Die Tinktur des Todes

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Tinktur des Todes' von Ambrose Parry
3.65
3.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Tinktur des Todes"

1847: Eine brutale Mordserie an jungen Frauen erschüttert Edinburgh. Alle Opfer sind auf dieselbe grausame Weise gestorben. Zur gleichen Zeit tritt der Medizinstudent Will Raven seine Stelle bei dem brillanten und renommierten Geburtshelfer Dr. Simpson an, in dessen Haus regelmäßig bahnbrechende Experimente mit neu entdeckten Betäubungsmitteln stattfinden. Hier trifft Will auf das wissbegierige Hausmädchen Sarah, die jedoch einen großen Bogen um ihn macht und rasch erkennt, dass er ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Beide haben ganz persönliche Motive, die Morde aufklären zu wollen. Ihre Ermittlungen führen sie in die dunkelsten Ecken von Edinburghs Unterwelt und nur, wenn es ihnen gelingt, ihre gegenseitige Abneigung zu überwinden, haben sie eine Chance, lebend wieder herauszufinden.

Format:Broschiert
Seiten:464
Verlag:
EAN:9783866124721

Rezensionen zu "Die Tinktur des Todes"

  1. Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Nov 2020 

    Der Schreibstil liest sich durchaus unterhaltsam, geradezu süffig, und lässt das historische Edinburgh in Bildern voll dichter Atmosphäre vor dem Leser auferstehen. Schnell wird klar: diese Stadt hat zwei Gesichter, denn die dekadente Welt der reichen Oberschicht hat nur wenig gemein mit der von harter Arbeit geprägten Welt der Bediensteten – oder gar dem Überlebenskampf der Bettler und Dirnen.⠀

    Die Krimi-Handlung des Buches beginnt damit, dass eine dieser blutjungen Dirnen tot aufgefunden wird, so schrecklich verrenkt, als sei sie unter unsäglichen Schmerzen gestorben. Der Unglückliche, der ihre Leiche findet, ist Protagonist Will Raven, der zwar ihre Dienste in Anspruch nahm, ihr aber auch in echter Freundschaft zugetan war. Um nicht ihres Mordes beschuldigt zu werden, nimmt er Reißaus… Doch im Laufe des Buches wird sich herausstellen, dass Evie bei weitem nicht das einzige Opfer war, und sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe.⠀

    Die Besetzung dieses Historiendramas:⠀

    Das Buch zieht den Leser schnell hinein in diese vielschichtige Gesellschaft, die noch gar nicht so lange her ist und doch aus heutiger Sicht so fremdartig erscheint. Da trifft es sich gut, dass verschiedene Charaktere als Sympathieträger fungieren und die Lesenden in ihre jeweiligen Kreise mitnehmen – allerdings fand ich die Protagonisten nicht immer hundertprozentig glaubhaft und zum Teil auch etwas stereotyp.⠀

    So entspricht das Hausmädchen Sarah zum Beispiel dem in Historienromanen altbekannten Klischee der ‘Feministin vor ihrer Zeit’: sie ist intelligent und selbstbewusst, würde lieber Studieren dürfen als Wäsche falten und findet neben ihren zahlreichen Pflichten noch die Zeit und Muße, die medizinischen Fachbücher ihres Arbeitgebers zu lesen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine niedere Angestellte dieser Zeit das alles bewerkstelligen sollte.⠀

    Liebe zu Zeiten des Chloroform:⠀

    Die Liebesgeschichte scheint unvermeidlich, sorgt aber für etwas unfreiwillige Komik, da sie sich allzu sehr in die Gefilde der Historienschmonzette verirrt. Natürlich können Will und Sarah sich anfangs nicht ausstehen, natürlich werden sie immer wieder aus unerfindlichen Gründen irgendwo zusammengepfercht, so dass sie auf Tuchfühlung gehen müssen, natürlich zeigt der kleine Will dann in einer hochgefährlichen Situation noch sein Stehvermögen.⠀

    Der interessanteste Charakter war für mich Dr. James Young Simpson, den es im echten Leben tatsächlich gab, und der die erfundenen Charaktere wunderbar ergänzt. Seine Selbstversuche mit Anästhetika sorgen auch für eine Prise Humor.⠀

    Mord und Medizin:⠀

    Da ich mich ungemein für Medizin und Medizingeschichte interessiere und außerdem gerne Krimis lese, schien dieses Buch wie für mich höchstpersönlich geschrieben. Hier kamen also zwei ganz unterschiedliche Erwartungen zusammen, und leider wurde nur eine davon vollständig erfüllt – im gewissen Sinne sogar über das Maß hinaus.⠀

    Das Pseudonym ‘Ambrose Parry’ teilen sich tatsächlich der Schriftsteller Chris Brookmyre und die beratende Anästhesistin Dr. Marisa Haetzman. Die besten Voraussetzungen also für gründlich recherchierte, fundierte Szenen mit medizinischem Hintergrund, und tatsächlich habe ich da nichts zu meckern – ich habe sehr viel über die Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Zeit erfahren, was ich noch nicht wusste, sowie über die Anästhesie und deren Erforschung.⠀

    In vielen Szenen erlebt man das ganze Elend hautnah und ungeschönt mit, am liebsten würde man sich danach das imaginierte Blut von den Fingern waschen.⠀

    *** Triggerwarnung brutaler Kindstod ***⠀

    Wenn man das Buch liest, könnte man den Eindruck gewinnen, dass damals jede zweite schwangere Frau in Edinburgh ein zu enges Becken hatte, um das Baby auf normalem Wege ans Tageslicht zu befördern. Und mangels anderer Optionen musste das Baby dann oft bei lebendigem Leibe im Geburtskanal zerkleinert werden… Das wird schonungslos bis ins Detail beschrieben und liest sich so grauenvoll, wie man sich das nur vorstellen kann.⠀

    Bei allem medizinischen Interesse fragte ich mich, ob ich wirklich direkt mehrere solcher Szenen brauchte, um zu verstehen, dass die Geburt für Frauen damals ein enormes Risiko darstellte. Überhaupt kommen Frauen hier in großer Zahl auf allerschrecklichste Weise zu Tode.⠀

    *** Triggerwarnung Ende ***.⠀

    Als Krimi leider enttäuschend:⠀

    Schon recht früh im Buch schien mir die Lösung allzu offensichtlich, ich hoffte jedoch darauf, dass es sich dabei um eine falsche Fährte handelte. Je weiter die Handlung voranschritt, desto öfter dachte ich mir mit leiser Verzweiflung: lass das bittebitte nicht wirklich die Antwort sein… Leider vergeblich.⠀

    Besonders bitter fand ich, dass das Buch beworben wird als ‘so genial wie Sherlock Holmes’, jedoch keinem der als so intelligent dargestellten Protagonist*innen das Offensichtliche in den Sinn kommt.⠀

    Fazit⠀

    Edinburgh, 1847: die Leichen mehrerer junger Frauen werden gefunden – sie sind anscheinend auf grausamste Art gestorben. Der junge Medizinstudent Will, das Hausmädchen Sarah und der brillante Dr. Simpson geraten mitten hinein in die Aufklärung der Morde.⠀

    Der Roman liest sich unterhaltsam runter, kann mit Atmosphäre punkten und ist sicher vor allem für Leser*innen spannend, die sich für die Geschichte der Medizin interessieren. Als Krimi ist das Buch für mich aber leider ein Flopp, weil die Lösung meines Erachtens schon sehr früh im Buch offensichtlich ist.⠀

  1. Der schaurige Schrecken früher Medizin

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Sep 2020 

    Edinburgh im Jahre 1847: der junge Wilberforce Raven, genannt Will, wird Famulus bei dem renommierten Arzt Dr. Simpson in der Queen Street. Eine glückliche Fügung für Will. Denn er hofft damit, nicht nur sein Medizinstudium erfolgreich zu absolvieren, sondern will damit auch dem Geldverleiher Flint entkommen, dessen brutalen Eintreiber ihm auf den Fersen sind. Doch was Will noch mehr beschäftigt als die Medizin, ist der rätselhafte Todesfall der Prostituierten Evie, die augenscheinlich qualvoll an einem unbekannten Gift verstarb.
    „Die Tinktur des Todes“ ist ein schaurig schöner historischer Kriminalroman des schottischen Autoren-Ehepaars Christopher Brookmyre und Marisa Haetzman, die unter dem Pseudonym Ambrose Parry auftreten. Während Brookmyre schon als Schriftsteller zahlreicher Thriller erfolgreich war, hat vor allem die Arbeit von Marisa Haetzman, ihres Zeichens Anästhesistin und Medizinhistorikerin, das Paar zu dem vorliegenden Buch animiert.
    „Eine gute Geschichte sollte nicht mit einer toten Dirne beginnen – dafür bitte ich um Verzeihung – schließlich handelt es sich nicht um ein Thema mit dem achtbare Menschen sich gern zu befassen pflegen.“
    Der Roman ist gespickt mit historisch relevanten Informationen und Erwähnungen, wie der chemisch-pharmazeutischen Manufaktur Duncan and Flockhart oder der Pionierin der Fotografie Jessie Mann. Das historische Ambiente ist ausgezeichnet gewählt. Das Buch lebt von den äußerst plastischen Schilderungen der Schrecken der frühen Medizin. Es sind keine sehr angenehmen Einblicke in die damalige Chirurgie und Geburtshilfe. Wenn Dr. Simpson und seine honorigen Kollegen die ersten Versuche mit medizinischer Betäubung durch Äther oder Chloroform wagen, kann man nur froh sein, dass einem das Schicksal der damaligen Patienten erspart blieb.
    „Ist die Medizin eine Kunst, dann ist sie oft eine dunkle, dachte Raven, doch diese Beobachtung behielt er lieber für sich.“
    Die eigentliche Kriminalhandlung hinkt hier etwas hinterher. Die Morde von Edinburgh sind wohl rätselhaft, aber in ihrer Auflösung nicht besonders aufregend. Will Raven ist ein liebenswerter Antiheld, der ohne die Unterstützung der beherzten, wissbegierigen und klugen Sarah, die als Hausmädchen bei Dr. Simpson beschäftigt ist, aufgeschmissen wäre. Eigentlich ist Sarah die bessere Medizinstudentin, wenn ihr nicht ein entscheidendes Attribut fehlen würde: die Männlichkeit.
    Alls in allem ist „Die Tinktur des Todes“ ein solides Lesevergnügen mit besonderem Augenmerk auf den historischen Kontext.

  1. Forschergeist

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Aug 2020 

    Nur so eben ist Will Raven, der Schulden hat, seinen Häschern entkommen. Leicht ramponiert tritt er seine Stelle als Famulus bei dem namhaften Dr. Simpson an. Raven will unbedingt Arzt werden und so erhofft er sich, in dieser angesehen Praxis Erfahrungen sammeln zu können. Insgeheim wünscht er sich, das Rätsel um den Tod seiner Freundin Evie lösen zu können. Dass es da möglicherweise noch mehr zu erfahren gibt, merkt Will als er zufällig von dem grausamen Tod einer weiteren jungen Frau erfährt. Obwohl das Hausmädchen der Simpsons zunächst nichts von Raven wissen will, hilft sie ihm mit ihren frechen und klugen Sprüchen.

    Im Jahr 1847 ist dieser Roman angesiedelt. Die Forschung über die moderne Anästhesie hat gerade zu ersten Ergebnissen geführt, die es den Kranken leichter machen sollen, eine Operation zu überstehen. Äther ist das Mittel der Wahl. Doch nicht immer geht alles gut. Es passiert, dass Patienten einfach nicht mehr aufwachen. Und so suchen die Ärzte nach der richtigen Dosis oder dem optimalen Mittel. Als Frauenheilkundiger ist Dr. Simpson sehr bewandert und er lässt es sich nicht nehmen, bei bedürftigen Patientinnen auch mal auf sein Honorar zu verzichten. Will Raven ist häufig an seiner Seite, immer begierig etwas zu lernen.

    Mit diesem historischen Kriminalroman kann man etwas über die Anfänge der heutigen Medizin lernen. Das stellt sich als sehr fesselnd heraus. Manchmal sind die Schilderungen nicht ganz leicht zu ertragen, denn Ärzte müssen manchmal recht ruppig sein, um erfolgreiche Behandlungen durchzuführen. Da kann man froh sein, wenn man gnädig in Narkose gelegt wird und nichts mitbekommt. Dass Will Raven dazu noch in einen Kriminalfall verwickelt wird, macht die Sache noch interessanter. Wie verzweifelt muss seine Evie gewesen sein? Gut verständlich, dass Will Raven herausfinden will, wieso so sie sterben musste. Was er dabei herausfindet, spricht für ein grausames Verbrechen. Dieser Kriminalroman punktet durch den mitreißend und deutlich geschilderten Stand der Medizin. Die sympathischen Protagonisten tragen ein Übriges dazu bei, dass man froh ist, dieses Buch in der Hand zu halten.