Die Toten von Marnow: Ein Fall für Lona Mendt und Frank Elling

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Toten von Marnow: Ein Fall für Lona Mendt und Frank Elling' von Holger Karsten Schmidt
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Toten von Marnow: Ein Fall für Lona Mendt und Frank Elling"

Format:Broschiert
Seiten:480
EAN:9783462047943

Rezensionen zu "Die Toten von Marnow: Ein Fall für Lona Mendt und Frank Elling"

  1. Positive Überraschung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jan 2021 

    Als notorisch nach Anregungen suchender Krimileser bin ich schon beim Erscheinen auf den Roman "Die Toten von Marnow" von Holger Karsten Schmidt gestoßen, doch irgndwie haben mich Klappentext und buchbeschreibung nicht so richtig überzeugt, zumal imer wieder auf die ambivalente Haltung der beiden Protagonisten hinsichtlich der Gesetzestreue verwiesen wurde.

    Nun, gut ein Dreivierteljahr später, habe ich an das Buch erinnert, das inzwischen offensichtlich verfilmt worden ist und habe es dann doch erworben, und siehe da, ich bin positiv überrascht. Es ist immer eine Gratwanderung für die Autoren, das richtige Maß zwischen dem eigentlichen fall und der Darstellung des Privatlebens der Ermittler zu wahren, zu oft ist das aus meiner Sicht schon schief gelaufen, doch dieser Roman stellt eine Ausnahme dar. Fast scheint es, dass die privaten Hintergründe von Frank Helling und Lona Mendt den Schwerpunkt des Romans ausmachen, zweier Protagonisten, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Er macht den Eindruck eines beinahe spießigen Familienvaters, sie den einer unabhängigen, selbstbewussten Frau. Doch nicht ist so wie es scheint, das gilt auch fpr den Fall, der mit dem Mord an einem Sozialhilfeempfänger beginnt.Dieser wurde zuvor gefoltert, Kinderpornos auf seinem Rechner lassen die beiden ein Rachemotiv vermuten, doch dann stellt sich heraus, dass die Pornos erst Stunden nach dem Tod aufgespielt worden sind, offensichtlich waren zwei Täter unabhängig voneinander tätig. Und es folgen weitere Morde, die alle irgendwie mit der kleinen Stadt Marnow zusammenhängen. Der notorisch klamme Elling wird dafür bestochen, die Ermittlungen im Sande verlaufen zu lassen, Mendt bekommt Besuch von einem äußerst unangenehm wirkendem LKA-Beamten. Beide verstricken sich in illegale Aktionen, aber behalten doch irgendwie das Ziel Gerechtigkeit im Auge. Gerechtigkeit für die Opfer eines Medizinskandals, der in die deutsch-deutsche Geschichte zurückreicht und fiese Machenschaften zwischen Pharmakonzernen und Staatsicherheit offenbaren. Und obwohl sich Elling und Mendt schwerer Vergehen schuldig machen, verlieren sie nicht die Sympathie des Lesers, denn irgendwie ist alles verständlich, bis hin zum eigentlich fragwürdigen Ende, in dem der Urheber zur Rechenschaft gezogen wird, obwohl ihm juristisch nichts nachweisbar ist.

    Wie gesagt, ich bin positiv überrascht und würde es begrüßen, wenn mir die beiden Ermittler in einem Folgeroman erneut begegnen würden.

  1. Definitiv kein 0-8-15-Krimi...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Feb 2020 

    Der Jahrhundertsommer 2003. Gluthitze liegt über Marnow, dem malerischen Ort an der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Kommissare Frank Elling und Lona Mendt ermitteln in einem Mordfall. Das Tatmotiv scheint klar, die Aufklärung nur eine Frage der Zeit. Doch nichts ist so, wie es scheint. So entpuppt sich das Tatmotiv als absichtlich gelegte Fehlspur des Mörders, der vermeintliche Routinefall als Beginn einer Mordserie mit brisantem politisch-historischem Hintergrund. Und mächtige Gegenspieler der Kommissare haben ein Interesse daran, die wahren Zusammenhänge im Dunkeln zu belassen. Je weiter Elling, der treu sorgende Familienvater, der auf recht großem Fuß lebt, und Mendt, die Unnahbare, die in ihrem Wohnmobil geheimnisvolle Besuche empfängt, in ihren Ermittlungen kommen, desto größer werden die Hindernisse, die sie überwinden müssen. Und desto häufiger lassen sie sich selbst zu moralisch höchst fragwürdigen Handlungen hinreißen. So zwingen die Ereignisse die beiden so unterschiedlichen Charaktere nach und nach, einander blind zu vertrauen – nicht zuletzt, um ihre eigene Haut zu retten.

    480 Seiten stecken zwischen den Buchdeckeln der broschierten Ausgabe - eine Menge Text, der es in sich hat. Dieser Band läutet eine neue Krimireihe ein, und ich denke, da kann man sich auch in Zukunft auf einiges gefasst machen...

    Worum es in diesem Krimi genau geht, kann man nicht wirklich auf den Punkt bringen, denn hier greifen viele Themen ineinander. Eines aber ist gewiss: hier gibt es kein klares Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß - hier gibt es viele Grauschattierungen, die einen ins Grübeln bringen und gerade gegen Ende daran zweifeln lassen, was man nun selbst für richtig und für falsch hält.

    "Es ging um diese feine Verwerfung zwischen Recht und Gerechtigkeit. Zwischen dem Recht, das die Gerichte sprachen, und der Gerechtigkeit, die dabei manchmal auf der Strecke blieb." (S. 467 f.)

    Dieser erste Fall für Elling und Mendt führt die beiden Rostocker Ermittler tief in die DDR-Vergangenheit zurück, und es erweist sich, dass alte Stasi-Seilschaften bis heute wirksam sind. Ungeheuerliches tritt nach und nach zutage, und Elling und Mendt werden von gewissen einflussreichen Kreisen daran gehindert, dem näher auf die Spur zu kommen. Die Kommissare müssen tief in die Trickkiste greifen, um weiter graben zu können. Doch ihre Gegner sind mächtig...

    Parallel zu den Ermittlungen zu den diversen Todesfällen spielt der private Hintergrund von Elling und Mendt hier eine große Rolle.

    Elling ist der biedere Familienvater mit Reihenhäuschen, der seiner Frau und seiner Tochter jeden Wunsch von den Augen abliest - ein im Vergleich zu seinem eher bescheidenen Gehalt deutlich überzogener Lebensstil ist die Folge. Die Bank sitzt ihm wegen der Tilgung seiner Raten im Nacken, und der Platz im Altersheim für seine Mutter ist auch nicht gerade kostengünstig. Verschuldet wie er ist, greift Elling nach jedem Strohhalm - und ehe er es sich versieht, nimmt er das Bestechungsgeld einer ihm fremden Frau an, die dafür natürlich eine entsprechende Gegenleistung erwartet...

    Lona Mendt hat sich erst vor kurzem von Hannover nach Rostock versetzen lassen und ist eine toughe, unabhängige Frau. Mit ihrem Campingwagen wechselt sie immer wieder ihren Wohnort, je nachdem, wo sie meint, sich gerdade wohlfühlen zu können. Schnell wird deutlich, dass sie vor irgendetwas aus ihrer Vergangenheit davon läuft. Die Ermittlerin hat ein schweres Päckchen zu tragen - etwas, das auch so manche ihrer Entscheidungen beeinflusst.

    Beide Ermittler wagen beim Balanceakt von Recht und Unrecht immer wieder auch den Schritt auf die andere Seite. Manche 'Verfehlungen' erscheinen dabei mit dem Wissen um den Hintergrund der Tat zumindest nachvollziehbar, andere dagegen lassen neben dem Kopfschütteln darüber eigentlich nur die Frage zu, was beispielsweise Elling noch von einem 'gewöhnlichen' Verbrecher unterscheidet.

    Insofern präsentiert der erfolgreiche Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt hier Ermittler, die polarisieren. Dies zieht sich bis zum Ende durch - und gefällt mir letztlich auch gut, denn so gibt es hier zwar mal wieder Kommissare, die auch im privaten Leben Dramen zu bewältigen haben, aber sie unterscheiden sich in ihrer Handlungsweise doch gewaltig von dem gewöhnlichen 'Einheitsbrei'.

    Als Drehbuchautor ist Schmidt offensichtlich auch geläufig, wie man Spannung erzeugt. Dabei hat mir hier der Wechsel von spannenden mit eher ruhigen Abschnitten gut gefallen - und gegen Ende zog die Spannungskurve dann wie erwartet noch einmal gewaltig an. Zwar gab es im Handlungsverlauf immer wieder einmal Szenen, die für mich nicht schlüssig oder logisch waren, aber in der Summe konnte mich der Krimi nicht nur gut unterhalten, sondern hat mich durchaus auch zum Nachdenken gebracht. Gerade diese vage Grenze zwischen Gut und Böse stellte für mich ein interessantes Gedankenexperiment dar.

    Definitiv kein 0-8-15-Krimi, aber spannende Unterhaltung, die unbedingt Lust auf mehr macht!

    © Parden