Dieses ganze Leben

Buchseite und Rezensionen zu 'Dieses ganze Leben' von Romagnolo, Raffaella
4.2
4.2 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Dieses ganze Leben"

Paola passt nicht in diese Welt, findet sie. Wo Glanz und Erfolg das Maß vorgeben, hält sie sich lieber an ihren Bruder, der im Rollstuhl sitzt, gerne Schach spielt und auf Likes pfeift. Auf Verordnung ihrer Mutter muss Paola täglich mit Richi an die frische Luft. Eine gute Gelegenheit, der Enge der elterlichen Villa zu entfliehen und Gegenden zu erkunden, wo Paola das wahre Leben vermutet – das so ganz anders ist, als sie dachte.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag:
EAN:9783257071443

Rezensionen zu "Dieses ganze Leben"

  1. Nichts als die Wahrheit

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Nov 2020 

    Nichts als die Wahrheit

    Dieses ganze Leben von Raffaella Romagnolo

    Paolletta Di Giorgio, kurz Paola genannt, hadert gerade mit sich und der Welt. Ein Phänomen, das viele 16 jährige gemeinsam haben, aber dennoch ist Paola anders. Ihre Sicht auf die Dinge ist oft klar und erfrischend, wenn man ihr eigenes Selbstbild dabei außer acht lässt.
    Sie wächst gut betucht in einer Villa auf. Ihr jüngerer Bruder Richi sitzt im Rollstuhl, scheint aber intellektuell gesehen voll da zu sein. Die beiden verbringen sehr viel Zeit miteinander, es wirkt oftmals fast wie eine Flucht aus dem Elternhaus, wenn sie gemeinsam auf Streifzug gehen. Häufig in die Margerithensiedlung, was die Mutter der beiden definitiv nicht erfahren soll. Paola sucht Antworten, auch warum sie dort nicht hin darf.
    Paola mag die sozialen Medien nicht, klickt sich aber ab und an durch, da ihre Mutter dies fordert. Ansonsten ist sie genervt vom ewigen Kalorien zählen, was ihre Mutter ihr ebenfalls aufzwingt. Um so größer ist die Genugtung, wenn sie mit Richi das verbotene Essen kauft und heimlich mit ihm isst.
    In der Schule wird sie gemobbt, fühlt sich als Außenseiterin, und zu allem Überfluss denkt sie, sie sei häßlich und dick.

    Paolas Vater leitet die Costa Costruzioni, die Firma, die der Vater seiner Frau damals ins Leben gerufen hat. Ihr Großvater war auch für den Bau der Siedlung zuständig, eine Siedlung für die Arbeiterklasse. Genau deshalb kann Paola die Abneigung ihrer Mutter sie dorthin gehen zu lassen nicht verstehen. Doch Paola wird im weitern Verlauf erkennen, dass es Geheimnisse in der Familie gibt, die eigentlich nicht ans Licht kommen sollten.
    In eben dieser Siedlung kommen sie und Antonio sich etwas näher. Auch Richi profitiert davon, denn Antonios Bruder ist in seinem Alter und die zwei können nun gemeinsam Schach spielen.

    Dieser Roman bezauberte mich auf unterschiedliche Weise. Die Erzählerin mit ihren süßen 16 Jahren führt gekonnt durch die Geschichte. Sie erklärt dem Leser ihre Sicht auf sich, die Welt und über das, was in Ihrer Familie geschieht. Und das ist eine ganze Menge. Vieles deckt sich mit dem was ein normaler Teenager durchmacht, doch einiges ist spezieller und eher den familiären Umständen geschuldet. Doch es war spannend zu lesen wie dieses Mädchen die Dinge sieht und wie sie ihren Weg geht. Der Skandal am Ende wirkt da beinahe deplatziert, obwohl er die Geschichte entscheidend verändert. Klare Leseempfehlung!

  1. The great silence

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Nov 2020 

    Mit Büchern von (mir) unbekannten Autorinnen und Autoren ist es so: entweder werde ich enttäuscht und Buch und Autor*in versinken in der Bedeutungslosigkeit oder ich habe eine*n Autor*in mehr auf meiner Liste, wo ich weiterhin einen Blick draufhabe.
    So geschehen aktuell mit der italienischen Autorin Raffaella Romagnolo und ihrem Roman „Dieses ganze Leben“.

    Hier erzählt uns die 16-jährige Paola von ihrem Leben; ein Leben, dass vornehmlich aus einer „Heile Welt“-Fassade besteht: Villa, Swimmingpool, Nanny – was will man mehr? Nun, eigentlich ist es genau das, was Paola nicht will. Sie will Freunde, sie will „dazugehören“, sie will ein Leben ohne Mobbing.

    Paola bezeichnet sich direkt im 1. Absatz als „[…] hässlich. Das ist die Wahrheit, die schlichte, unzweifelhafte Wahrheit.“ (S. 11). Nun, das zeugt nicht gerade von großem Selbstvertrauen. Aber woher soll sie es auch nehmen? Aus einer Familie, die schweigt, die alles „unter den Teppich“ kehrt? Schlechte Voraussetzungen. Bis eines Tages das Kartenhaus der Lügen ihrer Familie zusammenbricht…

    Vorgetragen in einem teils pubertär-rotzigen Grundton mit melancholischen Noten versetzt mit (erstaunlich) klugen (Lebens-)Weisheiten, versteckt sich hinter und zwischen den Zeilen eine dramatische Geschichte, die mit ganz wenigen Klischees auskommt und die mich einigermaßen gepackt hat. Gefallen haben mir besonders die vielen literarischen Bezüge, die Dialoge zwischen Mutter und Tochter (äußerst realitätsnah; ich spreche aus „Erfahrung“ *g*) sowie das leicht offene Ende.

    Alles in allem: 4* und eine (fast) klare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Ein eindrucksvoller Coming-of-Age Roman...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Nov 2020 

    Paola passt nicht in diese Welt, findet sie. Wo Glanz und Erfolg das Maß vorgeben, hält sie sich lieber an ihren Bruder, der im Rollstuhl sitzt, gerne Schach spielt und auf Likes pfeift. Auf Verordnung ihrer Mutter muss Paola täglich mit Richi an die frische Luft. Eine gute Gelegenheit, der Enge der elterlichen Villa zu entfliehen und Gegenden zu erkunden, wo Paola das wahre Leben vermutet – das so ganz anders ist, als sie dachte.

    "Mit einer Lüge zu leben ist für eine Wahrheitsfanatikerin wie mich ungefähr genauso, wie für eine Vegetarierin, bei McDonald's zu essen."

    Paola sieht um sich herum nur Lug und Trug, was zählt, ist die Fassade. Unerträglich für eine 16-Jährige, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlt. Paola muss ihren Bruder täglich in seinem Rollstuhl durch die Gegend schieben, damit sie nicht dick wird - so die Verordnung der Mutter. Jenseits der Hecke, die das schicke Einfamilienhaus umgibt, in der Peripherie der Fabrikhallen und des sozialen Wohnungsbaus, erkundet Paola zusammen mit Richi eine Welt, die ihr zunächst fremd ist. Und doch erfährt sie dort endlich die ganze Wahrheit - über ihre Familie und sich selbst...

    Dieser Roman gefiel mir richtig gut. Der Ton rotzig-lakonisch, bietet die Erzählung Raum für die Wut eines heranwachsenden Mädchens in der Pubertät. Die Ich-Erzählerin findet sich selbst fett und hässlich, widersetzt sich den Anweisungen und Erwartungen der Eltern - v.a. der Mutter - und wirkt (z.T. selbst gewählt) sehr einsam. Nur mit ihrem Bruder zusammen, die eine Stunde am Tag, kann sie am ehesten die sein, die sie ist. Antonio, ein Schulkamerad, der aus einer ganz anderen sozialen Welt kommt, scheint ein echtes Interesse an ihr zu haben. Doch Paola ist in einer ständigen Hab-Acht-Stellung, so selbstverständlich erwartet sie schon die Verletzungen, die ihr von allen Seiten zugefügt werden. Sie scheint bei allem Trotz und aller lakonischen Haltung doch sehr empfindsam zu sein.

    Erzählt wird hier von einer problematischen familiären Konstellation: die Mutter nur an Oberflächlichkeiten interessiert, der Bruder im Rollstuhl, der Vater nur zeitweise präsent und wenn, dann kaum mit Interesse an der Familie. Das Herz der Familie ist Richies Pflegerin Nina, die zumindest immer ansprechbar ist. Paola fühlt sich jedenfalls von ihren Eltern nicht wahrgenommen:

    "Wenn du mich anschaust, siehst du nur die Kleidergröße, die ich trage." (S. 105)

    Ein wenig wirkt der Roman als würde Paola ihrem Tagebuch einzelne Szenen ihres Lebens anvertrauen. Erzählt wird flott und lebendig, in einer von Ironie und Zynismus geprägten rotzigen Sprache. Und obwohl hier auf Gefühlsduselei oder Sentimentalität verzichtet wird, erahnt der Leser die emotionale Lage von Paola. Sarkasmus statt Schmerz - doch ab und an blitzt er eben doch durch.

    Das Geschehen, das sich hier entwickelt, bricht die Fassaden auf, sowohl in der Familie als auch bei Paola selbst. Das Ende des Schweigens, endlich Wahrheiten - und ein langsames Umdenken in vielerlei Hinsicht. Eine Entwicklung, die in einem offenen Ende mündet und doch hoffnungsvoll ist, für mich genau passend...

    Ein eindrucksvoller Coming-of-Age-Roman, dem ich eine volle Leseempfehlung gebe!

    © Parden

  1. Das komplizierte Leben der Jugend...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Nov 2020 

    Auf das Erscheinen dieses Buches hatte ich so sehnsüchtig gewartet, weil es mir bereits in der Verlagsvorschau positiv auffiel. Gespannt begann ich zu lesen.

    In der Geschichte geht es um Paola, die eigentlich alles hat um zufrieden im Leben zu sein: ihre Eltern sind reich, sie leben in einer Villa, Haushalt, Garten und Co werden von Angestellten bewirtschaftet, sie ist gesund und dennoch ist Paola nicht glücklich. Bewusst sucht sie Kontakt zur anderen Seite ihrer Welt. Wird sie im Ghetto der Stadt Antworten finden?

    Paola fungiert als Ich- Erzählerin und ihre Gedankensprünge und Fantasien machten es beim Lesen nicht immer leicht ihr folgen zu können. Die Art ihrer Erzählweise erschien mir aber dennoch unheimlich authentisch, da gerade jungen Menschen in der Pubertät so viel durch den Kopf geht und es da auch schwer fällt alles zu verarbeiten und zu verstehen. Bedrückt hat mich bei ihr die Härte gegen sich selbst, denn es gehört schon einiges dazu, wenn man sich selbst dauerhaft als hässlich und ungeliebt wahrnimmt. Allerdings gehe ich davon aus, dass es vielen Mädchen ihrer Altersgruppe so geht.

    An ihrem Bruder Richi mochte ich vor allem, dass er trotz seiner körperlichen Einschränkungen versucht seiner Schwester beizustehen. Ich fand gut, dass er sich nicht alles gefallen lässt, seine Bockanfälle hatten fast schon etwas Witziges. Zudem hat mir zugesagt, dass seine Behinderung als völlig normal und eher nebensächlich dargestellt wird und nicht dass der Fokus darauf liegt, denn seine Fähigkeiten machen ihn ja als Person aus und nicht seine Einschränkungen.

    Das dargestellte Familienleben zeigt deutlich, dass Geld allein nicht glücklich macht. Jeder in der Familie hat sein Päckchen zu tragen, obwohl man eigentlich glauben würde, dass solche Leute gar keine Probleme haben.

    Meine absolute Lieblingsfigur war Nanny Nina. Ihre Art die Welt zu sehen und Verschwendung in jedem Fall zu vermeiden, fand ich klasse. Auch wenn es erscheint als wäre sie aus einem früheren Jahrhundert gefallen, ist ihre Sichtweise eigentlich modern, da Zero Waste und Umweltbewusstsein gerade im Trend liegen. In meiner DDR- Kindheit wurde es genauso gemacht, wie sie es praktiziert.

    Die eingewobene, zarte Liebesgeschichte hatte ihren Reiz. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.

    Sprachlich empfand ich den Roman als sehr angenehm. Es gab so viele tolle Sätze und Formulierungen, die man sich notieren musste und als Lebensweisheit im Alltag verteilen könnte.

    Das Ende kam für mich persönlich etwas plötzlich. Mir hätte es gefallen, wenn die Autorin noch das Leben nach dem Ereignis etwas beleuchtet hätte. Dies bleibt nun der Fantasie des Lesers überlassen.

    Fazit: Keine leichte Kost, die für mich dann aber doch einen gewissen Reiz ausgeübt hat. Wer es speziell mag, wird dieses Buch lieben. Von mir gibt es eine Leseempfehlung.

  1. Vom Ende des Schweigens

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Nov 2020 

    Der Roman "Bella Ciao" von Raffaella Romagnolo über zwei mutige Frauen und ihre Familien während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte 2019 zu meinen Lieblingsbüchern. Nun hat der Verlag Diogenes nachträglich einen Titel der Autorin aus dem Jahr 2013 veröffentlicht. Obwohl wieder aus weiblicher Perspektive erzählt wird und vorwiegend Frauen im Mittelpunkt stehen, ist er thematisch wie stilistisch vollkommen anders. "Dieses ganze Leben" spielt in der Gegenwart und umfasst nur drei Monate, in denen das Leben der 16-jährigen Ich-Erzählerin Paola di Giorgi und ihrer Familie komplett auf den Kopf gestellt wird:

    "Irgendwann in den nächsten Tagen, denke ich, werden wir uns [...] darüber austauschen, wie es sich anfühlt, wenn man erkennt, dass das, was man hat, was man ist oder zu sein glaubte, auf einer Lüge beruht." (S. 229)

    Probleme überall
    Obwohl finanziell auf der Sonnenseite des Lebens geboren, empfindet Paola ihr Leben als Katastrophe. Einerseits sind es die üblichen Teenagerprobleme, Übergewicht, krumme Beine ein „Pferdegesicht“, Außenseitertum und Mobbing in der Schule. Andererseits findet sie auch in ihrer Familie, in der das Schweigen Programm ist, kaum Halt: Die „titelblattreife“ Mutter kann weder mit Poalas Körpermaßen noch und mit der Behinderung des Sohnes umgehen, die Großmutter leidet auch nach über 50 Jahren noch unter einer verpassten Jugendliebe und der Vater ist mehr in seiner Baufirma als zuhause. Was für die Mutter Bromazepam und für die Großmutter ihre Mastercard ist, sind für Paola Bücher und Filme, die imaginäre Freundin Carmen und die enge Beziehung zu ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Richi. Bei den zur Verbrennung überschüssiger Kalorien angeordneten täglichen Spaziergängen mit ihm im Rollstuhl überqueren die Geschwister die Grenze zwischen ihrem Luxus-Viertel und der von der familieneigenen Baufirma errichteten, von der Mutter panisch gemiedenen, sozial schwächeren Margeriten-Siedlung. Dort lernt Paola den zwei Jahre älteren Antonio kennen, der sie aufrichtig zu mögen scheint. Doch fehlendes Selbstwertgefühl und tief verwurzeltes Misstrauen taugen nicht als Basis für Freundschaft und Liebe und um diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen, braucht es ein gewaltiges innerfamiliäres Beben.

    Eine starke Erzählstimme
    Die Besonderheit dieses Romans liegt für mich im radikalen, kompromisslosen Erzählstil der jugendlichen Protagonistin. Alterstypisch gibt es für Paola nur hopp oder top, sie schweift gern ab und obwohl sie ihre Ehrlichkeit beteuert, ist ihr Bericht gefärbt – pechschwarz zu Beginn, fast zu rosarot später. Gut gefallen hat mir die spürbare Entwicklung Paolas, die mit abnehmender Wut die Menschen ihrer Umgebung milder und differenzierter betrachten lernt. Obwohl ich ihre Einlassungen zur Literatur nicht immer einer Sechzehnjährigen zuordnen konnte, ist die Perspektive insgesamt gelungen. Nicht unbedingt gebraucht hätte es die Thriller-Elemente auf den letzten Seiten, dagegen gefällt mir, dass nicht alles auserzählt wird.

    Ein bunter Themenstrauß
    Auch wenn der 265-Seiten-Roman aufgrund der großen Themenvielfalt – Pubertät, Eltern-Kind-Beziehung, dysfunktionale Familienstruktur, Patriarchat, Essstörung, Außenseitertum, Mobbing, Umgang mit Behinderung und Umwelt- und Sozialpolitik, um nur die wichtigsten zu nennen, – notgedrungen vieles verkürzt, empfehle ich ihn gern.

  1. Coming of Age. Frisch geschrieben.

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Nov 2020 

    Die Autorin schreibt ein Coming of Age Buch, aber nicht nur. Thema ist vor allem die gesamte Familie eines Großbauunternehmers. Die Mama, Tochter des Firmengründers und einst Direktorin hat sich ganz aus der Firma zurückgezogen, der Kinder wegen, meint man, aber das stimmt nicht. Der Papa ist abwesend.

    Es stimmt überhaupt manches nicht in der Familie, in der unter der glatten Oberfläche reichlich Konflikte lauern, mutmaßt die fast sechzehnjährige Tochter Paola, die sich dennoch gehorsam das Familienkonzept des Totschweigens übergezogen hat.

    Wie Paola vom hässlichen Entlein zum herzeigbaren Schwan wird, wie sie zuerst das innere Schweigen in ihr und dann allmählich das der ganzen Familie aufbricht und damit fast eine Katastrophe herbeiführt, davon erzählt die Autorin in frischer und manchmal fast gewagter Sprache, jugendangepaßt.

    Nach der Katastrophe die Katharsis und Neuanfang. Eh klar. Man bleibt recht positiv in diesem Roman. Natürlich geht es in diesem Coming of Age Roman auch um die übliche Selbstfindung und um erste Liebe. Um Freundschaft. Um Mobbing. Und Außenseitertum. Um Essstörungen und um den Umgang mit behinderten Mitmenschen. Ziemlich viel Thema für so einen kleinen Roman, der dann auch notgedrungen selber an der Oberfläche bleiben muss.

    Dennoch ist der Roman nicht gescheitert, er gibt Denkanstöße und bietet Unterhaltung. Mehr kann er nicht und mehr will er nicht.

    Die Figuren sind lebhaft gezeichnet, was ein großes Plus des Romans sind. Auch die Nebenfiguren haben Bedeutung!

    Paolas Ansichten werden liebevoll, ironisch-sarkastisch, nachdenklich vorgetragen. Doch eines fehlt der Protagonistin bei aller Abgeklärtheit und Klugheit: die Sicht über den Tellerrand in die Welt hinaus, wie Greta Thunberg sie hat. Sie ist unsere Heldin, die aus dem Ei schlüpft, bleibt aber ichzentriert.

    Fazit. Sehr nett.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Diogenes.

  1. Das Leben, Probleme und ein Familiengeheimnis

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Nov 2020 

    "Mit einer Lüge zu leben ist für eine Wahrheitsfanatikerin wie mich ungefähr genauso wie für eine Vegetarierin bei McDonald's zu essen." (Buchauszug)
    Mit sechzehn Jahren fängt das Leben erst so richtig an, man hat viel zu entdecken, vieles ist möglich und das Leben liegt noch vor einem. Doch Paoletta Di Giorgio (Paola) ist weniger begeistert von ihrem Leben, sie findet sich zu dick und hässlich. In der Schule ist sie ein Außenseiter und hat so gut wie kaum Freunde. Der einzige, der wirklich zu ihr hält, ist ihr Bruder Riccardo (Richi), den sie täglich mit dem Rollstuhl durch die Gegend schiebt, damit sie nicht noch mehr zunimmt. So möchte es zumindest ihre Mutter, doch diese weiß nicht, was die beiden wirklich bei ihren Ausflügen anstellen. Die beiden erkunden nämlich währenddessen die Umgebung der Fabrikhallen und ihres Hauses, entdecken dabei neue Freunde und die Wahrheit über ihre Familie.

    Meine Meinung:
    Nach ihrem Erfolgsroman "Bella Ciao", den ich leider nicht kenne. Die Autorin schafft, dass der Leser einen Einblick in das Leben einer Sechzehnjährigen bekommt, die einen mitfühlen, mitlachen, mitleiden lässt und gut das Vorbild für viele Mädchen sein könnte. Paola, aufgewachsen in einer gut situierten italienischen Familie, der Vater Chef der Baufirma Costa Costruzioni, die schon länger in Familienbesitz ist. Er selbst hingegen hat vor lauter Arbeit wenig Zeit für seine Familie übrig. Ihre Mutter hingegen ist zwar fürsorglich, was Paolas Gewicht und Körper betrifft, doch ansonsten fehlt es ihr absolut an Liebe und Verständnis. Gegenüber Richi hingegen zeigt sie dies wesentlich mehr, was sicher an seiner körperlichen Einschränkung liegt. Der 12-jährige Richi von Geburt an körperlich beeinträchtigt, ist sehr intelligent und ein großer Schachspieler. Er sitzt zwar im Rollstuhl und kann sich nur schwer artikulieren, doch seine Familie versteht sehr gut, was er möchte. Ihre gemeinsamen Ausflüge sind für Paola und Richi das Highlight des Tages, besonders nachdem sie Antonio und seinen Bruder Filippo kennenlernen. Die beiden Wohnen jedoch ausgerechnet in der Margeritensiedlung auch PEEP genannt. Eine Siedlung für günstige und gemeinnützige Wohnungen, die von der Baufirma ihres Großvater gebaut wurde. Eigentlich hat ihre Mutter verboten, dass sie dort hingehen dürfen. Darum tun sie es nun heimlich, da Filippo genauso ein leidenschaftlicher Schachspieler ist wie Richi. Außerdem lernen sich so Paola und der zwei Jahre ältere Antonio besser kennen, die auf dieselbe Schule gehen. Paola ist zudem eine gute Zuhörerin, ihre feinen Antennen spüren, dass es in letzter Zeit etwas in der Ehe ihrer Eltern nicht mehr so gut läuft, weshalb sie dem Ganzen auf den Grund gehen möchte. Immer mehr bekommt sie mit, das etwas mit der Baufirma der Familie, bei der zuvor ihre Mutter im Vorstand war und nun der Vater leitet, nicht gut läuft. Die Ganze spitzt sich mehr und mehr zu, bis Paola und Richi einem großen Familiengeheimnis auf die Schliche kommt. Dieser Roman über das Leben eines pubertierenden Teenagers hat mich nicht immer überzeugen können. Zwar konnte ich mich in viele Themen wie Schönheitsideale, Idole, Gewichtsprobleme, Andersartigkeit und Behinderung hineinversetzen, doch manches war mir zu verwirrend dargestellt. Besonders die Parallelen, die Paola oft in Büchern sucht, fand ich mitunter zu viel. Dabei störten mich hauptsächlich die Bezüge zu den Harry Potter Büchern. Da ich diese selbst nicht kenne, fehlte mir der Bezug dazu. Paola ist sehr gut ausgesucht und durchdacht, besonders in ihre Sorgen konnte ich mich gut hineinversetzen. Die anderen Charaktere dagegen fand ich etwas zu flach, ich hätte gerne noch etwas mehr von ihnen erfahren. Ebenso empfand ich das Ende ein wenig überraschend und zu abrupt dargestellt. Auch da hätte ich mir ein wenig mehr Tiefe in diese Thematik gewünscht. Ein Roman, der zwar recht gut durchdacht, der meiner Ansicht nach jedoch nicht in allem gut umgesetzt wurde. Darum gibt es von mir leider nur 3 1/2 von 5 Sterne dafür.

  1. Irgendwann reicht’s und dann muss sich was ändern...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Nov 2020 

    Ein Familienroman, eine coming of age Geschichte, ein Entwicklungsroman, ein Thriller!

    All das finden wir in dem 272 Seiten dicken Buch von Raffaella Romagnolo, das sich unbedingt zu lesen lohnt.

    Schon im ersten Satz schlagen dem Leser die Gnadenlosigkeit, Kompromisslosigkeit und Übertreibung einer Jugendlichen entgegen: „Ich bin hässlich.“

    Figur, Beine, Gesicht… Nichts davon gefällt ihr.
    Und gemobbt wird sie. „Pferdegesicht“...es schmerze zwar, sei aber die Wahrheit.

    Wir begleiten die übergewichtige 16-jährige Ich-Erzählerin Paola De Giorgi über einige Monate hinweg und lernen währenddessen ihren Alltag, ihr Innenleben und ihre äußerst wohlhabende und ziemlich komplizierte italienische Familie kennen.

    Ihre gut aussehende Mutter, die regelmäßig ins Fitnessstudio geht, einen Personal Trainer hat, zum Affektabbau ein Glas Nutella verschlingt und Bromazepam zum Schlafen braucht, konfrontiert sie seit ihrem neunten Lebensjahr regelmäßig mit ihrem Übergewicht, drängt sie, abzunehmen und verfügt, dass Paola einmal pro Monat zur Kosmetikerin und täglich eine Stunde mit ihrem Bruder Richi, der im Rollstuhl sitzt, zügig spazieren geht, um Kalorien zu verbrauchen.
    Und genau diese Pflicht-Stunde wird zur besten des Tages für Paola! In dieser Zeit fühlt sie sich frei, unbeobachtet und unbeschwert.

    Ihr Vater ist Vorstandsvorsitzender des riesigen, vom Urgroßvater ms gegründeten Familienkonzerns im Baugewerbe. Er glänzt durch Abwesenheit und Desinteresse.

    Nina, die rumänische Haushaltshilfe ist der warmherzige Fixpunkt für Paola und ihren Bruder. Sie verwertet alle Reste und macht aus jedem noch so unnütz erscheinenden oder kaputten Teil etwas Brauchbares.
    Mit ihrer Bauernschläue tut sie oft genau das Richtige und wenn sie von der Hausherrin für eine zu fetthaltige Mahlzeit getadelt wird, stellt sie sich unwissend und tut so, als wäre die Sprachbarriere daran schuld.

    Richi, der jüngere, körperlich behinderte Bruder sitzt im Rollstuhl. Er leidet an einer spastischen Ganzkörperlähmung und kann sich nur mit größter Mühe bewegen.
    Sich zu artikulieren ist mit großer Anstrengung verbunden, aber wenn er will, dann kann er mehr, als man ihm zunächst zutraut. Er ist ein wacher, schlauer Bursche und liegt seiner Schwester sehr am Herzen.

    Nicht zu vergessen ist die elegante und gepflegte Großmutter ms, die vor allem an den Tagen zu Besuch kommt, wenn der Gärtner im Garten schaltet und waltet.

    Auf ihren täglichen Spaziergängen lernen Paola und Richi zwei Schulkameraden, Antonio und seinen Bruder Filippo, näher kennen. Es ist nicht zu übersehen, dass sich der um zwei Jahre ältere und sympathische Antonio für Paola interessiert.
    Aber Paola, die bisher wenig gute zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht hat, Opfer von Ciber-Mobbing geworden ist und nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzt, ist misstrauisch und kann sich nicht einlassen. Sie ist wie ein angeschossenes, scheues und verängstigtes Reh, das befürchtet, erneut verletzt zu werden.
    Ihr Schutzschild aus Reserviertheit, Sarkasmus, Ironie und Rationalisierung hält die Menschen fern.

    Zu Hause fühlt sich Paola unverstanden und einsam. In der distanzierten, desinteressierten und kühlen Atmosphäre ihres Elternhauses herrschen Sprachlosigkeit, Schweigen, Geheimnisse und Tabus. Fassade und Funktionieren sind wichtig.

    Aber im Lauf der Zeit wird Paola neugierig und rebellisch.
    Sie will sich nicht mehr abspeisen lassen.
    Sie will ernst genommen werden. Sie wird beharrlich.
    Sie lässt nicht mehr locker.
    Sie kommt Familiengeheimnissen auf die Spur und sie entdeckt zusammen mit ihrem Bruder Richi einen Skandal.

    Die Frage ist, wie Paola aus dieser ganzen Geschichte herauskommt.

    Paola erzählt ihre tragikomische Geschichte selbst und sie streut immer wieder Anekdoten, Erinnerungen und Gedanken ein.
    Manchmal wirkt es, als schreibe sie in ihr Tagebuch, manchmal, als erzähle sie uns ihre Geschichte am Küchentisch und manchmal lässt sie einfach nur ihren Assoziationen freien Lauf.
    Manchmal wendet sie sich auch an Carmen, ihre imaginäre Freundin.

    Mir gefällt dieser Erzählstil genauso gut wie die flotte, zackige, lebendige, eindrückliche Sprache, der üppige Wortschatz und der rotzige, pfiffige und authentisch wirkende Ton, der vor Zynismus, Sarkasmus und Ironie trieft.

    Der Leser wird mit einem schwierigen familiären und individuellen Schicksal und mit einer skandalösen Entdeckung konfrontiert, aber kitschig, gefühlsduselig oder sentimental wird es nie.

    Raffaella Romagnolo gelingt es wunderbar und scheinbar mühelos, mit Sprache, Ton und Erzählstil zu symbolisieren, was bei Paola und ihrer Familie symptomatisch ist:
    vor der Kulisse-hinter der Kulisse.

    Hinter der glänzenden Fassade der wohl situierten Familie steckt ein brüchiges und zerrüttetes Konstrukt aus Beziehungen und hinter der gelassenen und angepassten Fassade von Paola stecken Ängste, Selbstzweifel, Sehnsucht, Wut, Aggression und Rebellion.

    Die Autorin zeichnet ein äußerst differenziertes und glaubwürdiges Bild von Paola, ihrem Innenleben, ihrem Alltag und ihrer Familie.
    Sie verdeutlicht en passant den Weg einer Jugendlichen von der Angepasstheit über die Heimlichkeit in Richtung Autonomie und Individualität.

    Ich kann jetzt nicht umhin, noch einige eindrückliche und auch poetische Formulierungen zu zitieren:
    „Für die Wunden der Anderen habe ich eine Spürnase wie ein Setter. Ein Sonar wie ein Walfisch – für Eiter, für ein ein gewachsenes Härchen, einen Furunkel, den man noch nicht sieht, der aber bald aufbricht.“ (S. 164/165)

    „Es ist, als sei ich gar nicht da, als würden wir uns nicht entgegenkommen, als wäre die, die beiseite tritt, um sie vorbei zu lassen, nichts weiter als der Schatten eine Platane auf dem Asphalt. Ein Windstoß, weniger als ein Atemhauch. Nichts. Ich fühle mich wie ein nichts.“ (S. 171)

    Es macht Spaß und gibt der eigentlich sehr ernsten, traurigen und erschütternden Geschichte Leichtigkeit, wenn man immer wieder mit wunderbaren, berührenden und amüsanten Anekdoten unterhalten wird.
    Zum Beispiel der Schwank von Antonio, der auf einem Schulausflug auf der Toilette vergessen wird oder die Story von der Oma und dem Gärtner, die offenbar ineinander verliebt sind und wie Teenager miteinander turteln.
    Über die Szenen mit Nina, die sich dumm stellt, als sie von der Hausherrin getadelt wird, weil sie einen viel zu kalorienhaltigen und deshalb verbotenen, aber äußerst leckeren Kartoffel-gâteau zubereitet oder Bratwürste aufgetischt hat, muss man einfach schmunzeln.

    Ich bin sehr angetan von diesem Werk. Der Autorin gelingt es eindrucksvoll, durch Sprache, Ton, Erzählweise und eingestreute amüsante Anekdoten eine ernsthafte, traurige, erschütternde und skandalöse Geschichte zu erzählen, ohne dass man melancholisch wird.

    Die Wende kam am Schluss vielleicht etwas zu plötzlich und die Geschehnisse am Ende waren vielleicht etwas überzeichnet und überspitzt, aber das hat meinen Gesamteindruck nicht gravierend beeinflusst.
    Es ist schlicht eine Frage des Geschmacks.

    Ich empfehle diesen kurzweiligen, unterhaltsamen und gut konstruierten Roman, der von Anfang an fesselnd ist und ab der Mitte nochmal an Fahrt aufnimmt, sehr gerne weiter.

  1. Hinter den Fassaden

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Nov 2020 

    Paola ist 16 Jahre alt. Sie fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut, empfindet sich als hässlich und fett. Seitdem ihre Mitschüler ihr einen üblen Cyber-Streich gespielt haben, zieht sie sich innerlich zurück, hält nur noch die Fassade nach außen aufrecht.
    „Das Warten dauert drei Minuten und zehn Sekunden, aber in Wirklichkeit dauerte das Warten viel länger, meiner Rechnung nach mindestens zwölfmal so lang, mal drei macht das sechsunddreißig Minuten reale Demütigung, verdichtet auf drei Minuten und zehn Sekunden virtuelles Mobbing.“ (S. 15)

    Dass Fassade wichtig ist, wurde ihr im Elternhaus beigebracht. Die privilegierte Familie lebt in einer schicken Villa, der Vater ist Inhaber und Chef einer führenden Firma in der Baubranche. Die überaus attraktive Mutter beschäftigt sich viel mit ihrem Körper, versucht auch auf Paola einzuwirken, ihren BMI zu reduzieren. Zu diesem Zweck soll sie auch jeden Tag ausgedehnte Spaziergänge mit ihrem gehandicapten 12-jährigen Bruder Richi unternehmen, der im Rollstuhl sitzt und ebenfalls nicht dem Familienideal entspricht. Auf diesen Ausflügen entfernen sich die beiden Heranwachsenden von Zuhause. Sie gehen „auf die andere Seite“: jenseits der Unterführung beginnt das Arbeiterviertel mit seinen Wohnblöcken, seinen Werkhallen, seinem Mief.
    „Wir sprechen nur ab und zu, wenn uns etwas Lustiges einfällt. Es ist unsere tägliche Happy Hour, unsere Stunde Freigang, die Geheimtür, der Fliegende Schlüssel, der uns woandershin bringt, der doppelte Boden des Koffers, der Passierschein, der Tarnumhang, das Simsalabim, das die Schatzhöhle öffnet. Na gut, ich übertreibe. Aber nicht zu sehr.“ (S. 54)

    Dort, in einem kleinen Park begegnen sie Antonio. Paola kennt ihn aus der Schule, er ist zwei Jahre älter als sie. Antonio ist anders, weniger oberflächlich als die anderen. Er interessiert sich für Paola und behandelt auch Richi interessiert und voller Achtung. Da sowohl Richi als auch Antonios Bruder Filippo begnadete Schachspieler sind, kommt es zu weiteren Verabredungen.

    Was sich jetzt entspinnt, ist weit mehr als ein Entwicklungsroman. Paola, die Ich-Erzählerin, hat einen scharfen, unverstellten Blick auf ihr Umfeld. Sie ist klug, erzählt aber nicht stringent, sondern schweift ab – genau in dem Maße, wie ihre jugendlichen Gedanken fließen. Sie flechtet frühere Erlebnisse und Beobachtungen ein, zieht eigene Schlussfolgerungen. Man bekommt als Leser ein Bild von ihrer dysfunktionalen Familie, in der nur von der Oma sowie der Haushälterin Nina Liebe und Zuwendung auszugehen scheinen. Innig zugetan sind sich die Geschwister untereinander - trotz ihrer üblichen Streitereien.
    Eine weitere Bezugsperson Paolas ist Marta, die Tochter vom Geschäftsfreund ihres Vaters: „ Du sprichst zwei Minuten mit ihr und begreifst sofort, dass sie Weltmeisterin im schönen Schein ist, ein Destillat aus Oberflächlichkeit, die Quintessenz des Snobismus.“ (S. 111) Welch eine Klarheit spricht aus diesen Worten!

    Paola spürt, dass leuchtende Fassaden trügerisch sind, dass vieles in ihrem nächsten Umfeld nicht so ist, wie es scheint. Sie bemüht sich dabei um Wahrheit und Aufrichtigkeit, vorgetragen in dem teilweise schnoddrigen, provozierenden Ton Pubertierender, deren Direktheit umwerfend ist. Das wirkt sicher auch deshalb so authentisch, weil Paola ihre Erzählung an die imaginäre Freundin Carmen richtet. Paolas Perspektive ist zwar subjektiv und damit unzuverlässig, jedoch trotzdem sehr glaubwürdig. Die Dialoge und Konflikte wirken nicht übertrieben. Hinzu kommt, dass Paola eine starke Figur und ist kein Opfer-Typ.

    Es tun sich Abgründe und Brüche in der Vergangenheit einzelner Familienangehöriger auf, die dem Roman eine weitere Spannungsebene verleihen – nicht immer völlig klischeefrei. Die Fassaden bröckeln an vielen Orten, das Schweigen bricht. Gegenpart ist zunächst Paolas wachsende Freundschaft mit Antonio. Allerdings traut sie seinen positiven Signalen aufgrund ihres miserablen Selbstbewusstseins nicht – ein übliches Dilemma Heranwachsender, das leicht zu Missverständnissen führen kann. Richi findet in Filippo nicht nur einen Schachpartner, sondern auch jemanden, der ihn akzeptiert, so wie er ist.

    Der Roman hat mich über weite Strecken begeistert! Das Setting, die Sprache der Autorin und wie sie sich in ihre Figuren sehr differenziert einfühlt: Grandios. Der Roman verfällt nicht der Versuchung, eine gefällige Liebesgeschichte zu erzählen. Es gibt so viel mehr an Handlung. Schließlich ist dieses ganze Leben kompliziert - und zwar in jedem Alter. Alles baut aufeinander auf und hinterlässt Spuren: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Warum also keine fünf Sterne? Weil mich persönlich das Ende etwas enttäuscht hat. Romagnolo hat den Roman vielschichtig angelegt, viele tiefgründige Themen angerissen. Am Ende jedoch passiert zu vieles zu schnell, mit zu vielen Worten, zu viel Getöse. Zu viel Veränderung in zu kurzer Zeit. Aber das ist wohl absolute Geschmackssache. Ich hätte mit weniger Klarheit und für meine Begriffe mehr Realismus in der Entwicklung der Figuren gut leben können. Andere Leser vielleicht nicht. Erwähnenswert sind noch zahlreiche Bezüge zu klassischer Literatur und zeitgenössischen Filmen.

    Auf alle Fälle ist „Dieses ganze Leben“ ein äußerst lesenswerter Roman, über den sich jeder sein eigenes Bild machen sollte. Unbedingte Leseempfehlung!