Die rote Tapferkeitsmedaille: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die rote Tapferkeitsmedaille: Roman' von  Stephen Crane
4
4 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die rote Tapferkeitsmedaille: Roman"

Der Klassiker endlich in einer neuen Übersetzung! Amerikanischer Bürgerkrieg: Ein junger Soldat zieht euphorisch in den Krieg doch die Realität ist schlimmer als jede Vorstellung. Als »Die rote Tapferkeitsmedaille« 1895 erschien, war das eine Sensation. Denn zum ersten Mal sprach der einfache Soldat. Damit gab Stephen Crane all jenen, die zuvor im Schweigen verharrten, eine Stimme und veränderte die Sicht auf den modernen Krieg radikal. Das verleiht dem Text seine Authentizität und erklärt den überragenden Erfolg. Doch Crane denkt weiter: Was wird aus diesen Menschen, wenn der Krieg wieder vorbei ist? Werden sie die Schrecken vergessen können? Der Band enthält ergänzend die Erzählung Der Veteran , in der Henry Fleming, der junge Soldat aus dem Roman, als alter Mann auftaucht. Abgeschlossen wird diese Ausgabe durch ein Nachwort von Thomas Schneider und einem Crane-Portrait von Rüdiger Barth.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag:
EAN:9783865326867

Rezensionen zu "Die rote Tapferkeitsmedaille: Roman"

  1. Bildhaft und metaphernreich

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Jan 2021 

    „Im nächsten Moment setzte sich das Regiment in Bewegung und marschierte los, einem vielbeinigen Fabelwesen nicht unähnlich. (…) Auf dem Rücken des kriechenden Reptils blitzte manchmal ein Stück Stahl auf, akustisch untermalt von dem Knarren der fahrbaren Kanonen“ (S.31)

    Amerika während des Bürgerkriegs.

    Obwohl er eigentlich noch zur Schule geht, meldet sich der junge Henry Fleming freiwillig zur Armee. Er hat sehr heroische und romantische Vorstellungen vom Krieg, inspiriert von den großen Schlachten der Antike, von denen er gelesen hat.

    Zunächst passiert nicht viel. Henry zieht mit seinem Regiment zu einem Lager am Ufer eines Flusses und wartet darauf, endlich in das Kampfgeschehen eingreifen zu können. Die einzige Feindberührung gibt es mit den Wachsoldaten der Konföderiertenarmee am anderen Ufer. Je länger das Warten dauert, umso größer werden Henrys Zweifel, ob er sich während des Kampfes wirklich so ruhmreich verhalten wird. Wird sein Mut größer sein als seine Angst? Als es endlich soweit ist, funktioniert Henry wie ein Automat und schießt in die feindlichen Reihen, zunächst scheint seine Seite den Sieg davonzutragen. Als aber nach einer Kampfpause, die Rebellen erneut angreifen, ergreift er kopflos die Flucht. In einem stetigen Zwiegespräch versucht er seine panische Reaktion zu rechtfertigen.

    „Keine Frage. Der Krieg war verloren. Die Drachen näherten sich mit riesigen Schritten. Die eigene Armee, im Dickicht verfangen und im Dunkel mit Blindheit geschlagen, stand kurz davor, von dem Monster verschlungen zu werden.“ (S. 123)

    Als er mitten im Durcheinander des Rückzugs unter die fliehenden Kameraden gerät, bekommt er durch einen Schlag auf den Kopf eine blutende Wunde. Trotzdem gelingt es ihm zu seinem eigenen Regiment zurückzufinden. Aus Scham gibt er seine Kopfwunde als Schussverletzung aus und behauptet, dass er während der Kämpfe von seinen Kameraden getrennt wurde. Als es am nächsten Morgen wieder zurück auf das Schlachtfeld geht, kämpft Henry in vorderster Front und zeichnet sich durch große Tapferkeit aus. Doch der Makel der Feigheit wird zeitlebens an seinem Gewissen nagen.

    Der amerikanische Autor Stephen Crane schrieb dieses Buch im Alter von 24 Jahren, ohne vorher an irgendwelchen Kriegshandlungen teilgenommen zu haben. Trotzdem ist es ihm gelungen, einen authentischen Bericht aus der Sicht eines einfachen Soldaten zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt etwas noch nie Dagewesenes und eine Sensation. Crane schreibt sehr bildhaft und metaphernreich, auch das hat mit Sicherheit zu dem großen Erfolg beigetragen, den dieses Buch gleich nach seinem Erscheinen erzielte.

    „Das flüchtige Gelb des nahenden Tages verschwand in ihrem Rücken. Als die vollen und wärmenden Sonnenstrahlen endlich die Erde berührten, sah der Junge, wie sich zwei lange, schmale und schwarze Kolonnen über die Kuppe eines Hügels wanden. Er fühlte sich an zwei überdimensionale Schlangen erinnert, die ihre nächtliche Höhle verlassen hatten und nun durch die Landschaft glitten“ (S. 31)

    Auch der Titel des Buches „Die rote Tapferkeitsmedaille“ ist kein Orden für besondere Verdienste, wie ich zunächst vermutete, sondern es sind die blutenden Wunden der Verletzten, die diese sich im Kampf zugezogen haben. Durch den intensiven Schreibstil und den eingeschränkten Blickwinkel auf Henrys Sicht, hat man das Gefühl unmittelbar an dieser Schlacht teilzunehmen. Man riecht förmlich den Pulverdampf, hört den Kanonendonner und die Schreie der Verwundeten. So gesehen kann man dieses Buch auch als „Antikriegsroman“ einordnen, obwohl das sicher nicht in der Motivation Cranes lag und in der Zeit seines Erscheinens auch nicht so gesehen wurde. Der einzige Wermutstropfen war für mich die Figur des jungen Henry. Ich fand seine Charakterentwicklung leider sehr negativ. Aus dem zunächst unsicheren und zurückhaltenden Jungen wurde ein selbstverliebter Aufschneider, der selbst seine unrühmliche Flucht vor sich selbst als Heldentat rechtfertigte.

    Dem Buch angegliedert sind noch die Erzählung „Der Veteran“, die Crane ein Jahr später veröffentlichte und Henry als alten Mann zeigt. Außerdem gibt es noch ein hervorragendes Nachwort von Thomas F. Schneider, das mir sehr geholfen hat, diesen Roman für mich einzuordnen und eine sehr ausführliche Biographie Stephen Cranes, der leider viel zu früh im Alter von 28 Jahren verstarb, aber in dieser kurzen Lebensspanne so viel erlebte, dass es auch für mehrere Leben gereicht hätte.

  1. Krieg aus der Perspektive eines einfachen Soldaten

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Jan 2021 

    Henry, ein 17jähriger Junge vom Land, „ hatte sein ganzes Leben lang von Schlachten geträumt“, von heroischen Kämpfen, wie sie die alten Griechen geführt hatten. Und so meldet er sich freiwillig zur Armee. Nun liegt er hier in Stellung mit anderen frisch eingezogenen Soldaten und alle warten darauf, dass es endlich losgeht.
    Das Warten bringt Henry ins Grübeln. Würde er genug Mut aufbringen oder wird er bei der ersten Gefahr wegrennen? Was wusste er letztlich von sich? „ Er war sich selbst eine unbekannte Größe.“ Über seine Selbstzweifel zu sprechen, verbietet sich von selbst. Schließlich will er nicht als Feigling dastehen und zum Gespött der anderen werden.
    Dann endlich kommt es zu den ersten Kampfhandlungen. Aber der Feind ist ihnen überlegen und jeder versucht, nur sich selbst zu retten. In seiner Panik flüchtet Henry, wie Zahlreiche neben ihm.
    Bei einem Streit mit einem anderen Deserteur zieht er sich eine Verwundung an der Stirn zu. Ausgerechnet diese Wunde wird ihm Anerkennung und Respekt einbringen, als er wieder auf seine Truppe trifft. Und beim nächsten Angriff scheint Henry seine Angst überwunden zu haben und gilt fortan als Held.
    Was dem heutigen Leser wie ein gut gemachter, aber konventioneller Kriegsroman vorkommen mag, war zu seinem Erscheinen 1894 eine Sensation. Denn der Roman bricht mit den üblichen Mustern von Kriegsberichten, die die Taktik der Befehlshaber in den Fokus rücken und dabei das Kriegsgeschehen idealisieren und heroisieren.
    Hier aber wird zum ersten Mal die Perspektive des einfachen Soldaten eingenommen, der erste Erfahrungen mit der grausamen Realität des Krieges macht. Der Leser ist ganz nah bei dessen widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen; bei seinen anfangs naiven Phantasien von Heldentum, bei seinen Selbstzweifeln, seinen Hoffnungen und seinen Ängsten. Viele Veteranen, die den Roman gelesen haben, fühlten sich erkannt und bestätigt.
    Dabei war Stephen Crane keiner von ihnen. Er ist erst dreißig Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg geboren und war knapp 22 Jahre alt, als er das Buch schrieb. Aber er schreibt, als sei er selbst dabei gewesen.
    Dabei geht es Crane nicht um den tatsächlichen Ablauf einer historischen Schlacht. Wir erfahren auch nichts über die Gründe, die zum amerikanischen Bürgerkrieg geführt haben. Das ist für seine Geschichte nicht wichtig. Denn was Crane beschreibt, ist eine universelle Erfahrung. Für den einfachen Soldaten ist der Krieg eine undurchschaubare Sache. ( „ Die beiden Parteien hatten offensichtlich die langfristigen Ziele einer Schlacht längst aus den Augen verloren. Sie waren damit zufrieden, solange aufeinander einzuschlagen, bis am Ende beide Widersacher am Boden lagen.“) Er taumelt durch den Kugelhagel und ist nur bestrebt, Befehle zu befolgen und dabei sein Leben zu retten.
    Crane lässt die Soldaten in ihrer eigenen , einfachen Sprache sprechen, was dem Roman zusätzliche Authentizität verleiht.
    Gleichzeitig wirft er einen kritischen Blick auf die Befehlshaber. „Die Befehle waren so unrealistisch und widersprüchlich, dass niemand mehr wusste, was er zu tun hatte.“
    Bei einem Gespräch zwischen einem General und einem Offizier, das Henry zufällig belauscht, wird ihm deutlich, dass er und seine Kameraden nicht mehr sind als Kanonenfutter. „ Gehen Sie mal davon aus, dass die wenigsten Ihrer Maultiertreiber überleben!“ rief ihm der General noch nach. Der Offizier brüllte ein paar unverständliche Worte zurück und grinste.“
    Auch die Sprachgewalt des Autors überzeugt. Er schafft filmische Szenen, entwirft unendlich viele Bildern und Metaphern, die das Geschehen illustrieren und Atmosphäre schaffen. Anfangs finden sich impressionistische Naturbeschreibungen; hier wird die Schönheit der Natur in Kontrast gestellt zu den schwer erträglichen Grausamkeiten. Später wird die Natur selbst zum Feind.
    In der kleinen Erzählung „ Der Veteran“ begegnen wir Henry noch einmal, dieses Mal als alten Mann mit seinem Enkel.
    Dankenswerterweise hat der Verlag dem noch einen aufschlussreichen Anhang hinzugefügt, der das Buch und den Autor richtig einordnen lässt. Der Aufsatz von Thomas F. Schneider interpretiert den Roman und der Text von Rüdiger Barth bringt uns Stephen Crane näher, ein in Deutschland wenig bekannter Autor, der Vorbild für viele Schriftstellerkollegen nach ihm wurde.

  1. Das „kleine Rädchen“ im Kriegsgeschehen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Jan 2021 

    „Die rote Tapferkeitsmedaille“ ist ein Roman, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde und der damals den jungen Autoren Stephen Crane sehr bekannt machte. In den Jahrzehnten danach allerdings ging der Ruhm des jung verstorbenen Autors und seines Romans sehr schnell verloren. Was blieb allerdings, ist die Wirkung dieses Romans auf viele andere Schriftsteller, die in ihren Werken über den Krieg der Sichtweise des kleinen Soldaten im Heer der Kämpfenden nun immer mehr Raum einräumten. Ganz in der Tradition, die „Die rote Tapferkeitsmedaille“ angestoßen hat.
    Auch heute noch allerdings bleibt beim Lesen dieses Romans eine Verstörtheit über die ungewohnte Sichtweise auf das Kriegsgeschehen, die hier in durchgängiger Konsequenz vom Erzähler eingenommen wird.
    Wir erleben eine Schlacht im Amerikanischen Bürgerkrieg aus der Sichtweise von Henry, einem Bauernjungen, der sich aus einem gewissen Maß an geschürter Kriegsbegeisterung und einem erheblichen Maß an Alternativlosigkeit in seinem kleinen amerikanischen Dorf freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hat.
    Als er dann auf dem Schlachtfeld steht, prägt ihn vor allem Verwirrung und Planlosigkeit, die ihn zunächst dazu führt, die Flucht anzutreten und sich vom Schlachtgeschehen zu entfernen. Plan- und systemlos um ihn herum bewegen sich die Soldaten in die verschiedensten Richtungen, nach vorn, nach hinten, zur Seite. Wie daraus ein zielgerichteter Krieg entstehen soll, bleibt mit Henry auch dem Leser komplett unklar. Und so ist die Sichtweise eines „kleinen Rädchens“ im Motor des Kriegsgeschehens vor allem verstörend, da undurchschaubar. Beim Lesen stellt sich dadurch sehr häufig ein tiefes Maß an Frustration ein.
    Genauso überraschend wie Henry den Rückzug vom Geschehen angetreten hat, dreht er nach einiger Zeit wieder die Richtung um und kehrt zu seiner Truppe zurück. Hier wirft er sich nun in den Kampf. Ein Angriffs der Gegenseite muss zurückgeschlagen werden. Hier schlägt sich Henry erstaunlich aktiv und tapfer. Den Gegner bekommt der Leser dabei so wenig zu Gesicht wie Henry selbst. Nur das Einschlagen von Schüssen verrät ihm und uns als Leser: der Gegner ist da und versucht alles, den Feind zu besiegen und zu vernichten.
    Genauso wie der Gegner treten auch die Vorgesetzten, d.h. die Kommandoebene gar nicht oder selten in Erscheinung. Beide sind einfach zu weit von dem Kriegsrädchen Henry entfernt. Rauch und Staub, aufgewirbelt vom Schlachtengetümmel, verbunden mit der weitgehend fehlenden Einsicht in das Gesamtgeschehen schränken die Sichtweise des einzelnen Soldaten und des Erzählers, der konsequent an seiner Seite bleibt, zu stark ein. Doch einmal kann Henry ein Gespräch von Vorgesetzten belauschen und erfährt so von seiner konkreten Rolle in diesem Geschehen: er ist gemeinsam mit seinen Kameraden „Kanonenfutter“, eine Menge Menschen, die verzichtbar sind und die man deshalb in aussichtslose Aktionen schicken kann.
    Trotz dieses Wissens kämpft er weiter sehr aktiv und intensiv und steigert sich im folgenden Angriff auf den Gegner geradezu in einen Fahnenrausch und wird zum sogenannten „Helden“. Als die Schlacht dann vorbei ist, endet auch der Roman und lässt den Leser mit einem eher verwirrten und ambivalenten Verhältnis zum Romanhelden Henry und seinem Handeln im Krieg zurück.
    Mein Fazit:
    „Die rote Tapferkeitsmedaille“ ist ein fordernder Roman. Es fällt nicht leicht, sich so nah und direkt in das Kriegsgeschehen mit Henry zu begeben, ohne vom Erzähler zu erfahren, wozu das alles führt, welche Rolle das für das Kriegsgeschehen insgesamt spielt und ob das irgendeinen Sinn macht, was Henry mit seinen Kameraden da tut und wofür er seine Gesundheit und sein Leben aufs Spiel setzt.
    Aber gerade das ist auch die Stärke des Romans, der konsequent diese verstörende Sichtweise vermittelt und einhält. Das war das absolut Neue an dem Roman und begründete seinen Erfolg bei Publikum und anderen Autoren.
    Ich habe mich nach einigem Zaudern und Zagen auf dieses Experiment eingelassen und wurde von dem Roman beeindruckt und begeistert, wenn er mich auch ärgerlich macht, was in der Natur der Sache liegen sollte. 4 dicke Sterne für dieses literarische Pilotstück und Meisterwerk. Der Pendragon-Verlag hat dieses zu Unrecht vergessene Werk in diesem Jahr neu aufgelegt in einer sorgsam erarbeiteten Ausgabe mit einem guten und interessanten Nachwort, in dem uns der leider jung verstorbene Autor Stephen Crane nahegebracht und in seine Zeit eingeordnet wird.

  1. Perspektivwechsel

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Jan 2021 

    Stephen Crane (1871 – 1900), früh an Tuberkulose verstorbener Sohn eines Methodistenpredigers und keinem Skandal abgeneigt, erlangte in Deutschland nie gleiche Bekanntheit wie im angelsächsischen Raum. Dabei wurde sein bekanntestes Werk aus dem Jahr 1895, das bis heute Pflichtlektüre in US-Schulen und -Universitäten ist, "The Red Badge of Courage", mehrfach unter verschiedenen Titeln ins Deutsche übersetzt. Er beeinflusste Erich Maria Remarque und Ernest Hemingway wie H. G. Wells waren von seiner großen Bedeutung überzeugt.

    Pulverdampf und Kanonendonner
    Während des amerikanischen Bürgerkrieg meldet sich der einzelgängerische Schüler und Bauernsohn Henry Fleming freiwillig zur Unionistenarmee und kommt zum 304. Regiment. Die Geduld der „Frischlinge“ wird auf eine harte Probe gestellt, im Lager herrscht Monotonie und Henry versinkt in Grübeleien:

    "Wusste er wirklich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass er im Zweifelsfall nicht türmen würde?" (S. 21)

    Er schwankt zwischen Extremen, ist zerrissen zwischen Stolz, Zweifeln, Verzweiflung, Euphorie, Wut auf die Vorgesetzten, Weltschmerz, Heimweh, Neugier und Sehnsucht:

    "Der Krieg, hatte der Junge einmal gelernt, mache aus jedermann einen echten Mann. Er hatte darin immer seine Rettung gesehen und all seine Hoffnungen auf die entscheidende Schlacht gesetzt." (S. 49)

    Doch kaum kommt es zur Feindberührung, ergreift Henry panisch die Flucht. Seine Verwundung, die „rote Medaille der Tapferkeit“, zieht er sich ironischerweise bei der Auseinandersetzung mit einem anderen Flüchtenden zu. Zwar bleiben ihm Strafe und Hohn erspart, doch leidet sein Selbstbewusstsein:

    "Die moralische Rechtfertigung lag dem Jungen sehr am Herzen. Ein Freispruch musste her, weil er sonst nicht in der Lage sein würde, mit der abstoßenden Medaille der Feigheit durchs Leben zu gehen. Da ihn sein Herz immer wieder der Feigheit beschuldigte, mussten wohl oder übel seine Taten das Gegenteil beweisen." (S. 119/120)

    Scham und die erlauschte Verachtung der Vorgesetzten für seinen Truppenteil werden für Henry zum Wendepunkt.

    Ein Blick aus der Distanz
    Erst der nachgestellten Erzählung "Der Veteran" kann man die Schlacht historisch verorten. Dies genauso wie ihr Ausgang sind für Stephen Crane nicht von Bedeutung, liegt sein Fokus doch ausschließlich auf den Befindlichkeiten des nicht immer sympathischen personalen Erzählers. Der macht im Alter keinen Hehl mehr aus seiner anfänglichen Flucht und erschüttert damit nachhaltig den Heldenglauben seines Enkels.

    „Roman plus“
    Die Neuübersetzung von Stephen Cranes bekanntestem Roman durch Bernd Gockel unter dem Titel "Die rote Tapferkeitsmedaille" im Pendragon Verlag wird hervorragend ergänzt durch die Erzählung "Der Veteran" sowie ein kurzes interpretierendes Nachwort von Thomas F. Schneider und ein 68 Seiten umfassendes Porträt Cranes von Rüdiger Barth. Diese Beigaben waren äußerst hilfreich für mich, denn den metaphern-, farb- und teilweise pathosgesättigten Klassiker, der nahezu komplett auf dem Schlachtfeld spielt, las ich dadurch zwar nicht mit Genuss, aber doch mit spürbarem Gewinn. Erst mit Hilfe dieser Ergänzungen verstand ich das revolutionär Neue am Schreiben Cranes, der bis dato weder den amerikanischen Bürgerkrieg noch eine andere Schlacht je erlebt hatte: die konsequente Darstellung des Krieges aus der Sicht eines einfachen Rekruten, Achterbahnfahrt der Gefühle anstatt Kriegstaktik, aber leider keine grundsätzliche Infragestellung von Kriegen.

  1. Krieg zum ersten Mal aus der Sicht des einfachen Rekruten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Jan 2021 

    Stephen Crane wurde nur 28 Jahre alt. Er starb im Jahre 1900 an Tuberkulose. Obwohl so jung an Jahren, hat er mit „Die rote Tapferkeitsmedaille“ einen bedeutungsvollen Roman hinterlassen, der noch heute als Pflichtlektüre in amerikanischen Schulen gelesen wird. Er gilt als Meilenstein und Vorbild für andere Werke dieser Art (z.B. auch für Remarques „Im Westen nichts Neues“), weil Crane zum ersten Mal die Gedanken, Gefühle und Ängste des einfachen Soldaten in den Mittelpunkt stellt. Die Handlung ist zwar im Sezessionskrieg angesiedelt, genau genommen geht es um wenige Tage im Dezember 1861 in der Schlacht um Fredericksburg in Virginia, Ort und Zeit werden jedoch an keiner Stelle genannt. Es geht um den Krieg als solchen, um das Austauschbare, um das, was jeder Krieg mit dem Einzelnen macht. Diese Darstellung gelingt Crane sehr glaubwürdig. Konsequent nimmt er die Perspektive seines Protagonisten Henry Fleming ein, der im Text meistens nur „der Junge“ genannt wird. Jener hatte entgegen dem Rat seiner Mutter im Alter von 17 Jahren bei der Armee angeheuert: „Er hatte von Gewaltmärschen gelesen, von Belagerungen und dramatischen Konfrontationen und wünschte sich nichts mehr, als Teil dieser dramatischen Kämpfe zu sein.“ (S. 14)

    Sehr schnell muss Henry feststellen, dass die Realität mit Heldenmythen wenig zu tun hat. Seit Wochen hängt sein Regiment fest, hat keine Feindberührung. Man schlägt die Zeit tot und wartet auf den ersehnten Marschbefehl. Als anonymes Rädchen plagen ihn Gedanken und Selbstzweifel, auch ob er tapfer genug sein wird, sich dem Feind entgegen zu stellen, wenn es gefordert ist. Henry ist ein guter Beobachter mit einem Blick für das Paradoxe des Krieges, aber auch für die Schönheiten der Natur. In der Beschreibung des Kriegsgeschehens streut er fantastische, beklemmende Vergleiche mit ein, die seinem jugendlichen Naturell geschuldet sein dürften: „Als er zu den rot glühenden Augen auf dem anderen Ufer schaute, schienen sie ständig größer zu werden, um schließlich einer Phalanx angsteinflößender Drachen Platz zu machen.“ (S.30) oder „Im nächsten Moment setzte sich das Regiment in Bewegung und marschierte los, einem vielbeinigen Fabelwesen nicht unähnlich. Kalter Tau lag in der Luft. Das nasse Gras unter ihren Füßen raschelte wie Seide.“ (S.31) Diese bild- und metaphernreiche Sprache hat mich fasziniert und gefesselt. Sie verbindet Schönheit mit Gefahr, Brutalität und Tod. Es gibt Kugeln, die beim Aufprall exotische Kriegsblumen hervorbringen, Kanonen, die knarzen und grunzen wie muskulöse Männer, oder den Krieg als gefräßige, alles zermalmende Maschine.

    Henry durchläuft im Verlauf dieser Tage mehrere Stadien. Er wirft sich in der Schlacht tapfer dem Feind entgegen, er schießt auf alles, was sich schemenhaft bewegt, er tut, was von ihm verlangt wird. Männer sterben wie die Fliegen. Das Kriegsgeschehen scheint keinerlei Koordination zu kennen. Man prescht voran, der Feind zieht sich zurück. Im nächsten Moment ist die eigene Kompanie in der Defensive, man bangt um das nackte Leben. In einem Moment der Schwäche flüchtet Henry. Ständig resümiert er seine Tat, Rechtfertigungen suchend wird er durch den Wald getrieben, trifft auf Ströme Verwundeter, die bleibenden Eindruck hinterlassen, schließlich wird er wie durch Zufall wieder in sein Regiment gespült.

    Diese anarchischen Zustände wirken sich stark auf Henrys Gemütsverfassung aus. Er schwankt zwischen Extremen. Teilweise kann man seinen wirren, großmannssüchtigen Fantasien nur schwer folgen, man ist gefordert als Leser, man muss sich dicht in diese unglaubliche Kriegswelt hineindenken, in der der Einzelne mit seinem Leben nichts gilt, sondern nur Kanonenfutter darstellt und funktionieren muss. Die komplizierten Gefühlslagen, das Schwanken zwischen dem Wunsch, sich als Held zu beweisen und der Angst, zu versagen und die Flucht anzutreten, wirken in hohem Maß authentisch. Ehre, Mut, und Tapferkeit sind die männlichen Attribute, in deren Sinn Henry erzogen wurde. Sie auf dem Schlachtfeld unter Beweis stellen zu müssen, kostet letzte Reserven. Henry ist kein Sympathieträger. Er hat Ecken und Kanten. Das macht ihn als Figur glaubwürdig.

    Crane lässt seinen Protagonisten überleben, das Ende verheißt Hoffnung: „Doch nun wandte er sich mit der Sehnsucht des Liebenden harmonischeren Gefilden zu, der Vision eines friedvollen Himmels, einer grünen Wiese, eines kühlen Bachs, eines Lebens im andauernden Frieden.“ (S. 228) Es ist Cranes Verdienst, dass die 228 Seiten Kriegsgeschehen rund um den 17-jährigen desertierten Helden zu keinem Zeitpunkt langweilig werden. Man schließt den Roman mit dem befriedigenden Gefühl, ein wichtiges Stück amerikanischer sowie universell gültiger Kriegsliteratur gelesen zu haben.

    Der Verlag hat dem Roman die Erzählung „Der Veteran“ hinzugefügt, in der es ein Wiedersehen mit dem gealterten Henry Fleming gibt, der seine Lebenserfahrung an den Enkel weiterzureichen versucht. Im Anschluss daran ordnet Thomas F. Schneider das Werk historisch in seinen Kontext ein und schließt eine höchst interessante Biografie Stephan Cranes an, die Einblicke in dessen unstetes Leben und Werk bietet. Alle drei Teile ergeben zusammen ein komplettes Ganzes – ein inhaltlich und haptisch sehr ansprechendes Buch. Unbedingt lesen!

  1. Hurz!

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Jan 2021 

    Wie war das mit dem "Hurz" im Fernsehstreich von Hape Kerkeling? Es ließ die Zuschauer einigermaßen ratlos zurück, innerlich im Zwiespalt, ob es denn noch Kunst, oder doch einfach nur Unsinn war.

    So erging es mir mit der roten Tapferkeitsmedaille von Stephen Crane, einem hochgelobten und heute noch im amerikanischen Schulbetrieb gelesenen Autor, der mit nur 28 Jahren genau 1900 verstarb. Crane war 21, als er sich in die Gedankenwelt eines Soldaten des Sezessionskrieges (USA, 1861-1865) verstieg und diese zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Presse veröffentlichte. Eine Kriegsberichterstattung, die, mit ein wenig Kopfrechnen schnell belegt, nicht aus eigener Erfahrung entstammen konnte, sondern nur ein Gedanken- und Schreibexperiment war, dafür aber, ob seiner Neuartigkeit, für großes Aufsehen sorgte.
    Crane kürt den jungen Henry Fleming zu seinem Hauptprotagonisten, der Haus und Hof verlässt, um Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld zu erlangen. Mit allerlei heroischen Gedanken und romantischen Landschaftsbetrachtungen, ereilt unseren viel zu jungen Henry beim ersten Kanonendonner, spätestens aber beim Anblick des ersten Toten, die nackte Angst. Er flieht. Kopf- und planlos rennt er davon. Doch mit den leiser werdenden Kriegsgeräuschen, erwacht auch wieder Henrys Gedankenwelt, in der er alles richtig gemacht, ja sogar äußerst klug und heldenhaft gehandelt hat. Diese rosa Blase zerplatz, sobald er auf eine Gruppe Soldaten trifft, die verwundet und geschunden die Frage nach seinem Verbleib und seinen Verletzungen stellen. Wie gut, dass Henry im Streit mit einem Kameraden dann eine Kopfnuss mit dem Gewehrkolben verpasst bekommt, endlich die ersehente Legitimierung, das rote Zeichen, einen Kampf im Krieg erfolgreich bestanden zu haben.

    Die Erzählung ist aus heutiger Sicht sehr gewöhnungsbedürftig. Crane lässt sich nicht dazu herab, den Grund für diese militärische Auseinandersetzung, die Aufgaben der verschiedenen Einheiten, aber auch einfache Dinge wie Ort und Zeit, näher zu bezeichnen. Der Soldat Fleming bleibt, bis auf ein paar Abschiedsworte seiner Mutter und seiner sehr polarsierenden Gedankenwelt, ein unbeschriebenes Blatt. Der Schwerpunkt scheint sich auf die Farben der Umgebung und des Geschehens zu beziehen und so ist es auch die Uniformfarbe, die den Gegner im Text verrät, der ansonsten nebulös im Hintergrund die Hauptbühne niemals zu betreten scheint.

    Im Anhang porträtiert Rüdiger Barth den Schriftsteller und Reporter Stephen Crane und erst in diesem Zusammenhang konnte ich mich ein wenig mit der Geschichte versöhnen und die Art und Weise seiner Darstellung nachvollziehen, aber nicht gutheißen. Die Idee, innere Befindlichkeiten des einfachen Soldaten zu Papier zu bringen und damit auch Gehör zu verschaffen, ist eine geniale. Sie wurde oft kopiert. Die Ausführung ist, mangels eigener Erfahrung und fehlender Reife allerdings ausbaufähig und hat zumindest bei mir für allerhand Irritation und Verdruss geführt.

    Cranes kurzes Leben war spannend und dranghaft und spätere Werke könnten dem Rechnung getragen haben. Sein Publikum mag es in dieser Zeit auch als erfolgreiche Neuheit gefeiert haben, mir allerdings fehlte der Anker, der mich in den sicheren Hafen der Geschichte, oder aber in einen verifizierbaren Hintergrund für die Gedankenwelt des Soldaten, gehalten hätte. Diese Geschichte bescherte mir ein richtiges Hurz-Erlebnis.

  1. Aus der Historie heraus zu würdigen.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Jan 2021 

    Kurzmeinung: Für historisch Interessierte ein Gewinn. Aber bei der Schreibweise musste ich die Zähne zusammenbeißen.

    Der Verlag Pendragon legt Stephen Crane, Lebensdaten 1871 bis 1900, neu auf. „Die rote Tapferkeitsmedaille“, der Roman, den der Autor schon im Alter von 22 Jahren verfasste und mit 24 Jahren veröffentlichte, hatte einen durchschlagenden Erfolg in den Staaten und ist in den USA teilweise auch heute noch Schullektüre. Das ist nicht weiter verwunderlich, da der Roman die für die USA traumatisierenden Sezessionskriege (1861 bis 1865) thematisiert.

    Stephen Crane katapultiert seine Leser in den Kopf des kriegsbegeisterten jungen Kerls Henry Fleming, gerade auf der Schwelle zum Mann, der, beseelt von einer Mischung aus Idealismus, Patriotismus und wahnhaften, überspannten Vorstellungen von Heldentum sich freiwillig verpflichtet und dessen erste Berührung mit dem Krieg und feindlichen Truppen die mehrtägige Schlacht am Rappahannock in Virginia ist.

    Mit Details des Geschehens hält sich Stephen Crane nicht auf. In den USA muss er das auch nicht, jedem Schulkind sind Details der Sezessionskriege gegenwärtig. Blauröcke und Grauröcke sagen uns, auf welcher Seite des Bürgerkrieges wir stehen. Wir sind Yankees und dienen einer guten Sache, yeah!

    Der Leser wird indes mit Henrys Innenleben konfrontiert, seinen Idealvorstellungen vom Krieg nicht nur, nein, auch von sich selbst, klinkt sich in seine Träume ein, ein hochdekorierter Held zu werden und sieht sich gleichzeitig seinen Zweifeln ausgesetzt, was er wohl wirklich für ein Mensch ist, ein ganzer Kerl, der sich bei Feindberührung beweist oder ein Feigling, der ausrückt, wenn es ernst wird.

    Henry ist kein Sympathieträger. Er ist jung und dumm, lebensunerfahren, und erfährt im Aufeinanderprallen seiner heroischen Vorstellungen mit der blutgetränkten Realität des Kriegs ein Wechselbad der Gefühle. Die Unfähigkeit des Hirns, in ganz kurzer Zeit viele, nie erlebte, kontroverse Sinnen-Eindrücke zu verabeiten, gelingt Crane wirklich gut.

    Aus europäischer Sicht und in der Moderne verhaftet, dem realistischen Erzählen mehr verpflichtet als pathetischen Luftblasen, mutet Cranes Stil seltsam an.

    Mit Wendungen wie der „kleinen Blume des Stolzes“, den „beschwingten Flügeln der Hoffnung“ muss man sich erst einmal anfreunden. Auch dass das Regiment gleich „auf dem Prüfstein der Geschichte (steht)“, „Männer mit stählernen Herzen (agieren)“, „polierte Gewehrläufe in der Sonne blitzen“, und „der Gesang der Kugeln“ die „Winde des Krieges“ begleiten und die „kosmische Kriegslawine“ rollt, sind gewöhnungsbedürftig.

    Dieser Stil ist für uns heutige Leser nicht leicht zu verkraften. Pathos, Schwulst, Überspanntheit, Idealisierungen Henrys mischen sich mit der wohl typisch überschwänglichen Schreibe Cranes.

    Mit ähnlich pathetischen, idealistischen und schwülstigen Passagen, schummelt sich Crane über konkrete Beschreibungen einzelner Szenen hinweg und flüchtet ins Allgmeingültige: „Die Drachen näherten sich mit riesigen Schritten. Die eigene Armee, im Dickicht verfangen und im Dunkel mit Blindheit geschlagen, stand kurz davor, von dem Monster verschlungen zu werden. Der Krieg, dieses tollwütige Tier, hatte sich zu seiner vollen Größe aufgeblasen.“

    Wenn und falls (!) man sich mit dem überspannten Stil abgefunden hat, muss der Leser dem Roman als zweites Problem die Schablonenhaftigkeit der Figuren ankreiden. Sie alle sind Platzhalter und haben keine Authentizität. Selbst Henry, in dessen Kopf und wirren, sich überschlagenden Gedanken sich der Leser wiederfindet, dient nur zu offensichlich der Plattform von Cranes eigenen Gedanken.

    Dennoch gebührt dem jungen Autoren Stephen Crane der Verdienst, dass er erstmalig, den Krieg aus der Sicht des einfachen Soldaten schildert. Die Kriegserzählungen, so aus dem Zugriff und dem Narrativ der Autorität des Militärs befreit, haben sich im folgenden verändert, viele Autoren griffen die Sicht „von unten“ auf, so zum Beispiel wurde auch Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues) von Cranes Roman beeinflusst.

    Fazit: Dass Henry in einem „heiligen Krieg“ als Antiheld in Erscheinung tritt und den normalen Hero vom Sockel hebt, allerdings relativiert durch das nachgeschobene Kapitel „Der Veteran“, bleibt bei allem kritischen Lesen das Verdienst des zu früh verstorbenen Autors.

    Anzukreiden als entscheidendes Manko ist jedoch, dass die Auseinandersetzung mit dem Töten/Morden, das man selber zu verantworten hat/te, nicht stattfindet, so dass eine gewisse Verklärung des Krieges haften bleibt und eine Demaskierung des Kriegs per se ausbleibt. Denn sozusagen in letzter Sekunde knickt der Autor ein und macht aus Henry doch noch einen Helden. Das hat er allerdings später bereut.

    Kategorie: historischer Roman
    Verlag Pendragon, 2020

  1. Das Kriegserleben eines einfachen Soldaten...bravourös erzählt!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Nov 2020 

    „Die rote Tapferkeitsmedaille“ von Stephen Crane erzählt von den Erlebnissen des Rekruten bzw. jungen, unerfahrenen und einfachen Soldaten Henry im amerikanischen Bürgerkrieg und erschien erstmals 1894 in der Philadelphia Press als Fortsetzungsroman.
    Das Besondere an dieser Veröffentlichung war, dass der 1871 geborene Schriftsteller Crane hier erstmals einen ganz gewöhnlichen Soldaten zu Wort kommen ließ, während bis dato nur die Befehlshabenden, der Adel, das Bürgertum oder der Klerus über den Krieg schrieben.

    Aber nun zum Inhalt:
    Eine Armee von Soldaten der Union campiert seit Monaten in bescheidenen Hütten in den Hügeln des US-Bundesstaats Virginia.
    Gegenüber, am anderen Ufer des Flusses Rappahannock, befindet sich das feindliche Lager der Südstaatler, das sie einem Gerücht zufolge am nächsten Tag angreifen sollen.
    Die Männer reagieren unterschiedlich auf diese Nachricht des Buschfunks:
    Wut über die nun vergebliche Verschönerung der ein oder anderen Behausung, Zweifel am Marschbefehl, der sich wie so viele zuvor, wieder nur als Irreführung oder Täuschung entpuppen könnte, Aufregung und Nervosität, weil die „blauen Streitkräfte“, sollte sich das Gerücht bewahrheiten, morgen in den Krieg ziehen würden.

    Wir lernen den jungen Rekruten Henry Fleming kennen, der in Friedenszeiten noch auf der elterlichen Farm lebt, der sich voller Überzeugung und Enthusiasmus freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat und der hier, auf seiner Pritsche in der dürftigen Behausung inmitten seiner Kameraden, hin- und hergerissen ist zwischen Ungläubigkeit, Ungeduld, Aufregung, Hoffnung, Faszination, Patriotismus, jugendlichem Eifer, romantischer Verklärung des Kriegs, Unsicherheit sowie Ängsten und Zweifel an seinem Stand- und Durchhaltevermögen.

    Plötzlich sieht Henry sich mit der Diskrepanz zwischen der Phantasie vom Heldentum und der Realität des Ernstfalles konfrontiert. Er wird nachdenklich und tiefsinnig.
    Er bemerkt, dass er sein Gefühl für sich selbst und seine Fähigkeit zur Selbsteinschätzung teilweise verloren hat und nicht in der Lage ist, im Voraus sein Verhalten in der Ausnahmesituation einer Schlacht einzuschätzen.

    Eine Frage treibt ihn ganz besonders um: „Woher weißt du denn, dass du nicht die Beine in die Hand nimmst und türmst, wenn’s erst einmal ernst wird? Es gab schon viele propere Mannsbilder, die vor dem Kampf die großen Helden waren, sich dann aber ruckzuck verkrümelten.“ (S. 37)

    Im Versuch, sich selbst auf die Schliche zu kommen und seine Selbstzweifel auszuräumen, beobachtet er seine Kameraden und vergleicht sich mit ihnen.
    Er versucht vorsichtig und letztlich vergeblich, mit ihnen in einen freundschaftlichen Erfahrungs- und Gedankenaustausch zu kommen, um herauszufinden, ob sie innerlich ebenso zerrissen sind wie er oder eben einfach nur tapfer und entschlossen.

    Henry verliert seinen Kampfgeist noch vor der ersten Schlacht, wird grüblerisch, wehmütig und melancholisch. Er fühlt sich einsam unter seiner Kameraden, vermisst die heimische Farm und meint, für‘s Soldatenleben nicht geschaffen zu sein.
    Aber sein Kampfgeist kehrt wieder zurück. Es ist ein Auf und Ab, ein Hin und Her.

    Wir begleiten Henry und sein Regiment der blauen Armee auf ihren Fußmärschen durch die Landschaft, über Felder, Wiesen und Flüsse und vorbei an Wäldern und erleben ihren Unmut darüber, dass sie noch nicht kämpfen dürfen. „Ich will aber nicht mehr sinnlos durch die Gegend laufen. Niemand hat einen Vorteil davon, wenn wir mit jedem Tag müder und schwächer werden.“ (S. 50)
    „Ich bin nur hier, weil ich kämpfen will. Durch die Gegend latschen kann ich zuhause auch.“ (S. 51)

    Es dauert nicht allzu lange, bis die blaue Kompanie von den Rebellen beschossen wird.
    „Immer häufiger pfiffen die Kugeln nun durch die Äste und bohrten sich in die Bäume. Äste und Blätter fielen so zahlreich zu Boden, als würden tausend unsichtbare Äxte geschwungen. Einige der Männer waren mehrfach gezwungen, sich zu ducken oder in Deckung zu gehen.“ (S. 56)
    „Der nackte Horror saß allen in den Knochen.“ (S. 57)

    ... und dann trifft Henry eine Entscheidung: „Nichts in der Welt, nicht einmal die göttlichen Kräfte da oben im Himmel, würden ihn davon abhalten, seine Beine dafür einzusetzen, wofür sie geschaffen waren. Die Gesichter dieser Männer sprachen eine Sprache, die ihm gar keine andere Wahl ließ. In diesen kalkweißen Gesichtern, in diesen wilden Augen hatte die Panik im Pulverdampf Spuren hinterlassen, die sogar noch entsetzlicher waren als der Kampf selbst.“ (S. 59)

    Aber schon kurze Zeit später verwirft er diese Entscheidung wieder. „Er war Teil eines Wesens, das bedroht wurde und seine Hilfe brauchte. Sein individuelles Schicksal verschmolz mit einem kollektiven Ziel. In dieser Situation zu fliehen war undenkbar.“ (S. 62)

    Wie es mit Henry und seiner Truppe weitergeht, verrate ich natürlich nicht.

    Nur so viel:
    Wir schlüpfen in Henrys Innenwelt und erfahren von seinen Gedanken, Gefühlen, Phantasien, Visionen und inneren Konflikten.
    Dabei lernen wir ihn in all seiner Zerrissenheit, Vielschichtigkeit und Komplexität immer besser kennen und werden Zeugen von Pendelbewegungen zwischen Pessimismus und Optimismus sowie zwischen Kleinheitsgefühlen und Größenphantasien.
    Die rote Tapferkeitsmedaille hat Henry schließlich erhalten, aber nicht ganz so, wie man sich das vorstellt.

    Der Roman ist etwas Besonderes!
    Stephen Crane fesselt seine Leserschaft mit den nachvollziehbaren und glaubhaften Veränderungen und Ambivalenzen in Henrys Innerem, er besticht mit seinen bildhaften Beschreibungen und er vermittelt Atmosphäre und Stimmungen unter den Soldaten und auf dem Feld bravourös. Man meint, den Lärm der Kanonen und Musketen zu hören, die Gefallenen herumliegen zu sehen und den beißenden Gestank der abgefeuerten Waffen zu riechen.

    Hut ab vor der wortgewaltigen, bildreichen und eindringlichen Sprache, den anschaulichen Metaphern, großartigen Beschreibungen, beeindruckenden Formulierungen und psychologisch feinfühligen und stimmigen Betrachtungen Stephen Cranes.

    Einige Beispiele möchte ich anführen:

    „Er fühlte sich wie ein erschöpftes Tier, das von allen Seiten gejagt wird, wie eine gutmütige Kuh, die sich gegen kläffende Hunde wehren muss.“ (S. 64)

    „Er kämpfte verzweifelt um Luft, wie ein Baby, das unter seinen Decken zu ersticken droht.“ (S. 64)

    „Und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass die beschwingten Flügel der Hoffnung an den ehernen Pforten der Realität zerschmettern würden.“ (S. 215)

    „Die rote Tapferkeitsmedaille“ ist ein fiktiver historischer Roman und ein Klassiker, der sich unbedingt zu lesen lohnt.
    Ich finde es unglaublich beeindruckend, dass ein 22-jähriger junger Mann, der erst Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs geboren wurde, keine Ahnung vom Soldatenleben und auch noch keine großartige Lebenserfahrung hatte, so ein grandioses Werk erschaffen konnte, in dem er die Diskrepanz zwischen dem Erleben der einfachen Soldaten an der Front, dem sogenannten Kanonenfutter, und der bis dato üblichen offiziellen Kriegsberichterstattung aus Sicht „der Oberen“ aufzeigt.

    In der von mir gelesenen Ausgabe des Pendragon Verlages endet das Buch nicht mit dem Ende des neu übersetzten Romans.
    Es folgen noch die Erzählung „der Veteran“, in der Henry ein älterer verheirateter Mann mit Kindern und Enkeln ist, sowie ein wunderbares Nachwort von Thomas F. Schneider und ein aufschlussreiches Crane-Portrait von Rüdiger Barth.
    Diese Ergänzungen waren sehr interessant zu lesen und eine wunderbare und lesenswerte Ergänzung.