Die Zeit des Lichts: Roman

Rezensionen zu "Die Zeit des Lichts: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Nov 2019 

    Lee Miller in Paris

    Die junge Amerikanerin Lee Miller kommt Ende der Zwanziger nach Paris, dem Zentrum der Kunst, Literatur und ein Hotspot für Amerikaner, die in das Lebensgefühl dieser Jahre eintauchen wollen.

    Lee hat ein gewisses Ansehen als Model erworben, aber sie möchte nicht länger vor der Kamera posieren, sie möchte selbst fotografieren und gestalten. Als sie dem schon arrivierten Man Ray begegnet und er sie nach einiger Zeit als Assistentin engagiert, scheint sie ihrem Ziel schon sehr nahe. Die Zusammenarbeit beginnt sie zu inspirieren, sie wagt immer häufiger fotografische Experimente und bald wird sie die Geliebte und Muse Man Rays.

    Doch je sicherer sie sich ihrer Kunst und ihrer Persönlichkeit wird, umso mehr fühlt sie sich von ihm eingeengt und vereinnahmt. Sie fühlt, dass er sie nie als gleichberechtigte Künstlerin anerkennen wird.

    Dieser Roman fängt sehr farbig das Lebensgefühl jener Zeit ein. Die Autorin hat sich für ihr Debüt eine interessante Frauenfigur als Protagonistin gewählt, deren Lebensweg sehr abenteuerlich und von vielen Brüchen durchzogen ist. Allerdings beschränkt sie sich nur auf einen kurzen Zeitraum. Von Lee Miller, der Kriegsberichterstatterin erfährt der Leser nur in kurzen eingeschobenen „Vorblicken“.Anfangs hatte ich mehr einen biografischen Roman erwartet und war deshalb fast enttäuscht, dass so vieles vom Leben dieser Frau im Dunkeln blieb, allerdings nahm mich der Schreibstil der Autorin bald richtig gefangen. Whitney Scharer kann hinreißend erzählen und lässt die Pariser Jahre richtig lebendig werden. Sie lässt die Leser eintauchen in die Welt der Boheme, Cocteau, Picasso, Kiki, die Dadaisten und Surrealisten, sie alle tauchen in Man Rays und Lee Millers Umfeld auf.

    Ganz besonders gelungen fand ich den Prolog des Buches, er zeigt eine alternde, alkoholkranke Lee, die auf einer Farm in England lebt und die die Erinnerungen und Arbeiten aus ihrer Pariser Zeit im hintersten Winkel ihres Gedächtnisse und auf dem Dachboden verborgen hat. Doch dann wird sie durch einen Auftrag für einen Artikel wieder daran erinnert….

    Ein schöner Roman, der Lust macht mehr über die faszinierende Lee Miller zu erfahren.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Nov 2019 

    Etwas sentimentale Lebensbilder einer Frau, die garantiert mehr

    Etwas sentimentale Lebensbilder einer Frau, die garantiert mehr war!

    Hier habe ich gestern ein Buch gelesen, welches mich nicht so ganz begeistern konnte. Es erhält aber trotzdem eine höhere Bewertung, weil es spannend geschrieben ist und eine interessante Geschichte beleuchtet, zumindest wenn man sich darauf einlässt. Aber eigentlich wäre eine 3,5 Sterne Bewertung hier besser gewesen.
    Allerdings lässt mich dieses Buch auch etwas fragend zurück. Um ein perfekter biographischer Roman zu sein, fehlt hier noch einiges, so lässt dieses Buch auch einiges für den hier geschilderten Teil aus Lees Leben wichtige unbeschrieben und dies finde ich nicht gut. Warum zum Beispiel wird sie Kriegsreporterin und was passierte nach der Zeit mit Man Ray bis zu ihrer Zeit als Kriegsreporterin? Und auch so ist die Person Lee Miller in meinen Augen nicht immer nachvollziehbar dargestellt. Klar, wir sind im Leben nicht immer gleich, manche unserer Entscheidungen passen nicht immer zusammen. Und gerade in der Liebe sind wir öfters Bücher mit sieben Siegeln. Aber die 1907 in Poughkeepsie in den USA geborene Lee Miller reist 1929 mit 22 Jahren in ein fremdes und fremdsprachiges Land, um dort zu leben und zu arbeiten. Dass allein verrät in meinen Augen schon eine gewisse Kraft und Stärke, die ich hier in diesem Buch, gerade in der Art und Weise wie die Liebesbeziehung mit Man Ray und gewisse damit einhergehende Entscheidungen beschrieben werden, nicht finden kann. Hier entsteht eher eine Art von Weibchen. Gut, Lee Miller bricht dann irgendwann aus diesem Schema aus, aber zusammenpassend wirkt dies alles in meinen Augen nicht. Aber dies ist eher ein subjektiver Eindruck von mir.
    Die Autorin kann aber schreiben und bringt in ihrem Buch in lebendigen Bildern fraglos eine interessante Zeit zum Erscheinen, interessante Fakten zum Thema Fotografie werden vermittelt und im Großen und Ganzen habe ich dieses Buch sehr gern gelesen. Aber ich würde dieses Buch eher als ein unterhaltendes Buch, als ein hochwertig literarisches einstufen. Vielleicht wird diese Sichtweise auch durch eine gewisse Abneigung zu manchem hier geschildertem Verhalten von Lee Miller befeuert. Aber man darf auch nicht vergessen, vieles ist hier fraglos Fiktion und vielleicht habe ich mehr die Kämpferin erwartet, zumindest erschien mir dies plausibel. Aber wer ist schon immer eine Kämpferin? Manchmal lässt man sich auch einfach fallen. Nun gut.
    Andererseits haben mir hier ebenso wichtige Fakten aus Lee Millers Leben gefehlt. Ein biographischer Roman mit deutlich weniger Augenmerk auf Man Ray hätte mir hier besser gefallen. So lange war die Zeit Lee Millers mit Man Ray nicht, dass sie so prägend gewesen sein kann. Auch die hier vermittelten Aspekte zur Solarisation sind Fiktion, es ist nicht gesichert, dass es diesen Diebstahl gegeben hat. Die Zeit zwischen beiden kann auch anders gelaufen sein, vielleicht sogar ebenbürtiger. Das wissen schließlich nur die beiden Beteiligten. Denn wir dürfen hier nicht vergessen, jeder Blick auf Liebende hat auch mit der Person zu tun, die blickt.
    Dass ihre Arbeit als Kriegsreporterin nicht spurlos an ihr vorbeigegangen ist, ist plausibel und historisch belegt. Und auch dieses für Lee Miller so wichtige Themas wird nur umrissen. Wie hat sie danach gelebt? Wie kam sie zu Roland Penrose? Auch hier hätte noch ganz anders gearbeitet werden können. Schade!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Nov 2019 

    Eine besondere Frau

    1929. Mit Anfang 20 lernt die Engländerin Lee Miller den amerikanischen Fotografen Man Ray kennen und taucht tief in die Szene der dort lebenden surrealistischen Künstler ein. Lee, die von ihrem Vater das Fotografieren gelernt hat und selbst großes Talent besitzt, gibt so lange nicht auf, bis Man Ray sie als seine Assistentin einstellt. Sie werden ein grandioses Duo aus Künstler und Muse - nach und nach beginnen aber auch Lees Ideen, das Schaffen von Man zu beeinflussen. Immer tiefer werden beide in einen Strudel der Abhängigkeit voneinander gezogen: Lee kann ohne Man ihren Lebensunterhalt in Paris nicht bestreiten und er kann keine Kunst erschaffen, wenn Lee einmal längere Zeit nicht bei ihm ist. Und so steuert die große Liebe der beiden kontinuierlich auf eine Katastrophe zu - denn Lee ist keine Frau, die sich einsperren lässt.

    Whitney Scharer ist es mit "Die Zeit des Lichts" gelungen, die Atmosphäre der 20er und 30er Jahre in Paris einzufangen - mit all den Charakterköpfen, zu denen beispielsweise auch Dalí gehörte, den ausschweifenden Parties und dem teilweise sehr harten Künstlerleben. Lee Miller arbeitet zunächst als Model, bis ihr das Posen vor der Kamera nicht mehr genügt und sie selbst die Zügel in die Hand nehmen will. Dabei bleibt sie stets eine sehr zwiespältige Protagonistin: auf der einen Seite ist ihr Mut und ihre Durchsetzungskraft bewunderswert, vor allem im Lichte dessen, was man im Verlauf der Handlung über ihre Kindheit erfährt. Auf der anderen Seite bleibt sie stets unnahbar, wirkt spröde und arrogant. Als ihr Modelkollege Horst ihr einmal vorwirft, sie würde sich nicht für ihn interessieren, muss man als Leser leider zustimmen. Lee Miller interessiert sich nur für sich selbst.

    Die Handlung wird auf unterschiedlichen Zeitebenen erzählt, beginnend an einem Punkt, an dem Lee Miller bereits mit ihrem Ehemann Roland Penrose wieder in England auf dem Land lebt und sich langweilt. Von dort aus scheint die Geschichte durch Lees gesamtes Leben zu springen. Zu der Zeit mit Man Ray in Paris, aber auch zu der Phase ihres Schaffens, als sie genug von der schicken Künstlerszene hat und als Kriegsfotografin die Schrecken des zweiten Weltkrieges dokumentiert. Hier lernen wir eine andere Lee Miller kennen. Eine, die bedächtiger geworden ist, die am Leben anderer Anteil nimmt, die aber auch einen unbändigen Hass auf die Deutschen in sich trägt. Die Bilder der Konzentrationslager, der vielen Leichen, der Kriegsverletzungen werden sie ihr Leben lang nicht mehr loslassen.

    Whitney Scharers Roman ist keine detailgenaue Biografie, gewisse Freiheiten, so gibt sie selbst zu, die hat sie sich gelassen. Dennoch ergibt sich am Ende ein stimmiges Bild einer interessanten Frau, über die man unbedingt mehr wissen möchte. Sollte ich doch etwas kritisieren, so hätte die beinahe obszessive Beziehung zu Man Ray etwas weniger und die Fotografie etwas mehr Raum einnehmen dürfen. Die Autorin jedoch hat für sich diesen Fokus gewählt und auch mit ihm ist ihr ein fesselndes, lebendiges Porträt gelungen.