Die Schlange im Wolfspelz

Rezensionen zu "Die Schlange im Wolfspelz"

  1. Kunst kommt immer noch von Können.

    Kurzmeinung: Als Printausgabe gehörts in den Fundus jedes Bibliophilen.

    In dem durch Anhang und Anmerkungen ziemlich fetten Schinken von Michael Maar verfolgt der Autor zwei verschiedene Heransgehensweisen an sein Thema, einmal die Erläuterung und Erklärung und zweitens das Beispiel. So weit. So gut. Bestens sogar. Didaktisch und methodisch wunderbar. Das Thema ist die gute Literatur. Wie erkennt man sie? Ist guter Stil erkennbar? Lernbar? Was sind die NoGos.

    Den ersten theoretischen Teil des Buches habe ich sehr geschätzt. Michael Maar referiert über Stil und Inhalt in amüsanter und gekonnter Weise. Ich habe oft gelacht, mich bestätigt gefühlt in mancher Einschätzung von Romanen, beim Bekritteln der Verwendung von Phrasen, etc. etc. und manches gelernt.

    Drei Zitate als Appetizer:
    „Wer nicht merkt, daß etwas ursprünglich Originelles nach millionenfacher Abnutzung nur noch abgeschliffen und trüb ist, hat kein Stilgefühl“. (Ich sage mal dazu, wandaesk und lakonisch, „aussagekräftige Rezension“).

    „Über das Tragische ist nicht flapsig zu reden, über Triviales nicht pathetisch“.

    „Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen, aber man muss es können.“ Weil Kunst von Können kommt, siehe Überschrift. Erst mal muss man die Regeln beherrschen, dann kann man sie eventuell brechen. Das gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch für alle übrige Kunst und deshalb sind abstrakte Bilder, ob von Affen, Computern oder kleinen japanischen Wunderkindern gemacht, keine Kunst im eigentlichen Sinne.

    Im zweiten Teil bringt Michael Maar sehr viele Beispiele, großzügige Textauszüge namhafter Autoren. Dabei kennt man manche der Schriftsteller, manche nicht, anyway, lernt man sie kennen. Diese Textbeispiele sind mir allerdings zu ausufernd geraten. Statt dessen hätte ich mehr Wert auf ergänzende Erläuterungen gelegt.

    Die ausführlichen Textbeispiele, von denen ich einige auch übersprungen habe, um sie vielleicht später nachzulesen, sind dann im Ebook nicht einmal mehr ohne großen Aufwand wiederzufinden, da das Personenregister, - wenigstens vorhanden, danke – weder einen Positionsverweis noch eine Anklickmöglichkeit bietet. Also weder direkt noch indirekt kann man danach suchen. Das ist ein ärgerliches Manko. Für die ebook-Ausgabe gibt es dafür Punkt-Abzug.

    Auch das Literaturverzeichnis ist erst nach langem Scrollen durch den gesamten Anhang hindurch, aufspürbar. So hat das Werk, zumindest in der digitalen Ausgabe, als Nachschlagewerk an Reiz und Wert verloren, den es durchaus beides hätte haben können. Vielleicht gibt es in der Printausgabe wenigstens Seitenangaben, das konnte ich nicht nachprüfen.

    Während die theoretischen Erläuterungen dieses Sachbuches also salopp gesagt, erste Sahne sind, sind die literarischen Beispiele dazu, viel zu üppig ausgefallen.

    Aber das wahrhaft Ärgerliche ist die elektronische Verarbeitung. Hier könnte man sicherlich nachbessern. Dann gäbe es auch die volle FünfSternezahl.

    Fazit: Die Liebe zur Literatur ist fühlbar! Daher ist „Die Schlange im Wolfspelz“ ein starkes Buch mit wunderbaren Erläuterungen zu Stil und Stilepochen mit ausführlichen Romanauszügen namhafter Autoren, das Gewicht liegt dabei allerdings fast ausschließlich auf der alten klassischen Weltliteratur, die Moderne wird vernachlässigt.

    Hauptkritikpunkt ist die Digitalausgabe, bei der der Nachschlagewert des Sachbuchs durch fehlende Anklickmöglichkeite gegen Null geht. Schade. Das wäre das I-Tüpfelchen gewesen. Eine entsprechende Nachbesserung lege ich dringend ans Herz. Es ist noch Zeit bis zum offiziellen Erscheinungstermin.

    Kategorie: Sachbuch: Literaturwissenschaft
    Verlag: Rowohlt, 2021

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  1. Außergewöhnlich gut!

    Klappentext:

    „Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? Maar zeigt, wer Dialoge kann und wer nicht, warum Hölderlin über- und Rahel Varnhagen unterschätzt wird, warum ohne die österreichischen Juden ein Kontinent des Stils wegbräche, warum Kafka ein Alien ist und warum nur Heimito von Doderer an Thomas Mann heranreicht. In fünfzig Porträts, von Goethe bis Gernhardt, von Kleist bis Kronauer, entfaltet er en passant eine Geschichte der deutschen Literatur.“

    Es ist im Jahr 2021 nicht mein erstes Buch zum Thema „Lesen“ und ich muss wirklich sagen, das ich überrascht war, was mir hier begegnet ist. Michael Maar nimmt hier alles und jedes Detail aus der Welt des Lesens unter die Lupe. Seine Art dabei ist sehr ansteckend und er macht Lust sich gleich mal einen Klassiker aus dem Bücherregal zu schnappen und das nachzulesen was er dazu so „besonders“ empfindet. Maar dröselt, wenn man so will, die Schreibstile der Autoren auf und will wissen, wer hinter diesen Stilen sitzt und warum dieser Stil so ist wie er ist. Was macht einen Klassiker aus? Was wird zu einem? Was ist „gute“ und was „schlechte“ Literatur? All diese Fragen werden hier sinnvoll und geschmackvoll beantwortet. Man merkt aber auch in jeder Zeile wie besessen Maar von seiner Arbeit ist und was es mit einem macht, so hinter die Kulissen blicken zu wollen. Es gab Passagen, da teilte ich seine Meinung nicht aber das ist ja auch gut so...Geschmäcker und Auffassungsgabe sind nunmal bei jedem Leser anders.

    Dies ist ein sehr außergewöhnliches Buch von einem außergewöhnlichen Autor mit einer besonderen Begabung - 4 von 5 Sterne gibt es hier von mir!

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