Drei

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei' von Dror Mishani
4.4
4.4 von 5 (5 Bewertungen)

Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hat. Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Eine dritte Frau sucht etwas ganz anderes. Sie alle finden denselben Mann. Es gibt vieles, was sie nicht über ihn wissen, denn er sagt ihnen nicht die Wahrheit. Aber auch er weiß nicht alles über sie.

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:321
EAN:

Rezensionen zu "Drei"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Rasant. Gut. Unterhaltsam.

    Rasant. Gut. Unterhaltsam.
    Dror Mishani ist ein bekannter und erfolgreicher Romanautor in Israel. Warum das so ist, und wie berechtigt es ist, das versteht man, wenn man seinen neuesten Roman „Drei“ gelesen hat. Wer schon mehrere Romane von ihm gelesen hat, der wird so in etwa wissen, was den Leser in „Drei“ erwartet.

    „Drei“ ist ein ungewöhnlicher Romantitel. Zahlentitel sind aber wohl modern. Auch Paul Auster nennt seinen besten Roman nach einer Zahlenfolge, nämlich 4 3 2 1. Und so wie Austers Betitelung einen Sinn hat, so hat auch „Drei“ als Titel einen Sinn.

    Um drei Frauen geht es. Ihr Leben wird ausschnittsweise vorgestellt. Ihr Alltag wird geschildert und ihre spezielle Lebenssitution. Da ist Orna, eine alleinerziehende Frau mit einem verhaltensauffälligen Kind, da ist Emilia, die aus Riga gekommen ist, um im Pflegebereich in Israel etwas zu verdienen. Ihr Leben geht einem besonders nahe, sie wird ausgebeutet – so ähnlich wird es vielen osteuropäischen Pflegekräften in Europa gehen. Es sei denn, sie treffen auf eine faire Familie. Die es auch gibt. Emilia lernt auf geradezu rührende Weise hebräisch. Und da ist Ella, eine selbstbewusste Mutter dreier Kinder.

    Die Charakterzeichnungen der drei Frauen sind dem Autor sehr gut gelungen. Was mir besonders gefällt, sind die vielen Details, die deren Leben kennzeichneten. Und wie der Autor auch den Nebenfiguren Raum und Zeit widmet, so dass man ein "Buch voller echter Leute" vor sich hat. Anderen Lesern mag dies das Buch zu sehr zu verlangsamen. Es ist - wie so oft - Geschmacksache.

    Man lernt nicht nur die Frauen kennen, sondern auch den Alltag in Tel Aviv. Man hätte sich ein wenig mehr politischen Hintergrund gewünscht, die Bedrohung durch arabisch-palästinischen Raketenbeschuss miterlebt, die Siedlungspolitik hätte durchaus zur Sprache kommen können oder auch das Ringen um die zukünftige, politische Entwicklung, das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika, etc.

    Jede der drei Frauen wird vom Autor an einen Schicksalspunkt geführt. Und der anfangs ein wenig traut daherkommende Roman nimmt mehr und mehr Fahrt auf.

    Fazit: Die israelischen Schriftsteller können (fast) alle etwas. Nicht ganz ohne Grund ist uns Ephraim Kishon in ewiger Erinnerung geblieben. Lesenswert!

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Diogenes, 2019

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Spannende, intelligente Unterhaltung

    Wie schreibt man eine Rezension über ein Buch, über das man eigentlich nichts sagen sollte. Nichts, nichts, nichts, gar nichts, kein Wort.
    Noch nicht einmal über das Genre sollte man reden. Dieses Buch ist eine riesige Überraschung. Anfangs schläfert es den Leser ein, der sich mitten in einer Beziehungsgeschichte wähnt, um dann gnadenlos und unerwartet zuzuschlagen.

    Dror Mishani lotet sie aus, die allerfeinsten psychologischen Momente, die Zwischentöne. Hier lernt man jeden sehr gut kennen und verstehen. Höchst nachvollziehbar durchlebt man den Frust, den Orna nach ihrer Scheidung mit sich herumschleppt, oder die Angst und die Unsicherheit, die Emilia in die Arme der Kirche treibt, als sie ihre Stellung verliert. Und Ella versucht auszubrechen aus dem Alltagstrott. Ein Mann und drei Kinder sind zu versorgen und wo bleibt sie?
    Man ist dabei und fühlt mit diesen Frauen, deren Leben eigentlich nichts Besonderes ist, und hat auch noch lange Verständnis, wenn es allmählich unverständlich wird.

    Dieses fein komponierte Buch fesselt sehr und wird nach und nach immer spannender. Es ist wirklich schön erzählt, einzig der Schluss hat mit nicht so gefallen, der zerfasert ein wenig. Wahrscheinlich hätte der Autor eher einen Cut machen sollen, um das Genie und die Atmosphäre dieser Geschichte zu wahren. Stattdessen zerredet man den Plot und vergisst dabei das Leitmotiv.

    Trotzdem ein tolles Buch, spannende, intelligente Unterhaltung, ein Buch, das man grinsend seinen Freunden in die Hand drückt und sagt: Da, lies das!!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Sep 2019 

    Auf der Suche

    Eine Rezension für diesen außergewöhnlichen Roman zu verfassen, ist tatsächlich nicht einfach, weil man wirklich nicht zu viel vom Inhalt vorwegnehmen darf. Dem Leser würde sonst der Genuss überraschender, in die Geschichte eingeflochtener Ereignisse genommen.

    Worum geht es?

    Der Roman ist dreigeteilt. Im Zentrum jedes Teils steht eine Frau, die auf der Suche ist. Zunächst ist es Orna. Sie wurde von ihrem Ehemann Runen verlassen, der ein neues Leben in Katmandu begonnen hat. Der gemeinsame Sohn Eran leidet entsetzlich unter der Trennung und befindet sich deshalb in Therapie. Sein Psychologe ermutigt Orna, sich wieder dem Leben zuzuwenden. So wird Orna Mitglied in einem Dating-Portal, wo sie extrem wählerisch und restriktiv Kontakte knüpft.
    Einer dieser Kontakte ist der geschiedene Gil. Langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Eindrucksvoll werden Annäherungen und Rückzüge beschrieben. Orna ist kritisch, erst nach zahlreichen Treffen kommt es zu ersten körperlichen Kontakten…

    Im zweiten Teil steht Emilia, eine Altenpflegerin aus Lettland, im Zentrum. Ihr betagter Schützling Nachum ist kürzlich verstorben, so dass sie sich um eine neue Arbeitsstelle bemühen muss, was aufgrund ihrer Herkunft nicht einfach ist. Zunächst findet sie nur eine Teilzeitstelle im Krankenhaus, Geldsorgen sind die Folge. Emilia behält den Kontakt zu Esther, der Ehefrau des Verstorbenen. Diese rät ihr, sich an ihren Sohn Gil zu wenden, der sich als Anwalt für Arbeitsrecht mit den Problemen von Migranten auskennt und ihr vielleicht helfen kann. Emilia gefällt Gil. Sie setzt viele Hoffnungen auf ihn, träumt von einer Beziehung und hofft, ihrer Misere bald entkommen zu können…

    Ella ist die dritte Frau im Zentrum des Romans und auch die selbstbewussteste. Sie hat einen (eifersüchtigen) Gatten und drei Kinder. Dieses Leben füllt sie nicht aus. Um dem häuslichen Einerlei zu entrinnen, studiert sie an der Universität und schreibt an ihrer Masterarbeit - meistens in dem Café, in dem auch Gil regelmäßig verkehrt. So lernen sich die beiden kennen und beginnen einen Flirt…

    Meine Bewertung:

    Die Sprache ist sehr angenehm zu lesen. Man kann sich in die Charaktere extrem gut hineinversetzen, womit der Autor große Menschenkenntnis und Empathie beweist. Die Annäherung zwischen Gil und den genannten Protagonistinnen erfolgt absolut glaubwürdig. Die Frauen sind einsam, sind auf der Suche und werden von ihrer Lebenswelt zwischen (Ex-)Partnern, Kindern, Beruf, Geldsorgen etc. aufgerieben. Mishani skizziert die Erwartungen, Hoffnungen und Zwänge der Frauen sehr akribisch. Dadurch entfaltet die Handlung von Anfang an einen Sog, der durch bestimmte aufwühlende Geschehnisse noch verstärkt und um kriminalistische Elemente bereichert wird.

    Man ist als Leser sehr nah am Geschehen dran. Das geschieht ohne Pathos und Kitsch, dazu ist der Roman zu sachlich geschrieben.

    Die männliche Hauptfigur Gil bleibt nebulös. Sein Charakter wird erst nach und nach deutlich. Das macht den großen Reiz dieses Romans aus, der mit seiner Dreiteilung zwar eine ungewöhnliche Struktur hat, die sich am Ende jedoch schlüssig zusammenfügt und ein Ganzes ergibt.

    Ich habe diesen überraschenden Roman, auf den man sich am Besten ohne großes Vorwissen einlässt, sehr gerne gelesen und gebe meine volle Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Sep 2019 

    Drei Frauen

    Seit Kurzem ist Orna geschieden, ihr Sohn leidet noch sehr unter der Trennung. Wie jede gute Mutter unternimmt Orna alles, um es ihm leichter zu machen. Doch manchmal muss Orna auch an sich selbst denken. Deshalb hat sie sich in einem Dating-Portal angemeldet. Das scheint nicht viel zu bringen. Irgendwann beginnt sie einen Chat mit einem Rechtsanwalt, der einen ähnlichen Hintergrund hat wie sie. Insbesondere ist er auch geschieden. Treffen will sich Orna erstmal nicht mit ihm. Ihre Scheidung ist noch zu frisch und sie glaubt, noch nicht offen für eine Beziehung zu sein.

    Dieser Roman ist schon besonders konstruiert. Um nicht zu viel zu offenbaren, hält man sich mit näheren Angaben zum Inhalt am besten zurück. Es ist auch zu empfehlen, das Interview mit dem Autor, das am Ende des Romans abgedruckt ist, tatsächlich erst nach der Lektüre des Buches zu lesen. Der Autor ist bisher mehr von seinen Krimis bekannt. Hier wagt er sich auf ein anderes Terrain vor. Eine Art Spannungsroman hat er schon geschaffen, aber doch ganz anders als gewohnt. Schnell findet man sich in Ornas Welt hinein, schimpft über ihren Mann, der sich mit seiner neuen Familie einfach nach Nepal abgesetzt hat. Wie konnte er seinen Sohn verlassen und sich noch nicht mal regelmäßig melden. Man freut sich, dass Orna so langsam wieder etwas auftaut und offener wird für Neues. Nach und nach wird jedoch die Spannungskomponente stärker und man beginnt sich zu fragen, wo das hinführen soll. Der Romanleser wird langsam durch den Krimileser ausgetauscht und das Detektivgen beginnt mit seiner Arbeit. Welche Spuren hat der Autor ausgelegt, welche Lösung hat er parat. Vielleicht werden nicht alle Fragen beantwortet, doch die herausragende Komposition dieses Buches lässt kleine Schwächen schnell vergessen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Sep 2019 

    Ein Mann und drei Frauen

    Über den Roman "Drei" von Dror Mishani darf man gar nicht viel schreiben. Denn egal, was man schreibt, man läuft Gefahr zu spoilern. Daher fange ich erstmal mit meinem Fazit zu diesem Überraschungsei von einem Buch an:
    Fantasievoll, spannend, überraschend, berührend! Der Roman ist saugut! Unbedingt lesen!

    ... und versuche mich dennoch an ein paar Aussagen, die hoffentlich neugierig machen.

    Es geht um einen Mann und drei Frauen. Die Handlung spielt größtenteils im heutigen Tel Aviv.
    Der Roman besteht aus 3 Kapiteln. Jedes dieser Kapitel behandelt die Verbindung des Mannes zu einer dieser Frauen.
    Frau Nr. 1: Eran, frisch geschieden, Mutter eines kleinen Jungen. Die Scheidung, die von ihrem Ex ausgegangen ist, hat sie zutiefst verletzt. Sie hat Zweifel an dem, was ihr, einer alleinerziehenden Mutter, die Zukunft noch bringen wird. Aus Angst vor dem Alleinsein meldet sie sich auf einem Dating Portal an. Hier lernt sie Gil kennen. Die beiden nähern sich einander ganz langsam an. Meine Güte, ist der Mann sensibel und verständnisvoll.
    Frau Nr. 2: Emilia aus Estland, mit einer Arbeitserlaubnis für Israel. Sie ist Altenpflegerin, spricht kaum Israelisch und wurschtelt sich durch das Leben in Tel Aviv durch. Finanziell geht es ihr dürftig, sie ist einsam. Ein wenig Wärme in ihrem Leben erhält sie durch die Zuwendung zur Religion und zu Gil. Er schenkt ihr seine Gunst (mehr körperlich als finanziell), nachdem sie bei ihm als Putzfrau eine Anstellung findet.
    Frau Nr. 3: Orna, verheiratet, 3 Kinder, mit einem eifersüchtigen Ehemann. Sie versucht, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben und flüchtet sich in ein Studium, das sie neben ihrem Alltag als Hausfrau und Mutter, durchzieht. Sie schreibt gerade an ihrer Masterarbeit, als sie Gil kennenlernt. Ein amouröses Abenteuer lockt.

    "Und tatsächlich gelang es ihm manchmal, sie zu überraschen, ihr das Gefühl zu vermitteln, es gäbe Dinge, die sie nicht von ihm wusste, und dass unter seiner konventionellen Erscheinung ein deutlich interessanterer Mensch steckte, den sie noch nicht kannte."

    Abgesehen von der Verbindung zu diesem Mann, haben die drei Frauen nichts gemeinsam.
    Was hat dieser Mann an sich, dass sich die Frauen in ihn vergucken. Ein Womanizer ist er schon mal nicht. Zumindest, was das Äußerliche angeht: er ist eher unauffälliger Durchschnitt. Vermutlich ist es seine Gabe, den sensiblen Frauenversteher zu spielen, die ihn für die Frauen anziehend macht. Ein weiterer Pluspunkt ist vermutlich sein Beruf: er ist Rechtsanwalt - gut situiert und erfolgreich.

    Die drei Kapitel erzählen also die Geschichten der Frauen und ihrer Beziehung zu Gil. Doch jedes Kapitel ist besonders. Sie unterscheiden sich nicht nur im Sprachstil. Die Kapitel sind aus der Sicht der jeweiligen Frau geschrieben, woraus folgt, dass wir bei 3 unterschiedlichen Frauen auch drei unterschiedliche Sprachstile haben. Man beachte: dieser Roman ist von einem Mann geschrieben, der sich par excellence in das Seelenleben der Frauen hineindenkt und dieses authentisch wiedergibt.

    "Sie empfand weder Kränkung noch echte Wut angesichts seiner Lügen, obgleich sie ihn zuvor aufgezogen hatte, ja nicht einmal Selbstekel. Vielleicht war da nur ein wenig Angst, weil sie inzwischen begriff, dass sie sehr viel weniger über ihn wusste, als sie gedacht hatte."

    Dann hat der Autor Dror Mishani für jedes Kapitel ein besonderes Ende gewählt:
    Kapitel 1 endet mit einer Überraschung wie ein Paukenschlag.
    Kapitel 2 hat ein vorhersehbares, aber unvermeidliches Ende.
    Kapitel 3 endet, wie man es sich als Leser erhofft.

    Vielleicht noch eine Anmerkung zum Genre. Dieser Roman lässt sich auf kein einzelnes Genre festlegen. Es ist leichter, die Genres auszuschließen, zu dem dieser Roman auf gar keinen Fall zuzuordnen ist: Fantasy, historischer Roman, Horror.
    Ansonsten ist er ein bisschen von allem, von dem einen mehr und von dem anderen weniger.

    Der Roman "Drei", der in Israel ein Bestseller war, soll als TV-Serie verfilmt werden. Das wundert mich nicht. Wenn nicht dieser Roman, welcher dann?

    © Renie