Die verschwindende Hälfte

Buchseite und Rezensionen zu 'Die verschwindende Hälfte' von Brit Bennett
5
5 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die verschwindende Hälfte"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
Verlag:
EAN:9783498001599

Rezensionen zu "Die verschwindende Hälfte"

  1. Identität und Erwartung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Dez 2020 

    In einer kleinen Stadt in Louisiana wachsen die Zwillinge Desiree und Stella Vignes auf. Es sind sehr hellhäutige Mädchen, wie wohl alle Bewohner dieses Ortes, dem Gesetz nach gelten sie aber als Schwarze. Eines Tages verlassen die Mädchen heimlich ihren Heimatort, um in New Orleans ein neues Leben zu beginnen. Doch dort trennen sich auch ihre Wege. Während Stella einen weißen Geschäftsmann heiratet und fortan ihr Leben als weiße Frau zu leben versucht, nimmt sich Desiree den dunkelsten Mann, den sie finden konnte, zum Ehemann.

    Die afroamerikanische Schriftstellerin Brit Bennett greift in ihrem Roman „Die verschwindende Hälfte“ die große Frage nach Zugehörigkeit und Identität auf. Das Buch erschien genau eine Woche nachdem ein weißer Polizist den schwarzen George Floyd getötet hatte, indem er acht Minuten lang auf seinem Hals kniete und mit diesem Vorfall der Ruf #blacklivematters laut und deutlich um die Welt ging.

    Mallard, Louisiana, ist ein fiktiver Ort, der aber so existieren hätte können, so klein, dass er auf keiner Karte zu finden war. Es gab tatsächliche Orte, in denen die Schwarzen darauf achteten, nur andere hellhäutige Ehepartner zu finden, damit ihre Kinder über die Generationen immer hellere Haut haben würden. Als Desiree nach Jahren der Abwesenheit mit einem tief dunklen Kind an der Hand zurückkehrt, sorgt dies unter den Einwohnern von Mallard für große Aufmerksamkeit. Jude, Desirees Tochter, wird in der Schule gemobbt. - „Teerbaby haben sie sie genannt.“ - Der Junge, der sie untertags am schlechtesten behandelt, begehrt sie des Nachts. Jude verlässt Mallard, um in Los Angeles zu studieren, wo sie Reese kennen lernt, der als Theresa Ann geboren wurde und in Kalifornien sich zu seinem eigentlich gefühlten Geschlecht bekennen kann.

    Stella hingegen lebt ihr gesamtes Erwachsenenleben in Lüge und Angst, dass ihre wahre Herkunft ans Licht kommt. - „Als Farbige trat sie ein, und als Weiße kam sie wieder heraus. Sie war weiß geworden, einfach weil alle sie dafür hielten.“- Diese Lebenslüge gibt sie auch an ihre Tochter Kennedy weiter. Erst als Jude und Kennedy sich zufällig kennen lernen, beginnt ganz langsam ein Zusammenrücken der beiden „Hälften“.

    Zugehörigkeit, biologische und soziale Herkunft, „passing“ und Genderidentität. Worüber Brit Bennett scheinbar so mühelos schreibt, trifft einen existenziellen Kern unserer Zeit.

    Schwarz. Weiß. Frau. Mann. Identität und Erwartung. Was sind wir? Was wollen wir sein? Was können wir sein? Mit der Neubestimmung ihrer Identität befassen sich in diesem Roman nahezu alle Personen. Alternative Lebensentwürfe über die Grenzen von Klasse und Geschlecht, wunderbar zusammengefasst in einem Generationenroman, den ich kaum aus der Hand legen wollte.

  1. Fesselnde, tiefgründige Familiengeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Dez 2020 

    Die US-amerikanische Autorin Brit Bennett gilt als eine der wichtigsten jungen Stimmen der US-amerikanischen Literatur und wird als würdige Nachfolgerin der Literaturnobelpreisträgerin und literarischen Grand Dame Toni Morrison gehandelt. In ihrem neuesten Roman «Die verschwindende Hälfte» erzählt sie eine bewegende, Generationen umspannende Familiengeschichte, in der die Emanzipation von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht eine tragende Rolle spielt. Hierin nimmt sich Brit Bennett zahlreicher wichtiger Themen an, die sich mit alltäglichem Rassismus, Diskriminierung und Gewalt gegen Afroamerikaner auseinandersetzen, aber sich auch eingehend mit Fragen der Besinnung auf die eigenen Wurzeln, der Identitätssuche, Lebenslügen und dem Umgang mit Transsexualität beschäftigen.
    Obwohl der Roman in den USA derzeit als das Buch zur "Black-Lives-Matter"–Bewegung gilt, geht es der Autorin doch um viel mehr als nur um eine literarische Aufarbeitung von eingefahrenen Vorurteilen, alltäglicher Ausgrenzung und Gewalt gegen die afroamerikanische Bevölkerung in den USA und deren Folgen auf das Zusammenleben der unterschiedlichen Ethnien.
    Ihren Anfang nimmt die Familiengeschichte im fiktiven Südstaatenstädtchen Mallard im ländlich geprägten Louisiana in den 1950ger Jahren und führt uns bis in die 1990ger Jahre hinein.
    Im Mittelpunkt des vielschichtig angelegten Romans stehen die Zwillingsschwestern Stella und Desiree, die in Mallard in einer afroamerikanischen Community aufwuchsen, die sehr auf ihre außergewöhnliche Hellhäutigkeit bedacht war. Im Alter von 16 Jahren verschwinden die beiden über Nacht aus der Stadt sind, um die Enge und Perspektivlosigkeit hinter sich zu lassen und in New Orleans ein neues Leben zu beginnen, doch trennen sich ihre Schicksalswege schon bald. Während Stella ihre Herkunft verleugnet, sich von ihrer Vergangenheit und familiären Wurzeln abwendet, um einen reichen Weißen Mann zu heiraten und als Weiße mit ihrer weißen Tochter Kennedy unter den Privilegierten in Los Angeles zu leben, heiratet Desiree einen tiefschwarzen Mann und bekommt mit ihm eine ebenfalls sehr dunkelhäutige Tochter, Jude. Mit ihr flüchtet Desiree schließlich vor ihrem gewalttätigen Mann zurück nach Mallard.
    Auf sehr faszinierende Weise beleuchtet die Autorin in unterschiedlichen Episoden die miteinander verwobenen Schicksale ihrer sehr vielschichtig angelegten Frauencharaktere, gewährt Generationen übergreifende Einblicke und wechselt immer wieder zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen. So folgen wir den verschlungenen Lebenswegen der beiden Schwestern, erhalten aufschlussreiche Einblicke in ihr Seelenleben und erfahren schließlich immer mehr über ihre Bemühungen einen Platz in der Gesellschaft und in ihren so gegensätzlichen Lebenswelten zu finden. Sehr einfühlsam und anschaulich beschreibt Bennett, welchen Preis die beiden Zwillinge für ihre folgenschweren Lebensentscheidungen zu zahlen haben. Äußerst eindrücklich fand ich die Schilderungen von Stellas aufgewühltem Innenleben, ihrer permanenten Angst vor Enttarnung ihrer Lebenslüge, dem ständigen innerlichen Abwägen, der Einsamkeit und ihrem unbedingten Willen zur Assimilation bis hin zur Selbstverleugnung. Geschickt thematisiert die Autorin in ihrer tiefgründigen Geschichte auch den allgegenwärtigen Schmerz und die innere Zerrissenheit von Zwillingen, seine „andere Hälfte“ zu verlieren.
    Im Laufe der fesselnden Handlung verfolgen zudem auch das bewegende Schicksal ihrer Töchter Jude und Kennedy, die sich zufällig begegnen, und das fragile Lügengeflecht ihrer Mütter ins Wanken bringen. Ihnen gelingt es schließlich die familiären Brüche, ambivalente Denkmuster, alte Vorbehalte und Klassenunterschiede zu überwinden, um ein neues Miteinander daraus erwachsen zu lassen. Ein überaus schöner, versöhnlich stimmender Ausklang!
    FAZIT
    Eine bewegende, vielschichtig angelegte und mitreißend erzählte Familiengeschichte über die Emanzipation von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht sowie über das Leben als „Falsche Weiße“.
    Sehr lesenswert!

  1. Identität und Zugehörigkeit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Okt 2020 

    In diesem Buch befasst sich die US-amerikanische und afroamerikanische Autorin Brit Bennett mit Fragen der Zugehörigkeit und der Identität, beschäftigt sich in einer höchst interessanten Weise mit dem Rassismus und der Diskriminierung, lässt ihre Charaktere aber auch über ihre Wurzeln nachdenken. Diese Familiengeschichte ist keinesfalls eine durchschnittliche Familiengeschichte, sondern weiß interessante Fragen zu stellen und außergewöhnliche Szenarien zu entwickeln. Wir befinden uns im fiktiven Ort Mallard in Louisiana, wo es afroamerikanische Familien hingezogen hat, die recht hellhäutig sind, als Weiße durchgehen können. Diese grenzen sich selbst von den dunkleren Afroamerikanern ab, werden aber auch selbst von diesen misstrauisch beäugt. Eine interessante Art der Betrachtung von Diskriminierungen wie ich finde. Die Zwillingsschwestern Stella und Desiree lösen sich von diesem Mallard, gehen nach New Orleans und suchen sich neue Wege und nehmen den Leser mit auf eine sehr interessante Reise. Brit Bennett lässt in ihrem Buch "Die verschwindende Hälfte" interessante und außergewöhnliche Charaktere auftreten und lässt das Thema Identität nicht nur durch schwarzamerikanisches Personal beleuchten, sondern lässt auch geschickt Genderfragen einfließen. Auch dieser Punkt hat mir sehr gefallen! Ein wirklich wunderbares Buch!!! Love it!!! Und wieder eine Autorin mehr, deren Werk ich genauestens beobachten werde! Nicht umsonst zählt sie in den USA zu den wichtigsten jungen literarischen Stimmen!!!

  1. Unterhaltend. Berührend. Originell.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Sep 2020 

    Die Vigneszwillinge, Desirée und Stella, leben bis zu ihrem vollendeten sechzehnten Lebensjahr in Mallard, Louisiana. Es ist ein sehr kleiner Ort mit nicht sehr vielen Leuten, einige sind weiß und reich, die anderen sind schwarz und vorrangig arm. Rassendünkel ist das vorherrschende Merkmal des Städtchens. Je weißer die schwarzen Menschen sind, desto höher ist ihr Prestige. Deshalb hat es sich eingebürgert, dass sie sich „weißschlafen“, dh. sich mit weißen Menschen verheiraten und fortpflanzen, so dass ihre Kinder weiß und weißer werden. In Mallard wohnen eigentlich keine coloured people mehr, sie sehen aus wie Weiße, nur in ihrem Erbgut sind sie noch Schwarze. Doch da jeder von jedem alles weiß, reicht dies vollständig aus, dass jeder und jede seinen Platz in der Gesellschaft von vornherein zugewiesen bekommt.

    Die Autorin Brit Bennett hat mit dem Roman „Die verschwindende Hälfte“ einen wunderbar unterhaltsamen Roman mit Tiefgang geschrieben, wobei sie die Lebens-Wahl der beiden Vignesschwestern beschreibt. Die eine, die sieben Minuten ältere, Desirée, möchte Mallard verlassen, die andere zögert, aber schließlich ist es Stella, die ruhige, geheimnisvolle Stella, der der Ausbruch von den Platzanweisungen der Weißen wirklich und endgültig gelingt. Freilich zahlt sie dafür einen hohen Preis.

    Der Roman umfasst mehrere Generationen und meistert die erzählten Zeitspannen mit Leichtigkeit. Seine Sprache ist leicht, aber nie oberflächlich. Man vermisst vielleicht eine besondere Sprache, besondere Bilder, doch die Dialoge sind authentisch, die Charakterzeichungen originell und die Geschichte anrührend, ohne kitschig zu sein. Der Roman lebt von seinem originellen Inhalt.

    Es ist ein Roman über Rassismus anhand eines Einzelschicksals, ein Roman, der zwischen den Zeilen tief klagt, ohne je den Zeigefinger zu heben und anklagend zu sein.

    Fazit: „Die verschwindende Hälfte" ist ein Roman, der besonders ist. Besonders originell, besonders unterhaltend und besonders berührend. Die Autorin, von der ich auch bereits „Die Mütter“ las, hat noch einmal nachgelegt und zeigt allmählich, was in ihr steckt.

    Für „Die verschwindende Hälfte“ gebe ich eine Leseempfehlung. (Eine Leseempfehlung gebe ich nicht oft).

    Kategorie: Beste Unterhaltung
    Verlag: Rowohlt, 2020