Die untalentierte Lügnerin: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die untalentierte Lügnerin: Roman' von Eva Schmidt
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Nachdem ihr Versuch, Schauspielerin zu werden, gescheitert ist, kehrt Maren zurück an den Ort ihrer Kindheit. Mit ihrer bevormundenden Mutter, einer so egozentrischen wie erfolglosen Künstlerin, und ihrem Stiefvater Robert, einem reichen
Unternehmer, der für alle und alles aufkommt, lebt sie in dem luxuriösen Haus am See. Als die Spannungen zwischen Maren und ihrer Mutter zunehmen, bietet ihr Robert die Firmenwohnung an. Dort findet sie bald heraus, dass er offenbar ein
Doppelleben führt, dass er ihre Mutter nie geliebt hat, dass so vieles anders sein könnte in ihrer kleinen Welt, als es schien. Und dass der Zwang zu lügen stärker wird, je mehr sie weiß.
So wie es hinter der stillen Oberfläche ihrer Sätze rumort, so monströs sind die scheinbar alltäglichen Verhältnisse, von denen Eva Schmidt hier erzählt, so berührend wirkt der kühle Ton, den sie anschlägt: ein Psychogramm ohne Psychologie, ein gleichermaßen feinsinniger wie aufregender Roman über den Wunsch nach Nähe und die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:216
Verlag: Jung u. Jung
EAN:9783990272305

Rezensionen zu "Die untalentierte Lügnerin: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Nov 2019 

    LETHARGIE hat Ursachen

    Eva Schmidt arbeitet mit Lieschen Müller, das heißt mit einer völlig unspektakulären Protagonistin, namens Maren. Das Unspektakuläre macht es der Leserschaft mühsam, für die Protagonistin genügend Interesse aufzubringen. Doch der Roman ist kurz, und so hält man ihren banalen Alltag aus. Trotzdem ist es eine Geduldsprobe. Zum Glück ist die Schreibe der Autorin klar und ansprechend.

    Maren kommt nicht gut klar mit ihrer Mutter, Vera. Na ja, so was kommt vor. Vera hatte Marens Vater verlassen und sich einen neuen Partner zugelegt, Robert, mit dem Maren im Prinzip ganz gut konnte, als sie ein Kind war. Die Patchworkfamilie war perfekt, als zwei Halbbrüder, Igor und Ruben, dazukamen. Da Robert begütert ist, braucht sich die Familie eigentlich über nichts den Kopf zu zerbrechen. Dennoch baut sich Distanz auf, als die Söhne aus dem Haus sind.

    Maren befreundet sich mit Lisa, die in einer Bar arbeitet, weil sie Geld braucht, um sich selbständig zu machen. Genau wie der Leser begreift auch Lisa nicht, warum Maren so initiativlos und gleichgültig durchs Leben wankt. Oder stolpert. Maren hat ein bisschen Kunst studiert, war ein bisschen in der Klappse, mag ihren Hund, und hört mit dem Stiefpaps Musik, ihre Mutter macht auf Kunst, ihre Brüder glänzen durch Abwesenheit, könnten aber jederzeit besucht werden. Warum ist Maren nicht glücklich, obwohl Stiefpaps ihr eine tolle Wohnung bezahlt? Und sich auch sonst nicht lumpen lässt?

    Schließlich findet Maren eine Arbeit als Aufsehkraft in einem Museum. Hier kann sie sitzen und schauen. Niemand will etwas von ihr. Was ist los mit Maren, irgendwas kann doch mit ihr nicht in Ordnung sein. Niemand schaut ewig lange stumpf an die Wand.

    Abgesehen davon, dass die Autorin Maren vielleicht doch ein wenig zu lethargisch darstellt, so lethargisch, dass auch Sex sie nicht vom Hocker reißt, sie ihn andererseits aber auch nicht verweigert, so lethargisch, dass im ganzen Buch nichts von Belang passiert, macht Eva Schmidt es gut, sie erklärt Maren durch das, was Maren alles nicht tut, nicht denkt und nicht kann. Maren kann keine tiefen Beziehungen führen. Aber warum? Warum interessiert sie sich für niemanden, höchstens noch für Pablo, den Hund.

    Als Maren endlich anfängt, selber eine (sehr langweilige) Geschichte zu schreiben, kann sie ihre Lebensgeschichte für sich selber fassbar machen und sich allmählich ins Leben zurücktasten. (Gott sei Dank. Allerdings gibts dann nur noch wenige Zeilen im Buch).

    Fazit: Maren ist absolut überzeugend, aber einige Prisen zu langweilig.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Verlag: Jung und Jung, 2019

    Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, 2019

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Sep 2019 

    Familienbande ?!?

    Das erste Buch, welches ich 2019 von der diesjährigen Longlist des deutschen Bücherpreises gelesen habe, ist "Die untalentierte Lügnerin". Und ich muss sagen, es lässt mich verstört zurück. Dabei kann ich nur sagen, dass die Autorin durchaus kraftvoll und intensiv schreibt. Sie schreibt sehr gern und sehr gut über die menschlichen Mini-Höllen, wie ein Kritiker so treffend formulierte, dabei liegt ihr Fokus nicht nur im Gesagten/Geschriebenen, sondern auch/eher im Ungesagten. Und eben darin liegt auch die große Stärke des Romans, im Ungesagten. Der Leser/die Leserin darf sich seine/ihre Gedanken machen. Und das habe ich getan. Erst nach und nach entfalten sich die verschiedenen Personen und man erkennt die einzelnen Lebenslinien, die einzelnen Lebensläufe, die Probleme der Menschen. Dieser Roman wird noch einen großen Nachhall haben. Interessant ist noch ein weiterer Kunstgriff der Autorin, der Hauptcharakter dieses Buches schreibt im Buch noch eine Geschichte, wo ich mich die ganze Zeit frage/gefragt habe, wieviel von dieser Geschichte autobiographisches Erleben des Hauptcharakters ist. In der Beschreibung des Romans wird folgende Formulierung verwandt: ein Psychogramm ohne Psychologie, und genau diese Beschreibung ist sehr zutreffend, eine Beschreibung von Personen ohne psychologische Betrachtung. Insgesamt ist dieses Buch in einem kühlen Ton gehalten, erzählt in Fragmenten über ein zerstörtes Leben und ist ungemein verstörend/unglaublich nachhallend. Dabei entfaltet das Buch erst nach und nach seine Kraft, dieser kühle Ton lässt in mir eine Distanz zum Hauptcharakter entstehen, welcher mir definitiv nicht sympathisch war. Das ändert sich aber nach und nach, je mehr ich über das Leben des Hauptcharakters erfahre, desto einfühlsamer werde ich, man kann auch eine gewisse Entwicklung von Maren erkennen und am Ende wünsche ich Maren nur, dass alles gut gehen möge. Auch diese Entwicklung in mir finde ich interessant, ein Roman, der in einem kühlen Ton gehalten ist, löst dies normalerweise nicht aus. Die Autorin konnte mich also erreichen.

    Um was geht es aber eigentlich in diesem Buch: es ist eine ungewöhnliche Familiengeschichte aus Österreich, die aber eigentlich gar nicht so ungewöhnlich ist. Es wird viele ähnliche Konstellationen geben, hinter den Fassaden, hinter den Mauern, hinter den Masken, grenzüberschreitend. Als erstes haben wir Maren, die Tochter, nach einem gescheiterten Fluchtversuch kommt sie zurück zur Familie, obwohl dieser Fluchtversuch kein direkter war, sondern eher ein Studium, dessen Anforderungen schlussendlich zu viel sind und in einer psychischen Krise/Erkrankung münden. Dann haben wir ihre Mutter, Vera, eine Malerin, das Verhältnis von Mutter und Tochter ist unterkühlt und ebenso wie ihre Tochter Maren ist auch Vera psychisch labil. Als nächstes haben wir Robert, den Stiefvater, Maren hatte ihn als Kind für die Trennung der Eltern verantwortlich gemacht, erst viel später hat sie erfahren, dass ihre Mutter fremd gegangen ist. Dann kommt als nächste Person Marens Vater Gernot hinzu, er liebt seine Kinder, durch sein frühes Fehlen in der Familie erfolgt diese Liebe eher aus der Ferne und durch sporadischen Kontakt. Dann haben wir Maren Brüder, Igor, Gernots Sohn und Ruben, Roberts Sohn, beide sind ebenfalls von zu hause verschwunden, ersterer lebt mit seiner Frau Karoliina glücklich in Finnland und letzterer studiert in München und versucht sein Glück zu finden. Maren versucht nun Kontakt zu anderen Menschen herzustellen, man merkt ihr deutlich ihre Defizite an, aber genauso merkt man ihr auch eine Entwicklung an. Eine Entwicklung, die mir gefallen hat. Man hätte aus dieser Familiengeschichte einen deutlich dickeren Roman machen können, aber auch so dünn, so klein, hat es diese Familiengeschichte in sich.

    Den Titel finde ich etwas eigenartig. Die untalentierte Lügnerin, ich weiß ehrlich nicht, wie ich dies auf die Person der Maren anwenden sollte. Sie lügt, ja, aber weder ist dieses Lügen so untalentiert, noch gehört dieses Lügen so hervorgehoben. Es sind in meinen Augen eher Notlügen, die das Leben auch manchmal erschafft. Natürlich ist dies nicht schön. Aber wer sagt schon immer die Wahrheit?