Die Nickel Boys

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Nickel Boys' von Colson Whitehead
4.5
4.5 von 5 (6 Bewertungen)

Florida, Anfang der sechziger Jahre. Der sechzehnjährige Elwood lebt mit seiner Großmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee und ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall gerät er in ein gestohlenes Auto und wird ohne gerechtes Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. Erneut bringt Whitehead den tief verwurzelten Rassismus und das nicht enden wollende Trauma der amerikanischen Geschichte zutage. Sein neuer Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, ist ein Schrei gegen die Ungerechtigkeit.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783446262768

Rezensionen zu "Die Nickel Boys"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Aug 2019 

    Verbrechen, die nie gesühnt wurden

    Tallahassee (Südflorida) Anfang der 1960er-Jahre: Der 16-jährige Elwood Curtis lebt bei seiner Großmutter in einem schwarzen Ghetto, nachdem seine Eltern abgehauen sind. Der farbige Jugendliche ist ein glühender Fan von Martin Luther King und träumt davon, aufs College zu gehen. Er legt viel Fleiß an den Tag, um dieses Ziel zu erreichen. Tatsächlich erhält er die Möglichkeit, seinen Traum zu verwirklichen. Doch dann kommt alles ganz anders. Wegen eines Missverständnisses, ausgelöst durch seine Hautfarbe, wird Elwood zum Opfer eines Justizirrtums und landet in der Besserungsanstalt „Nickel Academy“. Dort muss er Tag für Tag Willkür und unvorstellbare Brutalität über sich ergehen lassen.

    „Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead ist ein Roman, der die Themen Rassismus und Gewalt in den Vordergrund stellt.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus drei Teilen und insgesamt 16 Kapiteln. Vorangestellt ist ein Prolog. Zudem gibt es einen Epilog. Erzählt wird vorwiegend, aber nicht nur aus der Sicht von Elwood. Immer wieder gibt es Zeitsprünge, die mir jedoch keine Probleme bereitet haben.

    Der Schreibstil ist unaufgeregt, recht nüchtern und ein wenig distanziert, aber dennoch intensiv und einfühlsam. Allerdings wirkt die deutsche Übersetzung stellenweise holprig und hat leider einige idiomatische Schwächen. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir dennoch leicht.

    Mit Elwood steht ein junger Protagonist im Mittelpunkt, der mit seiner ehrlichen, vielleicht schon etwas naiven Art meine Sympathie gewinnen konnte. Seine Entwicklung wird authentisch und nachvollziehbar geschildert.

    Obwohl die Handlung insgesamt recht spannungsarm ist und erst gegen Ende mit einer Wendung so richtig überrascht, kommt beim Lesen keine Langeweile auf. Das liegt nicht nur an der eher geringen Seitenzahl, sondern vor allem am Inhalt.

    Die Themen im Roman haben es in sich und machen betroffen. Es geht um Rassismus, Hass und Diskriminierung, um Missbrauch, Unterdrückung, Willkür und andere Formen von Gewalt. Dadurch ist die Geschichte keine leichte Kost. Sie regt nachdrücklich zum Nachdenken an und wühlt auf. Zwar spielt der Roman in der Vergangenheit, doch lassen sich auch Bezüge zum Geschehen der heutigen Zeit erkennen, was der Lektüre Aktualität verleiht.

    Gut gefallen hat mir, dass der Roman – trotz des fiktiven Charakters Elwood – auf wahren Begebenheiten beruht. Tatsächlich gab es in Florida eine solche Besserungsanstalt, allerdings mit dem Namen „Dozier School for Boys“. Das ist im Nachwort zu erfahren, das die fundierte Recherche des Autors belegt. Durch die literarische Verarbeitung wird die Aufmerksamkeit auf diese grauenvolle Episode der Vergangenheit gelenkt, was ich wichtig finde.

    Das sehr reduziert gestaltete Cover passt gut zum Inhalt. Gut gefällt mir auch, dass man sich am prägnanten amerikanischen Originaltitel („The Nickel Boys“) orientiert hat.

    Mein Fazit:
    „Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead ist ein aufrüttelnder, tiefgründiger Roman über ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte. Besonders aufgrund seiner Thematik kann ich das Buch empfehlen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Jul 2019 

    Wenn Willkür das Leben verändert...

    Ich hatte sehr viele positive Stimmen zu dem Buch vernommen und wollte mir eine eigene Meinung bilden. Ich habe das Lesen dieses Buch nicht bereut, denn trotz der geringen Seitenzahl erzählt es von so viel mehr.

    In der Geschichte geht es um Elwood, der als Farbiger bald das College besuchen darf. Leider wird er durch Zufall wegen Autodiebstahls beschuldigt und landet im Nickel, einer Besserungsanstalt für Jugendliche. Wird das Nickel ihn brechen können?

    Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich diesen Roman nicht in einem Rutsch lesen konnte. Für mich war das Geschilderte teils so bedrückend, dass ich beim Lesen immer mal wieder innehalten musste.

    Der Roman, der während der 60er Jahre in Amerika spielt, schildert sehr eindrücklich die Unterdrückung der Farbigen anhand des Anstaltslebens.

    Elwood als Figur ist wirklich jemand, den man gern hat. Von den Eltern verlassen, probiert er dennoch sein Bestes zu geben. Und trotz allen Einschränkungen versucht er immer wieder an das Gute im Menschen zu glauben, auch wenn er dauernd enttäuscht wird. Sein Schicksal hat mich zutiefst berührt.

    Beim Lesen hatte ich immer mal wieder eine Gänsehaut. Solche Grausamkeiten, die den Jungen dort passieren, kann man sich nicht wirklich vor Augen führen. Es ist schon erstaunlich wie Menschen mit etwas mehr Macht zu Gewalt den Unterdrückten gegenüber neigen und sich immer noch im Recht fühlen.

    Die Gewalttaten werden nicht beschönigt geschildert, aber auch nicht blutrünstig ausgemalt. Vieles bleibt der Fantasie eines jeden Lesers überlassen, was mir gut gefallen hat.

    Positiv hervorheben möchte ich zudem die Umschlaggestaltung, die es ermöglicht, dass das Buch ohne Plastik ausgeliefert werden kann.

    Fazit: Ein Roman der seinesgleichen sucht. Mich hat er mitten ins Herz getroffen, weshalb ich nur eine klare Leseempfehlung aussprechen kann. Klasse!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jun 2019 

    Beeindruckend

    Beeindruckend

    Colson Whitehead ist mir bereits durch seinen erfolgreichen Roman Underground Railroad bekannt. Beide befassen sich mit dem Thema Rassismus in den Vereinigten Staaten, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten.

    Hier beginnt die Geschichte in den Sechzigern in Florida:
    Elwood Curtis versucht sein Leben vorbildlich zu gestalten. Er möchte sogar das College besuchen, landet aber durch unglückliche Vorfälle in der Besserungsanstalt Nickel Academy. Dort muss er versuchen als Schwarzer irgendwie zurechtzukommen, denn schwarz zu sein ist hier ein Synonym für schuldig. Misshandlungen, Anfeindungen, alles was man sich vorstellen kann, drohen den 16 jährigen zu zerstören, der eigentlich nie etwas Unrechtes getan hat.

    Es ist erschreckend wie anschaulich Colson Whitehead, der selbst schwarz ist, sich dieses Themas annimmt. Mein Fokus lag ganz klar auf Elwood, ich hoffte und bangte mit ihm und war teilweise schockiert über die Schilderungen dessen, was den Menschen in der Nickel Academy angetan wurde. Ich konnte die Hilflosigkeit die Elwood gegen dieses System empfunden haben muss, fast spüren. Das Grauen nachvollziehen, wenn man dieser Maschinerie hilflos ausgeliefert ist.

    Ein Roman der mich mitgerissen hat und mich zum nachdenken animiert hat. Ein Glanzstück der Literatur!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Jun 2019 

    Himmelschreiende Ungerechtigkeit

    Elwood Curtis wächst bei seiner Großmutter auf, nachdem seine Eltern sich eines Tages nach Kalifornien davonmachten. Elwood ist klug und fleißig, besonnen und ehrgeizig. Neben der Schule jobbt er in einem Tabakladen. Sein Geschichtslehrer verhilft ihm zu vorgezogenen Collegeseminaren.
    Elwood lebt in Tallahassee, Florida. Es ist 1962 als er 16 Jahre alt ist. Elwood ist schwarz.
    Colson Whitehead schreibt in „Die Nickel Boys“ einen aufrüttelnden Roman. Es ist die fiktive Geschichte von Elwood, die sich aber genauso zugetragen haben könnte. Es ist ein tragisches Missverständnis, dass den jungen Elwood in die Besserungsanstalt bringt. Heute würde man sagen, ein Justizirrtum, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Doch in den Südstaaten der 1960er kräht kein Hahn nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit für Schwarze. Elwood gerät unverschuldet in die Mühlen weißer Gerichtsbarkeit. Dabei ist es gar nicht mal so, dass es den weißen Jugendlichen in der Anstalt gut erginge, aber den schwarzen Jungen ergeht es nochmal um einiges schlechter. Prügelstrafen, sexueller Missbrauch, Eisenringe und Ketten erinnern an die dunkelsten Zeiten amerikanischer Geschichte. Vielleicht kann man dem Autor vorwerfen, er würde zu emotionslos oder zu distanziert erzählen. Muss ich über jede Grausamkeit detailliert Bescheid wissen. Ich finde, nein. Mittlerweile geht mein Vorstellungsvermögen, darüber, was der Mensch dem Menschen anhaben kann, ins Unermessliche. Dazu braucht es keine Details, die möchte und muss ich nicht lesen, um trotzdem erschüttert zu sein.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Jun 2019 

    Florida Industrial

    Elwood scheint vom Leben begünstigt zu sein. Er lebt bei seiner Großmutter, die ihrem Enkel ein besseres Leben wünscht. Sie hält ihn an fürs College zu sparen, obwohl farbige Jugendliche in den 1960ern kaum eine Chance haben, eine höhere Schule zu erreichen. Ruhig, mit großem Gerechtigkeitssinn, beseelt von Dr. Martin Luther King ergreift Elwood die Möglichkeit, an einem Kurs am College teilnehmen zu können. Doch gerade in seinem glücklichsten Moment schlägt das Unheil zu. Obwohl er nur zur Schule trampen wollte, wird er als sich herausstellt, dass das Fahrzeug, in dem er nur Beifahrer ist, gestohlen war, zu einem Aufenthalt in einer Besserungsanstalt verurteilt.

    Auch in seinem neuesten Werk greift der Autor die Thematik des Rassismus in Amerika auf. An einem Beispiel, dass einem fast das Herz rausreißen muss, stellt er die Situation zu Beginn der 1960er Jahre vor. In die gleichen Restaurants wie die Weißen dürfen sie nicht, allenfalls als Bedienstete, aber in Besserungsanstalten können die Farbigen schnell mal landen. Ein beinahe schon lächerlich nichtiges Vergehen reicht. Es ist als wolle die so genannte vorherrschende Schicht auch noch jede kleinste Chance zerstören, das sich etwas ändern kann. Gleichberechtigung bedeutet schließlich auch, dass die mal abgeben und zurückstecken, die es noch nicht gewöhnt sind. Möglicherweise eine lehrreiche Erfahrung.

    Ein wenig Zeit braucht man, um in diesen Roman hineinzufinden. Doch spätestens, wenn man sich über die Ungerechtigkeit aufregt, die Elwood seiner Chancen beraubt, ist man angekommen. Auch an diesem fürchterlichen Ort bleibt Elwood ein ruhiger Vertreter, der versucht, seinen Weg möglichst schnell hinaus zu finden. Man ist dabei, die Daumen für eine Art Gelingen zu drücken und weiß doch, dass an solchen Orten der widerwärtigen Machtausübung, Daumen drücken meist nicht nützt. Elwoods Schicksal berührt, er ist ein so geradliniger Charakter, der eine gute Zukunft verdient. Mit unnachahmlicher Kunst schafft der Autor einen stillen Helden, den man so schnell nicht vergisst. Auf diesen fesselnden und nachdenklich machenden Roman will man sich gerne einlassen, auch wenn die innewohnende Tragik machmal das Herz beklemmt.

    „Hier drin ist es genauso wie draußen, nur muss hier keiner mehr so tun als ob.“

    4,5 Sterne

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jun 2019 

    Das Böse waren die Leute!

    Bei diesem Roman wird ein historischer realer Ort zum Vorbild genommen, die Dozier School for Boys in Marianna in Florida. Die Ausgrabungen auf dem Gelände dieser Schule und die grauenerregenden Funde sind ebenso real. Die Website der Überlebenden gibt es ebenso, von den Berichten dieser Menschen zehrt die Geschichte des Romans.

    Mit diesem Wissen gewinnt der Roman noch mehr an Düsternis. Und zeigt die negativen Eigenschaften des Menschen. Eigenschaften, die in einigen unter uns schlummern. Dies sollte uns allen bewusst sein.

    Die Schreibe des Romans ist in meinen Augen so typisch Whitehead. Auch die "Underground Railroad" hatte diese etwas distanzierte und recht nüchterne Art des Berichtens. Etwas anderes hätte man beim Lesen vielleicht auch schwer ertragen können. Es liegt so schon genug Horror im Beschriebenen. Dieses Buch tut weh, aber in einer ertragbaren Dosis, ich hatte bei dem Thema wirklich Angst, dass es mir zu viel werden könnte. Obwohl dieses Buch in einer recht nüchternen Art geschrieben wurde, geht mir gerade diese nüchterne Art sehr nahe. Man befindet sich beim Lesen in einem Sog, das Buch ist spannend geschrieben, ich habe es in einem Rutsch gelesen. Und es hat mich wieder von der Qualität der Schreibe eines Colson Whitehead überzeugt, wie auch schon bei der "Underground Railroad", entweder es liegt am Buch oder an mir, Colson Whitehead konnte mich mit diesem Buch sogar noch etwas mehr erreichen.

    Zur Geschichte: es ist 1962, wir befinden uns in Tallahassee, Florida. Der 16-jährige Elwood Curtis, ein rechtschaffener, intelligenter und unschuldiger afroamerikanischer Jugendlicher, ist zur falschen Zeit am falschen Ort, in dem Falle als Anhalter in einem gestohlenen Auto. Der junge von Martin Luther King faszinierte Elwood geht nun nicht mehr wie geplant ans College, sondern wird in eine Besserungsanstalt verbracht, eine Besserungsanstalt für schwarze und weiße Jungen, 8 bis 21 jährige Jungen. Und erlebt, was es für schwarze Jugendliche in Florida bedeutet, verbessert zu werden.

    Einerseits greift Whitehead hier wieder den Rassismus als Thema auf, klagt mit seinem Roman an. Andererseits geht es auch um die Bösartigkeit des Menschen schlechthin, ohne die Hautfarbe als alleinige Ursache zu benennen.

    "Das Nickel war eine rassistische Hölle - die Hälfte des Personals schlüpfte am Wochenende sicher in die Kluft des Ku-Klux-Klans - , doch Turner fand, dass das Böse tiefere Ursachen hatte als die Hautfarbe. Spencer [ein Weißer] war das Böse, und Griff [ein Afroamerikaner] war das Böse und ebenso alle Eltern, die ihre Kinder hier stranden ließen. Das Böse waren die Leute."

    Eine interessante Betrachtung im Zusammenhang mit dem Rassismus. Aber in meinen Augen eine schlüssige. Der Mensch ist ja immer schon sehr erfinderisch gewesen, um Gründe auszumachen, andere diskriminieren zu können. Leider!