Die stumme Herzogin (Transfer Bibliothek)

Rezensionen zu "Die stumme Herzogin (Transfer Bibliothek)"

  1. Herzogin Marianna Ucrìa

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jun 2020 

    Marianna Ucrìa, eine italienische Adelige des 18. Jahrhunderts, ist die Protagonistin des Romans "Die stumme Herzogin" von Dacia Maraini. Es würde mich nicht wundern, wenn einem dieser Name nichts sagt. Denn wer kennt sich schon mit italienischem Adel dieser Ära aus. Dennoch lohnt es sich, sich mit der Herzogin Marianna vertraut zu machen. Und dazu hat man ausreichend Gelegenheit in diesem Klassiker der italienischen Literatur.
    Der Titel des Romans erzählt es schon: Die Herzogin Marianna ist (taub)stumm. Sie wurde nicht taubstumm geboren. Ein Vorfall in ihrer Kindheit muss der Auslöser für ihre Behinderung gewesen sein. Und in ihrer Kindheit setzt dieser Roman ein. Wir lernen die Herzogin als kleines Mädchen kennen, das mit ihrer adeligen Familie - ihren Eltern und einer Vielzahl an Geschwistern - in Sizilien lebt. Von Kapitel zu Kapitel gewährt uns die stumme Herzogin einen Einblick in ihr Leben. Zwischen den einzelnen Episoden ihres Lebens gibt es teilweise große Zeitabstände, so dass man das Leben der Herzogin im Zeitraffer an sich vorüberziehen sieht. Sie wird mit 13 Jahren mit ihrem 30 Jahre älteren Onkel verheiratet. Eine Frau mit einem Makel wie sie ihn hat, hat nicht viele Möglichkeiten, was das Angebot an potenziellen Ehemännern betrifft und erst recht kein Mitspracherecht. Sie lebt mehr als 30 Jahre an der Seite des gewalttätigen und herablassenden Mannes und bekommt 5 Kinder mit ihm. Durch den Wohlstand ihres Ehemanns ist sie nach seinem Tod versorgt und kann den Versuch starten, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben, die jedoch selten mit den Vorstellungen ihrer Kinder und Geschwister, übereinstimmen.

    "Die Vergangenheit war wie eine lange Schleppe, die sie unter ihrem Rock aufgewickelt hatte und die nur hin und wieder zum Vorschein kam. Die Zukunft war wie ein Nebelfleck, in dem bunte Lichter wie von einem Karussell aufleuchteten. Und sie stand dort, halb Igel, halb Hase, endlich einmal den Kopf frei von allen Lasten, in Gesellschaft von Leuten, denen ihre Taubheit herzlich gleichgültig war und die fröhlich mit ihr sprachen, indem sie großmütig unwiderstehliche Grimassen zogen."

    Die Herzogin ist eine faszinierende Person. Aufgrund ihrer Behinderung wächst sie anders auf als andere adelige Frauen dieser Zeit. Sie hört nichts, und sie kann nicht sprechen. Die einzige Möglichkeit, mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren, besteht in der Verwendung von Feder und Papier, die sie immer bei sich trägt. Sie scheint allein mit ihren Gedanken in einer Blase zu leben. Die wenigsten bekommen mit, welche geistreiche und intelligente Frau sich hier entwickelt. Da sie der beiden Fähigkeiten des Hörens und des Sprechens beraubt ist, konzentriert sie sich auf ihre verbleibenden Sinne. Sie malt und liest. Die Bücher, die sie verschlingt, sind nicht unbedingt das, was eine Frau in ihrer Position lesen sollte. Sie beschäftigt sich mit politischen und gesellschaftskritischen Schriften. Nur leider kann sie sich nicht darüber austauschen.

    Dacia Maraini hat mit ihrer Erzählweise dieses sehr spezielle Leben der Herzogin perfekt wieder gegeben. Die Handlung wird aus der Sicht von Marianna erzählt. Dabei wird der Leser in ihre Gedankenwelt eingeschlossen. Im Fokus steht die Visualisierung des Geschehens. Dabei verwendet Frau Maraini einen Sprachstil, der vor lauter farbenprächtigen Bildern, die im Kopf entstehen, überbordet. Im krassen Gegensatz dazu steht die Stille, der man durch die Ich-Perspektive der Herzogin ausgesetzt ist. Denn Geräusche finden in diesem Buch so gut wie gar nicht statt. Das Lesen findet also "klangisoliert" statt.

    "Heute regnet es. Das Land ist verschleiert: Jeder Busch, jeder Baum trieft vor Wasser, und das Schweigen, das Marianna gefangen hält, erscheint ihr heute ungerechter als sonst. Eine tiefe Sehnsucht nach den Klängen, die den Anblick der glänzenden Äste, der von Leben wimmelnden Landschaft begleiten, packt sie an der Kehle. Wie sich wohl der Gesang einer Nachtigall anhört? Sie hat so viele Male in Büchern gelesen, dass dies der süßeste Gesang sei, den man sich vorstellen kann, etwas das einem das Herz zum Klingen bringt. Aber wie?"

    Die stumme Herzogin ist ein feministisches Buch. Denn wir haben es mit einer Protagonistin zu tun, die entgegen aller Widerstände versucht, sich aus dem gesellschaftlichen Korsett zu befreien. Von klein auf anders, bewahrt sie sich diese Andersartigkeit und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr eigenes Glück zu finden - unabhängig jeglicher gesellschaftlicher Konventionen. In Anbetracht der Zeit, in der die Herzogin tatsächlich gelebt hat, war dies ein mutiges Unterfangen. Denn zu jener Zeit war die Frau dem Manne untertan und diente bestenfalls als Dekoration, aber auf jeden Fall der Fortpflanzung. Mit 5 Kindern hat Marianna zumindest dieses Soll erfüllt. Und ansonsten war ihr Leben ein ewiger Kampf gegen den Versuch der Gesellschaft, Sie zu unterdrücken, weil sie a.) eine Frau war und b.) behindert war. Trotz aller Rückschläge, die sie während dieses Kampfes erdulden musste, hat sie zumindest in der Vorstellung von Dacia Maraini geschafft, ihren Weg zu gehen. Und man hofft, dass ihr dies auch im echten Leben gelungen ist.

    Leseempfehlung!

    © Renie