Die verlorenen Kinder: Ein Wien-Krimi (Falco Brunner, Band 1)

Rezensionen zu "Die verlorenen Kinder: Ein Wien-Krimi (Falco Brunner, Band 1)"

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 26. Jun 2019 

    Unsympathisches Personal...

    April, 2015: In Wiener Pflegeheimen werden zwei Bewohner innerhalb weniger Tage auf die gleiche Weise getötet. Privatdetektiv Falco Brunner nimmt die Ermittlungen auf. Was sich auf den ersten Fall als ein „Pflegeskandal à la Lainz" darstellt, führt den suspendierten Ex-Polizisten in die Vergangenheit der Wiener Kinderheime – insbesondere des Heimes am Wilhelminenberg. In den Mittelpunkt von Falcos Ermittlungen rücken die Missbrauchsskandale der 60er Jahre. Ehemalige Betroffene leiden bis heute unter den Folgen und haben verschiedene Wege gefunden, ihre Kindheitstraumata zu verarbeiten. Falco kämpft gegen eine Mauer des Schweigens. Seine Ermittlungen führen ihn in höchste Kreise. Der Preis der Gerechtigkeit ist ein hoher…

    Wieder einmal ein Reihenbeginn - und damit der erste Fall für den Wiener Privatdetektiv Falco Brunner. Besonderes Kennzeichen: er hat Star Wars Figuren auf seinem Schreibtisch stehen - Darth Vader findet sich da ebenso wie Anakin Skywalker. Eine ganz andere Geschichte? Das sah der Autor offenbar anders, denn ständig verglich er das Leben des Detektivs oder auch das anderer Charaktere in dem Krimi mit einer der beiden Figuren aus der berühmten Serie: entweder man steht auf der hellen Seite oder man entscheidet sich für die dunkle. Womit ich schon beim ersten Punkt bin, der mich hier massiv störte - ein- oder zweimal lasse ich mir solche Bilder gefallen. Werden sie aber dauerhaft genutzt, nutzen sie sich eben auch ab - und öden irgendwann an.

    Falco Brunner ist ein eher trauriger und v.a. auch unsympathischer Charakter. Gerade kämpft er noch mit den letzten Ausläufern einer Leukämie-Erkrankung und muss sich damit abfinden, dass sich seine Frau von ihm getrennt hat - nachdem er sie etliche Male mit anderen Frauen betrogen hatte, was eines Tages ans Licht kam. Warum auch immer, verhält sich seine Ex-Frau ihm gegenüber stets fair, und die beiden Kinder kommen an den Wochenenden zu ihm.

    Schwer erträglich findet Falco allerdings die Vorstellung, dass sein ehemaliger Freund und Ex-Kollege bei der Polizei nun eine Beziehung zu seiner Ex-Frau pflegt. Auch sonst verbindet ihn mit dem Nebenbuhler nichts mehr - zu viel ist in der Vergangenheit vorgefallen. Treffen die beiden aufeinander, fliegen deswegen gerne auch mal die Fäuste. Klingt kindisch? Eben. Falco hat seine Emotionen nicht im Griff, und es scheint, als ob er irgendwie in der Pubertät stecken geblieben wäre. Auch die Äußerungen, die er - immerhin gleichberechtigt allen gegenüber - tätigt, erscheinen oft wenig erwachsen und immer latent verächtlich oder aggressiv. Gleichzeitig schießen dem Ermittler zwischendurch immer wieder depressive Gedanken durch den Kopf, die auf mich jedoch einfach nur weinerlich wirkten.

    Doch nun zum Fall selbst - und hier bekomme ich irgendwie keinen roten Faden rein. Es gibt eine dunkle Vergangenheit (üble Vorkommnisse in Kinderheimen, die Kirche ist natürlich auch darin verstrickt, aber auch hochrangige Politiker aller Couleur, und an einer Aufklärung der damaligen Geschehnisse ist deshalb auch niemand ineressiert - sollte es einer wagen, wird er schon sehen, was er davon hat). Es gibt eine undurchsichtige Gegenwart (zwei Tote in verschiedenen Altersheimen, die auf dieselbe grausame Art zu Tode kamen, offensichtlich jemanden, der sich rächen will und einen Auftrag für Falco Brunner: zu klären, was hinter den Toten im Altersheim steckt).

    Da Falco vom Polizeidienst suspendiert wurde und Geld verdienen muss, nimmt er den Auftrag an. Dabei steht er immer wieder in Konkurrenz zu den Ermittlungen der Polizei - und damit zu denen seines ehemaligen Freundes und jetztigen Widersachers. Einen besonders professionellen Eindruck macht Falco in seiner Rolle als Privatdetektiv jedenfalls nicht - und immer wieder setzt er statt seines Kopfes die Fäuste ein, muss auch gelegentlich etwas einstecken.

    Bei den Ermittlungen tauchen zahllose Personen und Orte auf - oft noch mit den Partnern, die noch zusätzlich für Verwirrung (beim Lesen) sorgen. Der Fall entwickelt sich überaus zäh, Fortschritte sind oftmals dem Zufall geschuldet oder weil sich ein Hinweis unübersehbar aufdrängt. Schlussendlich wird der Fall auch noch überaus persönlich für Falco, was für mich dann endgültig ins Unglaubwürdige abdriftete. Bis zum Ende habe ich nicht verstanden (abgesehen vom 'Dramaturgischen'), was das auch noch sollte.

    Das Thema Kindesmissbrauch wurde hier zudem derart klischeehaft bedient, dass es für mich an BILD-Zeitungs-Niveau gemahnte. Tätergruppe: klischeehaft (s.o.). Opfergruppe: alle mit gewaltigem und lebenslangem psychischen Knacks, im Grunde kaum in der Lage, selbständig ein Leben zu führen. Aufklärungsmoral: klischeehaft = Null. Hier gibt es nichts Subtiles, hier wurde ein problembehaftetes Thema reißerisch ausgeschlachtet, der Leser in einen Sumpf gestoßen, den er nur mühsam wieder los wird.

    Und letztendlich bin ich einfach nur froh, dass der Krimi jetzt ein Ende hat - die Auflösung übrigens ziemlich unglaubwürdig und hauruckmäßig in meinen Augen, und manche Zusammenhänge wurden mir bis zum Schluss nicht wirklich deutlich. Hier musste ich mich immer wieder zum Weiterlesen zwingen, denn irgendwann und irgendwo erwartete ich ein Aha - leider vergeblich.

    Es mag sein, dass Falco Brunner im Laufe der Reihe dazu lernt und sich auch charaktermäßig weiterentwickelt. Es sei ihm (und dem Leser) gegönnt. Ich allerdings werde diesem Privatermittler wohl keine zweite Chance mehr geben...

    © Parden