Die Wunder von Little No Horse: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Wunder von Little No Horse: Roman' von Louise Erdrich
3.4
3.4 von 5 (12 Bewertungen)

Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Vater Damien Modeste sich ganz in den Dienst seines geliebten Stammes der Ojibwe im abgelegenen Reservat Little No Horse gestellt. Nun da sein Leben zu Ende geht, muss er fürchten, dass das große Geheimnis seines Lebens doch noch ans Licht kommen könnte: er ist in Wahrheit eine Frau. In ihrem bislang nichts ins Deutsche übertragenen Meisterwerk erkundet Louise Erdrich das Wesen der Zeit und den Geist einer Frau, die sich gezwungen fühlte, sich selbst zu verleugnen, um ihrem Glauben dienen zu können. Ein Buch mit Herz, großartig erzählt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:512
Verlag: Aufbau Verlag
EAN:9783351037864

Rezensionen zu "Die Wunder von Little No Horse: Roman"

  1. Von der Nonne zum Priester

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Feb 2020 

    Das abgelegene Indianerreservat Little No Horse im Norden der USA: Schon mehr als 50 Jahre lebt Father Damien Modeste unter den Angehörigen des Stammes der Ojibwe. Viele, viele Jahre hat er als Priester Gottesdienste gehalten, Beichten abgenommen und seiner Gemeinde auch in anderer Hinsicht gedient. Nun ist er im Ruhestand, sein Leben geht dem Ende entgegen. Und er muss befürchten, dass sein großes Geheimnis ans Licht kommt: In Wahrheit ist der Geistliche eine Frau und heißt eigentlich Agnes DeWitt, die nach einer Zeit im Kloster und einem kurzen weltlichen Zwischenspiel in die Rolle des echten, aber toten Fathers geschlüpft ist…

    „Die Wunder von Little No Horse“ ist ein Roman von Louise Erdrich, der im Original vor 19 Jahren bereits in den Vereinigten Staaten erschienen ist.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus vier Teilen, die sich wiederum in 22 Kapitel gliedern. Sie werden eingerahmt von einem Pro- und Epilog. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1910 bis 1996, allerdings liegt der Schwerpunkt auf den ersten und letzten Jahren, denn es wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Die Chronologie wird dabei nicht eingehalten. Kapitel aus der Vergangenheit wechseln sich mit dem gegenwärtigen Geschehen ab.

    Der einzigartige Schreibstil ist geprägt von meist langen Sätzen und einer bildhaften Sprache. Immer wieder demonstriert die Autorin, dass sie sich vortrefflich ausdrücken kann. Allerdings ist ihr Stil auch ausschweifend.

    Im Mittelpunkt des Romans steht Father Damien alias Agnes DeWitt, die mal als „er“, mal als „sie“ bezeichnet wird. Mit dem/der Protagonist/in erlebt der Leser einen ständigen Perspektivwechsel, da sie teils als Mann, teils als Frau agiert und wahrgenommen wird. Durch die Geschlechterlüge erleidet die Hauptfigur auch eine Art Identitätsverlust. Dieser Aspekt hat mein Interesse an der Lektüre geweckt. Den Charakter dieser Figur habe ich als realitätsnah und sympathisch empfunden.

    Die Vielzahl an weiteren Personen im Roman ist allerdings groß. Diverse Mitglieder der Familien Kashpaw, Morrissey und Mauser sowie andere Charaktere tauchen in der Geschichte auf, sodass man immer wieder zum abgebildeten Stammbaum blättern muss. In diesem Punkt wäre weniger vermutlich mehr gewesen, zumal einige der Personen nur episodenhaft auftauchen, was den Lesefluss hemmt und die Handlung oft auf der Stelle treten lässt.

    Nach einem kurzweiligen und spannenden Beginn verliert die Geschichte schnell an Fahrt. Immer neue Teilerzählungen tun sich auf, offene Enden entstehen und Fragen ergeben sich. Auf etwas mehr als 500 Seiten gibt es daher die eine und andere Länge. Erst zum Schluss hin wird die Handlung wieder straffer und nimmt Fahrt auf.

    Mit ihrem Roman gibt die Autorin Einblicke in einen Stamm und schafft so Bewusstsein für die Lebenswelt und Nöte der amerikanischen Ureinwohner. Alkoholismus, Landverluste, tödlich verlaufende Krankheiten, Armut und andere Probleme werden eindrucksvoll deutlich. Dem Verhalten der übrigen Weißen wird das verständnis- und rücksichtsvolle Auftreten Damiens gegenübergestellt, der auf Zwangsmissionierungen verzichtet und sich auf die Traditionen und Sprache der Ojibwe einlässt. Dass dieses Volk tatsächlich existiert und ihre Lebensweise authentisch dargestellt wird, wohingegen das Reservat an sich rein fiktiv ist, verrät die Autorin im Nachwort, das gerne umfangreicher hätte ausfallen dürfen.

    Ein wenig schwer getan habe ich mich mit einigen Dingen, die im Roman auftauchen. Sowohl etliche der Figuren als auch mehrere Begebenheiten wirken durch und durch skurril und abwegig. Auch die Anzahl an phantastischen und mystischen Elementen war mir insgesamt etwas zu viel, obwohl ich dem magischen Realismus durchaus nicht abgeneigt bin.

    Das ausdrucksstarke Cover passt sehr gut. Mir gefällt auch, dass der Titel der amerikanischen Ausgabe („The Last Report on the Miracles of Little No Horse“) fast wörtlich übersetzt wurde.

    Mein Fazit:
    „Die Wunder von Little No Horse“ von Louise Erdrich ist ein Roman, der viele Stärken, aber auch Schwächen hat. Eine interessante Lektüre, die dem Leser jedoch einiges abverlangt.

  1. Zwei Welten, eine Annäherung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Jan 2020 

    Little No Horse, ein abgelegenes Reservat der Ojibwe Indianer. Dort lebte und wirkte über Jahrzehnte Father Damien Modeste. In unzähligen Briefen hatte sich der katholische Priester an den Papst in Rom gewandt, um über Vorkommnisse in seinem Wirkungsbereich zu berichten. Als ihm nun Father Jude zur Unterstützung geschickt wird, muss er befürchten, dass sein eigenes großes Lebensgeheimnis aufgedeckt wird. Denn in Wahrheit ist Father Damien eine Frau.
    Die amerikanische Schriftstellerin Louise Erdrich erzählt opulent, vielschichtig und sprachgewandt von den beiden Leben der Agnes DeWitt/Father Damien. Sie erzählt von einer sehr junge Agnes, die kurz als Nonne im Kloster war, über ihre obsessive Hingabe zur Musik und der eigenwilligen Beziehung zu einem deutschen Einwanderer. Eine lebenskritische Situation dreht Agnes‘ Leben um die eigene Achse. Sie nimmt die Identität eines katholischen Geistlichen an, übernimmt dessen Aufgaben und lebt von da an als Father Damien.
    Es sind oft sehr skurrile Begebenheiten, von denen Erdrich erzählt, mit einer Fülle an „Personal“. Der grafische Stammbaum, der dem Buch voransteht, hilft die verzweigten und verschlungenen (Familien)Verhältnisse besser zu verstehen.
    Ihre eigenen indianischen Wurzeln lassen die Autorin authentisch über die Kultur der Ureinwohner berichten. Spirituelle Naturreligion steht dem starren indoktrinierenden Katholizismus gegenüber. Doch es ist nicht Bekehrung das Thema dieses Romans, ganz im Gegenteil. Gerade weil Father Damien uneins ist mit der eigenen Identität, kann er sich den Ojibwe unvoreingenommen, nähern. Ihr Zusammenleben ist geprägt von einer großen gegenseitigen Toleranz. Was dem Priester nicht so schnell bewusst wird, ist, dass den Indianern sein Geheimnis gar keines ist, dass der Umgang mit „zwei Seelen“, nicht strikt zugeordneter Geschlechtszugehörigkeit, mehreren Bewusstseinsebenen nichts Fremdes ist.
    Zwei Welten, eine Annäherung, ein wunderbar buntes Kaleidoskop an magischem Realismus, Mythen und dem Streben nach Akzeptanz.

  1. Häutungen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Jan 2020 

    Agnes als Schwester Cecilia im Kloster heimisch, dient Gott,
    ehrfürchtig und demütig. Doch wenn sie Klavier spielt, verselbstständigt sich
    ihr Seele, Musik durchdringt sie und das ist den Mitschwestern suspekt. Sie
    verlässt das Kloster und kommt auf einer Farm unter. Doch auch dieses Leben
    bleibt eine Episode. Zufällig kann sie in die Identität eines Missionspfarrers
    schlüpfen – Damien Modeste – und geht an seiner Stelle ins Objiwe Reservat.
    Dort in No Little Horse wird der Priester schon erwartet und Father Damien
    richtet sich ein.

    Jahrzehnte später, Modeste ein Greis, läuft sein Leben noch
    einmal vor ihm ab, als er Auskunft über das Wirken einer Nonne aus dem Reservat
    geben soll, deren Seligsprechung ansteht.

    Louise Erdrich entfaltet sprachmächtig und überwältigend
    einen ganz eigenen Kosmos. Die diversen Clans der First Nation, ihre
    Streitigkeiten, ihr Kampf ums Überleben wird sichtbar. Die Missionierung der
    Familien, die ihnen den alten Glauben raubt, den neuen aber nicht
    verinnerlichen lässt, fällt Agnes/Damien ins Auge. Er interessiert sich für die
    Überlieferung und Riten, er lernt die Sprache und im Lauf der Jahre wird er
    fast einer der Ihren.

    Mit Agnes/Damien habe ich eine Figur kennengelernt, die den
    weiblichen Blick mit männlicher Entschlossenheit vereint und eine ganz besondere
    Schöpfung der Autorin ist.

    Eine unglaubliche Vielzahl an Charakteren, die sich manchmal
    auch über die Generationen hinzieht, machte es mir nicht immer ganz einfach.
    Ohne den Figurenstammbaum zu Beginn des Buches wäre ich fast verloren gewesen. In
    ihrem Roman mischen sich Überlieferungen, alte Mythen und reale Begebenheiten
    zu einem vielschichtigen Epos. Wie gesagt, nicht immer einfach zu lesen, aber
    ein besonderes Leseerlebnis.

    Manche der Figuren und Familien tauchen auch in anderen Romanen
    der Autorin auf und es erleichtert sicher den Einstieg, wenn man schon Bücher
    von Louise Erdrich kennt.

  1. Die Stimme der Native Americans?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Jan 2020 

    Eine Frau wird zum Katholischen Priester im fiktiven Reservat der Ojibwe „Little No Horse“, nachdem sie als junges Mädchen bei Nonnen untergekommen war, mit einem Deutschen Auswanderer in wilder Ehe gelebt hatte, einem Bankräuber und einer Flutkatastrophe knapp mit dem Leben entkam. Das genügt für ein Buch? Nicht bei Louise Erdrich, die in ihrem neuen Roman „Die Wunder von Little No Horse“ nicht nur das Leben von Agnes alias Father Damien Modeste aufrollt sondern gleichzeitig viele Lebens-Fäden von Menschen aus dem Reservat der Ojibwe spinnt, die mit dem Priester zusammenleben. Dabei mag es hilfreich sein, wenn man andere Werke der Autorin kennt, die seit fünf Jahrzehnte bereits Lebenslinien der Ojibwe kreuzen.

    Anfangs gleichzeitig ernüchtert wegen des riesigen Umfanges an Personal, bei dem man ohne den vorangestellten Stammbaum der Ojibwe-Familien durchaus den Überblick verlieren könnte, und zugleich gefesselt vom subtilen Humor, mit dem die Autorin die Geschichte, wie Agnes zu Father Damien wurde, aufspult, hat mich das Buch im weiteren Verlauf immer mal wieder verloren, auch wenn es eine spannende Geschichte ist, die erzählt wird, über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg mit dem weiblichen Priester im Reservat als Wegmarke.
    Es ist eine Sammlung unendlich vieler Blitzlichter und Momente aus dem Leben der Reservatsbewohner, die aneinandergereiht für den aufmerksamen Leser einen Einblick in das Leben der Native Americans, ihre Traditionen und Geisterwelt, ihren Verfall durch Krankheit, Alkohol und Verlust ihres Landes gewährt. Wertungsfrei erzählt Louise Erdrich vom Niedergang einst starker Familien, deren Frauen kraftvolle Jäger, anerkannt und bewundert von den Männern keine Unterdrückung kannten. Das Elend und die Armut brachten die weißen Einwanderer, in Form von Krankheiten und Landraub durch Betrug. Ohne dass dies ständig von der Autorin herausgestrichen wird wirkt dies als ein wichtiger Fakt im Roman.
    Eine löbliche Ausnahme ist Father Modeste, der sich wahrscheinlich weil er selbst mit seiner Identität hadert, sehr gut in die Ureinwohner hinein versetzen kann und einen erstaunlich gut funktionierenden Mischmasch aus Katholizismus und naturverbundener Weisheit gelten und leben läßt. Dass es ihm dabei selbst gut geht spürt man deutlich.
    Weniger deutlich ist für mich, wie es den übrigen Reservatsbewohnern dabei geht. Die Autorin prangert an, aber alle Figuren außer Father Modeste bleiben mir sehr fern. Ich lese für meinen Geschmack zu viel weiße sprachverliebte Passagen, und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass dies der Denk-und Redeweise der Native Americans entspricht. So bleiben die Charaktere auf großer Distanz, fast ein bisschen durch die westliche satirische Lupe von oben herab betrachtet, und das gefällt mir überhaupt nicht. Ich hätte mir hier mehr Verbundenheit und Nähe sehr gewünscht.
    Auf der anderen Seite lese ich über einen sehr weichgezeichneten versöhnlichen Katholizismus, und auch das kann ich mir kaum vorstellen, dass es tatsächlich so abgelaufen ist. Selbst wenn es einzelne Priester gegeben hat, die Humanität und Menschenliebe vor den Glauben stellen, so war die Bekehrung zum katholischen Glauben doch viel gewalttätiger.
    Gelobt wird die Verbundenheit der Autorin mit der indianischen Kultur, aufgewachsen in den 1960er Jahren in einem Reservat und mit späteren Literaturstudium am Dartmouth College ist Louise Erdrich sicherlich in zwei Kulturen zu Hause und erzählt mit großem Erfahrungsschatz vom Zusammenprall der Kultur der Ureinwohner und dem westlichen rationalem Denken, dem Konflikt zwischen Naturreligion und Katholizismus. Doch an keiner Stelle ist der Völkermord thematisiert, ihr Umgang mit dem Thema ist zwar kritisch aber dennoch versöhnlich, stellenweise sogar fast ein bisschen westlich-arrogant und herablassend.
    Was habe ich also gelesen? Einen interessanten episodenhaft erzählten oft überraschenden und unterhaltsamen Roman mit für meinen Geschmack viel zu vielen Fäden und Personen, die sich immer wieder verlieren, und für mich zu sehr weichgezeichnet dort wo Konfrontation hätte sein sollen.

  1. Ein ganzes Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Jan 2020 

    Ein ganzes Leben

    Die Wunder von Little no Horse von Louise Erdrich

    Agnes DeWitt kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Das Leben als Schwester Cecilia im Kloster lässt sie nach kurzer Zeit hinter sich, um bei dem Farmer Berndt Vogel unterzukommen. Diese entbrennt nach kurzer Zeit in Liebe für sie. Doch Agnes will davon erstmal nichts wissen, erst durch ihre Liebe zur Musik wird auch sie für Berndt empfänglich. Als sie dann während eines Banküberfalls gekidnappt wird, überschlagen sich die Ereignisse und sie nimmt die Identität des verstorbenen Father Damien Modeste an und reist ins Reservat Little no Horse um dort seinen Posten zu übernehmen.
    Zu Beginn fällt ihr die Art wie ein Mann und Priester zu agieren schwer. Dennoch bemüht sie sich von Anfang an den Ojibwe Indianern zu helfen. Im Vordergrund steht nicht so sehr die Ureinwohner zu bekehren, Agnes alias Father Damien versucht es mit einem gesunden Mittelweg. Die früher so quirlige und teilweise irrwitzige Frau scheint ihre Bestimmung gefunden zu haben und geht in der Berufung auf.
    Sie schließt Freundschaften und lernt viel über die Sitten und Gebräuche des Stammes. Viele mystische Elemente fließen in die Geschichte mit ein, um dem Leser die Sitten und Gebräuche verständlicher zu machen.
    Natürlich gibt es auch in Damiens Gemeinde Probleme die gelöst werden müssen, was zumeist mit seiner Hilfe auch gelingt.
    Viele Briefe wurden von Damien an den Papst geschrieben, er wartete sein gesamtes Leben auf Antwort. Als ein Gesandter vom Vatikan in Form von Father Jude, den nunmehr betagten Damien erreicht, um Nachforschungen über eine Heiligsprechung vorzunehmen, offenbart Damien ihm einige brisante Geheimnisse seiner Gemeinde........
    Doch das größte Geheimnis, dass um Agnes und ihre Maskerade, war für mich am Ende eher eine Art göttliche Fügung.
    Louise Erdrich schaffte es mich für diesen Roman zu begeistern, auch wenn er teilweise sehr skurrile Geschichten hervorbrachte. Ich muss allerdings einräumen, dass die mystischen Elemente vielleicht nicht unbedingt jedermanns Sache sind.

  1. Der Lebensweg der Agnes DeWitt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Jan 2020 

    Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde gelesen und mich hat es restlos begeistert. Hier habe ich mein erstes 5 Sterne Buch von Louise Erdrich gelesen. Es ist ein Buch, welches als Personal mir schon aus einem anderen Erdrich-Buch bekannte Familien der Ojibwa (Chippewa) hat. Dadurch, dass ich dieses Buch erst vor kurzem gelesen habe, fiel es mir nicht schwer Verknüpfungen herzustellen und hatte dadurch ein anderes Wahrnehmen des Buches als meine Mitlesenden in der Runde. Der Schreibstil der Louise Erdrich ist, wie beim "Liebeszauber" auch, etwas abgehackt wirkend, es werden in Kapiteln/Abschnitten Sequenzen aus dem Leben der verschiedenen Protagonisten aus den unterschiedlichsten Zeiten erzählt, wobei der Figurenstammbaum im Text eine sehr gute Hilfe ist. Wobei ich hier nicht sagen möchte, dass die Sprache der Louise Erdrich abgehackt wäre. Denn dies entspräche nun gar nicht der Wahrheit, die Sprache der Erdrich könnte man eher überbordend und sprachgewaltig und betörend nennen. Ebenso sollte man sich für ein besseres Verstehen des Textes bei der Lektüre des Buches auch mit der Geschichte der Ojibwa/Chippewa befassen, ein Begreifen der alten subarktischen indianischen Lebensweise hilft hier, Zusammenhänge des Buches besser begreifen zu können. Wahrscheinlich ergibt sich hier ebenso ein insgesamt stimmigeres Bild, wenn man die Bücher der Louise Erdrich in der Reihenfolge ihres Erscheinens in der USA liest. Das erste Buch mit diesen wiederkehrenden Familien (Kashpaw, Nanapush, Lazarre u a) war für mich der "Liebeszauber" und gleichzeitig ist es auch das erste Buch der Louise Erdrich. Die Lektüre dieses Buches hat mir sehr bei der Lektüre und dem besseren Verstehen der "Wunder" geholfen. In Erdrichs Werk gibt es noch weitere Bücher mit diesen Protagonisten, die ebenfalls alle vor den "Wundern" herausgekommen sind. Man darf ja nicht vergessen, "Die Wunder von Little No Horse" ist ein älteres Werk von Louise Erdrich, es kam in Amerika schon 2000 heraus und bei uns erst jetzt. Ich bin auf jeden Fall sehr neugierig geworden! Denn diese skurrilen Charaktere, das Mystische in Erdrichs Werken machen süchtig. Mich auf jeden Fall! Und da das Indianische mich ja ebenfalls zum Brennen bringt, ebenso wie Elemente des Magischen Realismus mich entzünden können, waren die Wunder genau mein Buch! Love it!!!

    Doch um was geht es in diesem Buch genau: es geht hier um die Lebenswege der Agnes DeWitt, um ihre Wandlungen sozusagen, erst ist sie Schwester Cecilia in einem Kloster, dann eine Farmerin mit Berndt und dann wird sie zu Father Damien Modeste bei den Ojibwa-Indianern im fiktiven Reservat Little No Horse. Und immer ist sie absolut menschlich und hat eine Kraft, die abfärbt. Aber genauso nimmt sie auch ihre Umgebung in sich auf, lässt sich auf ihre Umgebung ein und hier besonders auf die ihr fremde Welt der Indianer, ohne zu missionieren, eher um wahrzunehmen. Und sie geht mit einer großen Akzeptanz und Toleranz zu ihnen und wird mit der gleichen Akzeptanz und Toleranz wahrgenommen, hier wird im Besonderen auch auf die Toleranz der Indianer bei unklaren Geschlechtszugehörigkeiten, oder klaren, je nach dem, wie man es sieht, eingegangen. Und genau das ist auch die Stärke des Buches, der in ihm wohnende Gedanke zur Menschlichkeit, zur Toleranz, zur Akzeptanz und zur Liebe. Fast genauso wichtig wie die Menschlichkeit oder die Liebe zum Leben ist das Brennen für etwas, hier für die Musik. Die Wichtigkeit, die in solchem Tun liegt, wird perfekt an der Figur der Agnes verdeutlicht.

    Und trotzdem dieses Buch in Abschnitten gehalten ist, Abschnitten, die auf die unterschiedlichen Personen des Buches eingehen, also etwas abgehackt geschrieben wurde, hat mich dieses Buch am Ende erwischt. Einige der beschriebenen Personen haben sich nach und nach in mein Herz eingeschlichen, hier ist besonders Mary zu erwähnen und genau deshalb bekommt dieses Buch auch fünf Punkte von mir.

    Und ich kann wieder einmal nur enthusiastisch rufen: Bitte unbedingt Lesen!!!

  1. Zwiegespalten

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Jan 2020 

    Der Roman "Die Wunder von Little No Horse" erzählt die Lebensgeschichte von Agnes, die vor mehr als fünfzig Jahren die Identität eines kürzlich ums Leben gekommenen Priesters annahm und dessen Posten in einem Reservat der Ojibwe-Indianer annahm. Fortan lebt sie dort als Father Damien und verknüpft im Laufe der Jahre die indianische Lebensweise mit all ihren Traditionen und Mythen mit ihrem althergebrachten christlich-amerikanisiertem Weltbild. Der Besuch eines anderen Priesters, der von Father Damien Informationen über eine Nonne aus seiner Gemeinde, die für eine Heiligsprechung in Frage kommt, erhalten möchte, führt zu langen und intensiven Gesprächen, die letztlich in einer Rückbetrachtung von Father Damiens Leben münden.

    Louise Erdrich, die selbst Ojibwe-Wurzeln hat, bringt dem Leser die Traditionen, Mythen und Denk- und Lebensweisen dieses Stammes anschaulich näher. Teilweise sehr beklemmend schildert sie die Zugrunderichtung der Lebensräume und -grundlagen der Indianer durch die amerikanischen Siedler und Missionare. Wer sich für diesen Themenbereich interessiert, könnte dieses Buch sicherlich als bereichernd empfinden.

    Auch die verschiedenen Figuren der Handlung, seien es die einzelnen Indianer oder auch die christlichen Geistlichen, werden sehr plastisch dargestellt. Mit ihrer teils augenzwinkernden Schilderung versteht Louise Erdrich es, diese mit all ihren Eigenheiten, gegenseitigen Animositäten und fast immer bewegenden Schicksalen zum Leben zu erwecken. Hier liegt meines Erachtens die Stärke des Romans.

    Leider verflicht die Autorin die Darstellung der Lebensgeschichte der handelnden Personen regelmäßig mit teils ausgesprochen absurden und skurrilen Geschehnissen. Sicherlich ist dies auch der Tatsache geschuldet, dass in die Handlung immer wieder Elemente aus der indianischen Mystik einfließen, letztlich habe ich diese Szenen jedoch oftmals als (ver-)-störend empfunden.

    Auch die Tatsache, dass innerhalb der Handlung immer wieder zwischen zahlreichen Handlungssträngen hin- und hergesprungen wurde, welche immer dann weitergeführt wurden, wenn man sie als Leser bereits aus dem Auge verloren hatte, hat dem Lesevergnügen aus meiner Sicht eher geschadet als genutzt.

    Letztendlich waren es immer die Szenen und Abschnitte, die mich mitgenommen und bewegt haben, in denen es um die Schicksale und Empfindungen der handelnden Personen ging. Die mystischen und okkulten Verbrämungen der Szenerien habe ich als absolut unnötig und störend empfunden.

    Würde ich dieses Buch noch einmal lesen wollen? Wahrscheinlich nicht. Kann ich es weiter empfehlen? Ja, auf jeden Fall. Trotz der Punkte, die mir negativ aufgestoßen sind, halte ich die erzählte Geschichte für spannend und fesselnd genug, um jedem zu empfehlen, sich selbst ein Bild davon zu machen.

  1. Ojibwe-Leben in Little No Horse

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jan 2020 

    Louise Erdrich hat mit „Die Wunder von Litte No Horse“ einen Roman geschrieben, in dem sie uns – wie üblich in Ihren Werken in die Welt der Indianer im modernen Amerika eintauchen lässt. Sie selbst hat indianisch-deutsche Wurzeln und empfiehlt sich schon dadurch als Vermittlerin zwischen sehr verschiedenen Welten. So dienen ihre Bücher in meiner Lesart dazu, die Welt dieser an den Rand des Weltgeschehens gedrängten Menschen literarisch aufzuarbeiten und ihnen ein Denkmal zu setzen. In „Die Wunder von Little No Horse“ betrachtet sie die Welt der Ojibwe durch die Augen eines „Hinzugekommenen“, hinter dem eine besondere Geschichte und ein besonderes Geheimnis steckt. Es handelt sich um den Priester Father Damien, der in diesen Außenposten der Welt entsandt ist, um das Christentum unter den Ojibwe einzuführen bzw. zu pflegen. Doch dieser Priester ist nicht das, was er zu sein scheint. Denn dessen Identität hat in den Wirren einer Überschwemmungskatastrophe die frühere Nonne Agnes angenommen genauso wie seine Aufgaben innerhalb des Reservats. Dabei steht sie/er von Beginn an der Aufgabe sehr skeptisch gegenüber und sieht ihre Aufgabe nicht vorwiegend darin, unter allen Umständen vom Christentum zu belehren. Sie/ihn interessiert viel mehr die mögliche Vielfalt, die sich bietet durch Vermischung und Verschmelzung zweier auch religiöser Welten.

    „Agnes‘ Bemühungen um die Ojibwe-Sprache, ihre Auseinandersetzung damit, begannen ihre Gebete zu verändern. Denn ihr gefiel das Ojibwe-Wort für das Beten, anama’ay, in dem eine große Aufwärtsbewegung zum Ausdruck kam. Die Dreifaltigkeit sprach sie jetzt als Vierheit an und wandte sich an die Geister jeder Himmelsrichtung – an jene, die in den vier Ecken der Welt hausten. Wenn sie betete wurde sie für den Augenblick zum Zentrum dieser Konstellation. Und dann erlaubte sie sich, zu zerfallen. Sich in die Bestandteile der Schöpfung aufzulösen, damit Gott die Bruchstücke aufhöbe und neugierig hin und her drehte und ins Licht hielte.“

    Ein langes, fast überlanges Leben lebt Agnes so als Damien das Leben eines Mannes und Priesters. Sie beobachtet dabei die Menschen im Reservat und Erdrich erzählt in ihrem Buch über diesen Zeitraum hinweg eine ganze Reihe von Geschichten aus dieser Gruppe. Geschichten rund um Traditionen, Familienfehden, Lieben und Toden. Als auch Agnes/Damiens Leben sich dem Ende zuneigt, stellt sich die Frage, wie ihr/sein Geheimnis ans Licht kommen wird und was es für die Menschen des Reservats bedeuten wird. Für den Leser ist der undramatische Ausgang dieses Handlungsstranges dann zum Ende hin keine Überraschung mehr, denn lange schon ahnt man in der Lektüre, dass längst alle oder zumindest die meisten Bescheid wissen. Es sie aber überhaupt nicht stört, dass sich da eine Frau unter dem Gewand ihres Priesters verbirgt. Zwischen all den Lebensgeschichten der Reservatsbewohner ist dieses Geheimnis nur eines von vielen, ein eher unbedeutendes Detail, das gern von allen verborgen gehalten wird.
    Mein Fazit:
    Die bunten Geschichten aus dem Reservatsleben der Ojibwe und die Irrungen und Wirrungen in den erzählten Lebensläufen enthalten einige große und bewegende Momente. Mir ist diese Welt aber dennoch nicht wirklich nahegekommen. Eine kühle, relativ große Distanz blieb die ganze Zeit erhalten. Viele aufgegriffene Handlungsstränge bzw. Themen sind für mich nicht auserzählt, sondern nur angerissen worden. Da ist zum Beispiel das Innenleben der Agnes/Damien und die inneren Konflikte, die sie/er in diesem geheimen Leben durchleben muss. Da ist Damiens Aufgabe der christlichen Missionierung und die dahinter liegende Sinnfrage sowie deren Folgen und Auswirkungen. Beides Themen, die ich persönlich gern weiter im Vordergrund des Erzählten gesehen hätte.
    Die Lektüre hat mir deshalb gut getan und gut gefallen, hat aber auch immer irgendwie eine Leere zurückgelassen, die ich mir selber nicht ganz erklären kann. Ich vergebe deshalb 4 recht dünne Sterne.

  1. Magischer Realismus

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 02. Jan 2020 

    Durch die Adern der amerikanischen Schriftstellerin Louise Erdrich fließt Indianerblut. Ihr Großvater mütterlicherseits war Häuptling der Chippewas in North Dakota. Ihr indianisches Erbe findet sich in ihren Werken wieder. Für eines dieser Werke - " The Round House" - wurde sie 2012 mit dem National Book Award ausgezeichnet.

    Das große Thema in Erdrichs Romanen ist also das Leben der Indianer. Dabei siedelt sie ihre Romane in der Zeit nach 1912 bis zur Gegenwart an. Mit Wildwest-Romantik, Cowboy und Indianer-Kämpfpen haben ihre Romane daher herzlich wenig zu tun.

    In ihrem aktuellen Roman "Die Wunder von Little No Horse" geht es um den Stamm der Ojibwe, der in dem Reservat "Little No Horse" angesiedelt wurde. Protagonist dieses Romans ist Agnes alias Father Damien Modeste.
    Agnes, die für kurze Zeit in einem Kloster lebte, jedoch ihren Glauben an Gott nicht mit den ihr auferlegten Regeln einer Nonne in Einklang bringen konnte, sucht ihr Heil außerhalb der Klostermauern. Der Zufall will, dass sie in die Identität eines gerade verstorbenen Priesters schlüfen kann, der sich gerade auf dem Weg nach Little No Horse befand, um den dort lebenden Indianern geistlichen Beistand zu leisten und christliche Ordnung in das heidnische Leben dieser Menschen zu bringen.
    Agnes wird also unbemerkt zu Father Damien, lebt sich in Little No Horse ein und wird ein wichtiger Bestandteil der indianischen Gemeinschaft. Er ist neugierig und aufgeschlossen gegenüber der fremden Kultur. Das Leben der Indianer ist eine Gratwanderung, gilt es doch einerseits, die indianische Kultur zu bewahren und andererseits, sich dem, von den Weißen für sie vorgesehenen Leben anzupassen.

    "Es ist schwer, jemanden zu hassen, der einen liebt. Egal, was sie einem antun, man erwidert es mit einem Geflecht dieser beiden Gefühle. Nicht dem einen, nicht dem anderen. Aber schmerzvoll ist es."

    Der Roman wird in zwei Zeitebenen erzählt. Er beginnt 1996. Damien ist mittlerweile ein gebrechlicher alter Priester, der sein Leben gelebt hat. Er erhält Besuch von Father Jude, der die Aufgabe hat, die Heiligsprechung einer ehemaligen Nonne aus Little No Horse vorzubereiten. Dafür befragt Jude Menschen, die diese Schwester zeitlebens gekannt haben. So auch Father Damien. Im Rahmen dieser Befragungen erinnert sich Damien an sein Leben in Little No Horse. Es gibt also einen stetigen Wechsel zwischen der Gegenwart und den Episoden aus Father Damiens Leben. Dabei lernen wir Menschen kennen, die Damien begleitet haben und ihm ans Herz gewachsen sind. Leider ist es mir nicht gelungen, den Charakteren nahe zu kommen. Durch die episodenhafte Schilderung hat man kaum Gelegenheit, sich mit den einzelnen Personen vertraut zu machen. Da ist der Figurenstammbaum zu Beginn des Buchs eine große Hilfe, die ich bis zum Ende des Romans ständig in Anspruch nehmen musste.

    Die Charaktere in diesem Roman sind von Louise Erdrich sehr liebevoll angelegt. Man spürt die Verbundenheit der Autorin mit den Indianern. Daher scheint es verwunderlich, dass Louise Erdrich bei vielen Charakteren, die Grenze zur Skurrilität überschreitet und man manchmal den Eindruck hat, dass sie diese Figuren der Lächerlichkeit Preis gibt. Hier hätte ich von der Autorin einen respektvolleren Umgang mit ihren Charakteren erwartet.

    In gewisser Weise versteht Louise Erdrich, den Leser zu faszinieren. Dabei ist das "Wie", also die Art und Weise, wie sie die Geschichte erzählt entscheidend. Denn ihr Sprachstil ist malerisch bildhaft. Sie schafft Bilder im Kopf, die verzaubern können. Gleichzeitig legt sie einen Humor zutage, der mir viele kleine besondere Momente in diesem Roman beschert hat, die an Situationskomik nicht zu überbieten waren. Probleme hatte ich da eher mit dem "Was", also den Inhalten. Denn in diesem Roman findet sich eine gehörige Portion indianischer Mystik wieder, auf die man sich als Leser einlassen muss. Da kann einem der gesunde Menschenverstand bei der Lektüre im Weg stehen. So auch mir. Diesen magischen Realismus, der für Louise Erdrichs Romane bezeichnend ist, muss man also mögen.

    "Die Stimmen mischten sich mit ihren Sinnen, drangen ihr in den Kopf. Sie bemühte sich, ruhig zu atmen, nicht in Panik zu geraten, doch da wurde sie schon von einer gewaltigen Schwäche verschlungen und hörte oder wusste, auch das war nicht sicher - gab es jenseits der Erfahrungen, die sie bisher hatte machen dürfen, Geister? ... Sie bekreuzigte sich und öffente die Tür der einsamen Hütte, aus der ihr der Gestank von Gespenstern entgegenschlug."

    Bleibt zum Schluss noch die Frage, was es mit der Wandlung von Agnes zu Damien auf sich hat. Merkwürdigerweise war dies in diesem Roman über lange Zeit kein relevantes Thema. Agnes wird zu Damien und keinen stört es, am wenigsten Agnes? Hier habe ich gehofft, dass der Agnes/Damiens Konflikt deutlicher herausgearbeitet wird. Doch über lange Strecken ist diese Wandlung als gegeben hingenommen worden und spielte keine Rolle. Erst zum Ende wird dieser Handlungsfaden noch einmal aufgegriffen, und wir lernen das Seelenleben der Agnes ein bisschen besser kennen. Magischer Realismus hin oder her. Dieser Aspekt hat mich dann doch ein wenig milder in meinem Urteil über dieses Buch gestimmt.

    © Renie

  1. Lebenslinien...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Jan 2020 

    Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Vater Damien Modeste sich ganz in den Dienst seines geliebten Stammes der Ojibwe im abgelegenen Reservat Little No Horse gestellt. Nun da sein Leben zu Ende geht, muss er fürchten, dass das große Geheimnis seines Lebens doch noch ans Licht kommen könnte: er ist in Wahrheit eine Frau. In ihrem bislang nichts ins Deutsche übertragenen Meisterwerk erkundet Louise Erdrich das Wesen der Zeit und den Geist einer Frau, die sich gezwungen fühlte, sich selbst zu verleugnen, um ihrem Glauben dienen zu können.

    2001 erschien dieser Roman bereits im Amerikanischen, so dass es sich hierbei um ein frühes Werk der Autorin handeln dürfte. Nachdem ich von 'Das Haus des Windes' so begeistert war, wollte ich unbedingt noch ein weiteres Werk von Louise Erdrich lesen - und bin froh, dass ich die Gelegenheit dazu bekam.

    Ich muss gestehen, dass ich anfangs etwas ernüchtert war, als ich das Buch aufschlug. Ein gewaltiger Stammbaum erhob sich da auf einer eng bedruckten Doppelseite, und eine zweifelnde Stimme meldete sich, ob es mir wohl gelingen würde, diese Personen alle auseinanderzuhalten. Nun, es gelang mir nicht. Aber irgendwann störte es mich nicht mehr, denn die wichtigsten Personen erhalten in diesem Roman durchaus einen angemessenen Rahmen.

    Die Handlung spielt in dem fiktiven Reservat 'Little No Horse', abwechselnd erzählt in der Gegenwart, in der der hochbetagte Father Damien von seinem Leben und dem seiner Schützlinge berichtet, und der Vergangenheit, in der episodenhaft einzelne Erinnerungen an verschiedenste Ereignisse und Personen aneinandergereiht werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass hier keine konkrete Geschichte erzählt wird, aber es gelingt Louise Erdrich, einen bildhaften Eindruck vom Leben im Reservat zu vermitteln.

    Father Damien, der zu Missionarszwecken im Reservat gelandet ist, unterstützt durch die Schwestern des kleinen Klosters, entpuppt sich als milder, interessierter und verständnisvoller Zeitgenosse, dem es vor allem darum geht, die Indianer kennenzulernen. Im Verlauf der Erzählung erfährt Damien gemeinsam mit dem Leser viel über den indianischen Alltag im Reservat, über die Sprache, die Identität, die Nähe zur Natur, Traditionen und überlieferte Mythen - und die Folgen der Missionierung und des Landraubs durch die Weißen für die Ureinwohner.

    All dies geschieht mitnichten mit erhobenem Zeigefinger, eher mit dem Hintergrund, die Zusammenhänge darzulegen - als etwas, das sich nicht mehr ändern lässt, wobei dem Verlorenen durchaus hinterher getrauert werden darf. Die Indianer im Reservat haben sich an die Lebensbedingungen angepasst - oder geben sich beispielsweise dem Alkohol hin. Father Damien ist kein dogmatischer Priester - er sorgt vielmehr dafür, dass eine Annäherung möglich ist, ein Nebeneinander beider Kulturen, ein Miteinander - bis hin zu tiefen Freundschaften. Ungewöhnlich für die katholische Kirche, doch Fahter Damien ist auch kein gewöhnlicher Priester. Er birgt selbst ein Geheimnis, das er sorgfältig hütet, denn ansonsten würde sich alles ändern...

    Obschon die Figuren in dem Roman sehr auf Distanz bleiben und ihre Darstellung häufig gar etwas Absurdes hat, übertrug sich Damiens Verständnis für das Verhalten und die Eingenarten der Bewohner des Resarvats allmählich auch auf mich, und der ein oder andere Charakter schlich sich dann doch unbemerkt ins Herz. Am Ende war ich tatsächlich tief berührt, was ich in dem vor wunderschönen Schilderungen und humorvollen Einlagen strotzenden Roman überhaupt nicht erwartet hatte.

    Alles in allem ein toller Roman, der mich wie in einem Traum durch die verwobene Handlung gezogen hat und der eine Lanze bricht für ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Lebensentwürfen, Traditionen und Zugehörigkeiten. Schon mit diesem frühen Werk beweist Erdrich für mich ihr Können. Ich bin wirklich neugierig auf ihre weiteren Romane...

    © Parden

  1. Unerwartet ärgerlich

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 27. Dez 2019 

    Eigentlich habe ich Bücher von Louise Erdrich für einen sicheren Tipp gehalten. Dieses Buch schert wohl ein wenig aus. Dabei ist die Idee sehr hübsch.

    Eine Nonne im abgelegenen Indianerreservat von Little No Horse weist seltsame Male auf. Es wird auch über wundersame Vorkommnisse berichtet, die mit ihr im Zusammenhang stehen. Sollte sie heiliggesprochen werden? Um das zu erkunden besucht Father Jude diese Gegend und spricht mit vielen Bewohnern der Gemeinde, vor allem mit dem steinalten Seelsorger, Father Damien, der auch selbst eine originelle Geschichte hat, die hier von 1910 bis 1996 erzählt wird.

    Daneben streift man die Geschichte einiger großer Indianer-Clans, die sich im Reservat mit dem neuen Leben weit jenseits ihrer Traditionen arrangieren und auch mit dem neuen Glauben auseinandersetzen, der an sie herangetragen wird.

    Ein hoch spannendes Thema, das hier angerissen und dann liegengelassen wird. Bedauerlicherweise durchleben wir hier fast hundert Jahre Geschichte, ohne auch nur irgendetwas zu lernen.

    Man lernt die verschiedensten Typen kennen, alle originell bis skurril, deren Leben quasi im Schnelldurchlauf referiert wird. Wirklich nahe kommt man hier niemandem. Die Autorin führt in wundervoller Sprache ein paar Kuriositäten vor, echte Menschen werden sie nicht.

    „Es gibt Menschen, die sind bodenlos. Es ist, als bestünden sie aus lauter Tunneln. Aus Gängen, die sich krümmen und umkehren und verschwinden. Man betritt einen Weg und folgt ihm eine Zeit lang, doch dann kommt plötzlich ein Krater, Treibsand, eine Mauer. So war auch meine Mutter, so bodenlos, so überschaubar.“

    Das erzählt beispielsweise Mary Kashpaw. Man ist beeindruckt, aufs Feinste gedrechselte Sätze, tolle Bilder, feiner Humor, nur glaubt man nicht, dass je ein Mensch so reden würde, schon gar nicht Mary Kashpaw. Hier hat eine Autorin ihre Figuren der Poesie geopfert.

    Noch dazu würzt sie das Geschehen mit weitschweifigen Ausflügen ins Metaphysische. Visionen, Träume, Fieberwahn oder auch Indianerlegenden vermischen sich mit Religiösem und ziehen das Geschehen immer wieder in eine krude Geisterwelt mit Erscheinungen aller Arten. Das muss man mögen.

    Meine anfängliche Begeisterung für dieses Buch ließ sehr schnell nach. Die Sprache ist toll, der Humor tiefschwarz und feinsinnig, nur die Geschichte wirkt ziemlich bald nur noch absurd, wo sie hätte berühren sollen, ein Jammer!

  1. Unrational. Mystisch. Unlogisch.

    bewertet:
    1
    (1 von 5 *)
     - 21. Dez 2019 

    Klapptentext: "Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Vater Damien Modeste sich ganz in den Dienst seines geliebten Stammes der Ojibwe im abgelegenen Reservat Little No Horse gestellt. Nun da sein Leben zu Ende geht, muss er fürchten, dass das große Geheimnis seines Lebens doch noch ans Licht kommen könnte: er ist in Wahrheit eine Frau".

    Auf sehr verschlungenen Pfaden erzählt die Autorin die Geschichte der Ojjbwe. Es ist keine geradlinige Geschichte, sondern durchsetzt mit Legenden, Sagen, Mythen, Visionen, Träumen und Geistern. Keines dieser Zwischenstücke ist klar, jedes bedeutungsschwer – oder einfach verrückt.

    Sicherlich kritisiert die Autorin auf ihre Art die Vorherrschaft der „weißen“ Bevölkerung, die durch Unwissenheit oder Grausamkeit das Leben der indigenen Bevölkerung zerstört/e. Dennoch ziehe ich eine klarere, direktere Erzählweise vor.

    Die einzelnen Personen werden auch nicht klar, sie verschwimmen im Mystikgeschwätz.

    Fazit: Der Zugang zu diesem Roman ist schwierig. Obszöne, verrückte Stories in der Story sind nichts, womit ich etwas anfangen kann, Mystik bitte nur in kleinen Dosen. Parallelwelten nur in Science Fiction. Visionen auf der Psychiaterliege.

    Kategorie: Mystik.
    Aufbauverlag, 2019