Die militante Madonna: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die militante Madonna: Roman' von Irene Dische
4.3
4.3 von 5 (13 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die militante Madonna: Roman"

Diese unglaubliche Geschichte von Männern und Frauen, Täuschungen und Intrigen, unwahrscheinlichen Affären, heimlichen Fluchten und dramatischen Triumphen ist die Geschichte des Chevalier d’Eon de Beaumont, den es wirklich gab. Er war Diplomat, Soldat, Bibliothekar, Freimaurer, Degenfechter, Schriftsteller und Spion – und verbrachte den größten Teil seines turbulenten Lebens als Frau. Bis zu seinem Tod rätselte ganz London, wer die militante Madonna, die in öffentlichen Degenkämpfen alle Männer in die Knie zwang, wirklich war.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783455011968

Rezensionen zu "Die militante Madonna: Roman"

  1. 4 Sterne

    Klappentext:

    „Diese unglaubliche Geschichte von Männern und Frauen, Täuschungen und Intrigen, unwahrscheinlichen Affären, heimlichen Fluchten und dramatischen Triumphen ist die Geschichte des Chevalier d’Eon de Beaumont, den es wirklich gab. Er war Diplomat, Soldat, Bibliothekar, Freimaurer, Degenfechter, Schriftsteller und Spion – und verbrachte den größten Teil seines turbulenten Lebens als Frau. Bis zu seinem Tod rätselte ganz London, wer die militante Madonna, die in öffentlichen Degenkämpfen alle Männer in die Knie zwang, wirklich war.“

    Autorin Irene Dische spricht mit ihrem Buch „Die militante Madonna“ ein, für die heutigen Verhältnisse, buntes Thema an: die Verwirklichung des eigenen Seins im Körper eines anderen. Andere würden Chevalier d’Eon de Beaumont als „Transvestit“ bezeichnen aber ich denke, er war nicht unbedingt in eine gewisse Richtung einzuordnen. Damals hat Chevalier d’Eon de Beaumont die Zeit und die Menschen um ihn herum wahrlich verrückt gemacht und hat sie sogar bis zu seinem Tot hinaus hinters Licht geführt. Nur wollte er das gar nicht, er hat so gelebt, eine gewisse Zeit als Frau verkleidet, wie er es eben für sich am besten hielt und das Leben so genießen konnte. Die Zeit damals war noch nicht reif für „solche Menschen“ (wobei man sich heute fragt ob wir da an einem besseren Punkt angekommen sind bei der ganze Hetzte und Häme gegen queere Menschen). Fest steht nur: die Welt war und ist bunt. Punkt. Und das ist gut so.

    Um diesen Roman besser und vielleicht auch flüssiger und verständnisvoller verstehen zu können, sollte man zur Person Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Timothée d’Éon de Beaumont (was für ein gewaltiger und klangvoller Name!), kurz Chevalier d’Eon de Beaumont, doch vorher etwas Wissen angehäuft haben. Denn bei vielen Punkten fragt man sich, ob diese wirklich der Realität entstammt und ja, sie tun es! Irene Dische nimmt uns in die Zeit von damals mit und wir dürfen zumindest vor dem inneren Auge den Chevalier d’Eon de Beaumont wahrhaftig erleben. Er war beruflich ein Tausendsassa und auch damit schon seiner Zeit meilenweit voraus. Er war ein Fechter mit besonderem Ruf und traf dabei jeden Gegner ins Herz. Er wusste die Leute zu beeindrucken aber auch seine Maske nicht zu verlieren. d‘Eon hatte aber auch andere Seiten: es gab Zeiten, da wollte er gern wieder Mann sein und dies auch leben, aber sein Frau-sein hatte ihn in so manche prekäre Lage gebracht, ohne die er es ohne Rock und Brüste nicht heraus geschafft hätte. Es war nicht immer leicht „Frau“ zu sein bzw. seinen Mann zu stehen. d‘Eon zeigte der Welt aber das man es schafft.

    Der Schreibstil Disches ist flüssig und ausdrucksstark. Einige Themen zu d‘Eon beleuchtet sie intensiver als andere. Ihr „Protagonist“ bringt unheimlich viel Farbe mit hinein und sie hält sich deshalb mit weiteren Ausschmückungen zurück, was auch wirklich sehr gut strukturiert war. Alles in allem ein sehr, sehr guter Roman über einen ganz besonderen Menschen - 4 von 5 Sterne.

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  1. Zwischen den Welten

    In bzw. zu der aktuellen Genderdebatte gibt es ja durchaus Kontroversen und wer glaubt, der „Streit“ um die Geschlechterrolle wäre eine neumodische Erfindung – nun, den muss Irene Dische mit ihrem Roman „Die militante Madonna“ (erschienen im Hoffmann und Campe Verlag; Übersetzung: Ulrich Blumenbach) enttäuschen.

    Denn bereits Chevalier d´Éon (1728 – 1810) hat sich nicht eindeutig einer Rolle als Mann oder Frau zuordnen können bzw. wollen.

    Als französischer Diplomat arbeitete er in London und hatte Zugang zur „Upperclass“. Da er sich gerne als Frau verkleidete, wurde von den Spiel- und Wettsüchtigen Engländern ein irres Wettgelage veranstaltet, welchem Geschlecht Chevalier denn nun angehört. Mit zynischer, spitzer Zunge lässt Irene Dische sich in Gestalt des Chevaliers darüber aus, was sie davon hält bzw. denkt – nämlich gar nichts *g*.

    Generell ist der Roman aus der Sicht des Chevaliers geschrieben und ab und zu wendet sich der Gute auch direkt an das lesende Publikum; ein Kniff, der mir gut gefallen hat. Damit wird der geneigten Leserschaft ein ordentlicher Spiegel vorgehalten und darf sich bei den Passagen gleich die Frage stellen, wie er bzw. sie mit bestimmten Themen (der Zeit) „umgeht“. Mir hat die Autorin da öfter (nicht nur) ein Grinsen entlockt.

    Wir folgen dem Chevalier munter durch die Zeit, erleben ihn als begnadeten Fechter, als Autor, als Mensch mit Herz und Gefühl. Garniert mit Klatsch und Tratsch der französischen und englischen adligen Gesellschaft.

    Ein durchaus amüsantes Buch für alle, die mal ein bisschen „Yellow Press“-Literaturluft schnuppern wollen, ohne auch nur ansatzweise das niedere Niveau selbiger zu erreichen.

    4* und eine Leseempfehlung.

    ©kingofmusic

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  1. Wie ich viel Freude an diesem Buch hatte

    Wir befinden uns im 18. Jahrhundert. Chevalier D’Eon ist Botschafter für den französischen König in London. Ein Diplomat, begnadeter Spion, Lebenskünstler. Doch es steckt eine zweite Seite in unserem Protagonisten, eine weibliche, die sich schmückt, Frauenkleidung trägt, mit dem Degen aber ganz genau so geschickt umgeht wie mit ihrer spitzen Zunge.

    „…als ich noch gertenschlank und bildhübsch wie eine junge Frau war, konnte ich fechten, fluchen und rauchen wie ein widerlicher alter Mann. Für dieses Gottesgeschenk sollte man mich beneiden und nicht bemitleiden.“

    Es ist eine historische Persönlichkeit, die die amerikanische Schriftstellerin Irene Dische in ihrem Roman „Die militante Madonna“ vorstellt. D‘Eon gilt als erster Transvestit der Weltgeschichte, der Eonismus bezeichnet den Wunsch von Männern, sich wie Frauen zu kleiden.

    Die Handlung setzt ein, als D’Eon für den französischen König Louis XV. in London das Amt eines Botschafters bekleidet. Es ist eine äußerst spannende Zeit, politisch und gesellschaftlich liegen Frankreich und England nicht gleich auf. Es ist eine Zeit der Intrigen, politischer Umbrüche, Gerüchte werden gezielt in Umlauf gesetzt. Doch nicht nur diese Ereignisse lassen uns durchaus auch an heutige Verhältnisse denken. Wir sehen hier ganz klar, dass die Genderdiskussion keine Frage unserer Zeit, keine Modeerscheinung ist. Während in London Wetten auf die Geschlechtszugehörigkeit D’Eons laufen, lässt uns die Autorin darüber im Unklaren.

    Irene Dische trifft nicht nur den manieriert affektierten Ton der damaligen Oberschicht, sie lässt D’Eon sprichwörtlich durch alte Gemäuer spuken und gegenwärtige Befindlichkeiten kommentieren.
    Ob D’Eon nun Mann oder Frau, trans, genderfluid, nicht binär oder schlicht ein Chamäleon war, der sich den Gegebenheiten bestmöglich opportun anpassen konnte? In Irene Disches Roman gibt es nur sehr wenige Personen, die D’Eon gekannt oder erkannt haben.

    Jedenfalls ist D'Eon eine herrlich (sic!) schillernde Figur. Ich glaube, der war wirklich so.

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  1. 4
    12. Nov 2021 

    Der Zeit voraus

    Wenn es einen Roman gäbe, der perfekt in die öffentliche Diskussion über Gendergerechtigkeit sowie die Verwendung gendergerechter Sprache eigenen würde, wäre dies momentan für mich „Die militante Madonna“ von Irene Dische. Dankenswerterweise hat der Verlag in diesem Roman jedoch auf Sternchen, Doppelpunkte, Schrägstriche, -innen und -außen verzichtet und die Geschichte einer transsexuellen Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts in einer angenehm lesbaren Sprache (unter Verwendung des Genus) veröffentlicht. Dennoch ist dieser Roman ein Paradebeispiel an Gendergerechtigkeit, was allein an dem Protagonisten (immer noch Genus ;-)) liegt:

    Chevalier d’Éon (Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André, Thimothée d’Éon de Beaumont, geboren 1728, gestorben 1810) eine historische Figur, die zur Zeit Ludwig des XV. ff. in Europa gelebt hat, hauptsächlich in England und Frankreich.
    Chevalier d’Èon hat kein Aufheben um Gendergerechtigkeit gemacht. Er oder sie fühlte sich sowohl als Mann als auch als Frau wohl. Als Mann war er unschlagbar mit dem Degen, war französischer Diplomat in London, begeisterte die höheren Kreise mit seinem Esprit und spionierte für den französischen König die militärischen Pläne der Engländer aus. Als Frau liebte sie es, schöne Kleider zu tragen, sich zurechtzumachen, Perücken und Schmuck zu tragen und vielleicht sogar den Männern den Kopf zu verdrehen.
    Das Verrückte an diesem Roman ist, dass man als Leser ständig auf der Suche nach Hinweisen ist, welchem Geschlecht d‘Éon nun angehörte. Diese Frage hat mich während der Lektüre dieses Romans permanent begleitet. Da sieht man mal, wie sehr man sich von öffentlichen Strömungen beeinflussen lässt, und wie wichtig diese Kategorisierung ist. Dem ich-erzählenden Protagonisten ist sie jedoch nicht wichtig. Stattdessen legt er in diesem Roman subtile Hinweise aus, die mich ständig schwanken ließen, bei der Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht von d‘Éon.
    Die Handlung konzentriert sich auf die Zeit seines Aufenthaltes in London bzw. kurz danach. D’Éon muss in den Dreißigern gewesen sein, war im Auftrag des französischen Königs in London, offiziell als Diplomat, inoffiziell als Spion. Intrigenspiele waren demnach sein Alltagsgeschäft. Zu diesem Zeitpunkt begann sich die Öffentlichkeit massiv mit der Frage nach seinem Geschlecht zu beschäftigen. Solche Fragen waren und sind für die skandalträchtige Öffentlichkeit damals wie heute ein gefundenes Fressen. Doch tatsächlich war es d’Éon selbst, der die schlafenden Hunde weckte, indem er sich die Öffentlichkeit zunutze machte im Kampf gegen Anfeindungen und Ungerechtigkeiten, die ihm aus seiner französischen Heimat drohten. Indem er das Gerücht streute, eine Frau in Männerkleidern zu sein (oder ein Mann in Frauenkleidern?), kombiniert mit öffentlichen Sympathiebekundungen gegenüber seiner Wahlheimat England, machte er sich die öffentliche Meinung zunutze, was ihm vorübergehend Schutz vor dem unangenehmen und womöglich tödlichen Einfluss des französischen Königs verschaffte.
    Als Mitglied der Gesellschaft war es nicht leicht, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Insbesondere, wenn man keine reiche Familie hatte und auf die Gunst und finanzielle Zuwendung anderer, insbesondere eines launischen Königs, angewiesen war. Während sich die Öffentlichkeit also intensiv mit der Frage nach seinem Geschlecht befasste, nutzte d’Éon die Gelegenheit, sich seinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen, wobei er einzig seiner eigenen Person gegenüber Loyalität bewies. Sein Alltag war von Intrigen bestimmt – Intrigen, die gegen ihn gerichtet waren, aber auch Intrigen, die d’Éon selbst zu verantworten hatte und die gegen seine Gegner gerichtet waren.

    An diesem Roman haben mich zwei Dinge fasziniert:
    Zum Einen die Tatsache, dass die Frage nach d’Éons Geschlecht eher den Leser und die damalige Öffentlichkeit interessierte, als den Protagonisten selbst. Scheinbar vereinte er, was seine Sexualität betraf, zwei Seelen in einem Körper, die er als Teil seiner Persönlichkeit ansah, sich aber nicht darüber definieren ließ.
    Zum Anderen der Bezug zu unserer heutigen Zeit. Wer die Parallelen nicht von selbst erkennt, wird in diesem Roman von d’Éon höchstpersönlich mit der Nase darauf gestoßen. Denn der Protagonist und Ich-Erzähler richtet sich mehrfach in direkter Ansprache an den Leser und stellt die Bezüge zu unserer heutigen Zeit her und aktuelle öffentliche Meinungen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten etc. in Frage.

    Fazit
    Ein origineller historischer Roman, der durch seinen Protagonisten besticht und mich durch seinen Bezug zur heutigen Zeit fasziniert hat. Leser, die diesen Roman in der Erwartung lesen, Aufschluss über das Thema Transsexualität in der damaligen Zeit zu erhalten, werden sicherlich enttäuscht werden. Aber wenn selbst der Protagonist sich nicht über sein Geschlecht definieren lassen möchte, sollten wir Leser dies auch nicht tun.

    Leseempfehlung!

    © Renie

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  1. Ein Roman mit Esprit

    Ein Roman mit Esprit

    Der Chevalier d’Éon de Beaumont lädt den Leser ein sein Leben kennenzulernen. Dieser Mann hat wirklich gelebt, und war eine intelligente aber auch skurrile Persönlichkeit. Er war niemand, dem Ansehen und Geld von Geburt mitgegeben worden sind, doch diesen Umstand macht er mit Raffinesse wieder wett. Er arbeitet am französischen Hof als Spion für den König selbst, und erreicht durch seine Ränkespiele ein finanziell sorgloses Arrangement.

    Da er sich in Frauenkleidern wohl fühlte, und seine äußerlichen Attribute durchaus feminin beschrieben werden, erleben wir ihn häufig auch als Frau. Was im weiteren Verlauf der Handlung , als er in England weilt, um dort den Hof auszukundschaften, die Bevölkerung zu Wetten verleitet welches Geschlecht er nun tatsächlich habe.

    Doch natürlich lief auch bei ihm nicht alles rund. Der neue französische König verlangt, dass er nach Frankreich zurückkehrt. Die Bedingung lautet, dass er nun als Frau leben muss. Da er ansonsten vor dem finanziellen Ruin stünde, lässt er sich letztendlich darauf ein. Seine vermeintlichen Freunde, denen er viel geholfen hat, vor allem um an Geld heranzukommen, sind am Ende doch nicht so loyal wie erhofft.

    Dies ist das Grundgerüst der Handlung um diesen wenig bekannten Lebemann. Die Lektüre bot allerdings noch einiges mehr. Der Chevalier bekam von der Autorin eine Portion Zukunft eingehaucht, so dass es ihm möglich war, Gegebenheiten von damals mit heute zu vergleichen. Mir hat dies unheimlich gut gefallen, ebenso wie der Witz der oft durchblitzt. Das Rätsel, ob wir es nun mit einem Mann oder doch mit einer Frau zu tun haben, zieht sich durch das gesamte Werk und war neben den politischen Finessen das Hauptaugenmerk.
    Ein interessanter Einblick und ein spritziges Leseerlebniss!

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  1. Eine bemerkenswerte Persönlichkeit

    Der Chevalier d’Éon de Beaumont hat wirklich gelebt und er erzählt uns in diesem Roman seine Geschichte. Er war adlig, gebildet und bewegte sich in höchsten Kreisen. Im Auftrag des französischen Königs agiert er in London als Diplomat und Spion. Doch er kann sich seiner Position nie sicher sein. Er manipuliert und intrigiert und betrachtet das leben als ein Spiel. Mal tritt er als Frau auf und mal als Mann. Die wettlustigen Engländer schließen Wetten auf sein Geschlecht ab. Als der König stirbt und sein Sohn an dessen Stelle tritt, wird es eng für d’Eon. Er muss nach Frankreich zurückkehren und dort als Frau leben, wodurch er keine Ansprüche mehr geltend machen kann. Er ist zum Spielball politischer Ränke geworden.
    Irene Dische hat einen tollen und humorvollen, manchmal einen etwas zynischen Schreibstil. Sie lässt den Chevalier d'Eon de Beaumont seine Geschichte erzählen, wobei er den Leser/die Leserin direkt anspricht und dabei springt er auch schon mal in die jetzige Zeit, um Vergleiche zu ziehen.
    Auch wenn der Protagonist mit anderen sein Spiel treibt und dabei wenig rücksichtsvoll ist, so war er mir dennoch nicht unsympathisch. Sowohl in seiner Dragoneruniform als auch in Frauenkleidern macht er eine gute Figur. Ist es da ein Wunder, dass die wettverrückten Engländer nicht mehr zu halten sind und manchmal ihren gesamten Besitz verspielen. D‘Eon freundet sich mit dem windigen Journalisten Morande und dem raffinierten Pierre de Beaumarchais, in den er sich verliebt, an. Er steht auch zu seinen Freunden, selbst dann, als er erkennt, dass sie nur den eigenen Vorteil im Blick haben. Das Leben des Chevaliers ist ein einziges Auf und Ab, mal luxuriös, mal ärmlich, mal hat er seine Ränke gesponnen, mal geriet er in das Netz von anderen. Er war eine vielschichtige Persönlichkeit und hatte ein turbulentes Leben.
    Ich kann diesen unterhaltsamen Roman nur empfehlen.

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  1. 3
    26. Okt 2021 

    Korrupte Politik des 18. Jh.

    “Die militante Madonna” von Irene Dische erzählt uns die Geschichte des Chevalier oder der Chevalière d’Eon, der oder die im Dienste des Kaisers Louis XV. steht. D’Eon ist in verschiedenem Ausland für den Kaiser tätig, in St. Petersburg, wo sie als Frau auftritt und sich in dieser Rolle Zugang zu Zarin Katarina verschaffen kann und ihren Einfluss zu Gunsten Louis ausüben kann, dann in London, wo sie als Mann auftritt und im ständigen Auf und Ab von Machtspielen hin und her wankt und immer darum bemüht ist, Macht, Geld und Einfluss zu erhalten, zu mehren und vor allem nicht zu verlieren. D‘Eon spielt dabei kompromisslos ein Machtspiel, in dem Freunde nur Freunde sind, wenn sie ihm/ihr die Leiter hinauf helfen. Die Ränkeapiele, die dort in dem Roman gesponnen werden, sind oft undurchsichtig, kompromittierend oder erscheinen als pure Korruption. Wenig erfährt der Leser darüber, wie die Figur und andere, die von ihm/ihr benutzt werden, dazu stehen. Der Roman liefert eine pure Aneinanderreihung von Geschehnissen, ohne in meiner Sicht jemals in die einzelnen Figuren vorzudringen. D’Eon tut alles dafür, um in London bleiben zu können, wo er/sie meint, fernab des französischen Hofes und weitgehend außerhalb von dessen Einflussbereich Freiheiten genießen zu können, die er/sie in Paris oder Frankreich nicht haben könnte. Doch die Ränkespiele gehen letztendlich nicht auf. D’Eon wird gezwungen, nach Frankreich zurückzukehren, als Frau dort zu leben und sogar eine ganze Zeit im Nonnenkloster zu verbringen. Auf seinem Lebensweg trifft die historisch verbürgte Gestalt des d’Eon weitere historisch belegte Personen, so zB Beaumarchais, den Autoren des „Figaro“, zu dem er/sie zeitweise in Liebe zu entbrennen scheint, der dann aber doch wieder nur dazu dient, die Stellung von d’Eon möglichst stark zu halten.
    Mein Fazit: Mich hat dieses Ränkespiel in dem Buch eher angeödet. Ich konnte in keiner Weise eintauchen in die Zeit des 18. Jahrhunderts mit allen Absurditäten und Merkwürdigkeiten, die man mit diesem absolutistischen Zeitalter verbindet. Das Thema: Mann oder Frau und der Wechsel des Geschlechts bei d’Eon verkommt für mich in diesem Buch rein in einem Kleiderwechsel und wird zum Verkleidungsspiel ohne jede Tiefe und ohne jegliche inneren Zerwürfnisse und Rollenwechsel. So konnte ich mit historischer und psychologischer Oberflächlichkeit nicht viel anfangen und gebe dem Roman nur blasse 3 Sterne. Keine Leseempfehlung!

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  1. 3
    21. Okt 2021 

    Klatschgeschichten aus dem 18. Jahrhundert

    Viele unserer heutigen Stars und Sternchen würden neben Chevalier d'Éon, einem Adligen aus dem 18. Jahrhundert, regelrecht blass aussehen. Er war Botschafter Frankreichs in England, Agent, Soldat, ein Hochstapler, Büchernarr, Freimaurer und genoss es, immer wieder als Frau zu leben.

    "Die Natur hat mir das großzügigste Geschenk gemacht, äußerlich beiden Geschlechtern anzugehören. Hierher rührte die öffentliche Verwirrung. Ich war mit einer Stimme gesegnet, die für einen Mann als sehr hoch und für eine Frau als sehr tief galt. Ich war groß für eine Frau und klein für einen Mann. Hatte schöne Knöchel, sowohl für einen Mann als auch für eine Frau. Meine Uniform betonte meine Stärke und Beweglichkeit, ein Ballkleid hob meine Anmut hervor, und mein Alter spielte keine Rolle. Ich war nie auch nur auf die Idee gekommen, das eine Geschlecht zugunsten des anderen aufgeben zu müssen."

    Die Gesellschaft akzeptierte das mit nicht mehr Geraune als heutzutage, doch immer wieder kam es durch Wetten mit ausufernden Einsätzen darüber, welches Geschlecht der Chevalier habe, zu Eklats. Seine Freunde, der Klatschjournalist Morande sowie der Dramatiker Beaumarchais versuchten dadurch an Geld zu kommen und fädelten eine Reihe Intrigen ein.

    Es ist eine illustre Lebensspanne, die Irene Dische durch den Chevalier selbst erzählen lässt, der sich direkt an sein lesendes Publikum wendet. Es wird gelogen, betrogen, intrigiert und geschmeichelt, wobei die Hauptfigur sich noch zurückhält. Doch wie seine Freunde vorgehen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht und ohne Rücksicht auf Verluste, lässt mich nur den Kopf schütteln. Was findet er an diesen entsetzlichen Menschen, dass er ihnen über Jahre hinweg die Treue hält?

    So wenig man eine Antwort auf diese Frage erhält, so wenig erfährt man über die tieferen Beweggründe der einzelnen Figuren. Die Charaktere wirken blass, die einzelnen Personen bleiben nicht im Gedächtnis. In erster Linie ist es ein unterhaltsames Panoptikum, in dessen Zentrum der Chevalier d'Éon steht; ein Buch mit Klatsch- und Tratschgeschichten aus dem 18. Jahrhundert. Heutzutage liest man so etwas in der GALA ;-)

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  1. 5
    19. Okt 2021 

    Mann oder Frau?!?!

    Dieses Buch war wieder ein Highlight! Und ich bin sehr froh wieder an einer Leserunde teilgenommen zu haben. Es ist ein historischer Roman. Um einen Menschen, der einmal real existiert hat. Den Chevalier d’Éon de Beaumont. Ein Adliger, Diplomat und Spion, ein Intrigant und manipulativer Mensch, ein Soldat, Degenfechter und Freimaurer, ein Schriftsteller. Jemand Besonderes. Ein Mensch mit einer gewissen Macht, zumindest zeitweise. Und ein Mann, der erst ab und an in Frauenkleidern in der Gesellschaft auftaucht. Der Wetten auf sein Geschlecht forciert und damit eigentlich die Gesellschaft vorführt. Später wird er vom französischen König gezwungen als Frau in Frauenkleidern zu leben, er wird zur Chevalière Charlotte d’Éon. Und damit wird er als Frau zur damaligen Zeit auch mundtot gemacht. Die Frage ist hier auch warum dies geschah. Verletzungen, Übertretungen und Angst. ...

    Irene Dische schreibt einen mitreißenden und auch außergewöhnlichen Roman um diesen Chevalier, treibt in diesem Roman auch ihr Rätselspiel um das Geschlecht des Chevaliers mit den Lesern, nur um gleichzeitig genau dieses Denken auch vorzuführen und zu hinterfragen. Ebenso wie sie Vergleiche zieht zwischen dem 18. Jahrhundert und dem Jetzt, zynische Vergleiche, die mich beim Lesen schmunzeln und laut lachen lassen. Ebenso wie sie die Erzählstimme in den Kontakt treten lässt mit der Leserschaft, nicht durchgehend natürlich, sondern eher pointiert und damit auch passend. Dabei ist diese Erzählstimme, trotz ihrer teilweise etwas eigenwilligen Art mit anderen Menschen umzugehen, dennoch sympathisch gezeichnet, was mir sehr gefällt.

    Eine etwas eigenwillige Ménage à trois steht hier zentral, der Chevalier d’Éon de Beaumont trifft auf den Journalisten Morande und den Theaterschriftsteller Pierre de Beaumarchais. Und alle drei trudeln mit ihren Intrigen durch die Geschichte. Anziehung und Abstoßung par excellence.

    Ein intensives Leseerlebnis, welches mir definitiv sehr gefallen hat!

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  1. 5
    18. Okt 2021 

    Damals wie heute

    "Ich betrachte Sie in ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben sie offenbar, sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. … In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel, in den obersten Gesellschaftsschichten, am kultiviertesten Hof der Welt kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf.“

    So spricht der Chevalier d’Éon de Beaumont die Leserschaft gleich an den ersten Seiten seiner Erzählung an. In einer theatralischen selbstgefälligen Sprache erzählt er die Geschichte seines turbulenten Lebens in der Zeit vom 1728 bis 1810. Der Chevalier war ein französischer Diplomat, Soldat, Freimauer, Schriftsteller und Degenfechter. Als treuer Diener und Spion des französischen Königs Ludwig XV. verweilt er einige Zeit unter dem Namen Lea de Beaumont am Hof der Zarin Elisabeth von Russland.

    Da er genauso gern den Dragoneruniform wie auch weibliche Kleider trägt und sein wahres Geschlecht nicht verraten will, wurden in London, wo er zuerst als Interimsbotschafter weiterhin in Diensten des Ludwig XV. steht, mehrere Wetten mit extrem hohen Einsätzen abgeschlossen. Das Thema seiner Identität überwiegt in dem Roman, genauso wie sie auch sein wahres Leben beeinflusst und zum größten Teil bestimmt hat. Denn die Neugier über sein wahres Ich ist unermesslich und, genauso wie die unaufgelösten Wetten, ruft sie unterschiedliche Reaktionen in der Gesellschaft und dem Freundeskreis auf.

    Ausführlich berichtet der Ich-Erzähler d`Eon über das gesellschaftliche Leben in London und Frankreich des 18. Jahrhunderts, über politische Intrigen und Machtspielen, ungewöhnliche Freundschaften, Liebe und Verrat. Bekannte historischen Persönlichkeiten, wie Voltaire oder Benjamin Franklin, durchkreuzen sein Leben, wichtige politische Ereignisse bestimmen es.

    „Die militante Madonna“ ist jedoch keine Biografie des ungewöhnlichen Chevaliers. Es ist vielmehr ein Roman, der auf viele Parallele zwischen Damals und Jetzt aufmerksam macht und der heutigen Leserschaft ermöglicht, einen kritischen Blick nicht nur auf das Leben einer ungewöhnlichen, historisch belegten Figur zu werfen. Der Roman animiert uns auch mit einem kritischen Blick die „Kinkerlitzchen“ der heutigen Welt zu betrachten. Denn wir die Autorin in dem Sinne fast zum Schluss schreibt: „es geschieht nichts Neues unter der Sonne“.

    Mich hat die Figur des Romans fasziniert; ihr Wissen, ihre Gewandtheit, Kampfgeist und Anpassungsfähigkeit in allen Lebenslagen sind bemerkenswert. Der Roman hat mir viele fesselnde, lehrreiche Lesestunden beschert. Ich kann ihn wärmstens empfehlen!

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  1. Wenn ein Fuchs den Schwanz verliert ...

    Der Chevalier d'Eon de Beaumont lebte von 1728 bis 1810, war von vornehmer Geburt und mit weltlichen Gütern reich gesegnet, lebte als inoffizieller Botschafter Ludwigs XV. mit hohen Bezügen in London, tat sich hervor als Soldat, Degenfechter und Gesellschaftsmensch und war in zahlreiche politische und wirtschaftliche Intrigen verwickelt. Und ein Großteil des Charismas, das ihn umgab, erwuchs offenbar aus der Tatsache, dass niemand so recht wusste, ob er ein Mann oder eine Frau war: Er lebte in beiden Identitäten, trug Männer und Frauenkleidung nach Neigung und Bedarf.

    Irene Dische lässt den Chevalier seine Geschichte selbst erzählen, und zwar - ein interessanter Kunstgriff - aus dem Grab heraus und mit kritischem Blick auf unsere Gegenwart: "Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben Sie offenbar, Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein", so beginnt er in einem "Vorspruch" zum eigentlichen Roman. Danach folgt in vielen kurzen Kapiteln sein eigentlicher Lebensbericht. Als Botschaftssekretär (und inoffizieller Botschafter) in London lebt er zwar komfortabel und in einer - im Vergleich zu Frankreich - recht offenen Gesellschaft, fühlt sich aber trotzdem unterbezahlt und nicht genügend anerkannt. Er begegnet dem Journalisten Morande, einem Vorläufer der heutigen "Investigationspresse", der d'Eon trotz seines groben und unkultivierten Auftretens fasziniert, und kurz darauf dem Theaterschriftsteller Beaumarchais, in den er sich geradezu verliebt. Die drei fädeln eine Intrige ein, die eine große Geldsumme vom König erpressen soll.

    Das diplomatische Hin und Her wird mit Esprit und Witz erzählt, auch Zeit- und Lokalkolorit sind mit Geschick dargestellt, wenn auch oft nicht so ausführlich, wie sich mancher Leser wohl wünscht: Im Vergleich zu dem erzählten Stoff (der historisch verbürgt ist) erscheint das Buch eher kurz. Die Ereignisse überschlagen sich, nicht alle Pläne gehen auf, aber d'Eon hat immer noch ein As im Ärmel. Im letzten Drittel dann kehrt der Chevalier nach Frankreich zurück, trägt fortan weibliche Kleidung und führt ein vergleichsweise zurückgezogenes Leben. Hier wird der Erzählton etwas langsamer und persönlicher: "Ich setzte alles daran, mich in mein trauriges Los zu finden, kämpfte mit meinen alten Kleidungs und Verhaltensweisen, und in der Öffentlichkeit genierte ich mich wie ein Fuchs, der den Schwanz verloren hat." Der Chevalier, zur Chevalière mutiert, sucht weiterhin seine Situation mit diplomatischem Geschick zu verbessern und ist nicht eben zimperlich in der Wahl seiner Mittel. Man muss die ungeheure Anpassungsfähigkeit bewundern, mit der sich dieser Mensch gleichsam neu erfindet; sogar dem zeitweiligen Klosterdasein weiß er Freude an der Kontemplation abzugewinnen. Nebenbei würzt der Chevalier seine Berichte mit allgemeinen Betrachtungen (und schon mal kleinen Seitenhieben auf heutige Genderdebatten), wie etwa: "Im Vergleich zu Männern hatte ich Frauen immer langweilig gefunden, selbst wenn die intelligentesten Menschen in einem Salon - wie so oft - die Frauen waren. Aber sie waren der Feind, das enttäuschte Geschlecht" . Oder, wieder mit Blick auf unsere Gegenwart: "Wenn Sie ihr Los als Mann oder Frau nicht hinnehmen, schneiden Sie eben etwas ab oder nähen etwas dran. (...) Alle zarten oder sprudelnden Unterströmungen werden ignoriert".

    Das ganze Buch ist mit großem Witz und Feingeist geschrieben, und man kann nur staunen, wie die Autorin die Fäden des oft recht komplizierten Intrigengespinstes und der großen Menge an Personal stets kontrolliert in der Hand hält. Außer den Genannten treten noch viele andere Größen der Zeit auf, wie Voltaire, Benjamin Franklin, die Königin Marie Antoinette und die Kaiserin Maria Theresia ... Trotzdem bleibt einiges undurchsichtig und nicht recht motiviert, vor allem die bis zum Schluss ungebrochene Bewunderung des Erzählers für seine Freunde Morande und Beaumarchais, auf die man zumindest zeitweise den alten Spruch anwenden könnte: wer die zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr. Speziell Beaumarchais, der Schöpfer des Figaro-Plots, bleibt bis zum Schluss die "große Liebe" des Erzählers, was die beiden nicht hindert, einander in Briefen und Zeitungsartikeln bloßzustellen. Hier fehlt mir der letzte Rest Tiefe, der diese seltsame Beziehung durchdringen könnte. Der Chevalier nimmt einige seiner Geheimnisse mit ins Grab - sein größtes allerdings verrät er am Ende, mit einem Augenzwinkern. Vielleicht durchaus der passende Ansatz, von dieser schillernden Persönlichkeit zu erzählen. Alles in allem gerne gelesen - vier von fünf Sternen.

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  1. Ob Weib, ob Mann, ein Schelm, wer es erraten kann.

    Frau Dische befasst sich in ihrem neuesten Roman mit der Figur des Chevalier d`Éon de Beaumont. Sie wurde in Frankreich 1728 geboren und verstarb 1810 in London. Er/Sie hatte ein bewegtes leben als Diplomat, Soldat, Freimaurer, Schriftsteller und Degenfechter. Sie trat in Frauenkleidern auf, wurde sogar am Hofe König Louis XVI dazu genötigt und entfachte in London einen Wettstreit um die Geschlechtszugehörigkeit mit hohen Einsätzen.
    Ob es sich hier um den ersten schriftlich fixierten Transvestiten der Geschichte handelt, spielt in der Schilderung der Ereignisse dieser Zeit eine eher untergeordnete Rolle, denn Beaumont vereinnahmt den Leser gleich mit einer äußerst klugen und sprachwitzigen Gewissheit über seine Lebenszeit hinaus bis in unsere Gegenwart, wo Geschlechterrollen und Erscheinungsbilder immer noch eine wirkmächtige Bedeutung haben. Er wandelt quasi als Geist durch die Epochen und appeliert mit seinen Portraits an die Empathiefähigkeit zum anderen Geschlecht.
    Diese Begabung hat er in seinem eigenen Leben bewiesen, indem er die Kleider und Berufe wechselte, Freundschaften und Bündnisse schloss, aber sich nur von einer einzigen großen Liebe in die Karten schauen ließ. Diese wurde ihm dann auch fast zum Verhängnis, weil Verleumdung, Intrige und Lobbyarbeit sowohl im höfischen Versailles, als auch in London zum Alltag gehörten. Es war aber auch ein gefährliche Zeit, die auf die französiche Revolution zusteuerte und Wellen der Erneuerungen bis ins ferne Amerika mit sich brachte. So tauchen im Dunstkreis des sagenumwobenen Chevaliers so illustre Namen wie Voltaire und Benjamin Franklin auf und vervollständigen das geschichtliche Weltbild des 18. Jahrhunderts.
    Wer nun eine trockene Berichterstattung mit höfischen Gepflogenheiten und männlich dominierter Politik erwartet, sollte sich unbedingt Irene Disches Sicht der Dinge zu Gemüte führen und selbst entdecken, wie überaus trickreich Beaumont die Zwänge der Gesellschaft durchbrach und sich so eine geheimnisvolle Aura schuf, die die Autorin noch einmal zu einem äußerst vergnüglichen Leseerlebnis aufleben ließ, mit viel Mehrwert für die Genderdebatte im Lichte der Vergangenheit.

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  1. Das Leben: ein einziges Abenteuer.

    Kurzmeinung: Besser gehts nicht.

    In ihrem neuen Roman unterhält uns Irene Dische mit dem Lebensbild des Chevaliers d’Eon de Beaumont. Seine Lebensdaten (1728 bis 1810) zeigen bereits an, dass die historisch verbürgte Person in Zeiten lebte, in denen sich heftige gesellschaftliche Umbrüche vollzogen. Als einer der wenigen französischen Aristokraten entkam er der Guillotine, die während und nach der französischen Revolution Jagd auf Reichtum und Adel machte, indem er wieder nach London flüchtete, das ihm schon vorher lange Zeit zweite Heimat war. Seine Lebenszentren waren London, Paris und das französische Land. Ein unsteter Charakter.

    Das Leben des Chevalier war überaus bewegt. Er liebte es in Frauenkleidern aufzutreten und spielte ein Spiel mit der höheren Gesellschaft, vor allem der britischen, die hohe Wetten darauf abschloss, ob er ein Männlein oder ein Weiblein sei. Niemand wusste es genau außer seiner Mutter, die aber abgeschieden und friedlich und in Schweigen gehüllt fernab in Frankreich saß, während er als Interimsbotschafter des Königs Louis XV in London Hof hielt. In seiner Jugend spionierte er in Frauenkleidern am russischen Hof, als Soldat nahm er am Krieg teil, erlitt zwei Kriegsverletzungen und es ist mindestens eine militärische Heldentat verbürgt.

    Der Kommentar:
    In „Die militante Madonna“ läßt Irene Dische ihre Figur d’Eon von ihrem Leben erzählen. Das war bunt und reich an Erfahrungen. Darunter manchen, die man selber nicht machen möchte. Die Zeiten waren noch irrer als die heutigen. Frankreich und England waren Zentren der Politik und der Kultur. Beides waren Monarchien, eine ist es bis heute. Frankreich jedoch hat sich weiterentwickelt. Damals aber, im 18. Jahrhundert war England weit liberaler als Frankreich. Deshalb lebte es sich dort viel leichter, wenn man ein Mann oder eine Frau des Geistes war, die Meinungs- und Pressefreiheit zu schätzen wussten. Allerdings wurden vor allem hinter den Kulissen Fäden gezogen. In den Intrigen, die gesponnen wurden, konnte man sich leicht verfangen. D’Eon würde lakonisch sagen: „Mal verliert man, mal gewinnt man“.

    D’Eon spricht gespreizt. So sprachen die Gelehrten halt. Mit dieser Sprache muss man können. Aber selbst in eine gewisse Gestelztheit der Sprache hinein setzt Irene Dische immer einmal wieder wundervolle Bonmots: „Miteinander zu lachen ist eine Umarmung“. Oder „[Heutzutage] wird die Schminke mit dem Chirurgenmesser aufgetragen“, wenn d’Eon Zwiesprache mit dem Leser hält. Was er manchmal macht. Aber nicht zu oft.

    Irene Dische macht deutlich, was für eine Ausnahmeerscheinung ihre Figur zu ihrer Zeit gewesen ist. Blitzgescheit, gelehrt, sich wie ein Chamäleon in unterschiedlichste Lebensbedingungen einfindend, sei es im Soldatenleben, auf dem geschliffenen Parket der Diplomatie, der Hofbälle oder als Finanzberater und Jurist, als Schriftsteller und Ränkeschmied, als Degenfechter oder als schwache Frau. Immer hat d’Eon einen Plan und einen Gedanken im Kopf, der ungewöhnlich ist. Und immer wieder fällt er oder doch sie (??) durch seine Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit auf die Füße. Historische Sidekicks machen den Roman vollends rund.

    Fazit: Ein rundum gelungener historischer Roman, voller Geschick komponiert und sehr gekonnt gerafft, denn Irene Dische schreibt keinen ausufernden Roman über die Französische Revolution, gleichwohl sie vorkommen muss, weil sie in die Lebenszeit des Chevalier fällt. Auch schreibt Dische keinen Roman über Queerness. Wer dies erwartet, ist bei der militanten Madonna falsch. Doch Queerness kommt vor, weil sie ein Teil des Lebens des Chevalier d’Eon de Beaumont gewesen ist. Der sich hiermit mit mir bekannt gemacht hat. Auf allerschönste Art und Weise. Danke, Irene Dische!

    Kategorie: Historischer Roman: 5 Punkte.
    Unterhaltung: 5 Punkte
    Verlag Hoffmann und Campe, 2021.

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