Die Sommer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Sommer: Roman' von Ronya Othmann
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Sommer: Roman"

Leyla ist die Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden… Das ergreifende Debüt der Gewinnerin des Publikumspreises des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (2019) über das Dasein zwischen zwei Welten Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen. Ronya Othmanns Debütroman ist voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
Verlag:
EAN:9783446267602

Rezensionen zu "Die Sommer: Roman"

  1. Die Gewaltspirale

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Sep 2020 

    Ein interessantes Konstrukt! Bedächtig beginnend, zeichnet dieses Buch von Ronya Othmann eine coming of age Geschichte, die Geschichte von Leyla, der Tochter eines jesidischen Kurden und einer Deutschen, zwischen den Kulturen schwimmend, wächst sie in Deutschland auf und verbringt sie "Die Sommer" bei ihren jesidisch-kurdischen Großeltern im Norden von Syrien. Leyla ist ein zwischen den Kulturen stehender Mensch; ein Mädchen, welches älter wird, nachdenklicher wird, welches sich wichtige Fragen stellt. Mehr und mehr lernt man aber auch über die jesidisch-kurdische Gruppe, ihre Geschichte und ihre Kultur, ihren Glauben und ihre Ansichten. Dies ist richtig interessant gemacht und bringt eine richtig eigenständige Kultur in den Fokus der Lesenden! Hat mir sehr gefallen! Die Jesiden waren schon oft für ihre engstirnige Umgebung ein Dorn im Auge. Und dieses Buch zeigt genau das auf. Der syrische Krieg macht das ebenso noch einmal deutlich, aber genauso macht dieses Buch auch die Sinnlosigkeit von Gewalt begreifbar. Der syrische Krieg, die Bedrohung der eigenen Familie, die Machtlosigkeit der Protagonistin und das Desinteresse für das Schicksal ihrer Familie/ihres Volkes in der restliches Welt, lässt Leyla zur jesidischen Kurdin werden, zeigt ihr den einzig möglichen Weg! Dieses Buch steigert sich nach und nach zu einem Grauen, es bewegt und berührt ungemein, die Figur der Leyla macht nachdenklich und zeigt ebenso was ein Desinteresse bewirken kann. Gerade in der heutigen Zeit ein wichtiges Buch wie ich finde! Denn die westliche Welt ist beteiligt an dem Grauen der Kriege in vielen verschiedenen Gebieten und ein dauerndes Wegsehen wird nur weitere Opfer in anderen Bataclans fordern!

  1. Zwischen zwei Welten

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Sep 2020 

    Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen.

    Fazit:
    "Die Sommer" ist eine sehr persönliche und private Geschichte. Als Leser fühlt man Laylas Zerissenheit zwischen den verschiedenen Kulturen ihrer Eltern, aufgrund des tiefen Einblicks, den man durch den bildhaften Schreibstil erhält. Sie fühlt sich nirgends zugehörig - weder in der Heimat der Eltern, noch in Deutschland.
    Laylas Geschichte in diesem Buch ist eingebettet in die aktuellen Entwicklungen Syriens - sehr interessant zu lesen. Vor allem auch, da diese Geschichte brandaktuell ist - und viele Leute betrifft. Der Syrienkrieg wird einem sehr Nahe gebracht. Der Schreibstil ist besonders direkt - aber das ganze ist auch sehr einfühlsam geschrieben.
    Ein Buch, welches unter die Haut geht, und keine leichte Lektüre ist.

  1. Ein Leben zwischen den Kulturen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Sep 2020 

    Ronya Othmann, 1983 geboren, ist die Tochter eines kurdisch- jesidischen Vaters und einer deutschen Mutter. Die Protagonistin Leyla in ihrem Debutroman „Die Sommer“ weist einige Ähnlichkeiten mit der Autorin auf.
    Jedes Jahr reist die Familie, der kurdische Vater, die deutsche Mutter und Tochter Leyla, beladen mit Geschenken für die ganze Verwandtschaft, in die Heimat des Vaters, ein kleines Dorf im Nordosten Syriens. Leyla erinnert sich an die heißen Sommer, die sie dort verbracht hat. Sie gibt Einblicke in die Bräuche und Gewohnheiten im Land, in dem sie in vielen Szenen und Episoden die Menschen lebendig werden lässt. Sinnlich genau beschreibt sie Landschaft und Natur. Sie schreibt von Kinderspielen, von den Rivalitäten der Cousinen, vom gemeinsamen Schlafen draußen auf Hochbetten, von Besuchen bei Onkels und Tanten in Aleppo und anderen Städten. Sie lässt den blinden Großvater seine Geschichten von früher erzählen. Und über all dem steht als zentrale Gestalt für Leyla die geliebte Großmutter, die mit ihr betet und ihr das Kochen beibringt. Die Großmutter ist die Einzige der Familie, die gläubig ist. Sie gibt ihrer Enkelin ( und damit dem Leser ) einen Einblick in die reichhaltige Welt der jesidischen Religion. Für Leylas Vater ist Religion lediglich ein Zeichen für Rückständigkeit und den Mangel an Bildung.
    Eingeblendet in Leylas Erinnerungen ist die Lebensgeschichte des Vaters. Er durfte als Kurde in Syrien nicht studieren, wurde als Jugendlicher Mitglied der Kommunistischen Partei. Als junger Mann wird er verfolgt, verhaftet und gefoltert. Unter Lebensgefahr flüchtet er über die Türkei nach Deutschland. Hier muss er jahrelang auf seine Anerkennung als Asylant warten. Aus dem ehemaligen Kämpfer wird ein Mann, der immer höflich und bescheiden auftritt, nur nicht auffallen möchte. In seinem Garten versucht er den Garten seiner Eltern nachzubauen. Doch die deutschen Sommer sind zu kalt; nie wird es eine so üppige Ernte geben wie daheim.
    Seine Tochter soll es mal besser haben, sie soll studieren und nicht, ganz traditionell, früh heiraten. Aber sie soll nie vergessen, dass sie Kurdin ist.
    Doch irgendwann wird es zu gefährlich, in das Dorf zu reisen. 2011, zu Beginn der Revolution, ist der Vater noch euphorisch und voller Hoffnung. „ Ein Jahr noch, hatte der Vater gesagt und vor Freude gelacht, dann ist der Diktator weg, und wir fahren in ein freies Land.“
    Aber der Traum wird zum Alptraum. Von nun an sitzt der Vater nur noch vor dem Fernseher und sieht die Schreckensbilder aus Syrien. Für die Angehörigen dort wird es lebensbedohlich. Immer wieder kommen Assads Truppen ins Dorf, auf der Suche nach Spitzeln. Doch nachdem die islamistischen Fanatiker der IS die Jesiden foltern, verschleppen und ermorden, setzen die Eltern alle Hebel in Bewegung, um die Verwandten nach Deutschland zu holen.
    Nach dem Genozid an den Jesiden sagt der Vater: „ Es ist seltsam, aber zum ersten Mal wissen die Deutschen, wer wir sind.“
    In den Schilderungen von Leylas Aufwachsen in Deutschland wird die Zerrissenheit spürbar. Nirgends richtig hinzugehören ist ein Thema, das in vielen „Migrationsbüchern“ angesprochen wird. Leyla pendelt zwischen dem Leben in einer bayrischen Kleinstadt und den Sommern in dem kurdischen Dorf. Überall ist sie die Außenseiterin , in Deutschland noch mehr. Ständig stößt sie auf Unwissen oder Unverständnis. „ Kurdistan gibt es garnicht.“ „ Bist du Muslima?“
    Als junge Studentin fühlt sich Leyla fremd zwischen den deutschen Kommilitonen, die sich nur am Rande für das Geschehen in Syrien interessieren. Gleichzeitig plagen sie Schuldgefühle, weil es ihr in Deutschland gut geht, während in Syrien die Menschen um ihr Leben fürchten müssen.
    Ronya Othmann hat viele Themen in ihren Roman gepackt. Anschaulich wird die fremde Kultur im kurdischen Dorf geschildert. Die Biografie des Vaters erschüttert und berührt. Sie gibt zugleich Einblick in die Geschichte der jesidischen Kurden, die schon immer rechtlos und verfolgt waren. Allerdings kam mir die Hauptfigur nicht wirklich nahe.
    Trotzdem ist „ Die Sommer“ ein äußerst lesenswerter Roman zu einem aktuellen und zugleich zeitlosem Thema. Ich freue mich auf weitere Bücher der jungen Autorin.