Dieses entsetzliche Glück: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Dieses entsetzliche Glück: Roman' von Mingels, Annette
4.2
4.2 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Dieses entsetzliche Glück: Roman"

Hollyhock, eine Kleinstadt irgendwo in Virginia: von hier kommen sie, von hier fliehen sie, hierhin kehren sie zurück, manche für immer. Fünfzehn Menschen, fünfzehn Leben, die miteinander verbunden sind. Da sind Robert und Amy, die vor einem Jahr eine Vereinbarung getroffen haben: sie dürfen beide mit anderen schlafen, was Robert gar nicht will. Da ist Aiko, die glücklich sein könnte mit Alex, der eine Zuversicht ausstrahlt, die sie von ihrem Bruder Kenji kennt, doch das Glück will sich nicht einstellen. Da ist Dan, dessen Ehe in die Brüche ging und der ahnt, dass auch die seiner Schwester Amy auf der Kippe steht. Da ist Kenji, der sich als Schriftsteller versucht, und Lucy, die sich zu ihrer eigenen Überraschung in eine Frau verliebt. Und da ist Basil, der ein Geheimnis mit sich trägt, von dem in Hollyhock niemand etwas ahnt. Annette Mingels erzählt mit großer Wärme, heiterer Melancholie und Virtuosität von Menschen, die auf Durchreise in ihrem eigenen Leben sind. Ein Roman über die Unmöglichkeit der Nähe, unsere Sehnsucht danach und den manchmal lebenslangen, verzweifelten Versuch, sie zu erreichen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:350
Verlag:
EAN:9783328601005

Rezensionen zu "Dieses entsetzliche Glück: Roman"

  1. Glückssuchende

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Okt 2020 

    Eine literarische Anhäufung unglücklicher und versehrter Menschen findet sich im Episodenroman von Annette Mingels „Dieses entsetzliche Glück“. Figuren und ihre Schicksale sind kunstvoll miteinander verwoben und fügen sich dabei zu einem eher traurigem als glücklichem Roman.

    Eine Amerikanische Kleinstadt ist der Drehpunkt des Romans, der von dort lebenden Menachen und ihren Geschichten handelt, es sind unaufgeregt erzählte Lebensepisoden vom Suchen und Finden, Fortgehen und Heimkehren, Familiengeschichten und Geschichten über Freundschaften. Anfangs nur ganz lose verknüpft fügen sich die einzelnen Schicksale auf wunderbare Weise wie die Teilchen eines Puzzles ineinander und erlauben dem Leser Einsichten aus verschiedenen Blickwinkeln. Es sind Geschichten aus der heutigen USA ohne Politisierung und Verwerfungen, modern und angenehm bodenständig zugleich.

    Was die Figuren miteinander verbindet ist außer der Kleinstadt Hollyhock das Scheitern auf der Suche nach dem Glück. Oder das Übersehen der Tatsache, dass Glück bereits da war. Manche sind aus dem Ort weggezogen, um den Kleinstadtmief hinter sich lassen zu können. Andere haben genau davor Angst, in der Ferne unterzugehen und sind deshalb geblieben. Banalität bildet den Hintergrund für große Lebensfragen, und mit ihren treffsicheren Beschreibungen der Figuren ohne großen Schnickschnack , den tiefen kurzen Blicken in die Seelen und den offenen Enden liest sich das Buch trotz aller Traurigkeit durchaus vergnüglich, auch wenn es zunächst anders erscheint.

    Voller Melancholie, mit genauem beobachtenden Blick und mit viel Liebe für ihre Figuren erzählt Annette Mingels die Geschichten, und am Ende ist man sich als Leser ziemlich sicher, dass die Suche nach dem Glück wohl überbewertet wird, dass man in vielen Situationen schon sehr genau hinsehen muss, um ein sicheres Urteil fällen zu können und dass man oft glücklich ist mit dem, was gerade passiert und es aber leider nicht bemerkt.

    Das Buch ist ein schönes Stück Literatur, das ich gerne gelesen habe, auch wenn ich gar kein Fan von Kurzgeschichten und Episodenromanen bin.

  1. Faszinierend alltäglich

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2020 

    Das Städtchen Holbrook, befindet sich in den USA, könnte in New York, Massachusetts, Arizona oder sonst wo liegen, könnte aber auch fiktiv sein. Was soll's? Viel interessanter ist, dass dieser Ort eine wichtige Rolle in Annette Mingels Buch "Dieses entsetzliche Glück" spielt, ist er doch das wesentliche Bindeglied zwischen unterschiedlichen Geschichten und unzähligen Protagonisten dieses Romans, der auch als Sammlung von Kurzgeschichten durchgehen könnte.
    Dabei konzentrieren sich diese Geschichten auf das Gefühlsleben der Charaktere. Es sind Menschen, die auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück sind. Dabei haben sie mit Sorgen und Nöten zu kämpfen, die ihnen bei dieser Suche im Wege stehen. Ihre Sehnsüchte und Wünsche sind dabei nicht außergewöhnlich und unterscheiden sie nicht von denen anderer. Es sind also Menschen wie du und ich.
    Gerade diese Alltäglichkeit bewirkt, dass man als Leser sehr dicht an den Charakteren und ihren Problemen dran ist.
    Die Geschichten in diesem Roman durchzieht dabei eine wohltuende Melancholie, die mit der Stimmungslage der Protagonisten sowie ihren Sorgen und Nöten eine harmonische Einheit bildet.

    Zunächst lässt sich kein Zusammenhang zwischen den einzelnen Personen erkennen. Sie kommen und gehen, hinterlassen mit ihren Geschichten beim Leser mal mehr, mal weniger Eindruck. Es ist schwierig, sich die Namen der Charaktere zu merken. Erst nach und nach zeichnen sich Verbindungen ab. Die loseste Verbindung ist dabei Holbrook, denn alle Protagonisten leben in diesem Ort oder haben hier gelebt. Die engsten Verbindungen sind Verwandschaften. Dazwischen können Bekanntschaften, Freundschaften oder der Beruf eine Verbindung zwischen den einzelnen Personen herstellen.

    Eine Besonderheit dieses Romans ist sicherlich der Perspektivwechsel. Jedes Kapitel und somit jede Geschichte wird aus der Sicht eines Protagonisten erzählt. Hinzu kommt eine Verschiebung der Wahrnehmung. Lernt man die Protagonisten zunächst aus der, ihnen eigenen Sichtweise kennen, begegnet man ihnen an späterer Stelle aus der Sicht eines weiteren Protagonisten wieder, das kann als Nebendarsteller in einem anderen Kapitel sein oder auch als Gesprächsgegenstand anderer. Man wird als Leser feststellen, dass Eindrücke, die man sich von einem Protagonisten geschaffen hat, an späterer Stelle wieder revidiert werden müssen. Denn selten stimmen die Selbstwahrnehmung eines Protagonisten mit demjenigen Bild überein, das andere von ihm haben. Wie im echten Leben!

    Fazit:
    Die Kombination aus "Alltäglichen Geschichten, die das Leben schreibt" sowie die wohltuende Melancholie als tragende Stimmung dieses Romans, haben bei mir für Tiefenentspannung beim Lesen gesorgt. Ich konnte herrlich von meinem Alltag abschalten.

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Wo ist denn das Glück?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Sep 2020 

    Ein interessantes Konstrukt! Hat mir recht gut gefallen. Und mich ebenso auch etwas irritiert. Diese Autorin ist eine deutsche Autorin. Gelesen hat sich dieses Buch für mich aber recht amerikanisch, und das lag für mich nicht am Handlungsort, sondern eher an den Charakteren und der Schreibe. Aber die Autorin lebt auch in den USA, vielleicht hat dies Auswirkungen. Wer weiß?

    In 15 verschiedenen Kapiteln werden wirklich viele Charaktere vorgestellt, deren Leben skizziert, manchmal fällt die Skizze ausführlicher aus, manchmal ist es eher eine Schattierung. Bei diesen vielen Charakteren ist es hilfreich sich ein Personenregister anzulegen, denn diese Charaktere kommen wieder, haben untereinander weitere Beziehungen/Anknüpfpunkte. Überall ist die Suche nach dem Glück fühlbar/spürbar. Dabei ist das Geschriebene in einer melancholischen Grundstimmung gehalten, die aber nach und nach etwas hoffnungsvoller wird. Was ich schön fand, sehr schön sogar. Und die Sicht auf die Charaktere fand ich interessant, einfühlsam und zugewandt. Das ist etwas, was ich bei deutschen Erzählern meist vermisse. Vielleicht empfinde ich auch deshalb das Erzählte so anders/so amerikanisch. Schön gestaltet fand ich den Fakt, dass manche der anfänglichen Charaktere wiederkehren, manchmal in weitere Charaktere eingreifen/einwirken, eine Verbindung entsteht. Vollkommen nachvollziehbar in meinen Augen, handelt das Geschehen doch größtenteils in einer amerikanischen Kleinstadt in Virginia, jeder kennt irgendwie doch jeden. Und schön fand ich auch die verschiedenen Perspektiven, das unterschiedliche Wahrnehmen von Geschehnissen und Personen. Sehr menschlich und sehr erhellend. Und dann als perfekten Abschluss das wirklich richtig gut gestaltete letzte Kapitel, in dem die Autorin einen großen Teil der Charaktere wiederauftauchen lässt. Hier fand ich auch gut, dass nicht alles auserzählt wird/aufgedröselt wird. Denn im Leben passiert das auch nicht. Manches bleibt lose/vage und das ist gut gemacht. Hat mir gefallen, dieses entsetzliche Glück!

  1. Das ganz alltägliche Leben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Sep 2020 

    Ganz in amerikanischer Erzähltradition (wie z.B. Richard Russo, Elizabeth Strout) fächert die deutsche Autorin Annette Mingels ihren Geschichtenreigen auf, der in der fiktiven Kleinstadt Hollyhock in Virginia angesiedelt ist. Das Buch umfasst 15 Kapitel/Geschichten, die sich jeweils auf eine Figur konzentrieren und deren Sichtweise auf ein für sie besonderes Geschehen wiedergeben. Fühlt man sich zu Beginn des Buches noch ein bisschen hin und her geschleudert angesichts der vielen auftauchenden Charaktere, merkt man doch bald, dass viele bereits kennengelernte Figuren erneut auftauchen. Auf diese Weise ergeben sich Verbindungen. Mal sind sie familiärer Natur, mal sind sie durch Freundschafts-, Liebes- oder sonstige Beziehungen verbunden, oder sie kreuzen nur kurz ihre Wege.

    Da der Fokus sich aber in jedem Kapitel verändert, ergeben sich auch andere Perspektiven, die das Bild nach und nach vervollständigen. Hollyhock ist ein kleiner Mikrokosmos. Die Geschichten sind sämtlich dem ganz normalen Leben entnommen. Sie sind nicht wirklich spektakulär, aber bedeutsam für das Leben des jeweiligen Protagonisten. Dadurch findet man sich selbst ein Stück weit wieder, man kann sich hineinfinden in die alltäglichen Schwierigkeiten und Probleme, die sich um Liebe, Familie, Heimat, Krankheit, Sehnsüchte, Zugehörigkeit und vielerlei mehr drehen. Allen Geschichten haftet ein Hauch Melancholie und Traurigkeit an, alle Figuren scheinen auf der Suche nach einem bisschen vom „entsetzlichen Glück“ zu sein.

    Einige der Geschichten haben zum Beispiel mit Kenji zu tun. Kenji ist Jungschriftsteller, sein erstes Buch war allerdings nicht sonderlich erfolgreich. Er fühlt sich einsam, seitdem seine Freundin Lucy ihn verlassen und eine Beziehung mit seinem besten Freund Basil begonnen hat. In einer weiteren Geschichte teilt Kenjis Mutter seiner Schwester Aiko mit, dass sie sich in den USA nicht mehr wohlfühlt und zurück nach Japan geht. Später lernen wir auch den Ehemann /Vater Saul kennen, der, mittlerweile alleinstehend, seinen Lebensmittelpunkt verloren zu haben scheint. Sein Blick auf die Trennung sieht naturgemäß völlig anders aus als der seiner Frau. Saul lässt sein Haus verfallen und seine Wohnung wirkt vernachlässigt. Tochter Aiko kümmert sich um ihn. Bald tritt auch eine neue Frau in sein Leben. Kenji indessen scheint in seiner Künstlerblase zu leben. Er arbeitet an einem Roman, in dem er seine Beziehung zu Lucy aufarbeitet, viel Platz für die Sorgen seiner Familie hat er im Moment nicht.

    Die Zeit tritt im Verlauf des Buches nicht auf der Stelle, sie schreitet voran. Es kommen noch viele weitere Figuren zu Wort. Perspektiven ergänzen sich, bis am Ende die wesentlichen Handlungsfäden zusammengeführt und zu Ende gebracht werden. Wie im richtigen Leben auch gilt das allerdings nicht für alles: Manches bleibt in der Schwebe und gibt Anlass für Austausch und Nachdenken.

    Annette Mingels muss eine gute Beobachterin mit Menschenkenntnis sein. Ihre Charaktere wirken sehr glaubwürdig und sorgsam gezeichnet. Sie haben viele Facetten, die durch die Interaktion mit anderen Figuren in unterschiedlichen Kontexten deutlich werden. So erleben wir beispielsweise Kenji als Freund, Geliebten, Bruder, Sohn oder Schriftsteller.

    Der ruhig fließende Schreibstil ist für mich eine Wonne. Hier ein Beispiel: „Dahin zu kommen, dachte Saul. Dass man loslassen konnte, einander und das, was man besaß. Weil am Ende nichts davon blieb. Allein und mittellos mussten sie alle hinübergehen, mit nur einem Sack voll Erinnerungen als Reiseproviant, oftmals leidend und in einen Kampf geworfen, schlimmer als je ausgemalt.“ (S. 238)

    Man muss das Buch zwar konzentriert lesen, um sowohl den Überblick über das üppige Personal zu behalten als auch alle Verzweigungen und Zusammenhänge zu erfassen, aber es lohnt sich. „Dieses entsetzliche Glück“ ist ein Buch für ruhige Abende, das bestimmt auch eine Zweitlektüre lohnt.
    Große Leseempfehlung!

  1. Scherben des Glücks

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Sep 2020 

    Schauplatz des neuen Romans von Annette Mingels ist die fiktive Kleinstadt Hollyhock im ländlichen Virginia. In insgesamt 15 Geschichten lässt die Autorin ein großes Figurenensemble auftreten. Dabei greift sie einzelne Episoden aus deren Leben heraus, stellt sie in Beziehung zu deren Biographie und wechselt dann im nächsten Kapitel zu einer weiteren Figur. Mit der Zeit stellen sich Verbindungen her; manche stehen in enger Beziehung zueinander, andere Lebenswege kreuzen sich nur kurz. Dabei sind es oft nur kleine Sequenzen, die Bezug nehmen auf frühere Szenen. Dadurch erfährt der Leser, wie es weitergeht bzw. sieht das Ganze aus einer anderen Perspektive.
    Eine zentrale Rolle spielt Kenji, ein junger Mann, der erste Versuche als Schriftsteller macht. Zuerst lernen wir ihn kennen als Bruder von Aiko und Sohn des Ärzte- Ehepaars Saul und Nomi. Die treten wiederum in eigenen Kapiteln auf. Nomi entschließt sich, nachdem die beiden Kinder aus dem Haus sind, ihren Mann zu verlassenen und in ihre frühere Heimat zurückzukehren. Sie fühlt sich abgetrennt von ihrer ursprünglichen Kultur und bedauert, jemals überhaupt Japan verlassen zu haben. In einer späteren Geschichte erleben wir, wie Saul versucht, sich allein zurechtzufinden und müssen lesen, dass er damals lieber in Japan geblieben wäre, aber Nomi ihn zu einem Umzug in die USA gedrängt hat.
    So zeigt Annette Mingels immer wieder, wie unterschiedlich Menschen ihre Situation bewerten, welche Wahrheiten sie sich im Laufe ihres Lebens zurechtlegen.
    Kenji ist aus Hollykock weggegangen, tief verletzt, weil seine frühere Freundin Lucy sich von ihm getrennt hat und nun mit seinem ehemaligen Freund Basil zusammenlebt.
    Welche Gründe zur Trennung führten, erfahren wir beim Weiterlesen und auch welches Geheimnis Basil mit sich herumträgt.
    Wir lernen außerdem Kenjis Agentin kennen, die in einem, von ihrem Vater gegründeten Hospiz aufgewachsen ist und verzweifelt versucht, schwanger zu werden.
    Sehr berührt hat mich auch die Erzählung um Claire, eine alte Dame, die ihren todkranken Enkel beim Sterben nicht alleine lassen möchte.
    Es geht oft um die weniger schönen Erfahrungen im Leben, um Trennungen, Verluste und Kränkungen und hinter allem steht die Sehnsucht eines jeden nach dem „ entsetzlichen Glück“, jener Mischung aus Glück und dem Wissen um dessen Vergänglichkeit. „Hinein ins Helle und Warme. Wenigstens für kurze Zeit.“
    Ein schönes Bild dafür findet die Autorin beim gemeinsamen Essen an Thanksgiving: „Am liebsten hätte er ein Foto von ihnen gemacht, von diesem Moment, in dem sie sich nah waren,...Das war es, was sie hatten, fühlte er, diesen Moment und den nächsten. Was danach kommen würde, würde man sehen.“
    Oft ist es wenig spektakulär, was die Protagonisten erleben, aber trotzdem ist es von Bedeutung für sie.
    Alle Geschichten handeln von Beziehungen jeglicher Art - zwischen Paaren, zwischen Eltern und Kinder, zwischen Geschwistern, zwischen Freunden - und die unterschiedlichen Wahrnehmungen davon.
    Nicht alle Geschichten finden ein Ende, manche Fäden bleiben lose, manche Fragen unbeantwortet ( wie im richtigen Leben).
    Für dieses Buch gilt, was einer der Protagonisten über Kenjis Kurzgeschichtenband sagt: „ Manche ( Geschichten) hatten ihm gefallen, andere nicht, aber allen war etwas eigen gewesen, das ihn interessierte. ...Vielleicht, dass die Geschichten nie ganz aufgingen. Dass etwas zwischen den Zeilen stand, das er ...sich selbst erschließen musste.“
    Was diesen Roman so lesenswert macht, ist neben der genauen Beobachtungsgabe und der feinfühligen Zeichnung der Figuren, vor allem die Sprache der Autorin.
    Obwohl der Roman mit seinem umfangreichen Personal einige Konzentration erforderte, so war er für mich doch ein wunderbares Leseerlebnis. Ich war gern bei diesen Bewohnern von Hollyhock, habe teilgenommen an ihrem alltäglichen Leben und einige der Figuren sind mir sehr nahe gekommen.
    Was sich anfangs als Band mit Erzählungen gelesen hat, war am Ende für mich ein stimmiger Roman.
    Die Quintessenz fasst die Autorin selbst zusammen:
    „Vielleicht war es einfach nicht möglich, jemals wirklich etwas über den anderen zu wissen. Doch was bleibt dann? ....Momente des Verstehens, ..., leuchtende Scherben des Glücks.“

  1. Wo ist das Glück?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Sep 2020 

    Inhalt (Klappentext):

    Hollyhock, eine Kleinstadt irgendwo in Virginia: von hier kommen sie, von hier fliehen sie, hierhin kehren sie zurück, manche für immer. Fünfzehn Menschen, fünfzehn Leben, die miteinander verbunden sind. Da sind Robert und Amy, die vor einem Jahr eine Vereinbarung getroffen haben: sie dürfen beide mit anderen schlafen, was Robert gar nicht will. Da ist Aiko, die glücklich sein könnte mit Alex, der eine Zuversicht ausstrahlt, die sie von ihrem Bruder Kenji kennt, doch das Glück will sich nicht einstellen. Da ist Dan, dessen Ehe in die Brüche ging und der ahnt, dass auch die seiner Schwester Amy auf der Kippe steht. Da ist Kenji, der sich als Schriftsteller versucht, und Lucy, die sich zu ihrer eigenen Überraschung in eine Frau verliebt. Und da ist Basil, der ein Geheimnis mit sich trägt, von dem in Hollyhock niemand etwas ahnt.

    Meine Meinung:

    Ich bin kein großer Freund von Kurzgeschichten und Erzählbänden. Ich möchte gern in eine Geschichte eintauchen, der Entwicklung oder dem Lebensweg eines Charakters folgen. Deswegen war ich zu Beginn der Lektüre dieses Buches hin- und hergerissen. Die wunderbare Sprache und der Erzählstil von Annette Mingels haben mich sofort überzeugt und so nach und nach haben sich auch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten verdichtet. Der gemeinsame Kosmos ist Hollyhock, eine Kleinstadt im Südosten der USA und somit ergeben sich zwangsläufig Verbindungen und es war immer wieder spannend, wie sich die Meinungen und Blickwinkel auf die verschiedenen Charaktere von Geschichte zu Geschichte ändern konnten. Keine der Erzählungen ist sonderlich spektakulär, erzählt wurde meist alltägliche Begebenheiten, mitunter etwas skurril, aber mit der Zeit ergaben die einzelnen Puzzlestücke ein Gesamtbild. Der Buchtitel zeigt, dass die Protagonisten nicht immer ein erfülltes und glückliches Leben führen. Meist haben sie nur eine "lauwarme Existenz", wie der Schriftsteller Kenji im Buch etwas ungnädig über seinen Vater urteilt. Aber wie jedes menschliche Wesen sind sie auf der Suche. Der Suche nach dem manchmal "entsetzlichen" Glück, auch wenn es nur darin besteht, wenn Basil heimlich durch das Fenster im Elternhaus seines Kindheit- und Jugendfreundes Kenji späht, den er heimlich liebt und deswegen die größtmöglichste Distanz zwischen ihm und sich legen musste.

    Fazit:

    In beeindruckender Weise hat die Autorin die Fäden zwischen den Geschichten und den Menschen darin verknüpft, ein großartiges und wunderbares Leseerlebnis.

  1. Nahe dran

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Sep 2020 

    Hollyhock ist eine kleine Stadt im ländlichen Virginia. Die Menschen, die dort zu Hause sind, leben ihre gewöhnlichen Leben. Aus den verschiedensten Gründen hat es sie dort hin verschlagen oder auch wieder von dort weggeführt.
    Bruchstückhaft erzählt Annette Mingels in 15 Geschichten von diesen Menschen, die auf unterschiedlichste Weise miteinander in Beziehung stehen. Das sind zum Beispiel Amy und Robert, die eine offene Ehe versuchen, die Maklerin Susan, die erkennt, dass sie von ihrem Lebensabschnittspartner keine Ahnung hat, die Schwestern Tara und Lizzie, die Ärzte Saul und Nomi und deren erwachsene Kinder Aiko und Kenji. Mit Kenji, seiner gescheiterten Beziehung zu Lucy und dem Ende seiner Freundschaft zu Basil beschäftigen sich viele der Episoden. Es ist vor allem Kenji, der den Schlüssel zu Hollyhock in Händen trägt, als er nicht nur einen Band von Kurzgeschichten veröffentlicht, in dem sich viele seiner Wegbegleiter wiederfinden, sondern auch seine ganz persönliche Beziehungskiste in einem Roman verarbeitet.
    „Ich mag Ihren Roman…Ich mag ihn wirklich sehr. Er ist persönlich. Er ist…relevant. Bedeutend.“ Sagt Kenjis Lektorin Tessa zu dem jungen Autor.
    Die deutsche Autorin Annette Mingels lebt in San Francisco. Sie schreibt auf Deutsch, hat ihr Buch „Dieses entsetzliche Glück“ aber in den USA angesiedelt. Ist es ein Roman oder doch eher eine Sammlung von Erzählungen? Das ist nicht eindeutig zu beantworten. Es gibt keinen chronologischen Handlungsbogen, dafür eine Fülle von Protagonisten, deren Lebenswege direkt oder indirekt in Verbindung stehen, sich kreuzen, zusammenlaufen oder endgültig auseinander gehen. Wie kleine Zahnräder greifen die Geschichten ineinander.
    Wo ist denn nun die Relevanz bei dem vorliegenden Buch?
    Zuerst dachte ich, ich vermisse die Relevanz in diesem Roman. Denn genaugenommen sind sämtliche Begegnungen, die wir mit den Protagonisten haben, sehr banal. Wenn wir uns mit Freunden, Nachbarn, Kollegen zusammensetzen und ihren Lebensgeschichten zuhören, würden wir sehr viel von dem finden, was den Menschen in und um Hollyhock so alles passiert im Leben. Unsere Mitmenschen würden sie nur nicht mit so schönen Worten erzählen. Aber bei allem was Annette Mingels erzählt, zeigt sich die Relevanz im Alltäglichen. Denn für den Einzelnen, die betroffene Person, ist es relevant, wie es sich mit einer offenen Beziehung, einem Vertrauensbruch, dem Verlassenwerden, der Suche nach der Herkunft... lebt.
    Abschied, Verlust, dem Abwenden von etwas Altem, dem Wissen, dass etwas endet, ohne etwas Neues zu beginnen. Lücken im Leben, die sich nicht oder nur sehr langsam schließen lassen.
    "essen und trinken und arbeiten und nicht zu spät ins Bett gehen"...eine "lauwarme Existenz". Was ist es, was unserem Leben mehr Wärme gibt. Wofür können wir brennen? Alles schon erlebt, oder?
    Annette Mingels beobachtet diese Alltäglichkeiten mit einem ganz klaren Blick für das Wesentliche, was uns Menschen bewegt. An manchen Geschichten war ich sehr nahe, vielleicht sogar zu nahe dran. Ander wiederum wollte ich gar nicht so genau wissen. So ist das aber nun mal, dass sich das Leben auch mit Dingen konfrontiert, die man lieber nicht sehen möchte.
    Lebenswege, die sich kreuzen, Perspektiven, die sich verschieben. Veränderte Wahrnehmung, wenn sich der Standpunkt verlagert. Das ist die Quintessenz des ganzen Buches:
    „Was weiß man schon? ...Vielleicht war es einfach nicht möglich, jemals wirklich etwas über den anderen zu wissen. Doch was bleibt dann? Momente des Verstehens…leuchtende Scherben des Glücks.“

  1. Wen im Laufe des Lebens das Glück verloren geht

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 06. Sep 2020 

    „Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.“ (Wilhelm Busch)
    In Hollyhock einer Kleinstadt in Virginia, treffen wir auf einige Einwohner. Von den 15 Personen erleben wir einen Ausschnitt ihres Lebens. Einige sind miteinander verbunden durch Familie, Ehe oder Freundschaft. Da gibt es Robert und Amy, in deren Ehe es kriselt, deshalb beschließen sie, eine offene Beziehung zu führen. Doch Robert scheint nicht glücklich zu sein und sie übersehen, dass sie sich doch noch brauchen. Ebenso scheint bei Nomi und Saul die Ehe zu Ende zu sein. Nomi sehnt sich nach Japan zurück, besonders weil sie denkt, das ihren Eltern sie brauchen. Doch kann man nach so vielen Jahren wieder in die Heimat zurückkehren? Kenji hat sein Buch geschrieben, doch er zweifelt an seinem Erfolg und sieht gar nicht das andere zu ihm aufschauen. Seine Schwester Aiko scheint die strebsame, glückliche Studentin zu sein, doch im Grunde hat auch sie ihre Last zu tragen. Flynn ist todkrank, er hat Angst vor den Schmerzen und dem Sterben und möchte sich deshalb das Leben nehmen. Seine einsame Großmutter Claire hängt sehr an ihm, weshalb sie ihn diesen Schritt nicht alleine gehen lässt. Basil dagegen trägt ein Geheimnis mit sich, von dem niemand etwas ahnt.

    Meine Meinung:
    Bei 15 Kurzgeschichten, in denen unterschiedlich teils wiederkehrende Charaktere eine Rolle spielen, deren Glück irgendwie abhandengekommen ist. Alle scheinen sie Sehnsüchte zu haben oder auf der Suche nach dem Glück zu sein. Sei es die Ehen, die zerrissen wird, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben oder weil die Liebe im Laufe der Zeit erkaltet oder erloschen ist. Doch ist es wirklich so, dass die Liebe erloschen ist? Oft sehe ich bei diesen Geschichten, dass zu wenig geredet wird miteinander, sondern stattdessen handeln sie gleich. Für Familie, Partnerschaft oder Freundschaft braucht man Zeit und auch dies spiegelt sich in Annette Mingels Geschichten wider. Jedoch ist dieses Buch mit sehr viel Melancholie und Traurigkeit gespickt, sodass es für mich nicht einfach ist am Lesen dranzubleiben.Mitunter empfinde ich die Geschichten fast ein wenig zu platt und ermüdend. Bei den meisten fehlte mir der richtige Anfang und besonders, dass verständliche Ende, den sie lässt, dieses offen. Natürlich regt sie dadurch meine Fantasie an, doch ich hätte ab und zu schon gerne gewusst, wie es nun mit dem Paar oder der Person weitergeht. Zwar tauchen manche Charaktere in einer anderen Geschichte auf, weil es der Partner oder die Geschwister sind, doch leider konnte selbst dies mich nicht wirklich befriedigen. Ebenfalls die Charaktere, die mir oft zu oberflächlich waren, dadurch das ich als Leser immer nur einen kleinen Lebensausschnitt mitbekam. So habe ich mitunter keine Ahnung, was die Autorin mir außer Traurigkeit, Unglück und Unzufriedenheit vermitteln wollte in diesem Buch. Natürlich spüre ich ihr gutes Einfühlungsvermögen, sie zeigt auch ab und zu Emotionen, doch so das es mich berührt würde, war es leider nicht. Lediglich eine Geschichte, bei dem es darum geht, dass eine Großmutter mit dem Enkel Selbstmord begehen möchte, konnte mich etwas berühren. Ich glaube, dass die Autorin mit der Vielzahl an Charakteren den Leser überfordert und das mehr Tiefgang der Geschichte gutgetan hätte. Mich jedenfalls hat die Mehrzahl nicht berührt, geschweige den zu Tränen rühren können. Für mich hat die Autorin hier nicht ihr ganzes Potenzial ausgespielt. Es waren eben Geschichten, wie sie tagtäglich immer und überall passieren können. Falls die Autorin dies so bezweckt hat, dann habe ich es entweder nicht ganz verstanden oder sie hat es mir einfach nicht klar genug vermitteln können. Bei mir jedenfalls blieb am Ende wenig hängen, dagegen viele Fragen offen, sodass ich nicht befriedigt war. Deshalb kann leider ich nur 2 1/2 von 5 Sternen für dieses Buch geben.

  1. Ein Roman?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Sep 2020 

    Diese Frage haben wir uns in der Leserunde gestellt, nachdem wir die ersten Kapitel gelesen haben. Es scheint so, als sei die Verbindung zwischen diesen nur die kleine Stadt Hollyhock im ländlichen Virginia.

    Zunächst erwartet die Leser*innen in jedem Kapitel eine eigene Geschichte, ein bedeutender Ausschnitt aus dem Leben einer Figur aus der Stadt Hollyhock.
    In Retter steht Robert im Vordergrund, der mit seiner Frau ein Arrangement hat, „sie durften beide mit anderen schlafen. Das Problem war nur, dass Robert das gar nicht wollte.“(9)

    Während seine Frau mit ihrem Arbeitskollegen Liam schläft, leidet Robert an dieser Vereinbarung, hat keine Lust, mit einer anderen zu schlafen - bis er im Zug auf die mittellose Julie trifft, der er aus der Klemme hilft. Am Ende der Geschichte bleibt offen, ob die beiden zusammen bleiben werden und es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob dies im Verlauf der Handlung aufgelöst wird.

    Im 2.Kapitel muss die Maklerin Susan erfahren, dass sich ihr derzeitiger Lebensgefährte einer anderen Frau öffnet. Ist sie nur Gast in ihrem Leben? Als sie einer Familie ein Haus zeigt, wird ihr bewusst, was ihr fehlt. Auch Robert taucht als Randfigur auf - nur lose Fäden zwischen den Geschichten?

    In Verbündete eröffnet Aikos Mutter Nomi, eine Japanerin, dass sie ihren Mann bzw. Aikos Vater Saul verlassen will, um nach Japan zurückzukehren. Aiko wird von der Tochter zur Verbündeten der Mutter, während sie sich jahrelang eher als Verbündete des Vaters gefühlt hat. Während Aiko sich von der Mutter bewertet fühlt, aber als Verbündete akzeptiert, wünscht sie sich, so geliebt zu werden, wie ihre Mutter ihren Bruder Kenji (Protagonist der 4.Geschichte) liebt. Und ausgerechnet der Mann, der sie an Kenji erinnert, lässt sie fallen. Die Sehnsucht nach Nähe und Liebe bleibt unerfüllt - ein Motiv, das immer wieder kehrt.
    Auch Kenji hat seine große Liebe Lucy verloren, da sie mit seinem besten Freund aus Kindertagen weggegangen ist - das ist seine subjektive Wahrheit. Glücklicherweise kommen auch noch Lucy und Basil selbst zu Wort und es kristallisiert sich heraus, dass die Wahrheit vielschichtig ist.

    Kenji, ein Schriftsteller, der einen mäßig erfolgreichen Erzählband herausgegeben hat, über den Basil sagt, er sei
    "eine nur unzulänglich veränderte Variation von Hollyhock, zwei oder drei vollkommen unwichtige Mitschülerinnen, Kenjis Eltern natürlich - auch sie verändert, aber doch in manchem ähnlich-, eine Frau, die offen bar eine idealisierte Version von Lucy war" (271)

    Fast scheint es, als habe die Autorin ihren eigenen Roman beschrieben. Kenji kristallisiert sich als der eigentliche Protagonist, da er die meisten Bezüge zu den anderen Figuren hat, aus deren personaler Perspektive wir jeweils einen "Splitter" ihres Lebens ansehen dürfen.
    Am Ende des Romans fügen sich einige dieser Splitter zusammen, einiges wird nur angedeutet, der Fantasie der Leser*innen überlassen.

    Was bleibt, sind kleine Ausschnitte aus dem Leben von Menschen, die auf der Suche nach dem Glück sind, dieses "entsetzlichen Glücks". Neben vielen traurigen Geschichten und tragischen Situationen scheinen immer wieder diese Momente auf, in denen alles vollkommen ist und die mich als Leser*in berührt haben.

    In Lucys Geschichte entdeckt diese eine 90jährige Malerin, zu der es ein reales Vorbild gibt. Über deren Bilder sagt Lucy:
    "Sie sind so schlicht und doch nie so schlicht, wie man am Anfang meint. Sie sind nicht gemalt, um jemanden zu beeindrucken, sondern einfach Ausdruck einer Wahrnehmung." (215)

    Besser könnte man Mingels Roman nicht beschreiben!

  1. Eine Art Soap Opera.

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 03. Sep 2020 

    Kurzmeinung: Hat mich entsetzlich gelangweilt. Deshalb nehme ich den dritten Stern auch noch weg.

    In ihrem Roman „Dieses ensetzliche Glück“ komponiert Annette Mingels 15 Episoden kurzgeschichtengleich zu einem vermeintlich Ganzen. Anders als bei echten Kurzgeschichten fehlt den Episoden jedoch der besondere Kick, der herausstellende Charakter, das Zuspitzende auf eine Ausnahmesituation. Sie stellen Alltäglichkeiten dar.

    Alltag kann natürlich durchaus reizvoll sein.

    In den 15 Episoden stehen verschiedene Personen im Fokus, doch der Ort Hollyhock ist Bezugspunkt. Dennoch weiß man auch nach Ende des Romans nicht, wie Hollyhock funktionert. Hollyhock ist kein buntes Gemälde geworden.

    Die Autorin beweist mit der Erfindung von 15 Lebensläufen sicherlich Phantasie. Eine Maklerin verkauft Häuser, in denen ein anderer Protagonist lebt. Ein junger Schriftsteller schreibt über sie alle und stellt ein schwachmagnetisches Zentrum dar. Ein Ehepaar verabredet eine offene Beziehung und ein schwerkranker Jugendlicher beght mit seiner Großmutter zusammen Suizid. Eine junge Frau bekommt zu früh ein Kind, eine andere macht Karriere. Warum sollten diese Ereignisse interessieren? Warum sollten diese Personen interessieren? Das bloße Wissen um sie lockt keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

    Die Stories, die durchaus mit Eleganz geschrieben sind, bleiben nämlich insofern blass, als die Autorin so viel Personal auf die Bühne bringt, dass sie niemandem gerecht werden kann. Weil sie ihren Figuren nicht nachgeht. Und mit keiner arbeitet. Sicherlich werden immer wieder neue Perspektiven angeboten und werfen ergänzende Schatten auf einzelne Protagonisten. Aber eben nur das: Schatten.

    Die Personen machen keine Entwicklung durch, bei der man dabei sein dürfte. Sie interagieren auch kaum, gleichwohl sie in verschiedenen Episoden immer wieder einmal auftauchen. Die Autorin erzählt von ihnen, aber sie werden nicht lebendig. Sie sind eben Leute, von denen berichtet wird. Sie kommen nicht nahe. Denn sie reflektieren nicht. Ihre äußeren und inneren Konflikte werden zwar ersichtlich, aber dann hört es auf. Was jetzt? Was macht derjenige damit? No idea. Die Autorin arbeitet mit Effekten, nicht mit Erkenntnissen.

    So ist der Roman „Dieses entsetzliche Glück“ wie ein Ausschnitt aus der Tagespresse. Splitter von Leben. Aber kein Mehrwert an Erkenntnis.

    Fazit: Der Roman ist ein bisschen wie eine Soap Opera. Ein Roman, der mit Effekten arbeitet: nett, aber belanglos.

    Kategorie: Unterhaltung
    Verlag: Penguin, 2020