Die Wahnsinnige: Roman

Rezensionen zu "Die Wahnsinnige: Roman"

  1. Eindringlich aber handlungsarm

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Nov 2020 

    Johanna von Kastilien hatte wohl mehrere Eigenschaften, die nicht gut in ihre Zeit passten, vorne weg der Wunsch auf Liebe und ein selbstbestimmtes Leben. So etwas war nicht vorgesehen für eine Königstochter und man kann aus heutiger Sicht gut nachvollziehen, dass es einen nahezu verrückt machen muss, wenn man nicht reisen kann wohin man möchte, weil es der Mama nicht ins politische Konzept passt oder wenn man eigentlich eiskalt bleiben müsste, wenn man den Ehemann auf Abwegen erwischt, weil nur das die angemessene königliche Reaktion ist.

    Das ist traurig und tragisch, leider füllte es nicht selbstverständlich ein Buch.
    Alexa Hennig von Lange schafft es wunderbar, Johannas vertrackte Situation zu beleuchten, ihre persönliche Tragödie so wie auch die Stellung der Frau zu jener Zeit. War Johanna verrückt, lebte sie in Zeiten mit verrückten Ansprüchen oder war es bisweilen einfach bequemer, Unpassendes als verrückt zu verdammen, als sich damit auseinanderzusetzen?

    All das erzählt sie mit wenig Handlung und viel Innenschau, eindringlich aber handlungsarm. Man begleitet Johanna durch mehrere Jahre ihres Lebens und hat dennoch den Eindruck einer Momentaufnahme, die bei aller Tragik dann doch irgendwann langweilt.

    Das Buch ist kurz, schön erzählt und ein klein wenig lernt man tatsächlich dazu. Es ist keine Zeitverschwendung, aber auch nicht der ganz große Wurf.

  1. Historische Betrachtung in modernem Gewand

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Aug 2020 

    Medina del Campo, 1503: In Spanien herrscht Isabella, die Katholische mit grausamer Hand. Im Namen Gottes und er katholischen Kirche lässt sie die muslimischen Mauren verfolgen, bringt Tausende als vermeintliche Ketzer auf den Scheiterhaufen. Isabellas Tochter Johanna ist 23 Jahre alt, verheiratet seit sie 16 war mit Philipp dem Schönen, dem Erzherzog von Burgund. Vier Kinder hat Johanna schon. Der jüngste Sohn Ferdinand war gerade geboren, während sie mit Philipp in Spanien weilte, so dass sie mit dem Kind die beschwerliche Reise nach Flandern nicht antreten konnte. Ein Jahr schon befindet sich Johanna nun schon getrennt von Philipp und wird in der Festung La Mota von Isabella festgehalten. Johanna ist berüchtigt für ihre Wutanfälle. Sie nicht an Macht interesseiert, will nicht über andere, nur über sich selbst bestimmen. So setzt Johanna alles daran, Spanien zu verlassen. Doch wieder bei ihrem Mann endet das politische Ränkespiel nicht und wieder ist sei einem machtbesessenen Menschen, ihrem Ehemann, untergeordnet.
    Alexa Hennig von Lange richtet in ihrer historischen Biografie „Die Wahnsinnige“ einen sehr intensiven Blick auf Johanna von Kastilien. Gleichzeitigt geht die Autorin einer zeitlosen Frage über die Welt, in der wir leben, nach:
    „Einer Welt, die auf Liebe mit Macht antwortet, auf Fülle mit Ausbeutung, auf Verletzlichkeit mit Härte und auf Freiheit mit Festsetzung. Einer Welt, deren Methoden sich über die Jahrhunderte verfeinert, aber womöglich gar nicht so sehr verändert haben. Ist der Mensch wahnsinnig, der dagegen aufbegehrt, oder sind es die Verhältnisse?“
    Johanna von Kastilien wurde die Wahnsinnige genannt. 1497 in Toledo geboren, wurde mit 16 Jahren an den Habsburger Philipp den Schönen verheiratet. Sie starb 1555 in einem Kloster in Tordesillas, wo sie die letzten fünfundvierzig Jahre ihres Lebens als Gefangene verbracht hatte.
    „Eine zukünftige Monarchin, die nicht beten und nicht beichten wollte und nur selten im Alten Testament las, war ein Problem.“
    Johannas Leben war von Geburt an fremdbestimmt. Nach ihrer Verehelichung erhoffte sich Johanna Zuneigung, sogar Liebe und erntete doch nur Verrat. Sie war ein Faustpfand in einem politischen Spiel um die Macht im mittelalterlichen Europa, Spielgeld im Einsatz um Machterhalt und Erlangen der Vorherrschaft.
    Johannas letzte Bastion war ihr eigener Körper, das Verweigern von Nahrung war der winzige Teil ihres Lebens, den sie selbst unter Kontrolle halten konnte. Oft hat sie Wutanfälle bis zur äußersten Erschöpfung. War sie demnach wahnsinnig, und wenn sie es war, was hätte sie in den Wahnsinn getrieben?
    Johanna hasste ihre Mutter, verachtet die Scheinheiligkeit Isabellas, der Katholischen, die im wahrsten Sinne über Lachen ging. Die sich der Inquisition, der Unterdrückung und der Versklavung bediente, um ihre Macht zu stärken. Sie hatte kein Interesse an Verrat und Größenwahn.
    Damit war Johanna zu einer Gefahr für die Monarchie geworden. Es war eine Leichtes, sich dieser unbequeme Frau zu entledigen, zuerst durch die Mutter, dann durch ihren Mann, später durch den eigenen Sohn, indem man ihren Geisteszustand in Abrede stellte.
    „Derjenige, der die schönsten Versprechungen macht, gewinnt. Ich will nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Ich brauche noch ein wenig Zeit. Ich glaube, ich wäre eine gute Regentin.“
    Dazu sollte es nie kommen. Obwohl Johanna de facto die mächtigste Frau der westlichen Welt der damaligen Zeit war - Königin von Kastilien und León, Aragón und der »westindischen Inseln und des Festlandes am Ozean« - war sie entrechtet und eine Gefangen bis zu ihrem Tode. Dabei war sie nie jemand anderer als eine Frau, die der damaligen Zeit, den Vorstellungen der Kirche, des Adels nicht entsprach. Die viel zu jung sechs Kinder geboren hat, ohne selbst erwachsen gewesen zu sein. Die im Brennpunkt eines politischen Konflikts schlicht verheizt wurde.
    Die historische Betrachtung trägt ein sehr modernes, feministisches Gewand.