Die Welt in allen Farben

Rezensionen zu "Die Welt in allen Farben"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Sep 2019 

    Bewegende und eindrückliche Geschichte

    In seinem Debütroman „Die Welt in allen Farben“ erzählt John Heap die Geschichte von Nova und Kate. Die beiden treffen zunächst in durch Zufälle wiederholt aufeinander. Denn eigentlich scheint sie auf den ersten Blick nicht viel zu verbinden. Nova ist Dolmetscherin bei der Polizei. Sie wirkt selbstbewusst und aufgeweckt, spricht fünf Sprachen und kreiert exzentrische Sandwiches. Und sie war von Geburt an blind. Doch nach einer Operation können ihre Augen die Lichtreize wahrnehmen und an ihr Bewusstsein weiterleiten. Aber sie versteht nicht, was sie sieht und auf einmal ist die Welt nicht mehr vertraut. Sie nimmt optische Reize wahr, aber ihr Gehirn kann zunächst keine Informationen daraus gewinnen.
    Der Roman zeigt auf, dass dieser für uns so selbstverständliche Prozess des Sehenlernens wunderbar, faszinierend und unendlich komplex ist. So werden auch dem Leser durch diese Thematik und vor allem durch ihre gelungene Umsetzung die Augen geöffnet. Die Situation in der Nova nach ihrer Operation steckt, das Wahrnehmen ohne zu erkennen oder zu begereifen ist sehr weit entfernt von jemandem, der von Geburt an sehen kann. An diesen Zustand können wir uns nicht erinnern. Dennoch wird Novas Geschichte so greifbar und eindrücklich erzählt, dass man das Gefühl hat, zu verstehen.

    Der zweite Strang der Handlung wird aus der Sicht von Kate erzählt. Sie arbeitet als Architektin und verheiratet. Aber ihr Ehemann hat nicht nur die Seite, die sie zunächst an ihm kennengelernt hat. In diesem Teil der Roman spielt häusliche Gewalt eine große Rolle.
    Auch wenn ich Kates Verhalten im Umgang mit ihrer Situation nicht immer nachvollziehen konnte, hat mich vor allem dieser Teil der Geschichte sehr mitgenommen.

    Was das die Handlung anbelangt, so scheint es ein ständiges Auf- und Ab zu geben. Dies mag anstrengend erscheinen, fesselt aber auch an die Geschichte.
    Die Protagonistinnen habe ich beide als sehr interessant empfunden, trotzdem hätte ich mir an einigen Stellen mehr Hintergrundinformationen gewünscht. Beispielsweise erfährt man zwar von Kate, dass sie sich mit Freundschaften schwertut, aus Novas Privatleben jedoch kaum etwas. Wie und mit wem hat sie ihre Zeit verbracht, bevor sie auf Kate traf?

    Erzählt wird im Präsens in der dritten Person aus Sicht von Nova und Kate. In Szenen, in denen beide vorkommen, war es für mich daher manchmal nicht direkt ersichtlich, welche Wahrnehmung zu wem gehört. Zudem wirkte der Erzählstil teilweise recht distanziert. Obwohl die Erzählweise mir zunächst sehr ungewohnt erschien, scheint sie für diesen Roman zu funktionieren und verleiht im etwas Besonderes. Insgesamt werden das Geschehen und die Empfindungen der funktionieren einfühlsam und anschaulich rüberzubringen.
    Der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Passagen variiert stark. Manchmal liegen Tage, manchmal Monate zwischen zwei Kapiteln. Hier helfen aber die Monatsangaben zu Beginn der einzelnen Abschnitte.

    Eine schöne Ergänzung zu der eigentlichen Handlung sind Novas „Sehregeln“, die zwischendurch immer wieder eingestreut werden. Zunächst sind es sehr praktische Erkenntnisse, die Nova dabei helfen, etwas in dem zu erkennen, was sie sieht. Spätere Einschüben können mehr und mehr im übertragenen Sinn gesehen werden und ergänzen die Handlung.

    Insgesamt eine bewegende und eindrückliche Geschichte, die in einem sehr eigenen Stil erzählt wird.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Aug 2019 

    Aus der Dunkelheit

    Man stelle sich vor, ein Mann wird blind geboren und man lehrt ihn, durch Betasten zwischen einem Würfel und einer Kugel zu unterscheiden. Wenn man ihm nun als Erwachsenem das Augenlicht geben könnte, wäre er dann durch bloße Anschauung, noch vor dem Betasten, in der Lage, die Kugel vom Würfel zu unterscheiden? (W. Molyneux)

    Nova ist seit ihrer Geburt blind. Dann gibt es da plötzlich eine Operationsmethode, die ihr das Sehen ermöglicht. Lange zögert Nova, sie fühlt sich sicher in ihrer dunklen Welt und weiß nicht, was danach kommen wird.

    Kate ist eine recht erfolgreiche Architektin, aber es gibt einen dunklen Punkt in ihrem Leben. Nach zwei Jahren ehe ahnt sie, dass Tony sie nicht liebt, sondern beherrscht. Sie wird immer kleiner bis zu dem Tag, als Tony sie stößt und sie schwer stürzt. Ein Hämatom breitet sich unbemerkt immer weiter in ihrem Kopf aus, bis sie ins Koma fällt.

    In der Klinik treffen sich Kate und Nova und für beide Frauen beginnt Schritt für Schritt und langsam tastend ein Weg in ein farbiges Leben.
    Dieser Roman verursachte mir Gänsehaut . Ich versuchte mir vorstellen, wie es ist zu sehen, wenn man vorher nicht wusste, was „sehen“ ist. Wenn Farben und Formen fremd und unverständlich sind, wenn man Gesichter sieht und sie nicht deuten kann. Das alles ist für Sehende völlig unverständlich und trotzdem hat es die Autorin geschafft, mir eine Ahnung davon zu geben. Sie erzählt Novas erste Monate als Sehende unglaublich einfühlsam und sensibel.
    Auch die Geschichte von Kate hat mich berührt. Wie sich allmählich in ihr Auflehnung gegen ihr kontrollsüchtigen und gewalttätigen Mann regt, wie sie mit Hilfe von Novas Freundschaft sich auf ihre Stärke besinnt, war großartig.

    Die Autorin hat die Geschichte ihrer beiden Protagonisten beeindruckend erzählt dass sich Kate und Nova dann ineinander verlieben, war für mich eine logische Fortführung. Allerdings fand ich die Liebesgeschichte mit ihren Dialogen und Szenen bei weitem nicht so stark, wie die Entwicklung der beiden Frauen.

    Ich finde das Schriftbild des Buches ebenfalls der Erwähnung wert. Es wird mit Schriftgrößen und Formen gespielt. So gibt sich Nova in den ersten Wochen „Sehregeln“, die abgesetzt vom Text sind. Jede dieser Regel fällt sofort ins Auge und regen zum Nachdenken an. Dann gefiel mir ganz besonders ein Stern aus Text, der symbolisiert, wie Nova zum ersten Mal nach einem Stern im Nachthimmel sucht.

    Ein beeindruckender und berührender Roman, dem ich viele Leserinnen wünsche.