Die Unschärfe der Welt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Unschärfe der Welt: Roman' von Wolff, Iris
4.7
4.7 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Unschärfe der Welt: Roman"

Iris Wolff erzählt die bewegte Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Bande so eng geknüpft sind, dass sie selbst über Grenzen hinweg nicht zerreißen. Ein Roman über Menschen aus vier Generationen, der auf berückend poetische Weise Verlust und Neuanfang miteinander in Beziehung setzt. Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In »Die Unschärfe der Welt« verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:216
Verlag:
EAN:9783608983265

Rezensionen zu "Die Unschärfe der Welt: Roman"

  1. Eine bewegte Geschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Okt 2020 

    Mein Eindruck

    Iris Wolff stellt ihrem Roman einem Gedicht des in Berlin lebenden Richard Wagner aus seiner letzten Sammlung von 2017 voraus.

    „Ich sah
    den Stein schmelzen
    und die Liebe gehen

    ruft der Vogel
    aus dem Baum

    Wir sagen:
    Er singt“.

    -Richard Wagner-

    Richard Wagner (* 10. April 1952 in Lovrin, Banat, Volksrepublik Rumänien) ist ein rumänisch-deutscher Schriftsteller.
    Wikipedia

    Sieben Episoden

    Iris Wolff erzählt auf hervorragende Weise eine bewegte Geschichte einer deutschen Familie im rumänischen Banat über vier Genrationen. Der Roman spannt einen Bogen eines Zeitraums von etwa einem Jahrhundert beginnend vom Ende der Monarchie, die Zeit der Volksrepublik und sozialistischen Republik bis etwa zur Jahrtausendwende.
    In sieben Episoden wechseln die Figuren, die im Mittelpunkt des Romans stehen.
    Die erste Episode beginnt mit den zentralen Figuren Florentine und Hannes und mit der Geburt ihres Sohnes Samuel.
    Der Pfarrer Hannes und seine Frau Florentine leben in einem Dorf im Banat. Florentine ist in der Stadt aufgewachsen und bald hat sie sich an das Landleben gewöhnt. Sie freundet sich mit Nika an, die verheiratete ist und drei Kinder hat. Nika und Florentine verbringen ihre Zeit gerne bei Kaffee und Sauerkirschlikör, bis Nika an einer versuchten Abtreibung stirbt.
    Zu den anderen Dorfbewohnern findet Florentine kaum Kontakt, denn sie spricht nicht gerne.

    „Ihr Schweigen musste wirken, als hielte sie sich für etwas Besseres. Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrungen heran.“ (S.21/22)

    Auch ihr Sohn Samuel spricht spät und nicht viel. Das erste Wort das er spricht, „»Zăpadă«“ – Schnee.

    Iris Wolf beschreibt in weiteren Episoden einen schillernden Mikrokosmos der unterschiedlichsten Figuren. Ruth und Severin und Echo, ihren Sohn, der in der Marosch ertrunken war, Samuels Freund Oswald, die Freundinnen Livia und Stana, der Spitzel Konstanty und dessen integre Frau Malva, das homosexuelle Besucherpaar aus der DDR und auch Liv. Das Leben zeigt sich in allen Facetten, ihren Hoffnungen, Sehnsüchten, Ängsten, Abschied, Verlust.

    „Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick.“ (S.41)

    Karline, Hannes‘ Mutter, sehnt manchmal die frühere Zeit zurück, als ihre Familie noch wohlhabend war und der König ihr einmal die Hand gegeben hatte. Nun lebt sie im Sozialismus und erzählt ihrem Enkel Samuel Geschichten aus dieser Zeit.

    Themen

    Ihre Figuren sind eingebettet in Themen wie Familie Kommunikation, Freundschaft, Verlust Zugehörigkeit, Einsamkeit, Heimat und Sprache.
    „Die Unschärfe der Welt“ ist kein politischer Roman aber doch zeigt er genau das Leben unter der Herrschaft von Ceausescu. Iris Wolf lässt in ihrem Roman Samuel das erste Wort sprechen und das ist kein deutsches: „Zapada" bezeichnet auf Rumänisch den Schnee. Der Schnee, der Stille hervorruft und alles unter sich bedeckt. Der Schnee als Metapher für das unterdrückte Volk unter der Herrschaft von Ceausescu, das brutalste kommunistische Regime des gesamten Ostblocks.
    Iris Müller spart diese Thematik nicht aus. Aber statt eines direkten, anklagenden Tons, wählt sie den Sarkasmus. „Der Sohn der Sonne liebte sein Volk.“ (S.130)
    Titulierungen seiner Selbstverherrlichung: „Sohn der Sonne", „Genie der Karpaten", „Conducator", „Titan", „Auserwählter", „großer Navigator“. (Vgl. S.129 ff.)
    „Das Genie der Karpaten lebte bescheiden.“ (S.130)

    Wie selbstverständlich leben die Spitzel des Geheimdienstes Securitate mitten unter ihnen im Dorf. Die Menschen ahnen und kennen diese. Trotz der Gefahr werden Gäste im Pfarrhaus beherbergt und Folgen in Kauf genommen.

    Stil und Sprache

    Der Roman beginnt mit Samuels Geburt in den 1960er Jahren. In personaler Erzählform aus Sicht von Samuels Mutter Florentine wird seine Kindheit und Jugend erzählt wie Samuel sie unter dem stalinistischen Conducător Nicolae Ceausescu und dessen Geheimdienst Securitate erlebt hat. Die nächsten Kapitel erzählen von seinen Großeltern, Freunde und Dorfbewohnern. Im Schlusskapitel kommt Liv, die Tochter Samuels, zu Wort.

    „Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen. Manchmal trifft dich der Schatten eines Berges, manchmal ein Wort.“ (S. 69)

    Dabei hat Iris Wolf eine sensible Schreibweise und ihr Stil über dem Banat zu schreiben ist lebensnah, hat sie doch selbst ihre ersten acht Jahre in Siebenbürgen und Banat verbracht, ehe die Familie 1985 in die Bundesrepublik ausreiste.
    Ihre Sprache in poetischen Bildern, stilsichere Sätze und Worte schaffen Raum für viel Stoff zum Nachdenken.

    Fazit
    Sieben Protagonisten über vier Generationen erzählen von ihrer Biografie, die alle miteinander verwoben sind, vor dem Hintergrund in einer geschichtlich bedeutsamen Zeit des 20. Jahrhunderts.
    Iris Wolff erzählt in ruhiger, klarer Sprache bildhaft unzählige Kleinigkeiten des Lebens. Lebenswege, die sich kreuzen, Perspektiven, die sich verschieben. Sie schreibt völlig unaufgeregt und trifft damit genau die authentische Atmosphäre.
    Es ist ein leises Buch, manchmal sarkastisch, dann wieder ganz behutsam und hinterlässt eine angenehme Erinnerung.

    „Etwas kann sooft und eindrücklich erzählt werden, dass man meint, sich selbst daran zu erinnern. Einige Geschichten werden immer wieder erzählt, Sinnzusammenhänge erneuern sich, bislang unbekannte Deutungen tauchen auf – und mit Erzählen verändern sie sich, stetig, unmerklich.“ (S. 183)
    Schlusskapitel Prestigio.

    Ein beindruckender Roman. Ein außergewöhnlicher Roman.

  1. Begegnungen mit Folgen...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2020 

    Auf diesen Roman bin ich aufmerksam geworden, weil er auf der Longlist des deutschen Buchpreises stand. Gespannt begann ich zu lesen und musste feststellen, dass man auch auf recht wenigen Seiten sehr viel erzählen kann.

    In der Geschichte geht es um die Familie von Florentine und Hannes, die in der Region Banat aufwachsen. Sie spüren am eigenen Leib die Gesetze und strenken Regeln des Ostblocks. Als Pfarrer hat der Staat ihn immer im Blick. Welchen Einfluss hat der Umbruch auf die vier Generationen der Familie?

    Im Roman werden vier Generationen dargestellt, von denen nahezu jede in einem anderen politischen System aufwächst. Der Fokus liegt jedoch auf den handelnden Figuren, was ich mochte. Die politischen Einflüsse werden nur am Rand beleuchtet.

    Das Leben von Florentine und Hannes habe ich als recht karg und arbeitsreich empfunden. Sie haben wenig, scheinen damit aber nicht unglücklich zu sein. Ihre ruhige und bedachte Art hatte schon etwas für sich.

    Die Generation der Eltern hat Enteignung erlebt. Mir schien als wenn dieser Umbruch die Betroffenen irgendwie gebrochen hat. Vor dem Sozialismus genossen sie einfach mehr Freiheiten.

    Die Kinder und Enkel haben das Glück einen neuen politischen Umbruch mitzuerleben zu dürfen, der ihr Leben verbessert.

    Ich gehe deswegen nicht auf alle Figuren einzeln ein, weil ich sonst bereits zu viel vom Inhalt und den Zusammenhängen verraten würde. Jeder Abschnitt dreht sich um einen anderen Protagonisten und erst nach und nach wird klar wie derjenige zur Familie gehört.

    Meine Lieblingsfigur hingegen war Benedikt, was wohl keine Überraschung ist. Seine Liebe zu den Büchern und sein Gespür anderen einen guten Roman zu empfehlen, das hat mir gefallen und ich konnte mich am besten mit ihm identifizieren. Seine Suche nach der Liebe hat mich ebenfalls berührt.

    Sprachlich ist der Roman schlichtweg ein Gedicht. Es gab so viele Sätze, die ich mir beim Lesen herausschreiben musste, weil sie mich beeindruckt haben. Alles ist so gut beschrieben, dass man die Geschichte wie einen Film vor seinem inneren Auge abspielen sieht.

    Mein einziger Kritikpunkt ist der Schluss. Hier überstürzen sich die Ereignisse und die Jahre stolpern nur so dahin, so dass ich beim Lesen etwas die Orientierung verloren habe. Hier hatte ich stark das Gefühl, dass man jetzt nun aber ganz schnell zum Ende kommen und jeden Handlungsstrang auflösen will. Das hätte es in meinen Augen gar nicht gebraucht.

    Fazit: Ein sprachgewaltiger Roman, der mich gut unterhalten hat. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus. Gelungen!

  1. Samuel und die anderen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Sep 2020 

    "Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick." (S. 41)

    Kaum hatte ich "Die Unschärfe der Welt" beendet, erschien der Roman der 1977 in Herrmannstadt, Siebenbürgen, geborenen Autorin Iris Wolff auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Eine gute Wahl, auch wenn mein Start nicht leicht war, behinderte doch die titelgebende „Unschärfe“ zunächst die zeitliche und räumliche Verortung der Handlung und die Zuordnung der Figuren. Zum Rettungsanker wurde jedoch bald Samuel, dritte von vier Generationen dieses Familienromans. In jedem der sieben Kapitel spielt er eine zentrale Rolle für die Menschen seines Umfelds und sorgt für zeitliche Einordnung. Dabei bleibt auch er unscharf, wirkt auf jeden anders, und nicht einmal die Beschreibung seiner Augenfarbe stimmt überein.

    Sieben Episoden, viele Leerstellen
    Aus der Sicht seiner Mutter Florentine und in personaler Erzählform beginnt der Roman mit Samuels Geburt in den 1960er-Jahren. In einem Banater Dorf an der westlichen Außengrenze Rumäniens hat sein Vater Hannes seine erste Pfarrstelle angetreten. Samuel erlebt eine Kindheit und Jugend im Rumänien unter dem stalinistischen Conducător Nicolae Ceaușescu und dessen Geheimdienst Securitate, der sich besonders für die Gäste im Pfarrhaus interessiert und dessen Spitzel und Gehilfen sich bis in die Kirchengemeinde erstrecken. Im zweiten bis sechsten Kapitel stehen Figuren wie Florentines slowakische Freundin Malva und ihr gewalttätiger Ehemann Konstanty, Samuels Großeltern Karline und Johann, seine Freundin Stana, sein Freund Oz, dem er beim Kampf gegen seine Drachen beisteht, und ein ehemaliger Gast im Pfarrhaus namens Bene, dem Samuel auf abenteuerlichem Weg ein zweites Mal begegnet, im Mittelpunkt. Das Schlusskapitel gibt die Sichtweise seiner Tochter Liv wieder, als die Familie nach der rumänischen Revolution weit verstreut lebt, gegen Fremdheit ankämpft und mit Deutsch, Slowakisch und Rumänisch über keine gemeinsame Sprache verfügt.

    Viele Themen
    Die Unschärfe der Welt ist kein politischer Roman, sondern ein Buch über Familie, Freundschaft, Zusammenhalt, Einsamkeit, Heimat und Sprache, in den die Wirren der Geschichte jedoch beträchtlichen einfließen. Die rigorose Familienpolitik Ceaușescus mit Tausenden toter Frauen, denen man nach verbotenen Abtreibungsversuchen medizinische Hilfe verweigerte, sein Personenkult und Nepotismus, die Zustände in den Gefängnissen, die wirtschaftliche Misere und der Ausverkauf der deutschsprachigen Bevölkerung kommen zur Sprache:

    "Dieses Land hielt eine Ordnung aufrecht, an die nur noch unter Mühe (oder gleich gar nicht) geglaubt wurde. Dennoch wurde darauf beharrt, es sei eine objektive Wirklichkeit." (S. 129)

    Ein sprachlicher Genuss
    Iris Wolff erzählt dies alles in einer sehr melodischen Sprache, stilsicheren Sätzen und originellen Bildern. Beeindruckt hat mich die große Empathie, die sie ihren eigenwilligen Figuren entgegenbringt. Vieles könnte ich hier zitieren, stellvertretend soll eine der für mich schönsten Stelle über die Wandlung von Stanas und Samuels Kinderfreundschaft in Liebe stehen:

    "Wenn sie nachdachte, wo Samuel in ihrem Körper wohnte, stellt sie fest, dass er inzwischen überall war. Sie fühlte ihn in den Fingerspitzen, in der Kraft ihrer Schultern. Mitten in der Brust hatte er einen weiten Raum eingenommen, in ihren Bauch sandte er ein leichtes, auffliegendes Gefühl. Neuerdings gab es eine Verbindung zwischen der Herzgegend und ihrem Unterleib, ein heißes, wirbeliges, ganz und gar beunruhigendes Gefühl. […] Samuel hatte, ohne es zu wissen, die Landkarte ihres Körpers für sich eingenommen […]." (S. 101)

  1. Aufs Ganze

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Sep 2020 

    Ins Banat ist Florentine ihrem Hannes gefolgt. Als neue Pfarrersfamilie bewohnen sie das zur Gemeinde gehörende Haus, dessen Türen immer offen stehen. Wie weit ab sie von der Zivilisation sind, merkt Florentine als sie befürchten muss, dass mit ihrer Schwangerschaft etwas schief gehen könnte. Zum Bahnhof gelangt sie mit einem Pferdefuhrwerk. Zum Glück geht alles gut, denn Samuel wird ihr einziges Kind bleiben. Hannes hat es als Pfarrer nicht immer leicht. Manchmal ist er unsicher wie er dem Leid in den Familien begegnen soll. Besonders wenn der Tod vor der Zeit Einzug hält in einem Haus.

    Zu Beginn meint man, die Handlung spielt möglicherweise zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch da täuscht man sich, Geschätzt setzt die Geschichte in den 1970ern ein. Ein Besuch aus der DDR lässt die Familie eine andere Wirklichkeit erfahren, was den Vater durchaus in Gefahr bringen kann. In sieben Kapiteln erzählt die Schriftstellerin von Florentine und ihrer Familie. Auf den ersten Blick scheinen diese Geschichten nur wenig zusammen zu hängen. Doch je weiter man liest, desto mehr lernt man die intelligent durchdachte Storyline zu schätzen. Immer neue Facetten kann man entdecken. Auf erstaunliche Weise schließt sich endlich ein Kreis und die verwobenen Lebenswege finden zu einer ausgewogenen Ruhe.

    Zu Beginn fragt man sich logischerweise nach dem Sinn, kein Wunder, denn man weiß nicht, was auf einen zukommt. Doch mit jeder Geschichte wird der Zusammenhang klarer und man wird immer mehr gefesselt von den Menschen, die über ihr Leben berichten. Sie alle haben ihren eigenen Blick auf die Zeit. Die Umwälzungen in Rumänien, aber auch die Zeit der Wende, hinterlassen Spuren in dem Erleben, der Lebenssicht. Etwas eigen wirken sie, aber auch stark und irgendwie so normal und gleichzeitig besonders. Dieser Roman schleicht sich nach und nach an, um lange in Erinnerung zu bleiben.

  1. Ein eindrücklich erzähltes Zeitbild

    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Aug 2020 

    „Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr als ein einzelner Augenblick.“ (Zitat Pos. 390)

    Inhalt
    Der junge Pfarrer Hannes erhält seine erste eigene Pfarrstelle und so zieht er mit Florentine, seiner Frau, in ein Dorf im Banat, wo auch ihr Sohn Samuel geboren wird. Das Leben der deutschsprachigen Bevölkerung im kommunistisch regierten Rumänien ist schwierig. Misstrauisch wird beobachtet, wer die Gastfreundschaft des Pfarrhofes für Übernachtungen in Anspruch nimmt, besonders, wenn es Reisende aus der DDR sind. Samuel beginnt spät zu sprechen und ist wie seine Mutter nachdenklich und schweigsam, ein Außenseiter. Nika, die sehr jung gestorben ist, war die beste Freundin von Florentine und Nikas Sohn Oswald „Oz“ ist jetzt der beste Freund von Samuel. Nach den Erfahrungen im Militärdienst will Oz Rumänien verlassen, doch er bekommt keine Ausreisegenehmigung. Was bedeuten seine Visionen von Drachen, die ihn immer wieder heimsuchen? Samuel erklärt es ihm, denn er hat die Lösung – Drachen fliegen…

    Thema und Genre
    In diesem zeitgeschichtlichen Generationenroman geht es um eine Familie und ihre Freunde und Bekannten, um das Leben und Schicksal von vier Generationen in einer politisch unsicheren Zeit, die geprägt ist von der Diktatur und Unterdrückung unter Nicolae Ceaușescu, und von den nachfolgenden Veränderungen. Es geht um Entscheidungen, Zufälle, und um die Liebe, vor allem aber um den uneingeschränkten Zusammenhalt einer Familie.

    Charaktere
    Im Mittelpunkt stehen die Mitglieder der Familie um Hannes und Florentine, das sind Karline und Johann, die Eltern von Hannes, sowie Samuel, der Sohn von Hannes und Florentine. Sie alle versuchen auf unterschiedliche Art, das Leben mit allen Höhen und Tiefen zu meistern.

    Handlung und Schreibstil
    Die Handlung spielt in Rumänien und Deutschland, in den Jahren vor und nach dem Fall der Berliner Mauer und der Grenzöffnung. Die Ereignisse im Leben der Familienmitglieder werden episodenhaft erzählt. Neue Begegnungen erweitern den Personenkreis, manche bleiben als Freunde, andere entfernen sich wieder, bis sich mit den Jahren und den Erinnerungen langsam der Kreis schließt. Teilweise fühlte die Handlung sich für mich zu bruchstückhaft an, wie Momentaufnahmen, die rasch vorbeiziehen. Was mich jedoch beeindruckte und immer wieder in die Geschichte zurückholte, war die auf eine leise Art sehr intensive, eindringliche Erzählsprache.

    Fazit
    Ein Roman von der Suche nach dem Platz im Leben, vom Aufbruch und von Menschen, die zwischen Heimat, Freiheit und Fremde entscheiden müssen, bevor die Grenzen fallen und sich der Kreis der Generationen wieder schließt. Ein Zeitbild, eindrücklich erzählt.

  1. Sensible Familiengeschichte, sprachlich brillant umgesetzt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Aug 2020 

    Dieser Roman handelt von einer Familie im Banat, die wir über vier Generationen begleiten. Sie beginnt mittelbar noch zur Zeit der Monarchie und endet nach der rumänischen Revolution von 1989. Der Roman ist in sieben Teile eingeteilt, in jedem steht eine Figur im Mittelpunkt. Das Geschehen wird aber immer durch Rückblicke und Erinnerungen ergänzt, so dass die Verbindungen der Figuren untereinander zu jeder Zeit klar sind, obwohl die einzelnen Teile auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen. Am Ende erschließt sich das große Ganze ohne Anstrengung.

    Es geht um Verlust und Neuanfang, um die Bedeutung der eigentlichen Familie und die von Wahlfreundschaften. Wie viel ist man bereit, für einen guten Freund zu tun? Welche Konsequenzen auf mein eigenes Leben nehme ich dafür in Kauf? Kann ich mich auf die Familie bedingungslos verlassen? Es geht auch um die Suche nach der eigenen Identität und dem richtigen Platz im Leben. Es geht um Zufälle und Bestimmungen, um die Verlässlichkeit von Erinnerungen und natürlich auch um Liebe.
    Florentine ist in der Stadt aufgewachsen. Sie hat den deutschstämmigen Pfarrer Hannes geheiratet und mit ihm zieht sie aufs Land nach Zapada in den Banat
    .
    Dramatisch beginnt der Roman mit der Geburt des einzigen Sohnes Samuel, die uns in die rückständige Welt dieser Zeit wirft: Kutschen als Fortbewegungsmittel, überfüllte Krankenzimmer, fragwürdige Behandlungsmethoden. Florentine passt sich an das Landleben an. Sie ist jedoch gedankenverloren und schweigsam, hat eine Liebe zu Büchern und zur Poesie, was sie zur Außenseiterin macht:
    „Ihr Schweigen musste wirken, als hielte sie sich für etwas Besseres. Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit von Erfahrungen heran.“ (Ebook S. 19)

    Es wundert niemanden, dass Samuel auch mit 2,5 Jahren noch nicht sprechen kann, spielt seine Mutter doch lieber „Spiele der Stille“ mit ihm. Florentine kümmert sich um die Familie ihrer besten Freundin Nike, die tragisch ums Leben kam. Ins Pfarrhaus kommen regelmäßig Gäste. Die deutschen Junglehrer Benedikt und Lothar integrieren sich wunderbar, auch wenn sie ein Geheimnis zu umgeben scheint.

    Ein wiederkehrendes, aussagekräftiges Motiv ist die Zeit: „Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick.“ (Ebook S. 33)

    Ruth und Severin gehören zur Pfarrgemeinde. Sie haben ihren 16-jährigen Sohn Echo verloren, was sie in tiefe, ungläubige Trauer stürzt und die Zeit für sie heute rückwärts laufen lässt. Echo war der beste Freund Samuels, eine „träumende“ Kuh spendet ihm Trost – ein wunderbares Bild.

    Hannes Mutter Karline träumt noch von der Monarchie. Sie stammt aus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie und sehnt sich in bessere Zeiten zurück. Immer wieder wird sie von Erinnerungen gestreift: „Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen. Manchmal trifft dich der Schatten eines Berges, manchmal ein Wort. Du gehst einen Hügel hinauf, trägst einen Korb Äpfel, wäschst das Haar, und mit einem Mal öffnet sich eine Tür. Eines Morgens dann willst du nicht mehr aufstehen, hast zu nichts mehr Lust. Weil eine Erinnerung reicht.“ (Ebook S. 52)

    Es gibt natürlich auch Widersacher in dieser dörflichen Welt: Konstanty, ein überzeugter Kommunist und Anhänger Ceausescus, ist die liberale Grundgesinnung mancher Dorfbewohner und der Pfarrersfamilie ein Dorn im Auge. Er verfügt über Seilschaften und fordert „Kooperation“ ein – mit weit reichenden Folgen, die schließlich einen dramatischen Fluchtversuch notwendig machen sowie Einfluss auf das Leben anderer nehmen… - Mehr möchte ich an dieser Stelle vom Inhalt nicht preisgeben.

    Die einzelnen Charaktere und ihre Schicksale werden unpathetisch und glaubwürdig miteinander verbunden, man bekommt ein Bild von den Umständen der jeweiligen Generation und den Herausforderungen, vor die sie sich gestellt sehen. Die leise, einfühlsame und poetische Sprache, die ich als absolut herausragend empfunden habe, führt den Leser in dieses beschauliche Leben im ehemaligen Ostblock hinein. Es entstehen intensive Bilder im Kopf. Zahlreiche Motive (z.B.: Zeit, Sprache, Wind, Licht, Erinnerung) durchziehen den Roman, viele Sätze muss man genießen und auf der Zunge zergehen lassen, soviel Weisheit und Wahrheit steckt darin.

    Ich bin absolut begeistert von der Sprachvirtuosität der Autorin, die es vermag, nicht nur schöne Worte zu finden, sondern gleichzeitig eine spannende und berührende Familiengeschichte zu erzählen. Das sollte sie für viele Leserschichten attraktiv machen, und ich wünsche diesem Buch ganz viele Leser/Innen.
    Dieser Roman ist bislang mein Jahreshighlight 2020. Die wunderschön aufgemachte Hardcover-Ausgabe wird einen Ehrenplatz in meinem Regal erhalten. Große Leseempfehlung!

  1. Lebensspuren...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Aug 2020 

    Iris Wolff erzählt die bewegte Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Bande so eng geknüpft sind, dass sie selbst über Grenzen hinweg nicht zerreißen. Ein Roman über Menschen aus vier Generationen, der auf berückend poetische Weise Verlust und Neuanfang miteinander in Beziehung setzt.

    Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In »Die Unschärfe der Welt« verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen. So entsteht vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein großer Roman über Freundschaft und das, was wir bereit sind, für das Glück eines anderen aufzugeben. Kunstvoll und höchst präzise lotet Iris Wolff die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Erinnerung aus – und von jenen Bildern, die sich andere von uns machen.

    Es gibt Romane, die einen in den Bann ziehen und die einen dann angesichts des Versuchs einer Rezension ein wenig verzweifeln lassen. Dies ist solch ein Roman.

    Erzählt wird hier in 7 Abschnitten von - ja, und genau da beginnt das Problem. Präsentiert wird hier eine Familiengeschichte über zuletzt vier Generationen. Erzählt wird von dem Leben in einer Diktatur, in dem sich die dargestellten Charaktere nur kleine Freihheiten verschaffen können, die manchmal jedoch einen hohen Preis haben. Erzählt wird von Freundschaft und Liebe, Vertrauen und Verrat, Lebensträumen und Lebenszielen, von Stille und Natur, von einem fast vergessenen Landstrich, vom Zusammenbruch des Ostblocks, von lauten und leisen Revolutionen, und immer wieder vom Versuch, sich selbst und seinen Platz im Leben zu finden. Genauer fassen lässt es sich nicht, und der Titel 'Die Unschärfe der Welt' spiegelt sich dadurch für mich auch im Romangeschehen.

    "Es gab Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren - und es bleibt immer etwas übrig, das du dir vorwerfen kannst..."

    Jeder neue Abschnitt bedingt auch einen Wechsel der Perspektive, so dass im Verlauf 7 Charaktere im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Doch auch wenn es zu Beginn eines Abschnitts zunächst oft so scheint, ist die jeweils dargestellte Episode nicht losgelöst von den vorherigen und nachfolgenden Erzählabschnitten, sondern verzahnt sich mit diesen zu einem Gesamtbild.

    Auch wenn die vier dargestellten Generationen womöglich eine zu viel waren - die Beschränkung auf drei Generationen hätte die Chance zu mehr Tiefe in der Darstellung der Charaktere geboten - gelingt es der Autorin, die Geschichte des Landes glaubhaft mit der Geschichte ihrer Charaktere zu verknüpfen. Ein melancholisches Bild, durchzogen von kleinen hoffnungsvollen Tupfern im Lebenslauf.

    "Für Anfänge musste man sich entscheiden, Enden kamen von alleine, wenn man sich nicht entschieden hatte..."

    Der Schreibstil ist es, der mich hier abgesehen von dem Aufbau des Romans am meisten fasziniert hat. Denis Scheck bezeichnet Iris Wolff als "Autorin mit einem traumsicheren Sprachgefühl" - und ja, das bringt es für mich auf den Punkt. An einer Stelle notirerte ich: "Ein Treiben durch Worte, die gestochen scharfe Bilder erzeugen, die Zeit auflösen und einen beim Lesen wie durch Wasser gleiten lassen." Und tatsächlich erzeugte die Lektüre phasenweise ein 'traumhaftes' Empfinden. Dabei zeichnet die Autorin in wenigen Linien ein wahrhaftiges Bild von den Charakteren, obschon diese stets auf Distanz zum Leser bleiben.

    "Sie hatte sich gewünscht, frei von Verantwortung zu sein. Aber vielleicht war ein Leben ohne Verpflichtung das Gegenteil von Glück."

    Für die Lektüre des Romans habe ich außergewöhnlich lange gebraucht - und ich kann nicht wirklich benennen, weshalb das so war. Es war in jedem Fall ein eindringliches Leseerlebnis, ich habe mir zahlreiche Zitate notiert, und tasächlich verspürte ich am Ende den Wunsch, den Roman bald noch einmal zu lesen. Das geschieht nicht oft. Iris Wolff hat bereits zahlreiche Preise für ihre Texte erhalten. Der Deutsche Buchpreis steht an, und ich freue mich, dass dieser Roman auf der Longlist steht. Da dieser Roman bei den bisherigen Rezensenten so gut ankommt, wird er vermutlich nicht den Buchpreis selbst erhalten - in meinen Augen scheinen die Gewinnertitel stets sperrig und/oder verstörend sein zu müssen - aber so fällt er zumindest einem breiteren Publikum ins Auge.

    Von mir gibt es jedenfalls eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

    © Parden