz Studium nur schwer Arbeit. Im Jobcenter wird sie automatisch unter ›schwer vermittelbar‹ verbucht, ideal nur für stupide Callcenterjobs – der 1,0 Abschluss interessiert gar nicht. Überall die Blicke, die Sprüche, der stete Zwang, sich die eigene Existenzberechtigung immer und immer wieder zu verdienen, und das Gaslighting: das bildest du dir nur ein, übertreibst du nicht, Deutschland hat kein Rassismus-Problem.

    Eine Gratwanderung: Wem kann ich trauen, wer meint es ehrlich mit mir? Will er oder sie mich ehrlich unterstützen, oder benutzt si:er mich nur, um den eigenen ›White Savior‹-Komplex zu füttern, sich als guter Mensch zu fühlen? Das frisst Energie, Lebensfreude und Chancen. Die Erzählerin konfrontiert dich manchmal mit deinem eigenen Dünkel: Ach, du hast dich nach dem NSU-Bekennerschreiben gar nicht näher mit den Morden und den Opfern befasst? Was sagt das über dich?

    Die drei Kameradinnen gehen sehr unterschiedlich damit um. Hani ist in einem Grad angepasst und bemüht, der beim Lesen schmerzt; alles, was sie nicht positiv sehen kann, blendet sie krampfhaft aus. Kasih, die Erzählerin, ist nur schwer greifbar: Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin, die ihre Gefühle und ihre Erinnerungen ganz bewusst relativiert, manchmal sogar negiert oder auf den Kopf stellt. In Saya brodelt bei jeder Mikroaggression, bei jedem beiläufigen Alltagsrassismus, die Wut. Sie verbringt im Internet ›Stunden mit dem stummen Sichten des lauten Hasses‹, und der stete Tropfen höhlt den Stein …

    Di:er Leser:in fliegt durch die Seiten und fragt sich: Hat Saya wirklich getan, was die einschlägigen Skandalblätter schäumen lässt vor selbstgerechter Wut, was sie schrei(b)en lässt, man habe schon zu lange ›solche Menschen‹ ins Land gelassen? Ist sie eine Attentäterin, eine islamistische Brandstifterin? Und falls ja – kann ich sie ein Stück weit verstehen? Menschen wie Saya laufen Tag für Tag über vergifteten Boden, stolpern immer wieder über tiefgehende Wurzeln der Intoleranz. Der eine fällt und bleibt liegen, die andere hält es nicht mehr aus und brennt alles nieder.

    »Uns gibt es in dieser Welt nicht. Hier sind wir weder Deutsche noch Flüchtlinge, wir sprechen nicht die Nachrichten und wir sind nicht die Expertinnen. Wir sind irgendein Joker, von dem sie noch nicht wissen, ob sie ihn einmal zu irgendetwas gebrauchen können.«
    (Zitat)

    Sowas passiert nicht im Vakuum; wenn wir die Augen vor den Ursachen verschließen, perpetuieren wir einen fatalen Zyklus der Gewalt und Gegengewalt.

    Shida Bazyar lässt Protagonistin Kasih durchaus provozieren. Sie geht die Leser:innen direkt an, konfrontiert sie mit dem eigenen Schubladendenken, beschuldigt sie des Rassismus – und lässt sie dann wieder wissen, dass ihr als Erzählerin nicht zu trauen ist. »Ich kann euch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt«. Obwohl Saya im Trio der Freundinnen wohl die Zornigste ist, spürt man auch bei Kasih, wie sehr sie endlich mal den Spieß umdrehen will. Sie zieht eine scharfe Grenze zwischen »wir« und »ihr«. »Ihr« seid die Rassisten. »Ihr« seid die, die uns unten halten wollen. »Ihr«… Jetzt seid ihr endlich mal diejenigen, die aufgrund ihrer Hautfarbe vorverurteilt werden, wie fühlt sich das an? Sie ist nicht fair, ganz bewusst. Sie teilt aus.

    Das ist beim Lesen unbequem. Als weiße:r Leser:in fühlst du dich vielleicht unwohl oder verspürst den Drang, einfach dichtzumachen und jeglichen Schatten der Schuld entschieden von dir zu weisen. Aber Kasihs Art ist ein sehr effektives Stilmittel, um dich aus der Komfortzone zu holen. Das ist nötig, denn in der Komfortzone kann es keinen Wandel geben.

    ____
    ¹ POC = ›people of color‹ oder ›person of color‹, positiv besetzter Begriff für Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe

    Fazit:

    Seit frühster Kindheit sind Hani, Kasih und Saya Freundinnen, durch dick und dünn, ohne Vorbehalte. Doch alle drei müssen Tag für Tag durch einen Morast von Vorurteilen, Anfeindungen oder halbherzig wohlwollender Ignoranz waten – das ist nicht nur anstrengend, es schürt auch die Wut. Und dann passiert der Brandanschlag. Und dann ist Saya in allen Zeitungen als islamistische Terroristin. War sie es wirklich? Spielt es überhaupt eine Rolle?

    Shida Bazyar erzähle eine Geschichte, die dich aufrüttelt. Die grundverschiedenen Persönlichkeiten der drei Kameradinnen bringen diese Geschichte nicht nur schlüssig zusammen, sondern bieten Identifikationspotential – trotz Provokation, trotz Abgrenzung. Doch diese Identifikation erfordert bewusste Anstrengung: Um die Protagonistinnen zu verstehen, musst du mitdenken, hinterfragen, Unbequemes erstmal zulassen. Der Schreibstil ist ausdrucksstark, hält dich aber immer auf dem Sprung; die Erzählerin wechselt abrupt das Thema, lässt Dinge ungeklärt oder widerspricht sich.

    Das Buch reicht dir nicht die Hand, lädt dich auch nicht ein zur Überbrückung der unsichtbaren Kluft. Die Erzählerin zeigt, wie problematisch Vorurteile sind, in dem sie ihrerseits weiße Menschen vorverurteilt, geradezu genüsslich. Manchmal ist das meines Erachtens tatsächlich ZU provokant, ZU anstrengend, ZU bemüht. Vorurteile werden nicht aufgebrochen, sondern mit eigenen Vorurteilen Schicht um Schicht überlagert – und irgendwann sieht man nur noch verhärtete, verkrustete Angst. Wobei das tatsächlich die ultimative Botschaft des Buches sein könnte: Wollen wir wirklich, dass das passiert? Falls nicht, muss jede:r an sich arbeiten. Als Gesamtbild betrachtet kann mich der Roman auf jeden Fall überzeugen, und ich bin froh, ihn gelesen zu haben.

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  1. 5
    01. Jan 2022 

    Ein aufrüttelnder Geniestreich über den "Brandbeschleuniger" Ras

    Wie leben Menschen mit rassifizierten Merkmalen derzeit in Deutschland? In Deutschland gibt es doch gar keinen Rassismus... ach. Diese Personen sind doch einfach nur empfindlich, sollen sich mal nicht so haben, interpretieren da etwas rein.

    So ist leider immer noch die weit verbreitete Meinung zum Thema (Alltags-) Rassismus in Deutschland. Aber so sieht die Realität nicht aus. Menschen, die anders aussehen, nicht weiß sind, müssen tagtäglich mit offenen und latenten Anfeindungen und Unverständnis leben. Was dies mit den Betroffenen macht, beschreibt Shida Bazyar grandios in ihrem neuen Roman. Hier kommen drei Freundinnen nach Jahren des getrennten Erwachsenenlebens wieder zusammen, um die Hochzeit einer Bekannten zu feiern. Minutiös fächert Bazyar die Geschehnisse bis zu einem verheerenden Brand, zu dessen Verursacherin eine der drei Frauen schon zu Beginn des Buches ausgemacht wird. Während die Zeitlinie über drei Tage hinweg bis zum Brand nachvollzogen wird, erfahren wir immer mehr über die Lebens- und damit auch Rassismuserfahrungen der drei Frauen durch Rückblenden und Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit in einem sozialen Randgebiet der Stadt.

    Literarisch arbeitet Bazyar auf höchstem Niveau. Dabei geht es nicht darum, dass die Sprache artifiziell oder hochgestochen wäre, nein der Aufbau des Romans, die Einbindung der Leserschaft durch Durchbrechen der Vierten Wand, das Ausarbeiten von soziokulturellen Theorien in den Plot und vor allem die direkte, ungeschönte Schilderung von vielen, vielen Rassismuserfahrungen macht dieses Buch zu einer Meisterleistung. Die Autorin nutzt die Metaebene, um die Lesenden auf Voreingenommenheiten und Scheinheiligkeiten aufmerksam zu machen. Sie scheint sich bewusst zu sein, dass diesen Roman wahrscheinlich eher links-liberale, weiße Leser*innen vor der weißen Nase haben, die sich informiert fühlen, aber hier trotzdem noch so einiges dazulernen können. Sie erklärt uns eben nicht, aus welchen Ländern die Eltern der drei Protagonistinnen kommen, welche Kriege sie durchlebt haben, in welchem Jahr sie geflüchtet sind, damit wir uns eben nicht zusammengooglen können, welchen Hintergrund die drei haben. Es ist nämlich irrelevant. Die Vorurteile, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, bleiben dieselben. So wabern durch den Hinterkopf einer der Frauen "verschiedene Sprachen, die sie in Deutschland niemals brauchen und die ihr hier niemals als Kompetenz oder Qaulitätsmerkmal anerkannt werden würden." So soll eine Andere "aber trotzdem nur das machen, was für mich vorgesehen ist, und was für mich vorgesehen ist, darüber entscheide selbstverständlich nicht ich, sondern alle anderen."

    An einer anderen Stelle, in der es darum geht, all diese Zusammenhänge der weißen Außenwelt zu erklären, heißt es: "...hör auf, es zu erklären, niemand dankt es dir. Niemand kriegt Applaus, weil er die Wahrheit sagt." Ich danke es Bazyar und sie kriegt sogar standing ovations von mir dafür. Diese nicht nur lehrreiche sondern auch hochspannende Story sollte von ausnahmslos jedem und jeder gelesen werden. Auch und gerade von den Personen, die sich für aufgeklärt, tolerant und informiert halten. Dieser Roman ist ein wahrer Zugewinn sowohl auf literarischer wie auch inhaltlicher Ebene. Ein grandioser Geniestreich. Ein kluges Jahres-Highlight 2021!

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  1. 3
    25. Nov 2021 

    Starke Anklage – provokativ und kontrovers

    Das Feuer mit Flammen löschen?

    Ein Zeitungsartikel über einen verheerenden Brand, bei dem viele Menschen ihr Leben verloren haben, eröffnet diesen Roman. Saya M. wurde dieses schrecklichen Verbrechens verdächtigt.

    Saya ist eine von den drei jungen Frauen, über die dieser Roman handelt. Mit ihren beiden Freundinnen Kasih und Hani verbindet sie eine nicht deutsche Herkunft und die in einer Wohnsiedlung zusammenverbrachte Jugend. Aus der Sicht der Kameradinnen ist der Migrationshintergrund dafür verantwortlich, dass ihr Leben nicht so verläuft, wie sie es sich wünschen würden. Die drei Freundinnen fühlen sich oft benachteiligt, beobachtet, verfolgt und diskriminiert. Besonders Saya leidet darunter und versucht auf eigene Art sich zu wehren und den eigenen, persönlichen Kampf auszufechten.

    Die Geschichte wurde von Kasih erzählt, obwohl von einer fesselnden Erzählung kann hier keine Rede sein. Gleich am Anfang stellt die Verfasserin dieser Geschichte klar:
    „Ich möchte fair bleiben, alle Missverständnisse aus dem Weg räumen und von vornherein kein Geheimnis daraus machen, was dieser Text ist und was er nicht ist.
    Ich möchte das doch nicht.“ (Zitat S.10)

    Und so kommt es, dass sie ihrer Leserschaft Ausschnitte aus dem Leben der drei Frauen präsentiert, ohne sich um die Chronologie und/oder den Wahrheitsgehalt zu kümmern. Dabei geht es in diesem Roman um sehr wichtige Themen, wie zum Beispiel: Alltagsrassismus, Diskriminierung, Migration, Rechtsextremismus in Deutschland. Es sind alles hochbrisante Themen, über die man nicht nur reden, sondern auch darauf reagieren müsste.

    Als Leserin dieses Buches muss ich stattdessen unzählige Anschuldigungen, Vorurteile und Provokationen der Autorin, die sich der Stimme von Kasih bedient, hinnehmen. Dabei sind Kasih Aussagen oft unfair, widersprüchlich und verwirrend, die Bilder des Alltags übertrieben und/oder verzerrt dargestellt.

    Ich konnte diesmal keine Sympathien für die Protagonistinnen des Romans empfinden, die Episoden aus dem Leben der drei Frauen konnten mich nicht wirklich bewegen. Ich bedauere es sehr, aber bei so brisanten Themen habe ich einfach mehr von diesem Roman erwartet. Auch bin ich unsicher, ob eine wütende Standpauke den gewünschten Effekt bringen würde. Kann man denn wirklich ein Feuer mit lodernden Flammen löschen?

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  1. 2
    08. Okt 2021 

    Von Freundschaft, Ausgrenzung und Schubladendenken...

    Drei junge Frauen treffen sich anlässlich der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin wieder. Sie sind gemeinsam aufgewachsen in einer Siedlung, ihre Familien kamen aus unterschiedlichen Ländern und aus verschiedenen Gründen nach Deutschland. Obschon die drei Frauen einen guten Schulabschluss gemacht und anschließend studiert haben, erleben sie im Alltag immer wieder Ausgrenzungen. Dies war bereits in ihrer Kindheit und Jugend so und zieht sich durch ihr ganzes Leben.

    Dabei reagieren die Freundinnen sehr unterschiedlich auf den alltäglichen Rassismus, die Vorurteile und Zuschreibungen. Kasih, die Ich-Erzählerin, nimmt meist eine beobachtende Haltung ein und leidet eher still, wirkt in der Regel reflektiert und überdenkt mögliche Konsequenzen bevor sie handelt. Saya dagegen ist sehr impulsiv mit einem schwer zu bremsenden Aggressionspotenzial und teilweise ungefilterten Ausbrüchen, die von Alkohol geschürt rasch hochexplosiv zu werden drohen. Und Hani als die dritte im Bunde ignoriert Anfeindungen und Ungerechtigkeiten, als würden sie nicht existieren, oder lacht sie einfach weg. Dennoch ist die Freundschaft der drei unverbrüchlich, und sie ist es auch, an der sich alle drei festhalten können, den Erlebnissen zum Trotz.

    Die Erzählung springt dabei episodenhaft aus der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück ohne ein erkennbares zeitliches Muster. Erlebnisse aus Kindheit und Jugend werden ebenso dargelegt wie Ereignisse der Gegenwart, wobei auch recht aktuelles tatsächilches Zeitgeschehen wie beispielsweise der Prozess gegen die NSU um Beate Zschäpe einfließt. So entsteht ein umfassendes - manchmal sich sehr in Details verlierendes und dadurch langatmiges - Bild vom Aufwachsen und Leben in Deutschland, wenn man einer anderen Kultur angehört und die Privilegien von Weißen einfach hinnehmen muss, zusätzlich zu der Tatsache, dass man als Frau sowieso schon meist als Mensch zweiter Klasse gilt.

    Die Ich-Erzählerin belässt es dabei nicht bei Betroffenheitsäußerungen oder suhlt sich in Selbstmitleid. Sie klagt im Gegenteil an - und das auf eine oft pampige und leider pauschalisierende Art, was mich sehr gestört hat. Natürlich kann Provokation dazu beitragen, sich ausführlicher mit den Schilderungen zu beschäftigen, die eigene Position zu hinterfragen und der Thematik die Brisanz zuzuschreiben, die sie verdient. Aber dass Schubladendenken nicht nur einseitig ist, beweist Shida Bazyar eben auch. Alle Weißen als Rassisten zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück - und gleichzeitg ein Totschlagargument, denn dazu verbietet sich letztlich jede Diskussion. Die aber wäre wohl nötig auf dem Weg zu mehr Toleranz auf allen Seiten.

    Dass sich die Ich-Erzählerin spätestens am Ende auch noch als überaus unzuverlässig erweist, hat mich das Buch letztlich frustriert zuschlagen lassen. Dieser Umstand in Verbindung mit der Langatmigkeit einzelner Passagen und der pauschalen Schuldzuweisung hat den Roman für mich definitiv zu keinem Lesevergnügen gemacht.

    Wichtiges Thema, für mich allerdings unbefriedigend umgesetzt. Schade...

    © Parden

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  1. Eindrücklich und facettenreich

    „Ihr werdet alles, was ich sage, ein wenig anzweifeln und euch vergewissern, dass ihr es besser wisst. Ihr habt vielleicht recht, genauso wie ich. Ich habe recht, und ich habe beim Schreiben manchmal gelogen, okay, aber ich habe trotzdem recht, denn lügen und recht haben, das schließt sich nicht aus, auch bei mir nicht.“ (Zitat Pos. 4193)

    Inhalt
    Kasih kennt Hani und Saya schon seit ihrer Kindheit und Jugend in einer hauptsächlich von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnten Problemsiedlung am Stadtrand. Inzwischen haben sie studiert, Saya ist beruflich viel auf Reisen, doch ihre Freundschaft ist beständig. Nun treffen sie einander nach sechs Jahren wieder, Saya kommt für einige Tage zu Kasih auf Besuch, da eine gemeinsame Freundin heiratet. Dann kommt diese besondere Nacht, in der Kasih alles niederschreibt, wie es ist, als Deutsche mit den täglichen Diskriminierungen und Vorurteilen zu leben, die sich allein durch das Aussehen ergeben. Es sind Erinnerungen und aktuelle Ereignisse in einer Zeit, in welcher Ausländerhass und Rassismus stärker werden, statt zu verschwinden.

    Thema und Genre
    In diesem Roman geht es um die Kraft der Freundschaft, den Alltag von Frauen und Familien mit Migrationshintergrund, um Alltagsrassismus, Rechtsruck in der Politik, Vorurteile und Missverständnisse.

    Charaktere
    Kasih ist studierte Soziologin, arbeitslos, kritisch und dennoch der Ruhepol zwischen der pragmatischen Hani und der zornigen, aufbrausenden Saya, deren innere Wut und Solidarität dazu führen, dass sie keine Konfrontation auslässt. „Damit war die Diskussion beendet und erst Jahre später, wirklich viele Jahre später, sagen wir, in diesem Jahr, war Saya aufgefallen, dass sie in solchen Diskussionen nie eine Chance gehabt hatte, denn alle, auch sie selbst, sahen ihre Rolle lediglich darin, provozierende Dinge in die Runde zu werfen und allen inbrünstig zu widersprechen, aber ihre Rolle sah nicht vor, recht zu haben.“ (Zitat Pos. 702)

    Handlung und Schreibstil
    Dieser Roman besticht neben Inhalt und Handlung durch seine moderne Erzählform, in Verbindung mit einer modernen, aber gleichzeitig eindrücklichen Sprache. Wir Lesende sind „Ihr“, viele von uns sicher die „Weißen“, während die drei Frauen Kasih, Hani und Saya „wir“ sind. Es sind Episoden, Ereignisse, kurze Szenen, die hauptsächlich Kasih als Ich-Erzählerin schildert, Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, an ihre Beziehungen als Erwachsene. Eingebettet sind diese Rückblicke, in die ebenfalls knapp und rasch aufeinanderfolgend skizzierten aktuellen Ereignisse innerhalb von wenigen Tagen. Wenn es sich um Situationen handelt, in denen Kasih nicht anwesend ist, wechselt die Autorin in eine personale Erzählperspektive. Diese Vielfalt, die raschen Gedankensprünge, die geballte, zornige Kraft der Aussagen und Inhalte der Ich-Erzählerin machen diesen Roman packend, intensiv, und gleichzeitig regt jede Seite zu neuem Nachdenken an, zu Änderungen der eigenen Erfahrungen und Sichtweisen. Auch ich musste ein persönliches Vorurteil revidieren, denn ich hätte dieses Buch längst lesen können, aber die für mich negative Wortwahl des Titels schreckte mich ab, bis ich durch die Longlist-Broschüre eine längere Leseprobe lesen konnte, zusammen mit mehr Informationen.

    Fazit
    Eine intensive Geschichte über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, bewusst, oder im Alltag unbewusst, über gegenseitige Vorurteile und Missverständnisse, die einen normalen, unverkrampften Umgang miteinander verhindern. Es geht um eine einfach Frage: Jobsuche, Wohnungsnot, Beziehungen – es sind Probleme, die wir alle kennen, egal, ob unsere Haut etwas heller oder dunkler ist. Warum aber macht das immer noch einen Unterschied?

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  1. 4
    01. Aug 2021 

    Hani, Kasih und Saya

    Hani, Kasih und Saya, drei Freundinnen, drei junge Frauen. Frauen, die Gemeinsamkeiten haben, sie sind in einem Stadtbezirk zusammen aufgewachsen, aber dies ist nicht das Einzige, was sie verbindet. Sie leben in einem Land, in das ihre Familien geflohen sind, sie leben in einem Land, das sie aufgenommen hat, sie leben aber auch in einem Land, das dieses Multikulti nicht verinnerlicht hat. Einerseits ermöglicht dieses Land Fremden die Einreise, verweigert ihnen aber gleichzeitig ihr Ankommen in diesem Land. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dies immer vorsätzlich passiert. Denn in diesem Land gibt es auch eine Willkommenskultur, Menschen und Institutionen, die Fremden eine Heimat bieten wollen und diesen helfen ihr Fremdsein abzulegen, ablegen zu können. Aber die Medaille hat zwei Seiten. Ebenso gibt es auch Menschen und Institutionen, die Fremde nicht akzeptieren wollen, Angst vor Ihnen haben und/oder sie verachten. Und deshalb von diesen Fremden verschont bleiben wollen. Und den Fremden dies mitteilen. Aggressiv oder passiv aggressiv. Je nach Charakter eben. Was macht dieser Alltagsrassismus mit den Betroffenen? Dieses Buch gibt Antworten darauf. Unbequeme Antworten. Aber eben Antworten. Ein gefährliches Buch! Brandgefährlich! Aber nicht dieses Buch ist brandgefährlich. Sondern die Situation, die es widerspiegelt. Denn ein Ausgrenzen hat Folgen, dies macht etwas mit den Menschen, macht krank und manche Krankheit ist auch gefährlich! Etwas, was nicht vergessen werden sollte! Dieses Buch ist eine Gesellschaftskritik! Und dieses Buch verweist auch darauf, dass ein immer fortwährendes Wegschauen der Politik bei dieser Thematik die Demokratie gefährdet. Massiv gefährdet! Denn polemisierende Kräfte nutzen diese Angst vor dem Fremden schamlos aus/befeuern diese Angst noch und gefährden so unsere Demokratie. Das Schlimme daran ist, dass die althergebrachte Politik nicht allzu weit weg von diesen Strömungen steht und selbst mit ihrer eigenen Presse diese Angst befeuert. Leider! Und gar nicht merken will, was eigentlich geschieht!

    Ein weiteres Thema des Buches ist der Feminismus, denn diese jungen Frauen werden nicht nur durch den Rassismus diskriminiert, sondern auch durch ihr Geschlecht! Stehen also von zwei Seiten unter Feuer! wer kann so viel Druck aushalten? Niemand! Dieses Buch zeigt mögliche Reaktionen darauf. Reaktionen, die nachdenklich machen! Und Reaktionen, die endlich unser patriarchales Weltbild in Frage stellen sollten! Denn dieses fügsame Weibchen wandelt sich. Die Furie in uns wird erweckt!

    Shida Bazyar hat hier ein Buch erschaffen, welches mich natürlich beschäftigt. Thematisch trifft es mich mitten ins Herz, schreit förmlich nach 5 Sternen. Aber stilistisch trifft es mich nicht vollkommen. Hier ist noch Platz nach oben. "Drei Kameradinnen" ist aber dennoch ein Buch, dem ich viele Leser wünsche!!!

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  1. Schwarz-rot-goldene Lügengeschichte

    Kasih, Saya und Hani sind seit ihrer Kindheit eng befreundet. Kasih erzählt aus ihrer Kindheit, ihrer Jugend und davon, wie sie und ihre beiden Freundinnen sich wiedertreffen, jetzt wo Saya aus dem Knast gekommen ist und wegen der Hochzeit einer weiteren Jugendfreundin bei Kasih zu Besuch ist.

    Ich mag die Art und Weise nicht, wie die Ich-Erzählerin aus ihrer besserwisserischen Machtposition heraus den Leser gängelt und ihm sein Nichtwissen vorwirft, das sie als Autorin selbst herbeigeführt hat. Zudem sie ihn auch noch gezielt an der Nase herumführt, nicht nur mit der Abifeier ihres Bruders.

    Am Ende entpuppt sich das Buch als einzige große Lüge. Ich habe ein paar Mal die Zeitsprünge nicht geschafft und mich gefragt, an welcher Stelle ich in die Irre gelaufen bin - oder sollte ich nun sagen, in die Irre geleitet wurde? Um endgültig Klarheit zu bekommen, müsste ich das Buch noch einmal lesen, denn nun weiß ich ja worauf ich achten sollte oder an welchen Stellen ich aufmerken müsste, aber natürlich habe ich mit Sicherheit keine Lust dazu. Letztendlich kann ich das Wirrwarr am Ende nicht mehr zufriedenstellend auflösen, bin aber auch nicht mehr motiviert dazu und fühle mich als Leser von der Autorin nach Strich und Faden veräppelt.
    Das ist auch der Punkt an dem ich mich entschieden habe, der Bewertung, die ich zur Mitte des Buches mit 3 Punkten als durchschnittlich vorgesehen hatte, noch einen Punkt abzuziehen.

    Fazit:
    Ich mag die Art nicht, wie die Autorin mit dem Leser umgeht. Sie läßt ihn im Dunkeln tappen und wirft ihm dann seine Unwissenheit vor.
    Weiß er aber doch etwas, weil es zur Allgemeinbildung gehört und der Leser nicht auf die Bröckchen der Autorin angewiesen ist, dann wird ihm vorgeworfen, nicht zu wissen, wie es ist, wenn man etwas nicht weiß.

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  1. nicht überzeugend

    Hani, Kasih und Saya sind enge Freundinnen. Als sie sich nach Jahren wiedertreffen, müssen sie feststellen, dass sich nichts geändert hat. Immer noch sind sie dem alltäglichen Rassismus ausgesetzt.
    Erzählt wird diese Geschichte aus der Perspektive von Kasih. Schade, dass ihre Freundinnen nicht zu Wort gekommen sind.
    Mir kamen weder die Protagonistinnen nahe, noch konnte mich der Erzählstil einfangen. Die jungen Frauen wollen zu einer Hochzeit und wir dürfen sie einige Tage begleiten, in denen viel Oberflächliches passiert, bis es dann zu einem dramatischen Ende kommt.
    Dieser Roman befasst sich mit Themen, die es wert sind, dass man darüber spricht. Rassismus, Hass und rechte Gesinnung sind allgegenwärtig. Aber in diesem Buch sind gerade die, die das Thema anprangern, auch die, welche ihre eigenen rassistischen Ansichten herauslassen.
    Dieser Roman ist sehr direkt, mir in Vielem zu direkt. Die Autorin hat eine provokative Art, zu erzählen. Es herrscht die ganze Zeit über eine ziemlich bedrückende Atmosphäre.
    Ein wichtiges Thema – aber für mich ungünstig umgesetzt.

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  1. Drei Kameradinnen

    Klappentext:
    „…Seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung verbindet Hani, Kasih und Saya eine tiefe Freundschaft. Nach Jahren treffen die drei sich wieder, um ein paar Tage lang an die alten Zeiten anzuknüpfen. Doch egal ob über den Dächern der Stadt, auf der Bank vor dem Späti oder bei einer Hausbesetzerparty, immer wird deutlich, dass sie nicht abschütteln können, was jetzt so oft ihren Alltag bestimmt: die Blicke, die Sprüche, Hass und rechter Terror. Ihre Freundschaft aber gibt ihnen Halt. Bis eine dramatische Nacht alles ins Wanken bringt….“

    Autorin Shida Bazyar spricht mit ihrem Roman „Drei Kameradinnen“ wichtige, aktuelle und diskutierreiche Themen an. Mit ihren drei Damen hat sie passende aber auch, für meine Begriffe, undurchsichtige Personen geschaffen. Die Drei heften sich aneinander und geben sich Halt in „schlechten“ Zeiten. Sie fordern sich somit aber auch selbst heraus, denn jede von ihnen hat dadurch auch einen Anker, ohne den sie nicht kann. Wie viele Leser bereits angemerkt haben, möchte auch ich hier nur weiter auf den Schreibstil etc. eingehen und weniger auf den Inhalt: die Story hat einen extrem harten Ton. Richtig so, denn wie sonst soll dieses dunkle Thema anders besprochen werden?! Dennoch ist es schwierig hier am Ball zu bleiben und die Geschichte mit Elan weiter zu verfolgen. Man wird belohnt, aber es fällt schwer und ist enorm anstrengend. Ihre Sprachmelodie ist harmonisch aber dennoch auch etwas ausgefallen. Durch die verschiedenen Daten-Angaben kommt man doch irgendwann von der Spur ab und man verzettelt sich zwischen den Personen, den Zeiten…Hätte Bazyar das etwas anders gelöst, wäre die Story mit Sicherheit runder geworden. Alles in allem kann ich nur 3 gute von 5 Sterne dafür geben.

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  1. Wichtiges Anliegen in plumper Verpackung

    Also gut, es ist wohl gerade heute angebracht und leider auch nötig, sich gegen rassistische Tendenzen in Deutschland aufzulehnen. Das ist das Anliegen dieses Buches und so gesehen ist es auch ein wichtiges Buch, nur ist die Präsentation dieses Anliegens ausgesprochen Geschmackssache.

    Hier blickt man in den Alltag dreier junger Frauen mit unbestimmtem Migrationshintergrund, die Kameradinnen sind seit der Kindheit, einer Kindheit in Deutschland, wo sie schon immer ausgegrenzt und in Schubladen gesteckt wurden. Das schweißt zusammen, sie sind noch heute Freundinnen und stehen einander bei.

    Das hätte mir von der Grundidee her gefallen können, wären diese jungen Frauen nicht so durch und durch typische junge Frauen, frisch der Schule entschlüpft, ihre neue Freiheit genießend, Partys, Männer (fast noch Jungs), Alkohol, Tanzen, lachen, Sachen machen und zwischendrin die Welt beschimpfend. Die Mitbewohner, die Liebhaber oder auch Ex-Liebhaber, WG-Treffen, Kneipenzüge und was-ziehe-ich-an-zur-Hochzeit sind Thema, neben Erinnerungen an gemeinsame Kindheitserlebnisse, wobei natürlich immer wieder rassistische oder misogyne Ausfälle zu beobachten sein, was mir herzlich leidtut. Die Szenerie langweilt dennoch in ihrer Pauschalität. Da sind junge Frauen, bewusst in Klischeerollen gefasst, die tun, was junge Frauen so tun und denken, was junge Frauen so denken. Weder der Erzählstil, noch die Charaktere, noch die Handlung holen das Geschehen aus der Beliebigkeit.

    Als einziges markantes Stilmittel beschimpft Kasih, die Erzählerin, die Welt, den Leser, Deutschland und alle Nazis da draußen. Sie ist wütend, zu Recht, ich wäre es auch, deswegen sind trotzdem nicht alle Deutschen Nazis und die Menschen, die ihr Buch lesen mutmaßlich am wenigsten. Das ist eine sehr plumpe Methode, auf Missstände hinzuweisen und stößt eher ab als dass es berührt.

    Leserbashing als Stilmittel mag originell sein, kostet diesem Buch aber den dritten Stern. Das Ansinnen dieses Buches ist gut und wichtig, nur macht guter Wille noch kein gutes Buch.

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  1. Die drei Kameradinnen

    Die drei Freundinnen Kasih, Hani und Saya kennen sich seit ihrer Jugend. Sie alle haben gemeinsam, dass sie in ihrem Leben immer wieder aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt oder ihnen mit Misstrauen begegnet wird. Nach einer längeren Zeit der Trennung treffen sie sich auf einer Hochzeit wieder, und auch jetzt noch spielen Hass und Rechtsradikalismus eine große Rolle in ihrem Alltag.

    Erzählt wird der Roman von Kasih, über sie selbst erfährt man dennoch am wenigsten. Denn sie stellt vor allem einen Bericht zusammen, der aus Rückblicken und einzelnen Szenen besteht, in deren Fokus Hani und Saya stehen. Dabei geht sie nicht unbedingt chronologisch, sondern eher assoziativ vor. Sie verweist auch selbst immer wieder auf die Unvollständigkeit dessen, was sie sagt, und darauf, dass nicht alles sich unbedingt genau so abgespielt haben muss wie sie es erzählt. Die Erzählweise hat mir tatsächlich gut gefallen, denn die Leser werden immer wieder direkt angesprochen, die Autorin will provozieren, und irgendwann beginnt man unweigerlich sich zu fragen, ob man nicht selbst längst angefangen hat der Bequemlichkeit halber die Augen zu verschließen und manchmal eben doch lieber einfach in Schubladen zu denken.

    Gestört haben mich vor allem ein paar Längen, die sich im Laufe des Buches ergeben, sowie die zwangsläufig doch recht subjektiv gefärbte Sicht Kasihs. Da sie selbst zugibt, immer wieder Details zu verändern und sich manche Dinge vollständig ausgedacht zu haben, büßt zwar keinesfalls der Roman an sich an Wichtigkeit, die Geschichte, die er enthält, aber an Verlässlichkeit ein. Der Grundton ist mir zudem gelegentlich zu wütend, zu plakativ und zu absichtlich provokativ; das ist aber wohl auch meine subjektive Einschätzung.

    "Drei Kameradinnen" ist zweifelsohne ein wichtiges Buch und ich habe es auch gerne gelesen. Es regt zum Überdenken des eigenen Verhaltens an, möchte den Leser dazu bringen sich selbst die Frage zu stellen, ob er nicht längst viel zu abgestumpft und zu sehr an Rassissmus und Hetze gewohnt ist. Einiges hat mich dennoch gestört oder mir gefehlt, und so lande ich am Ende bei guten 3 Sternen.

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  1. 3
    22. Apr 2021 

    Zwiespältiger Eindruck

    Shida Bazyar konnte mich mit ihrem 2016 erschienenen Debutroman „ Nachts ist es leise in Teheran“ überzeugen. Deshalb bin ich mit großen Erwartungen an ihr neues Buch herangegangen.
    Im Mittelpunkt stehen drei junge Frauen, die sich seit Kindheitstagen kennen. Aufgewachsen sind sie in einer Siedlung, in der viele migrantische Familien lebten. Sie haben die gleichen Erfahrungen mit ihrem Anders- Sein gemacht, sind immer wieder mit Vorurteilen, Misstrauen und Zuschreibungen konfrontiert worden, fühlten sich diskriminiert in ihrem Alltag. Sie gehen aber unterschiedlich mit diesen Erfahrungen um. Da ist Hani, pflichtbewusst und zurückhaltend. Sie versucht, sich mit ihrer Situation zu arrangieren, ohne sie groß zu hinterfragen. Dagegen steht Saya, eine selbstbewusste und kämpferische Frau, voller Zorn auf eine Gesellschaft, in der Nazis wieder salonfähig sind. Sie sieht überall Beispiele für Diskriminierung und Rassismus und geht engagiert dagegen an. Kasih ist die Erzählerin im Roman. Sie hat Soziologie studiert und ist nach unendlich vielen erfolglosen Bewerbungen Hartz 4 - Bezieherin.
    Die drei treffen sich nun wieder anlässlich der Hochzeit einer ehemaligen Schulfreundin.
    Gleich an den Anfang stellt Shida Bazyar einen reißerischen Zeitungsartikel über einen Brandanschlag, bei dem Menschen ums Leben kamen. Saya M. wird unterstellt, sich radikalisiert und den Brand gelegt zu haben.
    Was ist passiert und wie konnte es dazu kommen?
    Doch Kasih ist eine unzuverlässige Erzählerin. Sie lässt uns bald wissen, dass ihr nicht zu trauen ist. „... ohne mich checkt ihr hier gar nichts. Ihr braucht mich, aber ich kann euch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt.“ „ Woher ich das weiß? Woher ich überhaupt alles weiß? ...Ich weiß es nun einmal, ihr wisst doch auch immer so viel und alles besser.“
    Sie verschweigt manches, um nicht das Schubladendenken des Lesers zu bedienen. So erfährt man z.B. nicht, aus welchen Ländern die Familien der drei Mädchen flüchten mussten.
    Dann greift sie den Leser persönlich an, wirft ihm rassistisches Denken und Handeln vor. Sie zieht eine Trennung zwischen dem „ ihr“ der Leserschaft und dem „ wir“ der Menschen mit Migrationshintergrund. Das rüttelt auf und provoziert, bewusst. Vielleicht will die Autorin hier zeigen, wie es ist, unter Generalverdacht zu geraten.
    Sicherlich sind viele der Beobachtungen und viele der Vorwürfe, die hier laut werden, berechtigt. Denke man nur an den fragwürdigen Umgang mit den Opfern der NSU- Morde ( auf diesen Prozess wird im Roman eingegangen, ohne ihn so namentlich zu kennzeichnen). Wahrlich kein Ruhmesblatt für die deutsche Polizei. Und sicherlich kann ich als weiße Leserin nicht nachfühlen, wie es ist, als Mensch mit dunkler Hautfarbe in Deutschland zu leben. Doch alles mit dem Rassismus- Vorwurf zu belegen, greift zu kurz. Man braucht keinen Migrationshintergrund, um nach einem Soziologiestudium ohne berufliche Perspektive dazustehen. Und man braucht keinen Migrationshintergrund, um beim Jobcenter wie ein lästiger Klient behandelt zu werden.
    Shida Bazyar geht es nicht um einen fairen Umgang mit dem Thema. Sie überspitzt, fordert Widerspruch heraus. Das macht sie mit ihrer raffinierten Erzählweise und ihrem kritischen Blick. Wie das Cover suggeriert, verbirgt sich hinter dem Buch politischer Zündstoff.
    „ Drei Kameradinnen“ ist ein gesellschaftskritischer Roman, der einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlässt.

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  1. Pöbeleien gewinnen keinen Blumentopf.

    Kurzmeinung: Provokation ist nicht zielführend.

    Die Autorin geht nach dem Motto vor, Provokation verschafft Gehör.

    Eigentlich ist „Die drei Kameradinnen“ ein rein tendenziöses, politisches Buch, fast schon ein Statement, mit dem Inhalt, etwas zugespitzt formuliert, alle Deutschen seien Rassisten. Und das bedeutet, dass man den Roman als Roman kaum ernst nehmen kann. Vielleicht könnte der Roman als provokantes Theaterstück durchgehen. Dazu passten dann auch die ausgiebigen Dialoge. Aber das Stück liegt nun einmal in Romanform vor.

    Die drei Protagonistinnen sind durch und durch Kunstfiguren. Eigentlich sind ja alle Romanfiguren Kunstfiguren, aber Hani, Saya und Kasih sind es in besonderem Maße.

    Denn sie tragen drei politisch-typische Migrationshaltungen auf den Markplatz. Sie sind Fackelträger, Fahnenträger und Platzhalter. Hani ist die Angepaßte und deshalb auch Angepisste, Saya die Rebellin und Kasih, Kasih hat kein Gesicht, sie ist die unzuverlässige Erzählerin und hat die Aufgabe launiger Publikumsbeschimpfung übernommen. Botschaft: Alle Deutschen sind böse, äh, ich meine Rassisten. Und wenn sie vielleicht doch keine Rassisten sind, könnten sie es doch irgendwie geheim inwendig doch sein oder wenigstens werden oder wenn auch das nicht, haben sie auf alle Fälle mehr Privilegien als die Migrantinnen. So what? Ach ja, und Migrantinnen darf man bestimmt nicht sagen und auch nicht Menschen mit Migrationshintergrund und überhaupt ist alles, außer dem Buch und seinem Anliegen und den Migrantinnen in allem recht zu geben, eine Beleidigung. Die Migrantinnen sind natürlich auch Deutsche, aber sie und ihre Angehörigen sind die einzig nicht Bösen im Lande. Wie gut, dass wir sie haben.

    Um was geht es eigentlich? Die Handlung ist banal. Drei Frauen mit Migrationshintergrund besuchen eine Hochzeit.

    Um sich Bedeutung zu verschaffen vermarktet der Roman am Rande den Prozeß um Beate Zschäpe. Hier hält man inne. Hier wäre die zentrale Botschaft anzusiedeln gewesen. Ist aber nicht, der Roman verliert sich im Folgenden weiter genau wie im Vorhergehenden im kleinlichen Befindlichkeitsmodus und hält ausgiebig Nabelschau. Doch Provokation allein reicht nicht für große Kunst, nicht mal für kleine!

    Hier hat man mit mächtig vielen Übertreibungen und Pöbeleien versäumt, ein Thema in der Tiefe zu betrachten, das es würdig gewesen wäre, zu besprechen, nämlich wie wir alle zusammen ein Klima für Toleranz schaffen können. Denn Toleranz ist keine Einbahnstraße.

    Fazit: Mit Pöbeleien gewinnt man weder einen Blumentopf noch Empathie. Wenigstens nicht bei mir.

    Verlag: Kiepenheuer @ Witsch, 2021
    Kategorie: Belletristik.

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