Drei Kameradinnen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei Kameradinnen: Roman' von Shida Bazyar
2.9
2.9 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Drei Kameradinnen: Roman"

In ihrem neuen Roman erzählt Shida Bazyar voller Wucht und Furor von den Spannungen und Ungeheuerlichkeiten der Gegenwart – und von drei jungen Frauen, die zusammenstehen, egal was kommt. Seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung verbindet Hani, Kasih und Saya eine tiefe Freundschaft. Nach Jahren treffen die drei sich wieder, um ein paar Tage lang an die alten Zeiten anzuknüpfen. Doch egal ob über den Dächern der Stadt, auf der Bank vor dem Späti oder bei einer Hausbesetzerparty, immer wird deutlich, dass sie nicht abschütteln können, was jetzt so oft ihren Alltag bestimmt: die Blicke, die Sprüche, Hass und rechter Terror. Ihre Freundschaft aber gibt ihnen Halt. Bis eine dramatische Nacht alles ins Wanken bringt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
EAN:9783462052763

Rezensionen zu "Drei Kameradinnen: Roman"

  1. Eindrücklich und facettenreich

    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Sep 2021 

    „Ihr werdet alles, was ich sage, ein wenig anzweifeln und euch vergewissern, dass ihr es besser wisst. Ihr habt vielleicht recht, genauso wie ich. Ich habe recht, und ich habe beim Schreiben manchmal gelogen, okay, aber ich habe trotzdem recht, denn lügen und recht haben, das schließt sich nicht aus, auch bei mir nicht.“ (Zitat Pos. 4193)

    Inhalt
    Kasih kennt Hani und Saya schon seit ihrer Kindheit und Jugend in einer hauptsächlich von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnten Problemsiedlung am Stadtrand. Inzwischen haben sie studiert, Saya ist beruflich viel auf Reisen, doch ihre Freundschaft ist beständig. Nun treffen sie einander nach sechs Jahren wieder, Saya kommt für einige Tage zu Kasih auf Besuch, da eine gemeinsame Freundin heiratet. Dann kommt diese besondere Nacht, in der Kasih alles niederschreibt, wie es ist, als Deutsche mit den täglichen Diskriminierungen und Vorurteilen zu leben, die sich allein durch das Aussehen ergeben. Es sind Erinnerungen und aktuelle Ereignisse in einer Zeit, in welcher Ausländerhass und Rassismus stärker werden, statt zu verschwinden.

    Thema und Genre
    In diesem Roman geht es um die Kraft der Freundschaft, den Alltag von Frauen und Familien mit Migrationshintergrund, um Alltagsrassismus, Rechtsruck in der Politik, Vorurteile und Missverständnisse.

    Charaktere
    Kasih ist studierte Soziologin, arbeitslos, kritisch und dennoch der Ruhepol zwischen der pragmatischen Hani und der zornigen, aufbrausenden Saya, deren innere Wut und Solidarität dazu führen, dass sie keine Konfrontation auslässt. „Damit war die Diskussion beendet und erst Jahre später, wirklich viele Jahre später, sagen wir, in diesem Jahr, war Saya aufgefallen, dass sie in solchen Diskussionen nie eine Chance gehabt hatte, denn alle, auch sie selbst, sahen ihre Rolle lediglich darin, provozierende Dinge in die Runde zu werfen und allen inbrünstig zu widersprechen, aber ihre Rolle sah nicht vor, recht zu haben.“ (Zitat Pos. 702)

    Handlung und Schreibstil
    Dieser Roman besticht neben Inhalt und Handlung durch seine moderne Erzählform, in Verbindung mit einer modernen, aber gleichzeitig eindrücklichen Sprache. Wir Lesende sind „Ihr“, viele von uns sicher die „Weißen“, während die drei Frauen Kasih, Hani und Saya „wir“ sind. Es sind Episoden, Ereignisse, kurze Szenen, die hauptsächlich Kasih als Ich-Erzählerin schildert, Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, an ihre Beziehungen als Erwachsene. Eingebettet sind diese Rückblicke, in die ebenfalls knapp und rasch aufeinanderfolgend skizzierten aktuellen Ereignisse innerhalb von wenigen Tagen. Wenn es sich um Situationen handelt, in denen Kasih nicht anwesend ist, wechselt die Autorin in eine personale Erzählperspektive. Diese Vielfalt, die raschen Gedankensprünge, die geballte, zornige Kraft der Aussagen und Inhalte der Ich-Erzählerin machen diesen Roman packend, intensiv, und gleichzeitig regt jede Seite zu neuem Nachdenken an, zu Änderungen der eigenen Erfahrungen und Sichtweisen. Auch ich musste ein persönliches Vorurteil revidieren, denn ich hätte dieses Buch längst lesen können, aber die für mich negative Wortwahl des Titels schreckte mich ab, bis ich durch die Longlist-Broschüre eine längere Leseprobe lesen konnte, zusammen mit mehr Informationen.

    Fazit
    Eine intensive Geschichte über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, bewusst, oder im Alltag unbewusst, über gegenseitige Vorurteile und Missverständnisse, die einen normalen, unverkrampften Umgang miteinander verhindern. Es geht um eine einfach Frage: Jobsuche, Wohnungsnot, Beziehungen – es sind Probleme, die wir alle kennen, egal, ob unsere Haut etwas heller oder dunkler ist. Warum aber macht das immer noch einen Unterschied?

  1. Hani, Kasih und Saya

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Aug 2021 

    Hani, Kasih und Saya, drei Freundinnen, drei junge Frauen. Frauen, die Gemeinsamkeiten haben, sie sind in einem Stadtbezirk zusammen aufgewachsen, aber dies ist nicht das Einzige, was sie verbindet. Sie leben in einem Land, in das ihre Familien geflohen sind, sie leben in einem Land, das sie aufgenommen hat, sie leben aber auch in einem Land, das dieses Multikulti nicht verinnerlicht hat. Einerseits ermöglicht dieses Land Fremden die Einreise, verweigert ihnen aber gleichzeitig ihr Ankommen in diesem Land. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dies immer vorsätzlich passiert. Denn in diesem Land gibt es auch eine Willkommenskultur, Menschen und Institutionen, die Fremden eine Heimat bieten wollen und diesen helfen ihr Fremdsein abzulegen, ablegen zu können. Aber die Medaille hat zwei Seiten. Ebenso gibt es auch Menschen und Institutionen, die Fremde nicht akzeptieren wollen, Angst vor Ihnen haben und/oder sie verachten. Und deshalb von diesen Fremden verschont bleiben wollen. Und den Fremden dies mitteilen. Aggressiv oder passiv aggressiv. Je nach Charakter eben. Was macht dieser Alltagsrassismus mit den Betroffenen? Dieses Buch gibt Antworten darauf. Unbequeme Antworten. Aber eben Antworten. Ein gefährliches Buch! Brandgefährlich! Aber nicht dieses Buch ist brandgefährlich. Sondern die Situation, die es widerspiegelt. Denn ein Ausgrenzen hat Folgen, dies macht etwas mit den Menschen, macht krank und manche Krankheit ist auch gefährlich! Etwas, was nicht vergessen werden sollte! Dieses Buch ist eine Gesellschaftskritik! Und dieses Buch verweist auch darauf, dass ein immer fortwährendes Wegschauen der Politik bei dieser Thematik die Demokratie gefährdet. Massiv gefährdet! Denn polemisierende Kräfte nutzen diese Angst vor dem Fremden schamlos aus/befeuern diese Angst noch und gefährden so unsere Demokratie. Das Schlimme daran ist, dass die althergebrachte Politik nicht allzu weit weg von diesen Strömungen steht und selbst mit ihrer eigenen Presse diese Angst befeuert. Leider! Und gar nicht merken will, was eigentlich geschieht!

    Ein weiteres Thema des Buches ist der Feminismus, denn diese jungen Frauen werden nicht nur durch den Rassismus diskriminiert, sondern auch durch ihr Geschlecht! Stehen also von zwei Seiten unter Feuer! wer kann so viel Druck aushalten? Niemand! Dieses Buch zeigt mögliche Reaktionen darauf. Reaktionen, die nachdenklich machen! Und Reaktionen, die endlich unser patriarchales Weltbild in Frage stellen sollten! Denn dieses fügsame Weibchen wandelt sich. Die Furie in uns wird erweckt!

    Shida Bazyar hat hier ein Buch erschaffen, welches mich natürlich beschäftigt. Thematisch trifft es mich mitten ins Herz, schreit förmlich nach 5 Sternen. Aber stilistisch trifft es mich nicht vollkommen. Hier ist noch Platz nach oben. "Drei Kameradinnen" ist aber dennoch ein Buch, dem ich viele Leser wünsche!!!

  1. Schwarz-rot-goldene Lügengeschichte

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 20. Jul 2021 

    Kasih, Saya und Hani sind seit ihrer Kindheit eng befreundet. Kasih erzählt aus ihrer Kindheit, ihrer Jugend und davon, wie sie und ihre beiden Freundinnen sich wiedertreffen, jetzt wo Saya aus dem Knast gekommen ist und wegen der Hochzeit einer weiteren Jugendfreundin bei Kasih zu Besuch ist.

    Ich mag die Art und Weise nicht, wie die Ich-Erzählerin aus ihrer besserwisserischen Machtposition heraus den Leser gängelt und ihm sein Nichtwissen vorwirft, das sie als Autorin selbst herbeigeführt hat. Zudem sie ihn auch noch gezielt an der Nase herumführt, nicht nur mit der Abifeier ihres Bruders.

    Am Ende entpuppt sich das Buch als einzige große Lüge. Ich habe ein paar Mal die Zeitsprünge nicht geschafft und mich gefragt, an welcher Stelle ich in die Irre gelaufen bin - oder sollte ich nun sagen, in die Irre geleitet wurde? Um endgültig Klarheit zu bekommen, müsste ich das Buch noch einmal lesen, denn nun weiß ich ja worauf ich achten sollte oder an welchen Stellen ich aufmerken müsste, aber natürlich habe ich mit Sicherheit keine Lust dazu. Letztendlich kann ich das Wirrwarr am Ende nicht mehr zufriedenstellend auflösen, bin aber auch nicht mehr motiviert dazu und fühle mich als Leser von der Autorin nach Strich und Faden veräppelt.
    Das ist auch der Punkt an dem ich mich entschieden habe, der Bewertung, die ich zur Mitte des Buches mit 3 Punkten als durchschnittlich vorgesehen hatte, noch einen Punkt abzuziehen.

    Fazit:
    Ich mag die Art nicht, wie die Autorin mit dem Leser umgeht. Sie läßt ihn im Dunkeln tappen und wirft ihm dann seine Unwissenheit vor.
    Weiß er aber doch etwas, weil es zur Allgemeinbildung gehört und der Leser nicht auf die Bröckchen der Autorin angewiesen ist, dann wird ihm vorgeworfen, nicht zu wissen, wie es ist, wenn man etwas nicht weiß.

  1. nicht überzeugend

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 11. Jul 2021 

    Hani, Kasih und Saya sind enge Freundinnen. Als sie sich nach Jahren wiedertreffen, müssen sie feststellen, dass sich nichts geändert hat. Immer noch sind sie dem alltäglichen Rassismus ausgesetzt.
    Erzählt wird diese Geschichte aus der Perspektive von Kasih. Schade, dass ihre Freundinnen nicht zu Wort gekommen sind.
    Mir kamen weder die Protagonistinnen nahe, noch konnte mich der Erzählstil einfangen. Die jungen Frauen wollen zu einer Hochzeit und wir dürfen sie einige Tage begleiten, in denen viel Oberflächliches passiert, bis es dann zu einem dramatischen Ende kommt.
    Dieser Roman befasst sich mit Themen, die es wert sind, dass man darüber spricht. Rassismus, Hass und rechte Gesinnung sind allgegenwärtig. Aber in diesem Buch sind gerade die, die das Thema anprangern, auch die, welche ihre eigenen rassistischen Ansichten herauslassen.
    Dieser Roman ist sehr direkt, mir in Vielem zu direkt. Die Autorin hat eine provokative Art, zu erzählen. Es herrscht die ganze Zeit über eine ziemlich bedrückende Atmosphäre.
    Ein wichtiges Thema – aber für mich ungünstig umgesetzt.

  1. Drei Kameradinnen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Jun 2021 

    Klappentext:
    „…Seit ihrer gemeinsamen Jugend in der Siedlung verbindet Hani, Kasih und Saya eine tiefe Freundschaft. Nach Jahren treffen die drei sich wieder, um ein paar Tage lang an die alten Zeiten anzuknüpfen. Doch egal ob über den Dächern der Stadt, auf der Bank vor dem Späti oder bei einer Hausbesetzerparty, immer wird deutlich, dass sie nicht abschütteln können, was jetzt so oft ihren Alltag bestimmt: die Blicke, die Sprüche, Hass und rechter Terror. Ihre Freundschaft aber gibt ihnen Halt. Bis eine dramatische Nacht alles ins Wanken bringt….“

    Autorin Shida Bazyar spricht mit ihrem Roman „Drei Kameradinnen“ wichtige, aktuelle und diskutierreiche Themen an. Mit ihren drei Damen hat sie passende aber auch, für meine Begriffe, undurchsichtige Personen geschaffen. Die Drei heften sich aneinander und geben sich Halt in „schlechten“ Zeiten. Sie fordern sich somit aber auch selbst heraus, denn jede von ihnen hat dadurch auch einen Anker, ohne den sie nicht kann. Wie viele Leser bereits angemerkt haben, möchte auch ich hier nur weiter auf den Schreibstil etc. eingehen und weniger auf den Inhalt: die Story hat einen extrem harten Ton. Richtig so, denn wie sonst soll dieses dunkle Thema anders besprochen werden?! Dennoch ist es schwierig hier am Ball zu bleiben und die Geschichte mit Elan weiter zu verfolgen. Man wird belohnt, aber es fällt schwer und ist enorm anstrengend. Ihre Sprachmelodie ist harmonisch aber dennoch auch etwas ausgefallen. Durch die verschiedenen Daten-Angaben kommt man doch irgendwann von der Spur ab und man verzettelt sich zwischen den Personen, den Zeiten…Hätte Bazyar das etwas anders gelöst, wäre die Story mit Sicherheit runder geworden. Alles in allem kann ich nur 3 gute von 5 Sterne dafür geben.

  1. Wichtiges Anliegen in plumper Verpackung

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 23. Mai 2021 

    Also gut, es ist wohl gerade heute angebracht und leider auch nötig, sich gegen rassistische Tendenzen in Deutschland aufzulehnen. Das ist das Anliegen dieses Buches und so gesehen ist es auch ein wichtiges Buch, nur ist die Präsentation dieses Anliegens ausgesprochen Geschmackssache.

    Hier blickt man in den Alltag dreier junger Frauen mit unbestimmtem Migrationshintergrund, die Kameradinnen sind seit der Kindheit, einer Kindheit in Deutschland, wo sie schon immer ausgegrenzt und in Schubladen gesteckt wurden. Das schweißt zusammen, sie sind noch heute Freundinnen und stehen einander bei.

    Das hätte mir von der Grundidee her gefallen können, wären diese jungen Frauen nicht so durch und durch typische junge Frauen, frisch der Schule entschlüpft, ihre neue Freiheit genießend, Partys, Männer (fast noch Jungs), Alkohol, Tanzen, lachen, Sachen machen und zwischendrin die Welt beschimpfend. Die Mitbewohner, die Liebhaber oder auch Ex-Liebhaber, WG-Treffen, Kneipenzüge und was-ziehe-ich-an-zur-Hochzeit sind Thema, neben Erinnerungen an gemeinsame Kindheitserlebnisse, wobei natürlich immer wieder rassistische oder misogyne Ausfälle zu beobachten sein, was mir herzlich leidtut. Die Szenerie langweilt dennoch in ihrer Pauschalität. Da sind junge Frauen, bewusst in Klischeerollen gefasst, die tun, was junge Frauen so tun und denken, was junge Frauen so denken. Weder der Erzählstil, noch die Charaktere, noch die Handlung holen das Geschehen aus der Beliebigkeit.

    Als einziges markantes Stilmittel beschimpft Kasih, die Erzählerin, die Welt, den Leser, Deutschland und alle Nazis da draußen. Sie ist wütend, zu Recht, ich wäre es auch, deswegen sind trotzdem nicht alle Deutschen Nazis und die Menschen, die ihr Buch lesen mutmaßlich am wenigsten. Das ist eine sehr plumpe Methode, auf Missstände hinzuweisen und stößt eher ab als dass es berührt.

    Leserbashing als Stilmittel mag originell sein, kostet diesem Buch aber den dritten Stern. Das Ansinnen dieses Buches ist gut und wichtig, nur macht guter Wille noch kein gutes Buch.

  1. Die drei Kameradinnen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Mai 2021 

    Die drei Freundinnen Kasih, Hani und Saya kennen sich seit ihrer Jugend. Sie alle haben gemeinsam, dass sie in ihrem Leben immer wieder aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt oder ihnen mit Misstrauen begegnet wird. Nach einer längeren Zeit der Trennung treffen sie sich auf einer Hochzeit wieder, und auch jetzt noch spielen Hass und Rechtsradikalismus eine große Rolle in ihrem Alltag.

    Erzählt wird der Roman von Kasih, über sie selbst erfährt man dennoch am wenigsten. Denn sie stellt vor allem einen Bericht zusammen, der aus Rückblicken und einzelnen Szenen besteht, in deren Fokus Hani und Saya stehen. Dabei geht sie nicht unbedingt chronologisch, sondern eher assoziativ vor. Sie verweist auch selbst immer wieder auf die Unvollständigkeit dessen, was sie sagt, und darauf, dass nicht alles sich unbedingt genau so abgespielt haben muss wie sie es erzählt. Die Erzählweise hat mir tatsächlich gut gefallen, denn die Leser werden immer wieder direkt angesprochen, die Autorin will provozieren, und irgendwann beginnt man unweigerlich sich zu fragen, ob man nicht selbst längst angefangen hat der Bequemlichkeit halber die Augen zu verschließen und manchmal eben doch lieber einfach in Schubladen zu denken.

    Gestört haben mich vor allem ein paar Längen, die sich im Laufe des Buches ergeben, sowie die zwangsläufig doch recht subjektiv gefärbte Sicht Kasihs. Da sie selbst zugibt, immer wieder Details zu verändern und sich manche Dinge vollständig ausgedacht zu haben, büßt zwar keinesfalls der Roman an sich an Wichtigkeit, die Geschichte, die er enthält, aber an Verlässlichkeit ein. Der Grundton ist mir zudem gelegentlich zu wütend, zu plakativ und zu absichtlich provokativ; das ist aber wohl auch meine subjektive Einschätzung.

    "Drei Kameradinnen" ist zweifelsohne ein wichtiges Buch und ich habe es auch gerne gelesen. Es regt zum Überdenken des eigenen Verhaltens an, möchte den Leser dazu bringen sich selbst die Frage zu stellen, ob er nicht längst viel zu abgestumpft und zu sehr an Rassissmus und Hetze gewohnt ist. Einiges hat mich dennoch gestört oder mir gefehlt, und so lande ich am Ende bei guten 3 Sternen.

  1. Zwiespältiger Eindruck

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Apr 2021 

    Shida Bazyar konnte mich mit ihrem 2016 erschienenen Debutroman „ Nachts ist es leise in Teheran“ überzeugen. Deshalb bin ich mit großen Erwartungen an ihr neues Buch herangegangen.
    Im Mittelpunkt stehen drei junge Frauen, die sich seit Kindheitstagen kennen. Aufgewachsen sind sie in einer Siedlung, in der viele migrantische Familien lebten. Sie haben die gleichen Erfahrungen mit ihrem Anders- Sein gemacht, sind immer wieder mit Vorurteilen, Misstrauen und Zuschreibungen konfrontiert worden, fühlten sich diskriminiert in ihrem Alltag. Sie gehen aber unterschiedlich mit diesen Erfahrungen um. Da ist Hani, pflichtbewusst und zurückhaltend. Sie versucht, sich mit ihrer Situation zu arrangieren, ohne sie groß zu hinterfragen. Dagegen steht Saya, eine selbstbewusste und kämpferische Frau, voller Zorn auf eine Gesellschaft, in der Nazis wieder salonfähig sind. Sie sieht überall Beispiele für Diskriminierung und Rassismus und geht engagiert dagegen an. Kasih ist die Erzählerin im Roman. Sie hat Soziologie studiert und ist nach unendlich vielen erfolglosen Bewerbungen Hartz 4 - Bezieherin.
    Die drei treffen sich nun wieder anlässlich der Hochzeit einer ehemaligen Schulfreundin.
    Gleich an den Anfang stellt Shida Bazyar einen reißerischen Zeitungsartikel über einen Brandanschlag, bei dem Menschen ums Leben kamen. Saya M. wird unterstellt, sich radikalisiert und den Brand gelegt zu haben.
    Was ist passiert und wie konnte es dazu kommen?
    Doch Kasih ist eine unzuverlässige Erzählerin. Sie lässt uns bald wissen, dass ihr nicht zu trauen ist. „... ohne mich checkt ihr hier gar nichts. Ihr braucht mich, aber ich kann euch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt.“ „ Woher ich das weiß? Woher ich überhaupt alles weiß? ...Ich weiß es nun einmal, ihr wisst doch auch immer so viel und alles besser.“
    Sie verschweigt manches, um nicht das Schubladendenken des Lesers zu bedienen. So erfährt man z.B. nicht, aus welchen Ländern die Familien der drei Mädchen flüchten mussten.
    Dann greift sie den Leser persönlich an, wirft ihm rassistisches Denken und Handeln vor. Sie zieht eine Trennung zwischen dem „ ihr“ der Leserschaft und dem „ wir“ der Menschen mit Migrationshintergrund. Das rüttelt auf und provoziert, bewusst. Vielleicht will die Autorin hier zeigen, wie es ist, unter Generalverdacht zu geraten.
    Sicherlich sind viele der Beobachtungen und viele der Vorwürfe, die hier laut werden, berechtigt. Denke man nur an den fragwürdigen Umgang mit den Opfern der NSU- Morde ( auf diesen Prozess wird im Roman eingegangen, ohne ihn so namentlich zu kennzeichnen). Wahrlich kein Ruhmesblatt für die deutsche Polizei. Und sicherlich kann ich als weiße Leserin nicht nachfühlen, wie es ist, als Mensch mit dunkler Hautfarbe in Deutschland zu leben. Doch alles mit dem Rassismus- Vorwurf zu belegen, greift zu kurz. Man braucht keinen Migrationshintergrund, um nach einem Soziologiestudium ohne berufliche Perspektive dazustehen. Und man braucht keinen Migrationshintergrund, um beim Jobcenter wie ein lästiger Klient behandelt zu werden.
    Shida Bazyar geht es nicht um einen fairen Umgang mit dem Thema. Sie überspitzt, fordert Widerspruch heraus. Das macht sie mit ihrer raffinierten Erzählweise und ihrem kritischen Blick. Wie das Cover suggeriert, verbirgt sich hinter dem Buch politischer Zündstoff.
    „ Drei Kameradinnen“ ist ein gesellschaftskritischer Roman, der einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlässt.

  1. Pöbeleien gewinnen keinen Blumentopf.

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 20. Apr 2021 

    Kurzmeinung: Provokation ist nicht zielführend.

    Die Autorin geht nach dem Motto vor, Provokation verschafft Gehör.

    Eigentlich ist „Die drei Kameradinnen“ ein rein tendenziöses, politisches Buch, fast schon ein Statement, mit dem Inhalt, etwas zugespitzt formuliert, alle Deutschen seien Rassisten. Und das bedeutet, dass man den Roman als Roman kaum ernst nehmen kann. Vielleicht könnte der Roman als provokantes Theaterstück durchgehen. Dazu passten dann auch die ausgiebigen Dialoge. Aber das Stück liegt nun einmal in Romanform vor.

    Die drei Protagonistinnen sind durch und durch Kunstfiguren. Eigentlich sind ja alle Romanfiguren Kunstfiguren, aber Hani, Saya und Kasih sind es in besonderem Maße.

    Denn sie tragen drei politisch-typische Migrationshaltungen auf den Markplatz. Sie sind Fackelträger, Fahnenträger und Platzhalter. Hani ist die Angepaßte und deshalb auch Angepisste, Saya die Rebellin und Kasih, Kasih hat kein Gesicht, sie ist die unzuverlässige Erzählerin und hat die Aufgabe launiger Publikumsbeschimpfung übernommen. Botschaft: Alle Deutschen sind böse, äh, ich meine Rassisten. Und wenn sie vielleicht doch keine Rassisten sind, könnten sie es doch irgendwie geheim inwendig doch sein oder wenigstens werden oder wenn auch das nicht, haben sie auf alle Fälle mehr Privilegien als die Migrantinnen. So what? Ach ja, und Migrantinnen darf man bestimmt nicht sagen und auch nicht Menschen mit Migrationshintergrund und überhaupt ist alles, außer dem Buch und seinem Anliegen und den Migrantinnen in allem recht zu geben, eine Beleidigung. Die Migrantinnen sind natürlich auch Deutsche, aber sie und ihre Angehörigen sind die einzig nicht Bösen im Lande. Wie gut, dass wir sie haben.

    Um was geht es eigentlich? Die Handlung ist banal. Drei Frauen mit Migrationshintergrund besuchen eine Hochzeit.

    Um sich Bedeutung zu verschaffen vermarktet der Roman am Rande den Prozeß um Beate Zschäpe. Hier hält man inne. Hier wäre die zentrale Botschaft anzusiedeln gewesen. Ist aber nicht, der Roman verliert sich im Folgenden weiter genau wie im Vorhergehenden im kleinlichen Befindlichkeitsmodus und hält ausgiebig Nabelschau. Doch Provokation allein reicht nicht für große Kunst, nicht mal für kleine!

    Hier hat man mit mächtig vielen Übertreibungen und Pöbeleien versäumt, ein Thema in der Tiefe zu betrachten, das es würdig gewesen wäre, zu besprechen, nämlich wie wir alle zusammen ein Klima für Toleranz schaffen können. Denn Toleranz ist keine Einbahnstraße.

    Fazit: Mit Pöbeleien gewinnt man weder einen Blumentopf noch Empathie. Wenigstens nicht bei mir.

    Verlag: Kiepenheuer @ Witsch, 2021
    Kategorie: Belletristik.