Die schwarze Spinne

Buchseite und Rezensionen zu 'Die schwarze Spinne' von Jeremias Gotthelf
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Da berührte der spitzige Mund Christines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele; und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch und zeigte Christine freudig verzerrt des Grünen teuflisch Gesicht, und ein Donner fuhr über sie, als ob der Himmel zersprungen wäre.

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Rezensionen zu "Die schwarze Spinne"

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     - 27. Jan 2018 

    Solange wir uns fürchten vor Gott...

    Es ist Sonntag, ein Kind wird getauft, die Taufgesellschaft lagert sich um einen Baum. Auf den "wüsten, schwarzen Fensterpfosten" seines Hauses angesprochen, erzählt der Großvater die Geschichte vom Satanspakt der Christine, die die Seele eines noch ungetauften Kindes dem Teufel verspricht und in eine Spinne verwandelt wird.

    "Da berührte der spitzige Mund Christines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele; und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch und zeigte Christine freudig verzerrt des Grünen teuflisch Gesicht, und ein Donner fuhr über sie, als ob der Himmel zersprungen wäre."

    "Die schwarze Spinne", erschienen 1842, ist die berühmteste Novelle des Schweizers Jeremias Gotthelf und ein Meisterwerk der Erzählliteratur des Biedermeier. In der kunstvoll aufgebauten Novelle mit ihrer komplexen Erzählstruktur wird eine Geschichte um Gottlosigkeit und Aberglauben erzählt: In zwei legendenartigen Rückblicken berichtet ein Großvater vom tödlichen Wüten einer teuflischen Spinne und der Rettung durch christlich-heldenmütige Gesinnung.

    Die Erzählung "Die schwarze Spinne" verbindet drei uralte Sagen miteinander: die Sagen vom geprellten Teufel, von der gebannten Pest und von der tödlichen Spinne. Der fatale Zusammenhang zwischen auswegloser Verzweiflung und der Bereitschaft, nach einem teuflisch gefährlichen Strohhalm zu greifen, erscheint unmittelbar einsichtig. Die Verführung durch den Teufel und die Rettung durch gottgefällige Menschen steht aber auch für Gotthelfs konservativ-christliches Weltbild. Mit dem Schreiben fand Gotthelf, der eigentlich ein Pfarrvikar namens Albert Bitzius war, ein Ventil gegen den aufkeimenden Materialismus zu seiner Zeit. Aufklärung, Industrialisierung, Politisierung der Massen, Auflehnung gegen überaltete Herrschaftsstrukturen brachten beängstigende Bewegung in die Schweizer Gesellschaft. Diesem drohenden Einbruch alter Werte suchte Gotthelf durch Besinnung auf christliche Tugenden zu begegnen.

    "Da war es Christine, als ob plötzlich das Gesicht ihr platze, als ob glühende Kohlen geboren würden in demselben, lebendig würden, ihr gramselten über das Gesicht weg, über alle Glieder weg, als ob alles an ihm lebendig würde und glühend gramsle über den ganzen Leib weg. Da sah sie in des Blitzes fahlem Scheine langbeinig, giftig, unzählbar schwarze Spinnchen laufen über ihre Glieder, hinaus in die Nacht..."

    Karlheinz Gabor liest die ungekürzte Hörbuchfassung (3 Stunden 9 Minuten) in getragener, angemessener Weise. Zugegeben, ich musste mich zunächst an den altertümlichen Stil gewöhnen, zumal die Erzählung stellenweise gespickt ist mit Schweizerischen Begrifflichkeiten. Doch spätestens ab dem Zeitpunkt, zu dem der Großvater von den altüberlieferten Geschichten zu erzählen beginnt, war ich von der alten Novelle gefesselt.

    Trotz des Alters von fast 200 Jahren lohnt es sich auch heute noch, sich auf die Erzählung einzulassen. Sprachlich und historisch entfaltet die Novelle auch heute durchaus noch ihren Reiz!

    © Parden