Drei

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei' von Dror Mishani
4.3
4.3 von 5 (10 Bewertungen)

Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hat. Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Eine dritte Frau sucht etwas ganz anderes. Sie alle finden denselben Mann. Es gibt vieles, was sie nicht über ihn wissen, denn er sagt ihnen nicht die Wahrheit. Aber auch er weiß nicht alles über sie.

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:321
EAN:

Rezensionen zu "Drei"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jan 2020 

    Subtile Spannung

    Dror Mishani, den ich als umwerfenden Autor von Kriminalromanen mit Handlungsort Tel Aviv kenne, legt mit seinem Roman „Drei“ ein Verwirrspiel erster Güte für den Leser vor. Der Verlag hat gebeten, in der Buchbesprechung wenig vom Inhalt zu verraten, was zum einen sicher kluge Marketingstrategie ist, andererseits den Genuss beim Lesen des Buches tatsächlich erhöht.

    Drei gestresste, versehrte und von Leben zurückgewiesene Frauen lernen einen äußerst smarten Mann kennen, treffen sich mit ihm, und nichts ist wie es scheint. Ein Krimi in drei Teilen, die sich jeweils den Geschichten von Orna, Emilia und Ella widmen, die getrennt voneinander alle denselben Mann treffen.
    Am intensivsten fand ich dabei die Geschichte von Orna, eine junge durch Scheidung versehrte Frau mit kleinem Sohn, die den smarten Anwalt Gil über ein online-Dating-Portal kennenlernt und ihn zu treffen beginnt. Es scheint in ihrem Leben langsam und sehr vorsichtig wieder bergauf zu gehen. Doch schon zu Beginn des Buches schleicht sich das Gefühl ein, dass das nur ein Wunsch von Orna ist, und dass sie in einen Strudel gerät, der sie nach unten zieht.

    Letztlich gibt es auch einen Ermittler, der ein Verbrechen aufzuklären hat, doch das ist nicht der Fokus des Buches. Vielmehr zeichnet Dror Mishani mit gekonnter Feder die Psychogramme seiner drei Protagonistinnen als vom Leben gebeutelte und gezeichnete, aber dennoch, wenn auch verschüttet, lebenshungrige und selbstbewusste Frauen. Man fühlt sich wohl an ihrer Seite, der Autor vermittelt ihr Leben und ihre Gefühlswelt voller Empathie für seine Figuren, das läßt den Funken beim Lesen überspringen.
    Von Gil erfährt man lange Zeit sehr wenig. Er ist ein bekannter Anwalt, zurückhaltend und sehr verständnisvoll. Seine Gefühle bleiben versteckt, er dient eher als Projektionsfläche für die drei Frauen, mit denen er sich trifft.

    Nur wenig ist wirklich greifbar, weder für die Protagonistinnen noch für den Leser. Der Autor spielt sehr gekonnt mit subtiler Spannung, die nur kurz den Vorhang lüpft und nie den ganzen Blick freigibt. Alles wirkt zu normal, zu unauffällig und zu liebenswürdig, und ein winziges kleines Gefühl ganz hinten im Kopf warnt, dass nichts ist wie es scheint. Dazu kommt eine düstere, fast depressive Grundstimmung im Buch, die auch schöne Momente nicht wirklich wegwischen können.
    Die Spannung steigt kontinuierlich, und sehr viele unerwartete Wendungen machen das Buch zu einem großen Lesegenuss nicht nur für Krimifans.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jan 2020 

    Drei Frauen, drei Schicksale – ein Mann

    „Drei“ – ein Roman, dessen Titel ebenso schlicht wie programmatisch ist. Erschienen ist dieser 335-seitige Roman aus der Feder des israelischen Autors Dror Mishani im August 2019 bei Diogenes.
    Erzählen sollte man von diesem Roman nicht zu viel, da die Gefahr besteht, zu viel vom Inhalt preiszugeben. Aber so viel soll gesagt sein: Der Roman erzählt in drei Teilen von dem Schicksal dreier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch sind Leben und Schicksal derselben miteinander verbunden durch einen Mann, Gil. Orna ist allein erziehende Mutter eines psychisch auffälligen Jungen. Auf der Suche nach ein wenig Trost und Abwechslung stößt sie im Internet auf den Anwalt Gil. Im Zentrum des zweiten Teils steht Emilia. Sie ist nach Tel Aviv gekommen, um als Altenpflegerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der hebräischen Sprache wenig mächtig, führt sie ein einsames Leben. Auch sie ist auf der Suche - nach dem Sinn des Lebens und einem besseren Einkommen. Dabei stößt sie ebenfalls auf Gil. Die dritte Frau, Elli, schließlich trifft in einem Café auf ihn. Als Studentin und Mutter dreier Kinder ist sie mit ihrem Leben eigentlich zufrieden, aber auch sie kann sich der Aura dieses Mannes kaum entziehen.
    Den Roman gattungsmäßig einzuordnen, fällt schwer, denn er hat von vielem etwas: Er ist poetisch, wahnsinnig spannend und entwickelt beim Lesen regelrecht einen Sog. Und ja, er enthält auch einen Kriminalfall, weshalb er oft als Krimi gehandelt wird, doch steht dieser nicht im Zentrum.
    Im Mittelpunkt des Geschehens stehen vielmehr Charakterstudien zu diesen drei Frauen: Was macht ihr Leben aus? Welche Träume haben sie? Welche Sorgen quälen sie? Und noch etwas: Im Dschungel der Großstadt fühlen sie sich, trotz bestehender sozialer Kontakte, verloren. Das Innenleben dieser Frauen wird so präzise nachgezeichnet, dass eine Identifikation leichtfällt, ja regelrecht provoziert wird, und man nicht anders kann, als mit ihnen mitzufühlen. Wobei ich persönlich sagen muss, dass mich das Innenleben der beiden letzten Frauen am meisten angesprochen hat; bei Orna fühlte ich etwas mehr Distanz, was ich allerdings auf das Thema „Internetbekanntschaft“, dem ich eher kritisch gegenüberstehe, zurückführe.
    Über den Mann, der diese drei Frauen miteinander verbindet, erfährt man eher wenig, eigentlich nur so viel, dass er einen undurchsichtigen Charakter hat und sehr wandlungsfähig ist. Und gerade dieses sorgt für Spannung.
    Faszinierend sind zudem die vielen unvorhersehbaren Wendungen, die diesem Buch immanent sind. Zum einen rühren sie von Gil her, dessen Verhalten sehr schwer vorauszusehen ist. Darüber hinaus sorgt wiederum der Aufbau des Buches dafür, dass man vor Überraschungen nicht gefeit ist. Gerade der letzte Teil wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und sorgt damit zusätzlich für Nervenkitzel; sein Ende schlägt ein wie eine Bombe - und lässt Leserinnen und Leser mit einem Gefühl der Befreiung zurück.
    Auch wenn die Handlung des Romans in Israel verortet ist, ließe sie sich eigentlich in viele Teile der Welt verlegen, denn die Themen, die angesprochen werden, sind international: Einsamkeit, Verhaltensauffälligkeit, Geldnot, die Frage nach dem richtigen Weg im Leben. Wer fühlt sich nicht davon angesprochen? Wer braucht nicht im Leben dann und wann eine „starke Schulter“, an die er oder sie sich anlehnen kann? Und ist froh, wenn er auf einen Menschen wie Gil trifft, der Halt und Hoffnung verspricht? Ich denke, gerade diese omnipräsenten Probleme, die jedes Leben einmal berühren, machen diesen Roman so erfolgreich.
    Der Roman lässt sich flüssig lesen, ohne dabei anspruchslos zu sein. Lediglich die ungewöhnlichen Namen haben bei mir anfangs ein wenig für Verwirrung gesorgt, die sich im Laufe des Lesens aber gelegt hat.
    Alles in allem präsentiert Dror Mishani einen Roman, den man meiner Meinung nach einfach gelesen haben muss, und den ich mit viereinhalb von fünf Lesesternen zur Lektüre gerne weiterempfehle.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Dez 2019 

    Wenn Verführung zur Gefahr wird...

    Da ich ein Fan von komplizierten Beziehungsgeschichten bin, hat mich dieser Roman sehr gereizt. Ich bekam jedoch etwas gänzlich anderes serviert, was für mich eine Überraschung war.

    In der Geschichte geht es um die Frauen Orna, Emilia und Ella, die sich alle auf ein und denselben Mann einlassen. Jede spürt für sich, dass ihr dieser Mann nicht guttut und dennoch können sie nicht die Finger von ihm lassen. Was will er nur von diesen drei Frauen?

    Es fällt wirklich ungemein schwer etwas über dieses Buch zu schreiben ohne etwas zu verraten oder die Geschichte gar zu spoilern.

    Mich hat am meisten die Handlung um Orna gefesselt, einfach weil ich mich mit ihr am ehesten identifizieren konnte. Ich habe sehr gut nachvollziehen können wie sehr sie als Geschiedene noch an ihrem Mann hängt und es ihr schwer fällt die neue Situation zu akzeptieren, weil ich ähnliches durchgemacht habe.

    Gil als männlicher Part ist einfach nur unglaublich und das meine ich im negativen Sinne. Ich konnte kaum fassen wie sehr er des Lügens mächtig ist und sich immer alles so zurechtlegt, dass es für ihn passt. Rücksicht auf andere zu nehmen kennt er nicht, weshalb ich ihn als Figur natürlich so gar nicht mochte.

    Ansonsten kann ich jedem nur empfehlen das Buch erst dann zu lesen, wenn man emotional gefestigt ist, denn der Roman ist von der Grundstimmung her ungemein düster, fast schon depressiv.

    Nach dieser Lektüre kann ich nur sagen, dass ich deutlich besser aufpasse, wenn ich jemanden kennenlerne und genau in mich hineinhorche, ob mir eine Person gut tut oder nicht.

    Fazit: Völlig anders als erwartet und dennoch gut. Ich habe teils vor Staunen mit offenem Mund gelesen und spreche daher gern eine Leseempfehlung aus. Wirklich mal etwas anderes.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Okt 2019 

    Illusionen und Lügen

    Drei: ein Titel mit Programm. Drei Frauen in drei Abschnitten tragen diese Geschichte.
    Orna, die alleinerziehende Mutter, die sich so verzweifelt bemüht nach der Scheidung Eltern- und Paarebene zu trennen. Über eine Partnervermittlungswebsite für Geschiedene sucht sie nach einem Weg aus ihrer Einsamkeit.
    Auch Emilia ist einsam. Die lettische Pflegekraft spricht nur unzureichend hebräisch. Sie sucht nach einem göttlichen Zeichen, um ihrer prekären Situation Sinn zu geben.
    Dagegen ist Ella eine toughe Frau, Mutter von drei Kindern und Studentin.
    Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensmodelle begegnen alle drei Frauen demselben Mann. Schicksalshafte Begegnungen für die Beteiligten.
    Der israelische Autor Dror Mishani hat ein sehr gutes Gespür für seine Figuren, für deren Gefühls- und Gedankenwelt. Für ein israelisches Buch ist es erstaunlich unpolitisch, dafür psychologisch ziemlich dicht. Mishanis Erzählweise erzeugt einen starken Sog.
    Der Diogenes Verlag bat im Vorfeld des Erscheinens dieses Buches, bei der Rezension nicht allzu viel vom Inhalt zu verraten. So darf es Überraschungen geben, Wendepunkte und Aha-Erlebnisse.
    Drei war für mich gelungene Unterhaltungslektüre, ein Genre Mix, ein Blendwerk voller Illusionen und Lügen. Das letzte bisschen „großartig“ fehlte mir zum Schluss.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Sep 2019 

    Eigen, erhellend, klug und auch witzig

    Die Welt des Fußballs ist eine Parallelwelt, von der der Zuschauer nur die hübsche Oberfläche zu sehen bekommt. Ein Spiel ist es nur am Rande, eigentlich ist es Showgeschäft, bei dem mit Menschen und Millionen jongliert wird. Hier dürfen wir hinter die Kulisse schauen.

    Ivo Trifunović ist ein Superstar in diesem Geschäft, einer von den ganz Großen, der dick verdient, die Welt bereist, der aber auch überall erkannt wird und es sich gut überlegen muss, ob und wo er seine Frau betrügt.

    „Ivo ist ein gottverdammter Entertainer, der es genießt, wenn die Leute ihm zuschauen. Es entspannt ihn, Blicke auf sich gerichtet zu sehen, deshalb will er den Leuten auch was bieten, …“

    Er hat gelernt, sich zu beherrschen, auch wenn er ab und an dem Reporter mit den dämlichen Fragen lieber in die Fresse schlagen würde. Er steckt im Käfig seit der C-Jugend. Sein Leben wird bestimmt von Trainingsplänen, Terminen, gelenkt durch bereitstehende Busse, Manager, Zuschauerzahlen und Tabellenplätze. Jetzt ist er 27 Jahre alt und kommt schon ab und an ins Grübeln.

    „Um gut zu werden, muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten! Jedes Kind, jeder blade Fan liebt den Fußball mehr als der Spieler, weil sie nicht wissen, wie dreckig es wirklich zugeht, wie dumm alles ist, wie viel Arbeit hinter allem steckt.“

    Dieses Buch ist schräg und auch irgendwie genial. Man stelle sich vor, es erzählt ein österreichischer Hauptschüler mit außerösterreichischen Wurzeln, Herz, Familiensinn und einem ausgefeilten Ego, der seit frühster Jugend einem ganz speziellen Drill unterliegt, der alles außer Bildung beinhaltet. So jemand spricht eine sehr eigene Sprache, die man nicht besser wiedergeben kann als Tonio Schachinger.
    Er schafft es, dass man ihn gern hat, Ivo, diesen rüpelhaften Antihelden, der das Business kennt und auf höchst unterhaltsame Art analysiert. Seine speziellen Einblicke sind irgendwas zwischen weise und hoch komisch.

    Vermutlich findet man als echter Fußballfan leichter Zugang zu diesem Buch. Despektierliche Betrachtungen zu Ronaldo oder Messi sind für Insider sicher ungleich witziger. Ich habe etwa bis zur Hälfte des Buches beißen müssen, bis ich angekommen war. Und da die Anzahl an Fußballfans, die sich für den Deutschen Buchpreis interessieren vermutlich überschaubar ist, wird die Zielgruppe für dieses Buch nicht allzu groß sein.
    Lesenswert ist es trotzdem, sehr eigen, erhellend, klug und auch witzig.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Sep 2019 

    Roman oder Krimi?

    Bei diesem Buch gibt es als erstes gleich einmal eine Kritik von mir. Aber eher eine Kritik am Marketing. "Über dieses Buch darf man eigentlich nichts verraten." heißt es. Wie jetzt? Über dieses Buch? Und über andere schon, oder was? Über kein Buch sollte man etwas verraten, dies zerstört den Lesezauber und uns Buchbegeisterten das Vergnügen. So etwas sollte nicht bei einem bestimmten Buch stehen, sondern eigentlich jedermann klar sein. Und das Marketing von Verlagen sollte sich mal manchen Slogan etwas näher ansehen und nachdenken!

    Ich verstehe natürlich nach der Lektüre des Buches die Gedankengänge des Marketings von D.. Hier ist es wirklich schwer eine Rezension zu schreiben und bei dieser nicht zu viel zu verraten. Ich versuche es mal.

    Drei verschiedene Frauenschicksale werden hier gezeichnet, alle verbinden gewisse schwierige Lebenssituationen und ihr jeweiliger Umgang damit. Und dann verbindet sie noch etwas. Die Liebe und das Begehren. Und weiter wird beschrieben wie diese Frauen mit ihren Gefühlen umgehen und was dies mit ihnen macht. Es sind Schicksale, die nahe gehen und nachdenklich machen.

    Insgesamt sieht man hier psychologisch recht gut ausgearbeitete Blicke auf die Menschen. Aber für einen literarischen Roman sind diese Blicke doch recht kurz umrissen. Das Geschriebene von Dror Mishani ist sehr spannend, hat insgesamt einen recht hohen Lesesog und beim Lesen wird man ab und zu auch schwer überrascht. Aber der letzte Funken ist schlussendlich bei mir nicht übergesprungen. Drei von Dror Mishani ist in meinen Augen recht gut gemachte und schöne Unterhaltung. Aber nicht mehr.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Rasant. Gut. Unterhaltsam.

    Rasant. Gut. Unterhaltsam.
    Dror Mishani ist ein bekannter und erfolgreicher Romanautor in Israel. Warum das so ist, und wie berechtigt es ist, das versteht man, wenn man seinen neuesten Roman „Drei“ gelesen hat. Wer schon mehrere Romane von ihm gelesen hat, der wird so in etwa wissen, was den Leser in „Drei“ erwartet.

    „Drei“ ist ein ungewöhnlicher Romantitel. Zahlentitel sind aber wohl modern. Auch Paul Auster nennt seinen besten Roman nach einer Zahlenfolge, nämlich 4 3 2 1. Und so wie Austers Betitelung einen Sinn hat, so hat auch „Drei“ als Titel einen Sinn.

    Um drei Frauen geht es. Ihr Leben wird ausschnittsweise vorgestellt. Ihr Alltag wird geschildert und ihre spezielle Lebenssitution. Da ist Orna, eine alleinerziehende Frau mit einem verhaltensauffälligen Kind, da ist Emilia, die aus Riga gekommen ist, um im Pflegebereich in Israel etwas zu verdienen. Ihr Leben geht einem besonders nahe, sie wird ausgebeutet – so ähnlich wird es vielen osteuropäischen Pflegekräften in Europa gehen. Es sei denn, sie treffen auf eine faire Familie. Die es auch gibt. Emilia lernt auf geradezu rührende Weise hebräisch. Und da ist Ella, eine selbstbewusste Mutter dreier Kinder.

    Die Charakterzeichnungen der drei Frauen sind dem Autor sehr gut gelungen. Was mir besonders gefällt, sind die vielen Details, die deren Leben kennzeichneten. Und wie der Autor auch den Nebenfiguren Raum und Zeit widmet, so dass man ein "Buch voller echter Leute" vor sich hat. Anderen Lesern mag dies das Buch zu sehr zu verlangsamen. Es ist - wie so oft - Geschmacksache.

    Man lernt nicht nur die Frauen kennen, sondern auch den Alltag in Tel Aviv. Man hätte sich ein wenig mehr politischen Hintergrund gewünscht, die Bedrohung durch arabisch-palästinischen Raketenbeschuss miterlebt, die Siedlungspolitik hätte durchaus zur Sprache kommen können oder auch das Ringen um die zukünftige, politische Entwicklung, das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika, etc.

    Jede der drei Frauen wird vom Autor an einen Schicksalspunkt geführt. Und der anfangs ein wenig traut daherkommende Roman nimmt mehr und mehr Fahrt auf.

    Fazit: Die israelischen Schriftsteller können (fast) alle etwas. Nicht ganz ohne Grund ist uns Ephraim Kishon in ewiger Erinnerung geblieben. Lesenswert!

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Diogenes, 2019

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Spannende, intelligente Unterhaltung

    Wie schreibt man eine Rezension über ein Buch, über das man eigentlich nichts sagen sollte. Nichts, nichts, nichts, gar nichts, kein Wort.
    Noch nicht einmal über das Genre sollte man reden. Dieses Buch ist eine riesige Überraschung. Anfangs schläfert es den Leser ein, der sich mitten in einer Beziehungsgeschichte wähnt, um dann gnadenlos und unerwartet zuzuschlagen.

    Dror Mishani lotet sie aus, die allerfeinsten psychologischen Momente, die Zwischentöne. Hier lernt man jeden sehr gut kennen und verstehen. Höchst nachvollziehbar durchlebt man den Frust, den Orna nach ihrer Scheidung mit sich herumschleppt, oder die Angst und die Unsicherheit, die Emilia in die Arme der Kirche treibt, als sie ihre Stellung verliert. Und Ella versucht auszubrechen aus dem Alltagstrott. Ein Mann und drei Kinder sind zu versorgen und wo bleibt sie?
    Man ist dabei und fühlt mit diesen Frauen, deren Leben eigentlich nichts Besonderes ist, und hat auch noch lange Verständnis, wenn es allmählich unverständlich wird.

    Dieses fein komponierte Buch fesselt sehr und wird nach und nach immer spannender. Es ist wirklich schön erzählt, einzig der Schluss hat mit nicht so gefallen, der zerfasert ein wenig. Wahrscheinlich hätte der Autor eher einen Cut machen sollen, um das Genie und die Atmosphäre dieser Geschichte zu wahren. Stattdessen zerredet man den Plot und vergisst dabei das Leitmotiv.

    Trotzdem ein tolles Buch, spannende, intelligente Unterhaltung, ein Buch, das man grinsend seinen Freunden in die Hand drückt und sagt: Da, lies das!!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Sep 2019 

    Auf der Suche

    Eine Rezension für diesen außergewöhnlichen Roman zu verfassen, ist tatsächlich nicht einfach, weil man wirklich nicht zu viel vom Inhalt vorwegnehmen darf. Dem Leser würde sonst der Genuss überraschender, in die Geschichte eingeflochtener Ereignisse genommen.

    Worum geht es?

    Der Roman ist dreigeteilt. Im Zentrum jedes Teils steht eine Frau, die auf der Suche ist. Zunächst ist es Orna. Sie wurde von ihrem Ehemann Runen verlassen, der ein neues Leben in Katmandu begonnen hat. Der gemeinsame Sohn Eran leidet entsetzlich unter der Trennung und befindet sich deshalb in Therapie. Sein Psychologe ermutigt Orna, sich wieder dem Leben zuzuwenden. So wird Orna Mitglied in einem Dating-Portal, wo sie extrem wählerisch und restriktiv Kontakte knüpft.
    Einer dieser Kontakte ist der geschiedene Gil. Langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Eindrucksvoll werden Annäherungen und Rückzüge beschrieben. Orna ist kritisch, erst nach zahlreichen Treffen kommt es zu ersten körperlichen Kontakten…

    Im zweiten Teil steht Emilia, eine Altenpflegerin aus Lettland, im Zentrum. Ihr betagter Schützling Nachum ist kürzlich verstorben, so dass sie sich um eine neue Arbeitsstelle bemühen muss, was aufgrund ihrer Herkunft nicht einfach ist. Zunächst findet sie nur eine Teilzeitstelle im Krankenhaus, Geldsorgen sind die Folge. Emilia behält den Kontakt zu Esther, der Ehefrau des Verstorbenen. Diese rät ihr, sich an ihren Sohn Gil zu wenden, der sich als Anwalt für Arbeitsrecht mit den Problemen von Migranten auskennt und ihr vielleicht helfen kann. Emilia gefällt Gil. Sie setzt viele Hoffnungen auf ihn, träumt von einer Beziehung und hofft, ihrer Misere bald entkommen zu können…

    Ella ist die dritte Frau im Zentrum des Romans und auch die selbstbewussteste. Sie hat einen (eifersüchtigen) Gatten und drei Kinder. Dieses Leben füllt sie nicht aus. Um dem häuslichen Einerlei zu entrinnen, studiert sie an der Universität und schreibt an ihrer Masterarbeit - meistens in dem Café, in dem auch Gil regelmäßig verkehrt. So lernen sich die beiden kennen und beginnen einen Flirt…

    Meine Bewertung:

    Die Sprache ist sehr angenehm zu lesen. Man kann sich in die Charaktere extrem gut hineinversetzen, womit der Autor große Menschenkenntnis und Empathie beweist. Die Annäherung zwischen Gil und den genannten Protagonistinnen erfolgt absolut glaubwürdig. Die Frauen sind einsam, sind auf der Suche und werden von ihrer Lebenswelt zwischen (Ex-)Partnern, Kindern, Beruf, Geldsorgen etc. aufgerieben. Mishani skizziert die Erwartungen, Hoffnungen und Zwänge der Frauen sehr akribisch. Dadurch entfaltet die Handlung von Anfang an einen Sog, der durch bestimmte aufwühlende Geschehnisse noch verstärkt und um kriminalistische Elemente bereichert wird.

    Man ist als Leser sehr nah am Geschehen dran. Das geschieht ohne Pathos und Kitsch, dazu ist der Roman zu sachlich geschrieben.

    Die männliche Hauptfigur Gil bleibt nebulös. Sein Charakter wird erst nach und nach deutlich. Das macht den großen Reiz dieses Romans aus, der mit seiner Dreiteilung zwar eine ungewöhnliche Struktur hat, die sich am Ende jedoch schlüssig zusammenfügt und ein Ganzes ergibt.

    Ich habe diesen überraschenden Roman, auf den man sich am Besten ohne großes Vorwissen einlässt, sehr gerne gelesen und gebe meine volle Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Sep 2019 

    Drei Frauen

    Seit Kurzem ist Orna geschieden, ihr Sohn leidet noch sehr unter der Trennung. Wie jede gute Mutter unternimmt Orna alles, um es ihm leichter zu machen. Doch manchmal muss Orna auch an sich selbst denken. Deshalb hat sie sich in einem Dating-Portal angemeldet. Das scheint nicht viel zu bringen. Irgendwann beginnt sie einen Chat mit einem Rechtsanwalt, der einen ähnlichen Hintergrund hat wie sie. Insbesondere ist er auch geschieden. Treffen will sich Orna erstmal nicht mit ihm. Ihre Scheidung ist noch zu frisch und sie glaubt, noch nicht offen für eine Beziehung zu sein.

    Dieser Roman ist schon besonders konstruiert. Um nicht zu viel zu offenbaren, hält man sich mit näheren Angaben zum Inhalt am besten zurück. Es ist auch zu empfehlen, das Interview mit dem Autor, das am Ende des Romans abgedruckt ist, tatsächlich erst nach der Lektüre des Buches zu lesen. Der Autor ist bisher mehr von seinen Krimis bekannt. Hier wagt er sich auf ein anderes Terrain vor. Eine Art Spannungsroman hat er schon geschaffen, aber doch ganz anders als gewohnt. Schnell findet man sich in Ornas Welt hinein, schimpft über ihren Mann, der sich mit seiner neuen Familie einfach nach Nepal abgesetzt hat. Wie konnte er seinen Sohn verlassen und sich noch nicht mal regelmäßig melden. Man freut sich, dass Orna so langsam wieder etwas auftaut und offener wird für Neues. Nach und nach wird jedoch die Spannungskomponente stärker und man beginnt sich zu fragen, wo das hinführen soll. Der Romanleser wird langsam durch den Krimileser ausgetauscht und das Detektivgen beginnt mit seiner Arbeit. Welche Spuren hat der Autor ausgelegt, welche Lösung hat er parat. Vielleicht werden nicht alle Fragen beantwortet, doch die herausragende Komposition dieses Buches lässt kleine Schwächen schnell vergessen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Sep 2019 

    Ein Mann und drei Frauen

    Über den Roman "Drei" von Dror Mishani darf man gar nicht viel schreiben. Denn egal, was man schreibt, man läuft Gefahr zu spoilern. Daher fange ich erstmal mit meinem Fazit zu diesem Überraschungsei von einem Buch an:
    Fantasievoll, spannend, überraschend, berührend! Der Roman ist saugut! Unbedingt lesen!

    ... und versuche mich dennoch an ein paar Aussagen, die hoffentlich neugierig machen.

    Es geht um einen Mann und drei Frauen. Die Handlung spielt größtenteils im heutigen Tel Aviv.
    Der Roman besteht aus 3 Kapiteln. Jedes dieser Kapitel behandelt die Verbindung des Mannes zu einer dieser Frauen.
    Frau Nr. 1: Eran, frisch geschieden, Mutter eines kleinen Jungen. Die Scheidung, die von ihrem Ex ausgegangen ist, hat sie zutiefst verletzt. Sie hat Zweifel an dem, was ihr, einer alleinerziehenden Mutter, die Zukunft noch bringen wird. Aus Angst vor dem Alleinsein meldet sie sich auf einem Dating Portal an. Hier lernt sie Gil kennen. Die beiden nähern sich einander ganz langsam an. Meine Güte, ist der Mann sensibel und verständnisvoll.
    Frau Nr. 2: Emilia aus Estland, mit einer Arbeitserlaubnis für Israel. Sie ist Altenpflegerin, spricht kaum Israelisch und wurschtelt sich durch das Leben in Tel Aviv durch. Finanziell geht es ihr dürftig, sie ist einsam. Ein wenig Wärme in ihrem Leben erhält sie durch die Zuwendung zur Religion und zu Gil. Er schenkt ihr seine Gunst (mehr körperlich als finanziell), nachdem sie bei ihm als Putzfrau eine Anstellung findet.
    Frau Nr. 3: Orna, verheiratet, 3 Kinder, mit einem eifersüchtigen Ehemann. Sie versucht, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben und flüchtet sich in ein Studium, das sie neben ihrem Alltag als Hausfrau und Mutter, durchzieht. Sie schreibt gerade an ihrer Masterarbeit, als sie Gil kennenlernt. Ein amouröses Abenteuer lockt.

    "Und tatsächlich gelang es ihm manchmal, sie zu überraschen, ihr das Gefühl zu vermitteln, es gäbe Dinge, die sie nicht von ihm wusste, und dass unter seiner konventionellen Erscheinung ein deutlich interessanterer Mensch steckte, den sie noch nicht kannte."

    Abgesehen von der Verbindung zu diesem Mann, haben die drei Frauen nichts gemeinsam.
    Was hat dieser Mann an sich, dass sich die Frauen in ihn vergucken. Ein Womanizer ist er schon mal nicht. Zumindest, was das Äußerliche angeht: er ist eher unauffälliger Durchschnitt. Vermutlich ist es seine Gabe, den sensiblen Frauenversteher zu spielen, die ihn für die Frauen anziehend macht. Ein weiterer Pluspunkt ist vermutlich sein Beruf: er ist Rechtsanwalt - gut situiert und erfolgreich.

    Die drei Kapitel erzählen also die Geschichten der Frauen und ihrer Beziehung zu Gil. Doch jedes Kapitel ist besonders. Sie unterscheiden sich nicht nur im Sprachstil. Die Kapitel sind aus der Sicht der jeweiligen Frau geschrieben, woraus folgt, dass wir bei 3 unterschiedlichen Frauen auch drei unterschiedliche Sprachstile haben. Man beachte: dieser Roman ist von einem Mann geschrieben, der sich par excellence in das Seelenleben der Frauen hineindenkt und dieses authentisch wiedergibt.

    "Sie empfand weder Kränkung noch echte Wut angesichts seiner Lügen, obgleich sie ihn zuvor aufgezogen hatte, ja nicht einmal Selbstekel. Vielleicht war da nur ein wenig Angst, weil sie inzwischen begriff, dass sie sehr viel weniger über ihn wusste, als sie gedacht hatte."

    Dann hat der Autor Dror Mishani für jedes Kapitel ein besonderes Ende gewählt:
    Kapitel 1 endet mit einer Überraschung wie ein Paukenschlag.
    Kapitel 2 hat ein vorhersehbares, aber unvermeidliches Ende.
    Kapitel 3 endet, wie man es sich als Leser erhofft.

    Vielleicht noch eine Anmerkung zum Genre. Dieser Roman lässt sich auf kein einzelnes Genre festlegen. Es ist leichter, die Genres auszuschließen, zu dem dieser Roman auf gar keinen Fall zuzuordnen ist: Fantasy, historischer Roman, Horror.
    Ansonsten ist er ein bisschen von allem, von dem einen mehr und von dem anderen weniger.

    Der Roman "Drei", der in Israel ein Bestseller war, soll als TV-Serie verfilmt werden. Das wundert mich nicht. Wenn nicht dieser Roman, welcher dann?

    © Renie