Die Zeuginnen: Roman

Rezensionen zu "Die Zeuginnen: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Okt 2019 

    Diktatur und Gehirnwäsche sind untrennbar.

    Nach fünfunddreißig Jahren läßt Margaret Atwood ihre Leserschaft ein wenig hinter die Kulissen von Gilead blicken, einem frommen, diktatorischen unabhängigen Staatswesen, wo das Patriarchat herrscht und Frauen zu kuschen haben. Also der Traum eines jeden Mannes. Oder?

    Wie gewohnt baut Margaret Atwood vom ersten Moment an subtile Spannung auf, sie schreibt so erfindungsreich und eindringlich, dass sie die Leserschaft sofort am Wickel hat. Drei Frauen schreiben ihre Berichte heimlich auf, die außerhalb Gileads gelangen und deren Veröffentlichung zu dessen Sturz führt. Und es passiert auf 500 Seiten so einiges, was auf keinen Fall verraten werden darf, bei nur subtiler Spannung bleibt es jedenfalls nicht.

    Die beklemmende Atmosphäre von „Der Report der Magd“ wird jedoch nicht gehalten, ein optimistischerer Zungenschlag ist spürbar, der bedrückende Nebel vom Report lichtet sich. Auch der Stil Atwoods wirkt frischer, moderner. Einige sagen, der spezifische Wortwitz fehle. Was mir vor allem fehlt, ist eine männliche Stimme und der ganze männliche Hintergrund. Die Kommandanten mögen ein schönes Leben gehabt haben, aber was ist mit der restlichen männlichen Bevölkerung? Kein Fitzelchen Opposition in Sicht? Alle nicken mit den Köpfen und sind brav?

    Die ganze Gesellschaft zu schildern, war vielleicht keine Zeit (mehr). Doch so bleibt „Die Zeuginnen“ als Fortsetzung des Romans „Der Report der Magd“ ein ziemlich einseitiger Unterhaltungsroman, der zwar auf hohem schreiberischem Niveau daherkommt, der sich aber doch in manchem einem „normalen“ Thriller annähert. Die Botschaft, dass Diktatur und Gehirnwäsche untrennbar zusammengehören, damit sie funktioniert, geht zugunsten der Action unter.

    Fazit: Ich bin nicht enttäuscht, denn die Lektüre ist äußerst unterhaltsam, ein Pageturner! Aber so wie der Roman nun einmal gestrickt ist, ist „Die Zeuginnen“ nur (noch) ein Roman für Frauen. Welcher Mann soll sich für den Roman interessieren, da Männer per se die Rolle der bösen Bösen spielen oder schmale Randfiguren sind.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Piper, 2019

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Sep 2019 

    Ein weiterer Blick nach Gilead

    Hier haben wir den so lange schon her gesehnten zweiten Teil der Reihe um das Land Gilead. 1985 erschien Der Report der Magd in Englisch, 1987 in Deutsch, ich habe den Report erst dieses Jahr gelesen und ich fand ihn unglaublich gut. Trotzdem dieses Buch schon vor langer Zeit geschrieben wurde, erscheint es in keiner Weise altbacken. Dieses Düstere, diese Tiefe und dieses Schwere, was durch die Lektüre des Buches in den Leserinnen ausgelöst wird, ist schon bemerkenswert und zeugt auch von einem ungeheuren Können der Margaret Atwood. Nachdem der Report so sehr bei mir eingeschlagen hat, war ich natürlich sehr gespannt, wie wohl Die Zeuginnen wirken werden. Über dreißig Jahre nach dem Report ist es äußerst interessant wie die Atwood jetzt auf Gilead blickt.

    Und ich wurde nicht enttäuscht, was einerseits gewiss schwer ist, nach diesem Erfolg vom Report, aber andererseits hat Frau Atwood bei mir sicher schon einen gewissen Heimvorteil, sie ist nach dem Report und nach dem blinden Mörder auf meiner imaginären Autorenliste recht weit nach oben geklettert. Ihre Art zu schreiben, ihr etwas besonderer und auch etwas boshafter Humor und ebenso ihre Sicht auf den Menschen gefallen mir sehr.

    Nun kommt dieses Buch vom Klang und vom Gefühl beim Lesen deutlich anders an als der Report der Magd. Dieses vorhin beschriebene düstere und dunkle Gefühl habe ich hier deutlich weniger wahrgenommen. Dies mag vielleicht auch daran liegen, dass hier keine neue Welt auf die Leserin einwirkt, man weiß schon wo man sich befindet, der Schock ist nicht mehr ganz so groß. Andererseits sprechen auch drei verschiedene Frauen, unterschiedlichen Situationen und Klassen entstammend, unterschiedlichen Altersklassen angehörend, aus unterschiedlichen Orten kommend, so unterschiedlich sind dann auch ihre Wahrnehmungen und Sichten. Aber alle drei sind keine Mägde und haben auch nicht dieses Entsetzliche erleben müssen, was Desfred im Report erdulden muss.

    Durch diese drei Zeuginnen erhalten wir neue Blickpunkte auf Gilead, bekommen neue äußerst interessante Informationen und Gilead wird nachvollziehbarer und das ganze System dieses furchtbaren Gebildes wird etwas begreifbarer. Die ganze Geschichte erzeugt wieder einen ganz besonderen Sog, ich konnte dieses Buch wieder ganz schlecht aus der Hand legen. Es kommt in meinen Augen nicht ganz an den Report heran, aber das liegt ganz sicher am Zauber des ersten Teils, dem Entdecken einer neuen Welt, hier ist die Welt schon bekannt und nicht mehr so überraschend. Trotzdem ist dieses Buch für mich wieder ein fünf Punkte Buch!

    Das etwas hastig herbeigeführte Ende könnte bedeuten, dass es weiter geht in Gilead, ich hoffe dies sehr und warte gespannt!

    Und wieder kann ich nur sagen, bitte unbedingt Lesen!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Sep 2019 

    Ein Pageturner sondergleichen

    Margaret Atwood schreibt nach 35 Jahren eine Fortsetzung von ihrem Wahnsinnserfolg „Der Report der Magd“. Das ist sensationell.
    Aber braucht wirklich alles eine Fortsetzung, fragt man sich. Sollte man nicht das Thema ruhen lassen, wenn man einen Superhit gelandet hat? Kann man den Report der Magd toppen? Nein, garantiert nicht. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert, denkt man und kauft dieses Buch trotzdem. Nicht nur das, man schlägt es auf und inhaliert es, ich jedenfalls.

    Das Reich Gilead ist gescheitert und jetzt sprechen Zeuginnen ganz unterschiedlicher Art und erzählen uns, wie es dazu kam.
    Tante Lydia zum Beispiel erzählt von ihrem persönlichen Schicksal, aber auch vom Aufstieg und Fall dieses menschenverachtenden Gottesstaates. Sie ist die oberste aller Tanten, aber ist sie loyal?
    Agnes Jemima ist eine Tochter aus gutem Haus in Gilead, stellt aber fest, dass sie genauso in ihrer Rolle gefangen ist, wie jede Magd oder Martha.
    Und Daisy, ein ganz normales Mädchen aus Kanada, muss auf schmerzliche Art erfahren, dass sie eng mit Mayday, der Widerstandsbewegung, verbunden ist, ohne je davon geahnt zu haben.

    Dieses Buch ist ein Pageturner sondergleichen, fängt man an, hört man nicht mehr auf.
    Es zeigt unterschiedlichste Gesichter Gileads, wo wir bislang nur eines kannten und es lässt in Abgründe blicken. Unter dem Deckmantel tiefster Frömmigkeit haben die Führer dieses Landes nur ihr eigenes Wohl im Blick und gehen dabei über Leichen. Frauen sind gefangen in ihren Rollen und selbst wenn sie höher gestellte Ehefrauen sind, haben sie keine Wahl, wer aus der Rolle fällt ist tot. In Gilead hat man alles nach Gottes vermeintlichem Willen geregelt und da gibt es keine Alternativen.

    Während die Geschichte maximal fesselt, habe ich ein klein wenig die sprachliche Finesse vermisst, die ich von anderen Büchern der Autorin gewohnt bin. Auch ihr unnachahmlicher Humor kommt erst im Epilog wirklich zum Tragen. Ich vermute, dass das einer etwas überhasteten Übersetzung geschuldet ist, aber gut, wir bekommen die deutsche Version gleichzeitig mit dem Erscheinen des Originals serviert. Wer will sich da beschweren?

    „Die Zeuginnen“ sind mindestens so eindrucksvoll wie ihr Vorgänger, bieten außerdem noch Stoff für bestimmt fünf weitere Staffeln der Fernsehserie und lassen noch ein klein wenig Luft für eine weitere Fortsetzung. Auf geht’s, Margaret, ich bin die Erste, die sie kauft!