Die Tanzenden: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Tanzenden: Roman' von Mas, Victoria
4
4 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Tanzenden: Roman"

Ganz Paris will sie sehen: Im berühmtesten Krankenhaus der Stadt, der Salpêtrière, sollen Louise und Eugénie in dieser Ballnacht glänzen. Ob die Hysterikerinnen nicht gefährlich seien, raunt sich die versammelte Hautevolee zu und bewundert ihre Schönheit gerade dann, wenn sie die Kontrolle verlieren. Für Louise und Eugénie aber steht an diesem Abend alles auf dem Spiel: Sie wollen aus ihrer Rolle ausbrechen, wollen ganz normale Frauen sein, wollen auf dem Boulevard Saint-Germain sitzen und ein Buch lesen dürfen, denken und träumen und lieben dürfen wie die Männer. Mit verblüffender Lebendigkeit erzählt Victoria Mas in »Die Tanzenden« vom Aufbruch derer, die sich nicht zufriedengeben, von berührender Solidarität und unbeirrbarem Mut.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:240
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EAN:

Rezensionen zu "Die Tanzenden: Roman"

  1. Weggesperrt und für verrückt erklärt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Jul 2020 

    Den Roman "Själarnas Ö" von Johanna Holmström, in deutscher Übersetzung als "Die Frauen von Själö" erschienen, habe ich 2019 mit großer Anteilnahme gelesen. Darin geht es um eine Insel im äußeren Schärengürtel vor Turku, auf der es bis 1962 eine Nervenheilanstalt für Frauen gab. Meist wurden sie von ihren Angehörigen eingewiesen, häufig nicht mit einer psychiatrischen Diagnose, sondern wegen Rebellion gegen gesellschaftliche Konventionen.

    Eine ganze Reihe von Parallelen dazu weist das preisgekrönte Debüt "Die Tanzenden" der 1987 geborenen Französin Victoria Mas auf, das im Hôpital de la Salpêtrière in Paris spielt, einer der berühmtesten Nervenheilanstalten ihrer Zeit. In beiden Romanen stehen je zwei Patientinnen und eine Krankenschwester im Zentrum, beide beschäftigen sich mit den Einweisungsgründen und dem Klinikalltag und in beiden leben nur wenige Patientinnen freiwillig, weil ihnen die Einrichtung Schutz vor meist männlicher Gewalt bietet. Doch während die Handlung in "Själarnas Ö" von 1891 bis in die 1930er-Jahre spielt, umfasst sie in "Die Tanzenden" lediglich zwei Wochen im Februar und März 1885 mit einem Epilog 1890. Abgeschottet lebten die Patientinnen hier wie dort, doch gab es in der Salpêtrière zahlreiche Ärzte, an der Spitze 1885 der berühmte Professor Charcot mit seiner Hypnosetherapie, der mit ausgewählten Patientinnen wöchentliche öffentliche Lehrvorstellungen gab. Höhepunkt des Jahres für die Salpêtrière wie für die Pariser Bourgeoisie war der jährlich zu Mittfasten abgehaltene Kostümball, der „Bal des folles“, bei dem man die „Hysterikerinnen“ einem sensationsgierigen Publikum präsentierte.

    Zwei Patientinnen, eine Krankenschwester
    Während Sigrid, die Krankenschwester auf Själö, ihre Patientinnen empathisch umsorgt und die Grenzen zwischen krank und gesund ständig infrage stellt, ist Geneviève, die ehrgeizige Oberaufseherin der Salpêtrière, distanziert und zweifelt nicht am Konzept ihrer Klinik. Louise, eine 16-jährige Waise, wurde drei Jahre zuvor von ihrer Tante nach dem Missbrauch durch ihren Onkel eingeliefert. Ebenfalls Opfer ihrer Familie ist die rebellische 19-jährige Eugénie aus bürgerlichem Haus, die mit ihrer Geisterseherei eine Bedrohung darstellt:

    "Dass sie Verstorbene sah, war ein untrügliches Anzeichen von Wahnsinn. Derlei Symptome führten eine Frau, das wusste Eugénie, nicht zum Arzt, sondern geradewegs in die Salpêtrière. Wer solche Dinge öffentlich erwähnte, dem war die Zwangseinweisung sicher." (S. 54)

    Als Eugénie sich trotzdem ihrer Großmutter anvertraut, bringt ihr Vater sie umgehend in die berüchtigte Klinik. Nicht nur für Eugénie ist das ein dramatischer Einschnitt, sondern auch für Geneviève, die durch die Geisterseherin in ihren Grundfesten erschüttert wird:
    "Seit einer Woche, seit Eugénie da ist, entgleitet ihr alles, was sie im Griff zu haben meinte. Ein bedrückendes Gefühl, doch sie wehrt sich nicht mehr dagegen. Sie hat versucht, standhaft zu bleiben – umsonst." (S. 136)

    Ein zwiespältiges Fazit
    Einerseits ist die Geschichte äußerst spannend, gut recherchiert, die Ausrichtung auf den dramaturgischen Höhepunkt in der Ballnacht gelungen. Man merkt, wie sehr die Autorin für ihr Thema und die unterdrückten Frauen brennt. Der Erzählstil ist einfach und liest sich dank des fast konsequent chronologischen Aufbaus leicht, das Cover ist wunderschön. Leider hat mir aber das Abgleiten ins Okkulte und Spiritistische überhaupt nicht gefallen, weil es einer ansonsten realistischen Handlung die Glaubwürdigkeit raubt. Von der Lektüre abraten möchte ich trotzdem nicht, dazu hat mich der historische Hintergrund zu sehr gefesselt und das Geschehen abseits der Geistergeschichte zu gut unterhalten.

  1. Klein aber erstaunlich

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jun 2020 

    Klein aber erstaunlich beschreibt dieses Buch in drei Worten. Es bietet wirklich viel auf wenigen Seiten und unterhält auch noch dabei. Ich bin beeindruckt.

    Die Salpêtrière in Paris hatte durch ihre speziellen Heilmethoden über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg einen zweifelhaften Ruf erworben. Im Jahr 1885 treibt das ganz erstaunliche Blüten. Jedes Jahr an Mittfasten wird ein großer Ball veranstaltet, bei dem sich interessierte Bürger und Insassinnen und zum Tanz treffen. Die ganzen Irren einmal live erleben hat einen ganz besonderen Kitzel, ein morbides Event, mal ganz was anderes. Und die Hysterikerinnen haben wochenlang Spaß daran, ihre Kostüme herzurichten für den einen Abend, an dem sie sich amüsieren dürfen.
    Mitten in diesen Trubel gerät Eugénie, deren neuste Allüren für ihre Familie nicht mehr tragbar sind.

    In der Salpêtrière landen Frauen aus den unterschiedlichsten Gründen. 1885 ist das der perfekte Ort, unliebsame Ehefrauen oder störrische Töchter loszuwerden. Für manch eine misshandelte Seele kann es aber auch eine Zuflucht sein. Man hat ein Bett, drei Mahlzeiten täglich und nur wenige Männer haben dort Zutritt.
    Wunderbar lebendig führt Victoria Mas den Leser in diese schräge Gesellschaft ein und zeigt Abgründe auf. Vor der Erfindung der Emanzipation sind Frauen bessere Haustiere, die weggesperrt werden, wenn sie sich wehren. Das bekommt man hier an mehreren Beispielen plastisch vorgeführt. Auch die unglaubliche Doppelmoral dieser Gesellschaft, Schein und Sein, Konventionen, die wichtiger sind als Individuen und die ein Frauenbild fordern, das absolute Selbstverleugnung verlangt.
    Der schmale Grat zwischen wissenschaftlichem Interesse und Schaulust wird hier sehr deutlich und erschüttert.

    Dieses Buch ist kurzweilig, wunderbar erzählt und gleichzeitig sehr aufschlussreich. Es macht eine Ära lebendig, die wir mit Darwin, Freud und wissenschaftlichem Fortschritt verbinden, die aber unter der schillernden Oberfläche Abscheulichstes verbirgt. Das ist lebendige, toll präsentierte Geschichte, absolute Leseempfehlung.

  1. Ein etwas trivialer Blick auf die Psychiatrie des späten 19. Jah

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Apr 2020 

    Ein etwas trivialer Blick auf die Psychiatrie des späten 19. Jahrhunderts

    Dieses Buch lässt mich etwas enttäuscht zurück. Hatte ich doch inhaltlich deutlich mehr erwartet. Durch einen recht großen Sog macht Victoria Mas aber in ihrer Geschichte wieder einiges gut. Trotzdem, das hätte deutlich gehaltvoller/intensiver sein können/sein müssen.

    In "Die Tanzenden" wird ein Blick in die berühmtberüchtigte Salpetrière in Paris Ende des 19. Jahrhunderts geworfen, eine Anstalt für psychisch kranke Frauen, einerseits könnte so eine Geschichte eine gewaltige werden, andererseits tut sie das aber nicht. Eher ist dieser Blick ein recht trivialer mit recht viel Schwarz-Weiß-Zeichnung. Ich bin generell keine Freundin von zu viel Schwarz-Weiß-Denken und hier in dieser Geschichte, in der damaligen Psychiatrie verbietet sich solch ein Gehabe auf jeden Fall. Die bösen Ärzte und die armen Insassen. Hhmm. Das regt mich schon etwas auf! Ich will einfach nicht glauben, dass jeder damalige Arzt ein Monstrum gewesen ist, genauso wenig, wie jede Patientin eine Heilige war. Grauzeichnungen und ein besserer Aufbau der Charaktere hätten dem Buch sicher gut getan.

    Die geschichtlichen Informationen zur Salpetrière in Paris fand ich allerdings wieder absolut informativ und auch bedrückend. Diese Grausamkeit ist furchtbar! Ich frage mich wie manche Menschen so sein können. Aber wenn man ehrlich ist, so haben psychiatrisch Erkrankte auch heute keinen leichten Stand, denn Rufmord ist auch nichts Schönes. Und für viele sind psychiatrisch Erkrankte nicht positiv besetzt. Obwohl solche Erkrankungen jeden treffen können. Aber das scheint manchen immer noch nicht bewusst zu sein. Leider!

    Nun werdet ihr euch wahrscheinlich wundern, denn das Buch hat ja trotzdem 4 Sterne von mir bekommen. Die Art der Zeichnung der Geschichte wäre mir 3 Sterne wert gewesen, aber die Spannung und der wirklich große Sog haben mich begeistert, trotz der genannten Kritikpunkte hat Victoria Mas eine spannende Geschichte geschrieben, die man nicht wieder weglegen kann und die gut unterhält und deswegen bekommt das Buch auch 4 Sterne von mir.

  1. Schwere Thematik spannend und mit Leichtigkeit erzählt!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Apr 2020 

    Wenn wir das Buch aufschlagen, tauchen wir ein in das Paris von 1885.

    Wir befinden uns in der Salpêtrière, einer Nervenheilanstalt für geisteskranke (und unbequeme) Frauen, die noch nicht gänzlich von ihrem Ruf befreit ist, „eine Mülldeponie für all jene, die die öffentliche Ordnung gefährdeten, eine Anstalt für Frauen, deren Empfindungen nicht den Erwartungen entsprachen, ein Gefängnis für diejenigen die sich einer eigenen Meinung schuldig gemacht hatten“, zu sein.
    (Kindle, Pos. 339/341)

    Wir werfen einen Blick in das Auditorium, in dessen Bänken ein ausschließlich männliches, sensationsgieriges Publikum aus Medizinern, Studenten, Journalisten, Schriftstellern, Politikern und Künstlern sitzt und gespannt auf den berühmten Nervenarzt Charcot wartet.

    Charcot präsentiert und demonstriert in seinen legendären wöchentlichen öffentlichen Lehrveranstaltungen dem interessierten Publikum Patientinnen, die unter Hypnose schwere hysterische Anfälle erleiden, die durch Druck auf die Eierstöcke, durch Betäubung mit Äther oder durch ähnlich skurrile oder brutale Maßnahmen beendet werden sollen.

    Es geht dabei v. a. um Ruhm, Erfolg und Wissenschaft und erst in zweiter Linie um Heilung. Die Frauen werden als reine Forschungsobjekte betrachtet.

    Wir lernen Geneviève, Louise und Eugénie kennen und begleiten die drei Frauen ein Stück auf ihren Lebenswegen, die sich in gewisser Weise kreuzen.
    Wir begegnen dabei auch Thérèse, einer langjährigen Insassin der Salpêtrière und en passant erfahren wir so einiges zur Geschichte dieses berühmten Krankenhauses.

    Louise, eine 16-jährige junge Frau, die seit drei Jahren zusammen mit anderen Hysterikerinnen in einem speziell für sie eingerichteten Trakt eingesperrt ist, da sie als verrückt und geisteskrank gilt, will Charcot zufriedenstellen und eines Tages durch ihre Darbietungen in Hypnose berühmt werden.

    Die Krankenschwester und Oberaufseherin Geneviève, Tochter eines Landarztes in der Auvergne, bewundert Charcot und ist stolz und dankbar, für ihn arbeiten zu dürfen.
    Sie arbeitet schon seit 20 Jahren in der Salpêtrière und bewohnt ein kleines bescheidenes Zimmer in der sechsten Etage eines Wohnhauses, in dem sie sich eine Waschgelegenheit auf dem Flur mit mehreren anderen Frauen teilt.
    Sie verrichtet in der Nervenanstalt ernüchtert, distanziert, streng, zuverlässig und gerecht ihre Arbeit.
    Regelmäßig schreibt sie Briefe an ihre geliebte, aber bereits verstorbene Schwester Blandine.

    Die 19-jährige Eugénie ist die Tochter der privilegierten, gutbürgerlichen und wohlhabenden fünfköpfigen Familie Cléry.
    Sie ist eine selbstbewusste, freiheitsliebende, lebensfrohe, kluge, provokante und rebellische junge Frau, die sich den gesellschaftlichen Konventionen und den Vorstellungen ihres Vaters, einem Patriarchen und stockkonservativen Notar mit eigener Kanzlei, widersetzt.
    In ihrer Großmutter, die mit ihnen zusammenlebt, sieht sie eine Verbündete und mit ihrem Bruder, dem „linientreuen“ Théophile verbindet sie ein eher freundlich-distanziertes, als zärtliches Geschwisterverhältnis.
    Eugénie hat seit ihrem zwölften Lebensjahr Visionen, was sie selbst als vorübergehende psychische Störung betrachtet.
    Immer wieder sieht sie bekannte oder fremde Verstorbene und hört deren Stimmen, was sie aber aus gutem Grund für sich behält. Ihr ist klar, dass die Salpêtrière droht, wenn es bekannt wird.

    Victoria Mas bettet wahre Begebenheiten und reale Personen des ausgehenden 19.Jahrhunderts in eine spannende fiktive Geschichte ein, die sie lebendig, locker und leicht in einer klaren, ausdrucksstarken und schnörkellosen Sprache erzählt.

    Der Debütroman, den sie auf diese Weise erschaffen hat, ist kurzweilig, unterhaltsam und interessant.

    Die Thematik um die es geht, ist berührend, empörend, macht sprachlos und regt zum Nachdenken an... v. a., wenn man sich bewusst macht, dass es noch gar nicht allzu lange her ist, dass Frauen v. a. von Männern auf eine derart empörende und menschenverachtende Art und Weise behandelt, mundtot gemacht, ihrer Freiheit beraubt und „entsorgt“ wurden.

    Der Autorin gelingt es, ein schweres Thema mit einer Leichtigkeit zu behandeln, die ihresgleichen sucht.

    Ich habe „die Tanzenden“ gern gelesen und empfehle ihn ebenso gern weiter.