Die Vegetarierin

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Vegetarierin' von Han Kang
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Vegetarierin"

Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die, laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. »Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie für nichts Besonderes. Bei unserer ersten Begegnung fand ich sie nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.« Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet. Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:190
EAN:9783746633336

Rezensionen zu "Die Vegetarierin"

  1. Auf leise Art verstörend und intensiv

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Mai 2019 

    Ich würde empfehlen, an die Bücher von Han Kang möglichst unbefangen heranzugehen, ohne schon zu viel darüber zu wissen. Über die Handlung möchte ich daher noch nichts verraten.

    Die Bücher von Han Kang sind für mich grundsätzlich keine leichte Lektüre. Zu verstörend sind sie, zu provokant, zu intensiv. Und dennoch sind sie nach meinem Empfinden unwiderstehlich – auf die gleiche Weise, wie ein Albtraum unwiderstehlich ist, aus dem man sich auch nach dem Erwachen nicht vollends befreien kann.

    Die Geschichten, die Han Kang erzählt, sind auf stille Art grotesk. So kafkaesk, als habe sie sich ganz bewusst darum bemüht, dieser berühmte Forderung Franz Kafkas nachzukommen:

    »Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.«

    Und so ist auch “Die Vegetarierin” aufwühlend und unbequem.

    Der Leser kann sich nur sehr begrenzt in die Gedankenwelt der Charaktere einfühlen, und es ist fraglich, ob man das überhaupt will: allzu schnell spürt man, welche menschlichen Abgründe hinter der Fassade lauern, und dennoch kann man sich nicht abwenden.

    Aber worum geht es überhaupt – wo liegt der Sinn dieser Geschichte? Wahrscheinlich werden keine zwei Leser auf diese Frage die gleiche Antwort geben, und so kann auch ich nur danach gehen, wie diese Geschichte in mir persönlich nachhallt.

    Mein Versuch einer Sinnfindung:

    Es geht unter anderem um Unterdrückung und Anpassung in einem gesellschaftlichen System voller rigider Normen – und letztendlich um Verweigerung in der letzten Konsequenz. Das liest sich zunehmend skurril, dabei jedoch auf sonderbare Weise folgerichtig: anders kann es nicht enden.

    FAZIT

    Die unscheinbare, angepasste Yeong-Hye beschließt, sich fortan vegetarisch ernähren, was von ihrem Mann und ihrer Familie als unerhörter Akt der Rebellion betrachtet wird. Aber das beschreibt noch nicht mal annähernd, was im Laufe der Handlung alles auf nur 189 Seiten alles geschieht – bis hin zu einem konsequenten, surrealen Ende.

    Habe ich das Buch verstanden? Ich weiß es nicht.
    Habe ich das Buch gerne gelesen? Absolut. Tatsächlich hat es sich bereits in das Regal meiner Lieblingsbücher eingereiht, wo es nun neben “Deine kalten Hände” und “Menschenwerk” steht und auf weitere Bücher von Han Kang wartet.

  1. Eine Frau irgendwo im Nirgendwo

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Jan 2019 

    Wenn ich den Inhalt lediglich mit einem Wort beschreiben müsste, dann definitiv mit 'verstörend'. Wie man aus der Buchbeschreibung ja bereits herauslesen kann, geht es hierin um die Protagonistin Yeong-hye, die aufgrund eines Traumes urplötzlich aufhört, Fleisch zu essen und darüber hinaus auch kein weiteres tierisches Produkt mehr anrührt. An und für sich ist dieser Umstand jetzt erst mal nicht beunruhigend, aber Yeong-hye wirkt auf den Leser von Anfang an schon irgendwie eigenartig, wenig fassbar oder durchschaubar und sehr zurückhaltend/passiv. Klar, eine gewisse Unscheinbarkeit haftet ihr auch an, aber diese stand für mich nicht wirklich im Vordergrund. Dass sich in ihrem Inneren deswegen umso mehr Essenzielles abspielt, war mir gleich bewusst, genauso wie die Tatsache, dass genau das wohl früher oder später aus ihr herausbrechen wird ...

    ~ Das Leben ist schon seltsam. Egal, was passiert, selbst nach einem schrecklichen Ereignis isst man, trinkt man, geht auf die Toilette, wäscht sich. Kurz, das Leben geht weiter. ~
    (S. 175)

    Geschrieben ist das Buch NICHT aus der Sicht von Yeong-hye (ist klar, sonst hätte man die wahren Motive für ihr Verhalten wahrscheinlich erfahren), sondern zuerst aus der Sicht ihres Ehemannes, im nächsten Teil aus der Perspektive ihres Schwagers und im letzten Abschnitt ist ihre Schwester die Hauptfigur. Alle beschreiben mehr oder weniger, neben ihrem eigenen Innenleben und das, was sie beschäftigt, wie sie Yeong-hye im Laufe der Zeit wahrgenommen und was sie alles Merkwürdiges mit ihr erlebt haben. - Und das ist manchmal wahrlich unheimlich gewesen. Yeong-hye begann damit, kein tierisches Produkt mehr zu essen (man erfährt aus ihrem Mund nie wirklich, warum sie das tut) und endet damit, dass sie gar nichts mehr isst und schlussendlich den Leuten versucht begreiflich zu machen, sie sei eine Pflanze und brauche nichts weiter als Sonnenlicht und hin und wieder ein Schlückchen Wasser. Die Folge davon ist, dass sie logischerweise körperlich immer mehr verschwindet.
    Für mich war es ziemlich unheimlich, mir Yeong-hye vorzustellen. In meinem Kopf hatte ich das Bild einer völlig teilnahmslosen Frau ohne Emotionen, die kaum noch spricht und sich in der Sonne andauernd entblößt, weil sie denkt, sie sei ein Gewächs, das dringened Sonne benötigt. Manch einer würde sich an dieser Stelle denken: Ein Fall für die Psychiatrie! Letztlich wurde sie dort auch (von ihrer wenig einfühlsamen Familie) eingewiesen.

    Tatsächlich blieb Yeong-hye (mir) bis zum Schluss ein undurchschaubares, sonderbares Wesen. Ich wusste nicht, ob sie all das alles echt glaubt und wirklich verrückt geworden ist, oder ob ihr Umfeld sie einfach nur falsch verstanden hat (auch ich). Sie ist im Grunde nämlich eigentlich eine arme, wenig respektierte Frau, die man nur gebogen und verbogen hat. Vielleicht wollte sie mit ihrem ganz bewusst gespielten, absichtlichen Verhalten genau daraus ausbrechen und endlich frei sein? Dass sie gelitten hat, hat man gemerkt, aber sie hat sich bis zu ihrer Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen, niemals jemandem widersetzt. Mit ihren merkwürdigen Anwandlungen hat man sie, die ewig unscheinbare Frau, endlich auch mal wahrgenommen. Yeong-hye ist unzufrieden und wird unterdrückt. Sich selbst nicht mehr als menschliches Wesen zu sehen, unter die Pflanzen zu gehen und so nach und nach zu verhungern, sah sie möglicherweise als Befreiungsschlag ... Aber das sind nur meine Gedanken dazu. Was uns die Autorin damit genau vermitteln wollte, weiß ich nicht.

    Das offene Ende lässt mich zwar etwas ratlos zurück, aber empfehlen kann ich das Buch auf alle Fälle ... Das Kopfkino funktioniert hier nämlich einfach grandios und zusätzlich kann man beim Lesen durchgehend miträtseln, es ist also kein Buch nur zum Abschalten, sondern vor allem auch zum Mitdenken.

    Wer es schon gelesen hat oder bald lesen wird: würde mich sehr freuen, wenn ihr mir eure Sicht der Dinge zu Yeong-hye und ihrem Verhalten in einem Kommentar mitteilt. Vielleicht verstehe ich die Botschaft von Han Kang dann besser!?