Die stramme Helene

Buchseite und Rezensionen zu 'Die stramme Helene' von Steffen Herbold
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5 von 5 (1 Bewertungen)

"Die stramme Helene" erzählt die Geschichte einer starken Arbeiterfrau, die an einem schicksalhaften Nachmittag im Frühjahr 1965 auf überraschende Weise ihrer jahrelangen Ehehölle entkommt. Geprägt von Krieg und Nachkriegszeit laviert sich Helene durch die dumpfe Fröhlichkeit der frühen Sechziger und die leidvolle Beziehung zu ihrem Mann, bis es ihr gelingt, sich ihr eigenes Stück Freiheit zu schaffen.
Martin Burkhardt hat Steffen Herbolds fiktive Erzählung, die auf tatsächlichen Begebenheiten beruht, mit in die Zeit passenden realistisch düsteren Aquarellen ausgestattet.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:44
EAN:9783942795685

Rezensionen zu "Die stramme Helene"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Mär 2019 

    Alles andere als beschickert

    Ich komme aus einer Gegend, in welcher das Wörtchen "stramm" auch "betrunken" bedeuten kann. Also, jemand, der stramm ist, ist extrem beschickert. Daher musste ich doch sehr schmunzeln, als ich den Titel dieses Buches las: "Die stramme Helene". Dieser Titel in Verbindung mit dem Buchcover hat mir noch mehr Vergnügen bereitet: Denn hier steht die alte Helene in Kittel und Pantoffeln in ihrer Küche. Ich kann mich gut an diese Art von Kittel und Pantoffeln erinnern, habe ich sie doch in meiner Kindheit oft an meiner Großmutter gesehen. Kein Wunder also, dass ich mit großem Vergnügen in dieses Buch eingestiegen bin. Aber schon während der ersten Sätze stelle ich fest, dass Schluss mit Lustig ist. Denn von jetzt an wird es traurig.
    Eigentlich hätte man bei näherem Hinsehen feststellen können, dass Helene, die in ihrer Küche steht, weniger stramm als niedergeschlagen und nachdenklich wirkt. Und was sie so beschäftigt, erfahren wir jetzt.

    Helene gehört zu einer Generation von Frauen, die bei den Männern nicht viel zu melden hatten. Ihr Lebenszweck bestand darin, für das Wohl des Mannes zu sorgen. Manche Männer gaben sich damit zufrieden. Andere setzten noch einen drauf, indem sie ihre Frauen auch gern als Ventil für ihre angestaute Wut - weswegen auch immer - benutzten. Da gab es auch schon mal Schläge für sie. Irgendwohin musste Mann ja mit seiner Wut - weswegen auch immer.
    "Weil der Karl Salat kaufen verboten hat. Auch wenn so ein Salat nur ein paar Pfennige kostet. Verboten ist verboten. Denn der Karl will nur Wurst und Brot, was anderes will er nicht, und sie hat zu gehorchen. Sonst gibt es paar auf die Schnauze."

    Helene hat ihren Karl während des Krieges kennengelernt. Er war auf einmal da. War es Liebe, die sie zu ihm hinzog? Wohl eher nicht. Aber Frau musste unter die Haube gebracht werden, eine andere Zukunft außer die einer Ehefrau gab es damals nicht für sie. Da sie bereits schon im hohen Alter von 40 Jahren war, war der Ehezug für sie fast schon abgefahren. Aus der Not heraus nimmt Frau dann auch mal einen bekannten Schläger zum Ehemann. Scheinbar kam Helene vom Regen in die Traufe, denn auch ihrem Vater saß die Schlaghand stets locker.

    So vergingen also die Jahre. Helene fügte sich in ihr Schicksal. Karl ließ des Öfteren seine Wut - weswegen auch immer - an ihr aus. Und Helene entwickelte dabei ihre kleinen Geheimnisse, um die Wut von Karl einigermaßen unter Kontrolle zu halten, was nie einfach war. Werden Männer jetzt ruhiger, wenn sie älter werden? Fehlanzeige. Und eines Tages kommt ihr Karl wieder von der Arbeit nach Hause, der Abendbrottisch ist gedeckt. Doch der Abend wird diesmal ganz anders enden, als die unzähligen Abende zuvor.

    Und von diesem ganz besonderen Tag im Leben von Helene und ihrem Karl berichtet dieses feine Büchlein. Einem Tag, an dem Helene auf ihr Leben zurückblickt. Einem Tag, in dem sich Helenes kleine Geheimnisse zeigen, um Karl im Zaum zu halten. Und plötzlich wird aus dieser unscheinbaren und verletzlichen Frau eine ganz starke Person, die nur auf den einen Moment gewartet hat und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Grandios!

    Im ersten Moment erscheint die Grundstimmung dieser Erzählung sehr trübsinnig und hoffnungslos. Helene scheint zu resignieren und hat sich mit ihrem traurigen Leben abgefunden. Diese Stimmung wird durch die Farbgebung der Illustrationen von Marin Burkhardt (gedeckte Farben) betont. Nur manchmal taucht ein fröhlicher Farbtupfer auf, z. B. in Form einer Grünpflanze mit dem sinnigen Namen Trostlosie (eigentlich ist es eine Sansevierie) oder eines Kopfsalates. Diese Farbtupfer vermitteln Hoffnung und der Leser ahnt, dass dieses traurige Leben, welches Helene führt, noch nicht alles gewesen sein kann. Insofern überrascht es nicht, wenn die Erzählung auf ein hoffnungsvolles Ende hinausläuft.
    Eine sehr schöne Erzählung, die aufgrund des Schicksals von Helene, das nicht ungewöhnlich für die Frauen ihrer Generation war, sehr berührt. Durch die gestochen scharfen Illustrationen bleibt nicht viel Platz für die eigene Vorstellungskraft. Sie beschreiben diesen ganz besonderen Tag von Helene und Karl im Detail. Man lässt sich aber gern auf diese Bilder ein, spiegeln sie doch eindrucksvoll den Zeitgeist der 60er Jahre im Arbeitermilieu wieder, in dem es vermutlich ganz viele Helenes gab.

    © Renie